CFS-Umfrage: Ein Jahr nach dem Brexit-Referendum

Finanzbranche sieht Frankfurt unverändert als größten Gewinner / London wird auch zukünftig einer der Top 3-Finanzstandorte bleiben / CFS warnt vor Euphorie

Nach einer aktuellen Umfrage des Center for Financial Studies erwartet die deutsche Finanzindustrie ein Jahr nach dem Brexit-Referendumunverändert deutlich (86%), dass Frankfurt als Standort innerhalb der Europäischen Union am meisten vom Brexit profitieren wird. Und London wird weiterhin, auch 10 Jahre nach dem Brexit,zu den Top 3-Finanzstandorten weltweit gehören. Darin sind sich gut zwei Drittel der befragten Unternehmen (69%) einig. Lediglich jeweils 14% der Befragten erwarten, dass einer der anderen konkurrierenden Finanzstandorte der größte Gewinnersein wird. Paris und Dublin trauen die Befragten in dieser Hinsicht mehr zu als Luxemburgund Amsterdam, für die kaum größere Standortvorteile zu erwarten seien.

„Die Umfrage verdeutlicht, wie hoch die Erwartungen am Finanzplatz Frankfurt sind, vom Brexit profitieren zu können. Ich warne jedoch vor zu viel Euphorie. Denn der Wettbewerb insbesondere mit Paris ist sehr intensiv. Es bedarf erheblicher Anstrengungen seitens des Bundesund der hessischen Landesregierung, aber auch der Stadt Frankfurt, dieses Potenzial auch tatsächlich realisieren zu können“, kommentiert Prof. Dr. Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies, die Umfrageergebnisse.

Die deutsche Finanzbranche sieht auch geschlossen optimistisch in die Zukunft, wenn es um die konkrete Frage geht, mit wie vielen zusätzlichen Arbeitsplätzen der Finanzplatz Frankfurt im Finanzsektor durch den Brexit im Laufe der nächsten 5 Jahre rechnen kann. 21% der Befragten erwarten, dass mehr als zehntausend zusätzliche Stellen entstehen werden. Frankfurt Main Finance hält diese Größe schon seit dem Tag des Referendums im Vereinigten Königreich für realistisch und rechnet mit tausend angekündigten Arbeitsplätzen bereits im laufenden Jahr. Der größere Teil der Befragten (45%) erwartet jedoch, dass man sich eher in einer Größenordnung von fünf- bis zehntausend zusätzlichen Arbeitsplätzen bewegen wird. Und 33% erwarten ein- bis fünftausend neue Stellen. Nur 1% rechnet mit weniger als eintausend Arbeitsplätzen.

„Auch wenn Frankfurt gut im Rennen liegt, so gibt es rund 100 Banken alleine in London, die sich nach einer neuen europäischen Heimat umsehen. Erst rund 20 haben sich entschieden. Es gibt noch viel zu tun“, kommentiert Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance e.V., die Umfrageergebnisse.

Finanzinstitute in London bereiten sich darauf vor, Geschäftsbereiche von London auf den europäischen Kontinent zu verlagern. Auf die Frage, aus welchem Gebiet stammend Finanzinstitutionen am meisten Arbeitsplätze verlagern werden, wird Nordamerika von 37% der Befragten genannt. 30% sind der Meinung, dass europäische Firmen am meisten Arbeitsplätze zurückverlagern werden. 19% nennen UK und 14% den asiatisch-pazifischen Wirtschaftsraum (APAC).

Dabei rechnet die Finanzbranche mehrheitlich (71%) damit, dass es zu einer substantiellen Verlagerung im Geschäftsbereich Wertpapierhandel und -abwicklung kommt, gefolgt vom Bereich Corporate Finance und Corporate Banking (49%). Des Weiteren nennen 40% der Befragten den Bereich Risikomanagement und Compliance. Eine substantielle Verlagerung im Geschäftsbereich Asset Management halten 30% der Befragten für realistisch.

„Vielfach wird die mögliche Verlagerung der europäischen Bankenaufsicht EBA nach Frankfurt als wichtiges Signal gesehen. Abgesehen davon, dass die räumliche Nähe zur EZB für eine solche Standortentscheidung sprechen würde, wird die Bedeutung des künftigen Sitzes der EBA für die Standortentscheidungen von Finanzinstituten überschätzt. Hier spielen Fragen des Marktzugangs und der Infrastruktur eine viel wichtigere Rolle“, kommentiert Prof. Dr. Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies.

CFS-Index sinkt um 2,0 Punkte

Umsatz- und Ertragswachstum der Finanzinstitute rückläufig – Dienstleister erwarten selbiges für das laufende Quartal / Finanzbranche baut Investitionsvolumen weiter aus
Der CFS-Index, der vierteljährlich die Verfassung der deutschen Finanzbranche abbildet, sinkt um 2,0 Punkte auf 111,6 Punkte. Das rückläufige Wachstumsniveau ist vor allem das Ergebnis gesunkener Umsatz- und Ertragszuwächse bei den Finanzinstituten. Selbiges erwarten die Dienstleister für das laufende Quartal. Dem stehen jedoch, besonders bei den Dienstleistern, positive Investitionszuwächse entgegen. Auch reduzieren die Finanzinstitute weiter ihren Stellenabbau und signalisieren, nach erheblichen personellen Einschnitten in den vorangegangenen Quartalen, nun mit 99 Punkten eine nahezu neutrale Stimmungslage.

„Noch ist es vielleicht zu früh, um von einem Trend zu sprechen – aber es festigt sich der Eindruck einer „Rückkehr der Finanzinstitute“. Denn wir sehen nun über mehrere Quartale ein konstantes Muster: Zunehmend positive Erwartungen bei den Finanzinstituten und sinkende Werte bei den Dienstleistern – und das für alle vier Indexkomponenten: Umsatz, Ertrag, Investitionen und Mitarbeiter“, kommentiert Prof. Dr. Jan Pieter Krahnen, Direktor des Center for Financial Studies, die Ergebnisse.

Die zukünftige internationale Bedeutung des Finanzplatzes Deutschland wird noch positiver beurteilt als unmittelbar nach dem Brexit-Votum vor einem Jahr

Die seit dem Brexit-Votum sehr positiv eingeschätzte zukünftige internationale Bedeutung des Finanzplatzes Deutschland stieg im dritten Quartal 2017 um weitere 3,7 Punkte und liegt nun mit 138,7 Punkten über dem bisherigen Höchststand (136,8 Punkte), welcher letztes Jahr kurz nach dem Brexit-Votum erreicht wurde.

Dr. Lutz Raettig, Präsident von Frankfurt Main Finance e.V., unterstreicht: „Durch gemeinsame Anstrengungen wurde schon viel erreicht. Das koordinierte Vorgehen der Landesregierung hat maßgeblich dazu beigetragen.“

Finanzinstitute verzeichnen verschärften Wachstumsrückgang der Umsätze, Dienstleister erwarten selbiges für das laufende Quartal

Das Wachstum der Umsätze bzw. des Geschäftsvolumens der Finanzbranche ist rückläufig, befindet sich aber noch auf einem positiven Niveau. Besonders bei den Finanzinstituten sinkt der Sub-Index erheblich um 7,5 Punkte auf 106,4 Punkte. Die Dienstleister verzeichnen einen schwächeren Rückgang um 2,1 Punkte und stehen mit 124,5 Punkten unverändert auf einem sehr guten Niveau. Für das laufende Quartal erwarten sie jedoch einen verschärften Wachstumsrückgang, die Finanzinstitute hingegen erwarten wieder ein steigendes Umsatzwachstum.

Ertragswachstum der Finanzinstitute sinkt wieder auf das Niveau des ersten Quartals

Die befragten Finanzinstitute können ihr Ertragswachstum nach der starken Entwicklung des zweiten Quartals nicht halten. Der entsprechende Sub-Index sinkt um 7,1 Punkte auf 105,4 Punkte. Für das laufende Quartal wird jedoch wieder mit einem Anstieg gerechnet. Bei den Dienstleistern bleibt das Ertragswachstum nahezu unverändert. Der Sub-Index steigt um 0,7 Punkte auf 118,6 Punkte, jedoch wird für das laufende Quartal mit einem stärkeren Rückgang gerechnet.

Investitionsvolumen der Dienstleister erreicht höchsten Stand seit Beginn der Befragungen im Jahr 2007

Das Wachstum des Investitionsvolumens in Produkt- und Prozessinnovationen der Dienstleister steigt um 11,7 Punkte auf den historisch höchsten Stand von 123,5 Punkten, es wird aber auch wieder mit einer starken Abschwächung für das laufende Quartal gerechnet. Auch der Sub-Index der Finanzinstitute steigt um 3,1 Punkte auf 116,7 Punkte, und es wird mit einem weiteren, nochmal verstärkten Anstieg für das laufende Quartal gerechnet. Beide Gruppen befinden sich somit auf einem sehr guten Investitionsniveau.

Die Abschwächung des Stellenabbaus bei den Finanzinstituten hält weiter an

Der Trend bei den Finanzinstituten, den Stellenabbau seit Beginn des Jahres zu begrenzen, hält weiter an. Der entsprechende Sub-Index Mitarbeiter steigt um 1,5 Punkte auf 99,0 Punkte und befindet sich somit nur noch knapp unter dem neutralen Stand von 100 Punkten. Die Finanzinstitute gehen für das laufende Quartal davon aus, dass sich der Stellenabbau wieder leicht erhöht. Hingegen stellen die Dienstleister unverändert stark Mitarbeiter ein. Der entsprechende Sub-Index steigt um 5,0 Punkte auf 118,6 Punkte. Für das laufende Quartal sind die Dienstleister jedoch pessimistisch und erwarten ein abgeschwächtes Wachstum bei den Neueinstellungen.

the Financial Centre Frankfurt

Citi verstärkt den Standort Frankfurt

Die amerikanische Investmentbank Citigroup verstärkt ihr Geschäft am Finanzplatz Frankfurt in Folge des Rückzugs des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. Laut Medienberichten wird die Investmentbank einige hundert Arbeitsplätze im Bereich Sales und im Handel nach Frankfurt verlagern.

Frankfurt Main Finance begrüßt die Entscheidung und ist stolz, dass mit der Citigroup einer der sogenannten „Big Five“ den Standort Frankfurt ausbaut. Geschäftsführer Hubertus Väth sagt: „Das sind großartige Neuigkeiten für den Finanzplatz Frankfurt und wir freuen uns, unsere neuen Kollegen willkommen zu heißen. Die gemeldete Entscheidung der Citi belegt unsere These, dass noch in diesem Jahr zusätzliche 1.000 Arbeitsplätze nach Frankfurt umziehen werden und in den kommenden fünf Jahren 10.000 weitere dazukommen. Außerdem fühlen wir uns bestätigt, dass in diesem Jahr noch mindestens zwölf, möglicherweise sogar 20 Banken für Frankfurt entscheiden.“

Im vergangenen Jahr wurden am Finanzplatz Frankfurt Gespräche mit fast 20 interessierten Banken geführt. „Vergangene Woche hat Jamie Dimon in Paris angekündigt, Frankfurt werde JP Morgans rechtlicher Sitz in der EU. Das war bereits ein erstes starkes Signal von den US-Banken. In Anschluss an die Vorlage der Brexit-Pläne der Banken bei der Bank of England in der Vorwoche erwarten wir in Kürze eine neue Welle von Umzugsankündigungen“, sagt Väth.

Der Finanzplatz Frankfurt liegt vorn beim Bemühen um Geschäftsverlagerungen aus London nach dem Referendum im Vereinigten Königreich. Geschätzt für seine wirtschaftliche und politische Stabilität, bietet Frankfurt und die Region eine hervorragende Infrastruktur, ein vergleichsweise günstiges und hochwertiges Angebot an modernen Büroflächen, ein großes Potential gut ausgebildeter Arbeitskräfte und eine extrem hohe Lebensqualität. Zudem ist die BaFin ein kompetenter, hilfreicher und konstruktiver Regulator, der weite Teile des Lizenzantrags in englischer Sprache akzeptiert. Bereits heute gibt es am Finanzplatz Frankfurt mehr als 150 ausländische Banken und die Finanzbranche bietet rund 75.000 Menschen Arbeit.

Financial Centre Frankfurt

Japanische Sumitomo Mitsui plant zwei Niederlassungen in Frankfurt

Die japanische Sumitomo Mitsui Banking Corporation (SMBC) und die Sumitomo Mitsui Financial Group (SMFG) kommen nach Frankfurt. Als Reaktion auf das Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union werden weitere Verlagerungen nach Frankfurt vorbereitet. Die Entscheidung teilte SMFG-Präsident und CEO der SMFG, Takeshi Kunibe, am Montag mit. Laut der Pressemitteilung plant die drittgrößte Bank Japans, zwei Niederlassungen in Frankfurt zu eröffnen.

„Yoku irasshaimashita, Willkommen Sumitomo. Der Brexit beginnt, sich auszuwirken“, sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance. „Japanische Banken haben sehr früh vor den Folgen des Brexit gewarnt und zählen nun zu den ersten, die reagieren. Mit Sumitomo Mitsui hat nach Daiwa und Nomura innerhalb weniger Tage die dritte japanische Bank angekündigt zu handeln. Einmal mehr haben die hervorragende Infrastruktur, die große Zahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte, eine prosperierende Wirtschaft und verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen den Ausschlag gegeben. Frankfurt Main Finance erwartet, dass in diesem Jahr mindestens zwölf Banken sich für Frankfurt entscheiden werden.“

In den beiden vergangenen Wochen hatten die japanischen Banken Daiwa und Nomura ihre Entscheidungen mitgeteilt, nach Frankfurt zu kommen oder ihre Niederlassung auszubauen.

Der Link zur Pressemitteilung der Sumitomo Mitsui Financial Group:
http://www.smbc.co.jp/news_e/e600418_01.html

Japanische Investmentbank Nomura wählt Frankfurt als Standort

Eine weitere japanische Bank beantragt eine Banklizenz in Deutschland und wählt Frankfurt als Sitz der neuen Geschäftseinheit. Frankfurt Main Finance (FMF) freut sich, dass mit Nomura nun eine weitere japanische Bank ihre Entscheidung für Frankfurt nun offiziell gemacht hat. „Es waren gerade auch japanische Banken, die schon früh vor den Konsequenzen des Brexit gewarnt hatten und nun zu den ersten zählen, die sich entschieden haben“, sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance.

„Wir danken Nomura für das Vertrauen und freuen uns auf die neuen Kolleginnen und Kollegen. Nomura ist bereits Mitglied von FMF. Wir sehen in der Wahl Frankfurts ein Signal; weitere Entscheidungen namhafter Institute werden in den nächsten Wochen folgen.“

Vor wenigen Tagen hatte sich die japanische Daiwa Securities Group für den Standort Frankfurt entschieden.

Der Link zur Pressemitteilung der Nomura Bank.

 

Ein Jahr Referendum in Großbritannien – eine Brexit-Bilanz

Die Überraschung kam über Nacht, und es gab ein böses Erwachen. Um zwei Uhr in der Nacht, als die ersten Hochrechnungen eintrafen, sah alles noch nach dem Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union aus, doch beim nächsten Blick auf die Nachrichten um 6.20 Uhr, war klar: Die Briten hatten sich für einen Austritt entschieden, wenn auch nur mit einer 52:48 Mehrheit. Ein Jahr ist es her, als einen ganzen Tag lang die TV-Kameras aus aller Welt vor der EZB standen und Journalisten wissen wollten, was denn nun geschehen werde und wie Frankfurt dazu stünde. London, Brüssel und Berlin berieten sich. Nigel Farage, der Kopf der UKIP Partei, die sich den Brexit zum Ziel gesetzt hatte, trat zurück. Bald danach auch der Britische Premierminister David Cameron.

Unsere Botschaft war: Der Brexit ist schlecht für Großbritannien, er ist schlecht für Europa und er ist schlecht für Deutschland. Frankfurt Main Finance (FMF), die Stimme des Finanzplatzes, hatte auf einen anderen Ausgang des Referendums gehofft, war aber auch für diesen Fall vorbereitet. Nun war der Moment gekommen, den Schalter umzulegen. Die Kampagne für den Standort am Main war vorbereitet: Mit Veröffentlichung des amtlichen Referendumsergebnisses ging eine Informationswebsite zu Frankfurt online, eine Telefon-Hotline für Fragen zum Brexit wurde scharf geschaltet, auf der Internetseite von FMF fand sich eine Stellungnahme zum Ereignis, über Twitter und auf LinkedIn startete zeitgleich eine Kampagne und warb mit den Vorzügen des Finanzplatzes Frankfurt. Die Botschaft: „Welcome to Frankfurt“

 

Jahrhundertchance für Frankfurt

Interviewanfragen gingen am 24. Juni aus aller Welt ein. Die Medien rangen darum zu verstehen, was geschehen war und wie das die Welt verändern würde.  Im 15 Minuten-Takt gab FMF Interviews: am Telefon, ins Mikrophon, vor der Kamera und wieder am Telefon… Der Brexit bestimmte die Nachrichten rund um den Globus. Sprechfähig gewesen zu sein, als andernorts noch Abstimmungsschleifen gedreht wurden, brachte Frankfurt von Beginn an in Vorteil.

Für die Stadt Frankfurt und die Region – bei allen offensichtlichen negativen Folgen – eröffnet der Brexit eine Jahrhundertchance. Die Finanzarchitektur der Europäischen Union war und ist bislang auf London ausgerichtet. Der Ausstieg der Briten aus der EU, so viel war sofort klar, würde zu einer Verlagerung von Verantwortlichkeiten und Geschäft in die EU führen, die Finanzwelt mithin multipolarer werden. London würde ohne Zweifel bedeutender Finanzplatz bleiben, Finanzzentren in der EU jedoch an Einfluss gewinnen – Frankfurt vor allen anderen. Dabei wurden wir von Frankfurt Main Finance nicht müde zu betonen: Es geht bei allen Bemühungen nicht darum, London als Finanzplatz zu schwächen, es geht in erster Linie darum, eine stabile Finanzindustrie innerhalb der EU zu installieren, eine Brücke zwischen London und der EU zu bauen, die von Frankfurt aus Ihren Ausgang nimmt.

EBA und Euro-Clearing kommen in den Blick

Schon am Tag 1 nach dem Referendum wagte sich FMF mit der begründeten Schätzung von 10.000 Arbeitsplätzen hervor, die Frankfurt binnen 5 Jahren durch den Brexit gewinnen könnte – unter zwei wesentlichen Voraussetzungen: Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) kommt nach Frankfurt, ebenso wie das Euro-Clearing. Während der Sitz der EBA recht schnell zum allgemeinen Thema wurde, brauchte es Monate, bis die herausragende Bedeutung des Euro-Clearings einer breiteren Öffentlichkeit klar wurde, ein auf den ersten Blick eher sperriges Thema.

Aber die Abwicklung von Derivategeschäften über zentrale Gewährleistungsinstanzen, sogenannten Central Counterparties, und deren Beaufsichtigung durch den Regulator ist eine der wesentlichen Konsequenzen aus der Finanzkrise. Als damals die Finanzwelt in die Krise geriet, herrschte zum Teil völlige Unklarheit, wo sich die Risiken befinden, also, wer zum aktuellen Zeitpunkt das Risiko in seinen Büchern hat – diese Unsicherheit führte zu Angst und so drohte der vollständige Kollaps des Systems, weil das Vertrauen verloren ging.

Euro-Clearing: Frankfurt derzeit einzige echte Alternative zu London

Mittlerweile ist die Entscheidung über den Sitz Euro-Clearings als eine der wesentlichen Weichenstellung für die Ausgestaltung der künftigen Finanzarchitektur der EU und Europas erkannt und entsprechend diskutiert. Und wieder kann sich Frankfurt berechtigte Hoffnung machen, als Standort der Wahl durchzusetzen. Stand heute besitzt innerhalb der EU neben London nur Frankfurt mit Eurex Clearing der Deutschen Börse AG eine gültige Lizenz und die im täglichen Betrieb bewiesenen technischen Voraussetzungen, das Euro-Clearing vom Standort London zu übernehmen. Schon heute ist Frankfurt Marktführer beim Clearing börsengehandelter Derivate. London führt mit weitem Abstand beim Clearing von außerbörslich gehandelten Derivaten in Euro.

Dieses lukrative Geschäft wird so nicht in London bleiben können. Das hatten und haben wir seither immer wieder betont. Denn die Europäische Zentralbank wollte schon unmittelbar nach Ihrer Gründung die Aufsicht über eine so entscheidende Schlüsselfunktion für die Stabilität des europäischen Finanzmarkts und des Euro innerhalb ihres Einfluss- und Überwachungsbereichs. Schon jetzt wandert erstes Geschäft nach Frankfurt, und Unternehmen testen in wachsender Zahl die Clearing-Möglichkeiten am Main.

Größere Unsicherheit nach Wahlen in UK

Seit jenem 23. Juni vor einem Jahr ist viel geschehen. Daher seien nur einige Wegmarken genannt: Der damalige britische Premierminister David Cameron ist zurückgetreten. Theresa May folgte ihm nach. Sie, die eigentlich dem Lager derjenigen zugerechnet wurde, die sich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU stark machten, überraschte in ihrer ersten Grundsatzrede mit der Formulierung, die seit dem häufig bemüht wurde, um zu veranschaulichen, mit welcher Haltung die Briten in die anstehenden Verhandlungen mit Brüssel treten würden: „No Deal is better than a bad Deal.“

Der sogenannte Cliff-Edge-Brexit, ein Ablaufen der auf zwei Jahre terminierten Verhandlungen über den Austritt ohne eine Einigung, kam in den Blick und wurde wahrscheinlichstes Ergebnis. Am 29. März 2017 beantragte das Vereinigte Königreich gemäß Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union offiziell den Austritt. Damit löste Theresa May den Countdown für die zweijährige Verhandlungszeit aus. Wenige Wochen später überraschte sie mit der Ansetzungen von Neuwahlen zum Unterhaus in Großbritannien für Anfang Juni abermals. Kommuniziertes Ziel war ein starkes Mandat für die Verhandlungen mit Brüssel. Das Kalkül ging nicht auf. May und ihre Partei stehen heute geschwächt da, mit schwer abzuschätzenden Folgen für den Brexit-Prozess, für die Finanzmarktteilnehmer und die Finanzplätze.

Frankfurt und Deutschland bieten Stabilität

Interpretiert man aus europäischer Sicht das Resultat der Unterhauswahl als „halbvolles Glas“, dann ist jetzt wieder Vieles möglich: sogar ein neuerliches Referendum mit offenem Ausgang. Und damit ist selbst ein Verbleib Großbritanniens in der EU nicht mehr gänzlich ausgeschlossen, wenn auch kaum wahrscheinlich.

Interpretiert man das „Glas als halb leer“, dann haben wir es mit einer schwachen Regierung zu tun, die nur wenige Kompromisse in den anstehenden Verhandlungen machen kann, weil ihr das breite Mandat und eine robuste Mehrheit im Parlament fehlt. Ein Abbruch der Verhandlungen und selbst eine abermalige Neuwahl innerhalb der Zweijahresfrist werden denkbar. Das ohnehin ambitionierte Verhandlungsprogramm scheint schlicht unmöglich zu absolvieren. Verlängerungen, Übergangslösungen und Fristen dürften das Ergebnis sein.

Nur eines ist heute sicher: Die Entscheidungen der Unternehmen, der Finanz- wie auch der Realwirtschaft, diesseits und jenseits des Kanals, werden nun unter noch größerer Unsicherheit zu treffen sein. Das spricht für Frankfurt und unterstreicht die Stärke von Deutschland und Frankfurt als Hort der Stabilität und Berechenbarkeit.

Frankfurt nutzt Pole Position

Bis heute ist Frankfurt in vielen Geldhäusern und in der Finanzindustrie insgesamt immer wieder diskutierter Kandidat für die Ansiedlung von Unternehmen oder Teilen von Unternehmen. Der Standort am Main punktet vor allem mit einer stabilen Wirtschaft und stabilen pro-europäischen politischen Verhältnissen, mit einer herausragenden Infrastruktur, einer großen Zahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte gerade auch aus der Finanzbranche, verhältnismäßig günstigen Mietpreisen und Lebenshaltungskosten sowie hoher Lebensqualität.

All das hat Frankfurt, um ein Bild zu verwenden, im Rennen um die Chancen, die sich nach dem Brexit ergeben, in die Pole Position gebracht. Und die Hessen-Metropole wird dieser herausgehobenen Rolle bislang gerecht. Das zeigen die bislang erzielten Erfolge. Bereits heute haben sich eine chinesische, eine japanische, eine indische, eine koreanische und eine schweizerische Bank fest für Frankfurt als Hauptstandort in der EU entschieden, Goldman Sachs will seine Belegschaft in Frankfurt verdoppeln, Standard Chartered hatte jüngst angekündigt, ihr Büro in Frankfurt wegen des Brexits ausbauen zu wollen. Aktuell sind rund 20 Banken in fortgeschrittenen Gespräch über eine Ansiedlung oder einen Ausbau in Frankfurt.

Das Bild des Rennens macht aber auch das Folgende klar: Bevor nicht die Ziellinie überschritten ist, steht der große Gewinner nicht fest. Frankfurt wird weiter mit vorhandenen Vorzügen werben und an seinen Schwächen arbeiten müssen, um der sich bietenden Jahrhundertchance gerecht zu werden. Am Ende werden sicher mehrere Finanzstandorte vom Brexit profitieren, Frankfurt aber hat alle Möglichkeiten, die Finanzmetropole der Europäischen Union zu werden.

„Besser vorbereitet“ – Brexit-Verantwortliche der Rhein-Main-Region im Gespräch

Vor einem Jahr ist der Startschuss gefallen: Am 23. Juni 2016 hat sich das britische Volk in einem Referendum für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union entschieden und damit einen Prozess in Gang gesetzt, den man schon jetzt als historisch bezeichnen kann. Die Folgen sind so weitreichend, dass selbst versierte Experten kaum abschätzen können, wie sich das Zusammenspiel zwischen der Insel und den Ländern in der EU verändern wird. Klar ist nur: Vieles, was bislang als sicher galt, wird auf den Prüfstand gestellt werden.

Dies gilt nicht zuletzt für die Frage, wo in Zukunft das Finanzzentrum der Europäischen Union zu finden sein wird. Place to be ist bislang London. Das Rennen um die Nachfolge ist längst eröffnet und die Konkurrenz ist hart: Amsterdam, Brüssel, Dublin, Frankfurt, Luxemburg, Paris und Warschau geben – jede Stadt auf ihre Weise – ihr Bestes, um zum Hotspot der internationalen Finanzindustrie zu werden.

Lange bevor die Entscheidung der Briten gefallen ist, hat Frankfurt erste Vorbereitungen getroffen: Sprachfähig sein, Interessenten fundierte Antworten bieten, den Dialog suchen – so lässt sich umschreiben, was Vertreter der Hessischen Landesregierung und der Hessen Agentur / Hessen Trade & Invest sowie von Frankfurt Rhein Main und Frankfurt Main Finance von Beginn an erreichen wollten. Mit Erfolg, wie das Gespräch mit deren Vertretern zeigt: Wolf-Dieter Adlhoch, Leiter der Stabsstelle Brexit in der Wiesbadener Staatskanzlei, Dr. Rainer Waldschmidt, Geschäftsführer von Hessen Agentur/Hessen Trade & Invest, Eric Menges, Geschäftsführer der Frankfurt Rhein Main GmbH, und Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance.

Nach einem Jahr intensiver Diskussionen über den Brexit: Wie hat sich Frankfurt aufgestellt, um im Wettbewerb der europäischen Finanzplätze zu punkten?

Dr. Rainer Waldschmidt: Kommunikation war von Beginn an das Entscheidende. Wir haben schon während der Diskussionen über das Referendum begonnen, die wichtigen Vertreter von Stadt und Land zu Round Table-Gesprächen zusammenzubringen, damit wir uns sehr frühzeitig auf ein konzertiertes Vorgehen einigen.  Ein wichtiger Punkt war beispielsweise, dass wir uns nicht auf Frankfurt als Stadt fokussieren, sondern über die Rhein-Main-Region sprechen, weil sich viele Aspekte zu den Themen Talente, Infrastruktur, Lebensqualität aus den Gegebenheiten in dieser Region erschließen.

Eric Menges: Sehr geholfen hat uns, dass wir schon vor der Brexit-Entscheidung eine komplette Website programmiert hatten, die wir am Morgen der Ergebnisverkündung live schalten konnten. Das war ein gewisses Risiko, der Aufwand hätte auch vergebens sein können. Aber so haben wir auf das richtige Pferd gesetzt, auch wenn wir uns ein anderes Votum gewünscht hätten. Das Interesse an aktuellen Informationen war – wie Sie sich vorstellen können – von diesem Punkt an massiv. Für unser schnelles Handeln gab es vor allem in den sozialen Medien viel positive Resonanz. Der schönste Kommentar: Da gibt es eine Region, die scheint besser vorbereitet, als der Rest von England. Da haben wir schon geschmunzelt.

Hubertus Väth: Neben der Webseite gab es auch eine Twitter- und eine LinkedIn-Kampagne mit einer klaren und knappen Botschaft: Willkommen. Bereits um 6.20 Uhr waren die Medien am Telefon, die wissen wollten, ob und wie Frankfurt vorbereitet ist. Seither gab es rund 500 Anfragen von Journalisten aus über 40 Ländern. Selbst jetzt noch vergeht keine Woche ohne zwei bis drei Anfragen.

Was sind die zentralen Botschaften? Was haben Frankfurt und die Region zu bieten?

Wolf-Dieter Adlhoch: Zweifellos gibt es viele harte Fakten, die für die Rhein-Main-Region sprechen. Wir sind ja schon heute eines der weltweit wichtigsten Finanzzentren. Alle deutschen Großbanken, mehr als 150 Auslandsbanken sind in und um Frankfurt präsent. Die wichtigsten Regulierungsbehörden und allen voran die EZB sind hier zuhause. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland eine starke Wirtschaft und – in diesen Zeiten wichtiger denn je – eine hohe politische Stabilität vorweisen können. Die Steuern sind hierzulande nicht so hoch, wie mitunter angenommen; durchschnittlich 30 Prozent für Unternehmen, da sind wir wettbewerbsfähig. Das Arbeitsrecht ist flexibel, fair und vor allem effizient. In Sachen Infrastruktur sind wir durch unseren Flughafen unschlagbar…

Menges: Ich sage immer gerne, der ist so nah wie der City Airport in London und so leistungsfähig wie Heathrow.

Adlhoch: Wichtig ist uns aber: Wir wollen nicht laut trommeln, sondern sachlich argumentieren.

Väth: Drei Botschaften sind klar angekommen: Europa braucht weiter die internationale Strahlkraft des Finanzplatzes London, daher wollen wir dem Finanzplatz London nicht schaden. Wir wollen Brücken bauen und nicht abreißen. Und wir wollen auch in Zukunft gut zusammenarbeiten können.

Menges: Ja, wir machen keine oberflächliche Werbekampagne, wie dies andere Finanzplätze tun. Wir gehen mit den Entscheidern in den Unternehmen ins Gespräch. Und da kommen viele, sehr konkrete Fragen auf, die wir zunächst gar nicht so im Fokus hatten. Ein Beispiel: internationale Schulen. Sie können sich vorstellen, dass dies für die Mitarbeiter, die künftig mit ihren Familien nach Frankfurt kommen sollen, ein wichtiges Thema ist. Also haben wir alle in der Region ansässigen internationalen Schulen – über 30 in und um Frankfurt – an einen Tisch geholt und mit ihnen diskutiert, ob sie in ihrer Struktur, in ihrer Kapazitätsplanung darauf eingestellt sind, eine größere Menge neuer Schüler aufzunehmen. Die Antwort: ja. Auch die Vielfalt des schulischen Angebots ist beachtlich. Mit diesen Informationen gehen wir dann wieder auf unsere Gesprächspartner zu, können deren Fragen in aller Regel im Detail beantworten.

Waldschmidt: Verfügbarer Büroraum ist auch so ein Thema, das in Gesprächen immer wieder aufkommt. Deshalb haben wir bei den ansässigen Maklern die Verfügbarkeit und Qualität der Flächen erhoben. Konkret: Wir haben im bevorzugten Innenstadtbereich 750 Tausend Quadratmeter freie Bürofläche auf dem erforderlichen Qualitätslevel. Zudem zeigen die Projektentwicklungspläne einen weiteren Zuwachs dieser A-Flächen. Wir können also alle Menschen aufnehmen, die solide Prognosen der ersten durch den Brexit initiierten Zuwanderung zuschreiben. Wenn wir über solche Veränderungen sprechen, dann passiert das auch nicht von heute auf morgen. Wir gehen vielmehr von drei Wellen aus, die sich regional unterschiedlich auswirken. Die erste wird den Finanzplatz unmittelbar betreffen und damit Frankfurt und die unmittelbare Umgebung im Kern. Bei der zweiten Welle geht es um die Verlagerung europäischer Hauptquartiere, also auch Distribution und Back-Office. Da wird sich der Radius auf den Gürtel um Frankfurt erweitern. Erst in der dritten Welle wird die Industrie betroffen sein, und hier ist ganz Hessen interessant.

Nach einem Jahr, was sind die wichtigsten Erkenntnisse und worauf muss zukünftig das Augenmerk liegen?

Väth: Wir sind zwar in der Poleposition, aber das Rennen ist noch nicht zu Ende.  Es ist zu früh, eine Verschnaufpause einzulegen. Exogene Faktoren, wie eine mögliche US-amerikanische Steuerreform, können noch entscheidende Parameter zu unseren Ungunsten verändern. Auch müssen wir konstatieren, dass die Wettbewerber gute Arbeit machen und Erfolge erzielen. Zum Beispiel im Bereich Versicherungen und Asset Manager. Von großer Bedeutung wird sicher die Frage der Zukunft des Euro Clearings werden, da stehen uns spannende Tage und Wochen bevor. Auch hier haben wir bereits viel Aufklärungsarbeit geleistet. Es ist aber auch die Zeit, einmal Danke zu sagen. Seien es BaFin oder Bundesbank, die Landesregierung oder der Bund. Wenn es darauf ankommt wird hier hervorragende Arbeit geleistet, das bleibt nicht unbemerkt. Bemerkenswert war auch, wie viele unserer Mitglieder uneigennützig angerufen haben und gefragt haben: Können wir etwas für euch tun. Da haben wir natürlich nicht nein gesagt und konnten so vieles anstoßen. Und auch bemerkenswert, wie aktiv neue Mitglieder auf uns zugekommen sind und gesagt haben, jetzt verstehe ich, warum ihr wichtig seid und warum es Sinn macht, mitzumachen.

Adlhoch: Wir nehmen das Feedback aus den vielen Einzelgesprächen, die wir als Vertreter der Landesregierung, von Hessen Agentur, Frankfurt Rhein Main und Frankfurt Main Finance führen, sehr ernst. Was gut ankommt: Der vertrauliche Dialog, und deshalb wird darauf auch künftig unser Schwerpunkt liegen. Was wir verstärkt tun: Den unmittelbaren Austausch mit Experten organisieren. Hier in der Region sitzen ja nicht nur die Banken und Regulierer, sondern all jene Juristen und Beratungsgesellschaften, die für die Finanzindustrie erforderlich sind. Detailfragen zu Arbeitsrecht, zu Steuern, zu regulatorischen Aspekten klären wir, indem wir Kontakte vermitteln und Experten vernetzen. Was wir nicht tun werden: mit kurzfristigen Geschenken – also Vergünstigungen oder Zulagen – für den Standort werben. Wir sind fest überzeugt, dass wir als Region das zu bieten haben, was Unternehmen bei der strategischen Standortentscheidung überzeugen kann. Das gilt nicht zuletzt für die Lebensqualität. Darüber haben wir heute wenig gesprochen. Aber jeder, der das Rhein-Main-Gebiet kennt, weiß, dass das Freizeit- und Kulturangebot sich durchaus sehen lassen kann.

Hessische Delegation auf Brexit-Tour in London – ein Reisebericht

Die Vertreter des hessischen Wirtschaftsministeriums sind seit Monaten im Brexit-Modus. Kommunikation über alle Kanäle und am liebsten im persönlichen Gespräch – wenn es darum geht, für die Vorteile Frankfurts als Finanzzentrum der EU zu werben, wird jeder Anlass genutzt. So auch die Delegationsreise des hessischen Wirtschaftsministers Tarek Al-Wazir nach London. Die im Ursprung für Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft initiierte Reise war der ideale Rahmen für eine kleine Finanzdelegation des Ministeriums. Armin Winterhoff, Referatsleiter Finanzplatz Frankfurt, war Teil dieses Teams und kennt die Details und Hintergründe der dreitägigen London-Tour.

Zehn Banken, zwei Verbände, drei Tage. Das Programm der Finanzdelegation um Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir war vollgepackt, als es vom 9. bis 11. Mai nach London ging. Da liegt es auf der Hand, dass schon im Vorfeld im Detail festgelegt wurde, wer mit welchem Schwerpunkt an welchem Termin teilnimmt. „Wir suchen das persönliche Gespräch zu den Verantwortlichen in den Banken und bei den Verbänden. Wir wollen für Frankfurt werben, indem wir informieren und Austausch mit Spezialisten anbieten. Der Finanzplatz Frankfurt soll zum ‚Gateway to the EU‘ werden.“, erklärt Armin Winterhoff die grundlegende Zielsetzung. Fakten sprächen für die Vorteile der Mainmetropole und deshalb wird er nicht müde zu betonen, wie wichtig es sei, fundierte Informationen an der richtigen Stelle zu hinterlegen – also insbesondere bei den großen international tätigen Banken, die aufgrund des Brexit aller Voraussicht nach ihren Zugang zum EU-Finanzmarkt verlieren werden.

Informationen an der richtigen Stelle hinterlegen: Die Finanzdelegation besuchte 10 Banken und zwei Verbände in London. (Canary Wharf, Quelle: fotolia)

Die Tage sind durchgetaktet, Working Lunches und Hessen Abend inklusive. Umso wichtiger, dass das kleine Kernteam – bis zu 10 Spezialisten aus dem Wirtschaftsministerium, der Stabsstelle Brexit bei der hessischen Staatskanzlei, dem hessischen Finanzministerium, der Bundesbank sowie Einrichtungen wie dem Verband der Auslandsbanken in Deutschland e. V., Frankfurt Rhein Main GmbH und Frankfurt Main Finance e. V. – gut eingespielt ist. „Mit den meisten Adressen waren wir auch vor der Reise schon in engem Kontakt“, erläutert Winterhoff. Es sei aber unverzichtbar, vor Ort und im persönlichen Gespräch aufzuzeigen, was den Finanzplatz Frankfurt besonders ausmache.

Hessen Abend: Auf Einladung des Landes Hessen trafen sich rund 150 Teilnehmer im 100 Wardor St im Herzen von Soho. Minister Tarek Al-Wazir wirbt für Frankfurt. Quelle: twitter.com/hmwevl

Auch Vorbehalte müssten aus der Welt geschafft werden: „Wer mit globaler Perspektive auf Frankfurt schaut, wird oft schon bei der Einwohnerzahl von 700.000 stutzig. Dass im Einzugsgebiet Frankfurt Rhein Main 5,6 Mio. Menschen leben, viele davon hochqualifiziert mit internationalem Background, muss erklärt werden.“ Winterhoff kann zahlreiche solcher Beispiele nennen – weil sich letztlich alle mit den gleichen Fragen beschäftigen. Deshalb gehört auf solchen Reisen die „Welcome to the Financial Centre Frankfurt“-Broschüre zum Handgepäck. Diese bringt  „10 Punkte für Frankfurt“ auf den Punkt.

Download Broschüre Welcome to the Financial Centre

Auffallend ist nach Winterhoffs Beobachtung, wie offen und konstruktiv die Delegation aus Frankfurt allerorten empfangen wurde: „Für uns ist das ein Indiz, dass in dieser Phase alle internationalen Häuser größtes Interesse an einer inhaltlich tiefgehenden Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Finanzplätzen in der EU haben.“ Sicher hätte jede Bank eigene Analysen, aber diese zu unterfüttern mit Informationen aus erster Hand habe offensichtlich hohen Stellenwert. „Da sind wir als die offiziellen Vertreter des Landes durchaus gefragte Gesprächspartner“, so der Referatsleiter.

Auch wenn das Informieren über und das Werben für den Standort an erster Stelle stehen – auf Seiten der hessischen Vertreter ist eine solche Reise ebenso immer wieder ein Erkenntnisgewinn. „So bekommen wir hautnah mit, worüber in London diskutiert wird und wo die Knackpunkte für die Unternehmen liegen“, sagt Winterhoff. Das seien im Übrigen nicht nur die harten Fakten vor allem mit Blick auf bestehende Regulatorik. Großes Interesse fänden auch Softskills wie das Vorhandensein von Ressourcen in der Region sowie Freizeitangebote und Kulturprogramm. Denn wer erwäge, mit seinem Unternehmen und seiner Familie von der Themse an den Main zu ziehen, wolle wissen, was ihn erwartet. „Wir messen diesen Fakten einen hohen Stellenwert bei, weil letztlich nicht nur Steuern und Arbeitsrecht darüber entscheiden, wo Menschen sich wohl fühlen“, ist Winterhoff sicher. Im persönlichen Gespräch falle es leichter zu erzählen, wie es sich in und um Frankfurt lebt. Deshalb werden die hessischen Vertreter weiter jede Gelegenheit suchen, die Mainmetropole zu präsentieren.

Wer sagt was zu welchem Wertpapier?

Fintech 2.0: Das junge Finanzdienstleitungsunternehmen Catana Capital GmbH setzt auf innovative Geldanlage auf der Grundlage von Big Data und künstlicher Intelligenz.

Erstmals hat es ein Unternehmen gewagt und auch geschafft, die gesamte Wertschöpfungskette einer wirklich automatisierten Vermögensverwaltung – vom Einsammeln der Daten über die Auswertung bis hin zur automatisierten Orderausführung – abzubilden und daraus einen robusten, risikooptimierten Vermögensverwaltungsansatz zu bauen. Für dieses vielversprechende Geschäftsmodell erhielt die Catana Capital GmbH im April 2017 den von Business Angels Frankfurt/Rhein-Main, Frankfurt Main Finance und der WM Gruppe verliehenen FintechGermany Award in der Kategorie Seed/Early Stage. „Zwar gibt es Wettbewerber, die Teile der Wertschöpfungskette einer automatisierten Vermögensverwaltung ebenfalls anbieten oder nutzen, aber eben nicht den gesamten Prozess“, sagt Bastian Lechner, Geschäftsführer und Gründer von Catana. „Deshalb freuen wir uns, dass die Jury der FintechGermany Awards dieses Potenzial und den Innovations-Charakter erkannt hat.“

Informationen optimal verarbeiten

Das Start-up ist ein nach § 32 KWG lizenziertes Finanzdienstleistungsinstitut, wurde im August 2015 gegründet und ist der weltweit erste Vermögensverwalter, der vollständig auf Big Data und künstliche Intelligenz setzt. „Diese Art der Datennutzung ist die Grundlage dafür, dass Informationen im Wettbewerbsvergleich deutlich besser identifiziert oder Informationen in den Investmentprozess einbezogen werden können, die anderen Anbietern unter Umständen ganz verborgen bleiben“, erklärt Bastian Lechner den Ansatz des jungen Unternehmens und zieht ein erstes Fazit: „Catanas Handelsstrategie ist aufgrund der Kombination von Millionen Meinungen und Nachrichten sowie der Einbettung in einen ganzheitlichen Prozess traditionellen Anlageformen überlegen.“

Das System lernt dazu

Als Basis für jede Anlageentscheidung werden laut Lechner Internetdaten in sechs Ländern automatisiert gesammelt, gefiltert, gewichtet und mit historischen Kursmustern abgeglichen. Pro Tag werden so via Sprach- und Texterkennung in Echtzeit mehrere hunderttausend kapitalmarktbezogene Nachrichten ausgewertet – das entspricht pro Monat circa zwei Terrabyte an Informationen oder sieben Informationen pro Sekunde – und knapp 30.000 Titel beobachtet, darunter auch Währungen und Rohstoffe. Die Schlüsselfrage, um das Signal in der Richtung und Stärke zu kategorisieren, lautet: Wer sagt was zu welchem Wertpapier? Das System vergibt jedem Titel auf Basis dieser gesammelten Daten ein vorläufiges positives oder negatives Signal. Bevor daraus jedoch eine Handelsentscheidung entsteht, analysiert es im Sinne einer künstlichen Intelligenz, wie sich das Wertpapier in der Vergangenheit bei einem ähnlichen Stimmungsbild entwickelt hat. „Das System prüft also, was das Signal für das Wertpapier bedeutet hat. Die getroffenen Entscheidungen und ihre Ergebnisse fließen in die künftigen Anlageempfehlungen mit ein – das System lernt also dazu“, erläutert Lechner. „So werden in einem rein datenbasierten Prozess Kauf- und Verkaufsempfehlungen für deutsche Large-Cap-Aktien und Index-Futures generiert.“

Wachstumschancen nutzen

Die Ursprünge des Fintech-2.0-Unternehmens Catana Capital kommen Lechner zufolge aus zwei Richtungen: Technologie und Veränderungsnotwendigkeit im immer noch sehr traditionellen Asset Management. „Viele Asset Manager gehen zwar davon aus, dass die Nutzung von Big Data helfen könnte, Investmententscheidungen und Renditen zu verbessern. Obwohl es sich bei Big Data und künstlicher Intelligenz um einen Riesenmarkt mit sehr großen Wachstumschancen handelt, gibt es zurzeit jedoch noch so gut wie keine Investment-Strategien, die auf Basis der Auswertung von Big-Data-Informationen und den aus künstlicher Intelligenz abgeleiteten Erkenntnissen umgesetzt werden“, sagt der Experte. Das habe die Catana Capital GmbH zum Anlass genommen, ein darauf basierendes, neuartiges Vermögens-Verwaltungs-Konzept mit stringentem Risikomanagement zu entwickeln. „Zwei Gründer der Catana Capital beschäftigen sich seit knapp zehn Jahren mit der Prognose von Finanzmärkten aus großen Daten-Mengen. Dabei kooperieren wir mit der Stockpulse GmbH aus Bonn, die als Forschungs- und Entwicklungspartner für Catana agiert“, so Lechner.

Frankfurt bietet attraktive Bedingungen

Als Unternehmenssitz hat die Catana Capital GmbH Frankfurt am Main gewählt. „Der Finanzplatz Frankfurt bietet attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen. Gleichzeitig verfügt er über eine hervorragende Infrastruktur und ermöglicht die enge Verzahnung mit traditionellen Anbietern“, lautet die Begründung von Lechner. Außerdem ist er überzeugt, dass die aktuellen Entwicklungen rund um den Brexit die Bedeutung des Finanzplatzes weiter stärken werden. Weitere Pluspunkte bieten seiner Ansicht nach verschiedene Förderprogramme der Stadt oder des Landes sowie eine aktive und sich stetig entwickelnde FinTech-Community mit idealen Vernetzungsmöglichkeiten.

Nach Meinung von Lechner besteht für junge Start-ups dann Potenzial, wenn ihr Produkt oder ihre Dienstleitung tatsächlich absolut neu, besser und/oder günstiger ist als ähnliche Produkte. Gleichzeitig sollte ein großer Markt und Kundenbedarf bestehen. „Entscheidend ist zusätzlich, dass das Team komplementär aufgestellt ist. Neben der unternehmerischen Teamstärke ist auch eine gewisse mentale Stärke wichtig, um bei potenziellen temporären Niederlagen den positiven Glauben an den Erfolg des Unternehmens nicht aus den Augen zu verlieren und mutig seine Ziele weiter zu verfolgen“, rät Lechner.

Potential für weiteres Wachstum der Deutschen-Start-up-Szene

Die deutsche Start-up-Szene hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Allerdings bleibt im internationalen Vergleich mit Israel, dem Vereinigten Königreich und Kalifornien weiter Raum  zur Verbesserung von Gründergeist und Rahmenbedingungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine EY-Studie, die in Kooperation mit der Deutschen Börse zu der Attraktivität von Start-up Ökosystemen, erstellt wurde. Luft nach oben gibt es insbesondere bei den regulatorischen und steuerlichen Rahmenbedingungen. Gleichzeitig loben die Autoren das Potential für künftiges Wachstum und Fortschritte, sowie die wirtschaftlichen Rahmenbedingung in Deutschland. Deutschland und insbesondere die Region Frankfurt Rhein-Main punktet mit guter Infrastruktur und moderaten Immobilienpreisen.

Besonders positiv wird das Vorantreiben der Digitalisierung der Finanzbranche am Finanzplatzt Frankfurt am Main erwähnt. Insgesamt sieben Inkubatoren in der Region Rhein-Main (FinTech Hub der Deutschen Börse, Unibator der Goethe Universität, Accelerator Frankfurt, Main Incubator, FinTech Headquarter, Digitalfabrik der Deutschen Bank, Tech Quartier, FinTech Lab VABN) fördern die Entwicklung noch junger Fintechs und deren Geschäftsideen. Als einen Anreiz für die Verbesserung der Fintechszene in Deutschland schlägt die Studie den Ausbau von Co-Working-Büroräume vor. Auch hier geht der Finanzplatz Frankfurt bereits mit guten Beispiel voran: Der Inkubator Tech Quartier beispielsweise bietet Arbeitsraum für Fintechs jeglicher Größe. Business Angels FrankfurtRheinMain – mit rund 100 Business Angels Deutschlands größte Organisation – bringt Start-ups mit Business Angels zusammen.

Lobend erwähnt wird in der Studie außerdem die „Digital Hub Initiative“ der Bundesregierung. Im Rahmen dieser Initiative zur Stärkung Deutschlands als führende Industrienation zeichnete die Bundesregierung im November 2016 den Finanzplatz Frankfurt als Digital Hub für FinTechs und Finanzdienstleistung aus. Der Finanzplatz Frankfurt bietet also zahlreiche Möglichkeiten für aufstrebende Fintechs.