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Ein Jahr Referendum in Großbritannien – eine Brexit-Bilanz

Die Überraschung kam über Nacht, und es gab ein böses Erwachen. Um zwei Uhr in der Nacht, als die ersten Hochrechnungen eintrafen, sah alles noch nach dem Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union aus, doch beim nächsten Blick auf die Nachrichten um 6.20 Uhr, war klar: Die Briten hatten sich für einen Austritt entschieden, wenn auch nur mit einer 52:48 Mehrheit. Ein Jahr ist es her, als einen ganzen Tag lang die TV-Kameras aus aller Welt vor der EZB standen und Journalisten wissen wollten, was denn nun geschehen werde und wie Frankfurt dazu stünde. London, Brüssel und Berlin berieten sich. Nigel Farage, der Kopf der UKIP Partei, die sich den Brexit zum Ziel gesetzt hatte, trat zurück. Bald danach auch der Britische Premierminister David Cameron.

Unsere Botschaft war: Der Brexit ist schlecht für Großbritannien, er ist schlecht für Europa und er ist schlecht für Deutschland. Frankfurt Main Finance (FMF), die Stimme des Finanzplatzes, hatte auf einen anderen Ausgang des Referendums gehofft, war aber auch für diesen Fall vorbereitet. Nun war der Moment gekommen, den Schalter umzulegen. Die Kampagne für den Standort am Main war vorbereitet: Mit Veröffentlichung des amtlichen Referendumsergebnisses ging eine Informationswebsite zu Frankfurt online, eine Telefon-Hotline für Fragen zum Brexit wurde scharf geschaltet, auf der Internetseite von FMF fand sich eine Stellungnahme zum Ereignis, über Twitter und auf LinkedIn startete zeitgleich eine Kampagne und warb mit den Vorzügen des Finanzplatzes Frankfurt. Die Botschaft: „Welcome to Frankfurt“

Jahrhundertchance für Frankfurt

Interviewanfragen gingen am 24. Juni aus aller Welt ein. Die Medien rangen darum zu verstehen, was geschehen war und wie das die Welt verändern würde.  Im 15 Minuten-Takt gab FMF Interviews: am Telefon, ins Mikrophon, vor der Kamera und wieder am Telefon… Der Brexit bestimmte die Nachrichten rund um den Globus. Sprechfähig gewesen zu sein, als andernorts noch Abstimmungsschleifen gedreht wurden, brachte Frankfurt von Beginn an in Vorteil.

Für die Stadt Frankfurt und die Region – bei allen offensichtlichen negativen Folgen – eröffnet der Brexit eine Jahrhundertchance. Die Finanzarchitektur der Europäischen Union war und ist bislang auf London ausgerichtet. Der Ausstieg der Briten aus der EU, so viel war sofort klar, würde zu einer Verlagerung von Verantwortlichkeiten und Geschäft in die EU führen, die Finanzwelt mithin multipolarer werden. London würde ohne Zweifel bedeutender Finanzplatz bleiben, Finanzzentren in der EU jedoch an Einfluss gewinnen – Frankfurt vor allen anderen. Dabei wurden wir von Frankfurt Main Finance nicht müde zu betonen: Es geht bei allen Bemühungen nicht darum, London als Finanzplatz zu schwächen, es geht in erster Linie darum, eine stabile Finanzindustrie innerhalb der EU zu installieren, eine Brücke zwischen London und der EU zu bauen, die von Frankfurt aus Ihren Ausgang nimmt.

EBA und Euro Clearing kommen in den Blick

Schon am Tag 1 nach dem Referendum wagte sich FMF mit der begründeten Schätzung von 10.000 Arbeitsplätzen hervor, die Frankfurt binnen 5 Jahren durch den Brexit gewinnen könnte – unter zwei wesentlichen Voraussetzungen: Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) kommt nach Frankfurt, ebenso wie das Euro-Clearing. Während der Sitz der EBA recht schnell zum allgemeinen Thema wurde, brauchte es Monate, bis die herausragende Bedeutung des Euro-Clearings einer breiteren Öffentlichkeit klar wurde, ein auf den ersten Blick eher sperriges Thema.

Aber die Abwicklung von Derivategeschäften über zentrale Gewährleistungsinstanzen, sogenannten Central Counterparties, und deren Beaufsichtigung durch den Regulator ist eine der wesentlichen Konsequenzen aus der Finanzkrise. Als damals die Finanzwelt in die Krise geriet, herrschte zum Teil völlige Unklarheit, wo sich die Risiken befinden, also, wer zum aktuellen Zeitpunkt das Risiko in seinen Büchern hat – diese Unsicherheit führte zu Angst und so drohte der vollständige Kollaps des Systems, weil das Vertrauen verloren ging.

Euro-Clearing: Frankfurt derzeit einzige echte Alternative zu London

Mittlerweile ist die Entscheidung über den Sitz Euro-Clearings als eine der wesentlichen Weichenstellung für die Ausgestaltung der künftigen Finanzarchitektur der EU und Europas erkannt und entsprechend diskutiert. Und wieder kann sich Frankfurt berechtigte Hoffnung machen, als Standort der Wahl durchzusetzen. Stand heute besitzt innerhalb der EU neben London nur Frankfurt mit Eurex Clearing der Deutschen Börse AG eine gültige Lizenz und die im täglichen Betrieb bewiesenen technischen Voraussetzungen, das Euro-Clearing vom Standort London zu übernehmen. Schon heute ist Frankfurt Marktführer beim Clearing börsengehandelter Derivate. London führt mit weitem Abstand beim Clearing von außerbörslich gehandelten Derivaten in Euro.

Dieses lukrative Geschäft wird so nicht in London bleiben können. Das hatten und haben wir seither immer wieder betont. Denn die Europäische Zentralbank wollte schon unmittelbar nach Ihrer Gründung die Aufsicht über eine so entscheidende Schlüsselfunktion für die Stabilität des europäischen Finanzmarkts und des Euro innerhalb ihres Einfluss- und Überwachungsbereichs. Schon jetzt wandert erstes Geschäft nach Frankfurt, und Unternehmen testen in wachsender Zahl die Clearing-Möglichkeiten am Main.

Größere Unsicherheit nach Wahlen in UK

Seit jenem 23. Juni vor einem Jahr ist viel geschehen. Daher seien nur einige Wegmarken genannt: Der damalige britische Premierminister David Cameron ist zurückgetreten. Theresa May folgte ihm nach. Sie, die eigentlich dem Lager derjenigen zugerechnet wurde, die sich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU stark machten, überraschte in ihrer ersten Grundsatzrede mit der Formulierung, die seit dem häufig bemüht wurde, um zu veranschaulichen, mit welcher Haltung die Briten in die anstehenden Verhandlungen mit Brüssel treten würden: „No Deal is better than a bad Deal.“

Der sogenannte Cliff-Edge-Brexit, ein Ablaufen der auf zwei Jahre terminierten Verhandlungen über den Austritt ohne eine Einigung, kam in den Blick und wurde wahrscheinlichstes Ergebnis. Am 29. März 2017 beantragte das Vereinigte Königreich gemäß Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union offiziell den Austritt. Damit löste Theresa May den Countdown für die zweijährige Verhandlungszeit aus. Wenige Wochen später überraschte sie mit der Ansetzungen von Neuwahlen zum Unterhaus in Großbritannien für Anfang Juni abermals. Kommuniziertes Ziel war ein starkes Mandat für die Verhandlungen mit Brüssel. Das Kalkül ging nicht auf. May und ihre Partei stehen heute geschwächt da, mit schwer abzuschätzenden Folgen für den Brexit-Prozess, für die Finanzmarktteilnehmer und die Finanzplätze.

Frankfurt und Deutschland bieten Stabilität

Interpretiert man aus europäischer Sicht das Resultat der Unterhauswahl als „halbvolles Glas“, dann ist jetzt wieder Vieles möglich: sogar ein neuerliches Referendum mit offenem Ausgang. Und damit ist selbst ein Verbleib Großbritanniens in der EU nicht mehr gänzlich ausgeschlossen, wenn auch kaum wahrscheinlich.

Interpretiert man das „Glas als halb leer“, dann haben wir es mit einer schwachen Regierung zu tun, die nur wenige Kompromisse in den anstehenden Verhandlungen machen kann, weil ihr das breite Mandat und eine robuste Mehrheit im Parlament fehlt. Ein Abbruch der Verhandlungen und selbst eine abermalige Neuwahl innerhalb der Zweijahresfrist werden denkbar. Das ohnehin ambitionierte Verhandlungsprogramm scheint schlicht unmöglich zu absolvieren. Verlängerungen, Übergangslösungen und Fristen dürften das Ergebnis sein.

Nur eines ist heute sicher: Die Entscheidungen der Unternehmen, der Finanz- wie auch der Realwirtschaft, diesseits und jenseits des Kanals, werden nun unter noch größerer Unsicherheit zu treffen sein. Das spricht für Frankfurt und unterstreicht die Stärke von Deutschland und Frankfurt als Hort der Stabilität und Berechenbarkeit.

Frankfurt nutzt Pole Position

Bis heute ist Frankfurt in vielen Geldhäusern und in der Finanzindustrie insgesamt immer wieder diskutierter Kandidat für die Ansiedlung von Unternehmen oder Teilen von Unternehmen. Der Standort am Main punktet vor allem mit einer stabilen Wirtschaft und stabilen pro-europäischen politischen Verhältnissen, mit einer herausragenden Infrastruktur, einer großen Zahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte gerade auch aus der Finanzbranche, verhältnismäßig günstigen Mietpreisen und Lebenshaltungskosten sowie hoher Lebensqualität.

All das hat Frankfurt, um ein Bild zu verwenden, im Rennen um die Chancen, die sich nach dem Brexit ergeben, in die Pole Position gebracht. Und die Hessen-Metropole wird dieser herausgehobenen Rolle bislang gerecht. Das zeigen die bislang erzielten Erfolge. Bereits heute haben sich eine chinesische, eine japanische, eine indische, eine koreanische und eine schweizerische Bank fest für Frankfurt als Hauptstandort in der EU entschieden, Goldman Sachs will seine Belegschaft in Frankfurt verdoppeln, Standard Chartered hatte jüngst angekündigt, ihr Büro in Frankfurt wegen des Brexits ausbauen zu wollen. Aktuell sind rund 20 Banken in fortgeschrittenen Gespräch über eine Ansiedlung oder einen Ausbau in Frankfurt.

Das Bild des Rennens macht aber auch das Folgende klar: Bevor nicht die Ziellinie überschritten ist, steht der große Gewinner nicht fest. Frankfurt wird weiter mit vorhandenen Vorzügen werben und an seinen Schwächen arbeiten müssen, um der sich bietenden Jahrhundertchance gerecht zu werden. Am Ende werden sicher mehrere Finanzstandorte vom Brexit profitieren, Frankfurt aber hat alle Möglichkeiten, die Finanzmetropole der Europäischen Union zu werden.

„Besser vorbereitet“ – Brexit-Verantwortliche der Rhein-Main-Region im Gespräch

Vor einem Jahr ist der Startschuss gefallen: Am 23. Juni 2016 hat sich das britische Volk in einem Referendum für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union entschieden und damit einen Prozess in Gang gesetzt, den man schon jetzt als historisch bezeichnen kann. Die Folgen sind so weitreichend, dass selbst versierte Experten kaum abschätzen können, wie sich das Zusammenspiel zwischen der Insel und den Ländern in der EU verändern wird. Klar ist nur: Vieles, was bislang als sicher galt, wird auf den Prüfstand gestellt werden.

Dies gilt nicht zuletzt für die Frage, wo in Zukunft das Finanzzentrum der Europäischen Union zu finden sein wird. Place to be ist bislang London. Das Rennen um die Nachfolge ist längst eröffnet und die Konkurrenz ist hart: Amsterdam, Brüssel, Dublin, Frankfurt, Luxemburg, Paris und Warschau geben – jede Stadt auf ihre Weise – ihr Bestes, um zum Hotspot der internationalen Finanzindustrie zu werden.

Lange bevor die Entscheidung der Briten gefallen ist, hat Frankfurt erste Vorbereitungen getroffen: Sprachfähig sein, Interessenten fundierte Antworten bieten, den Dialog suchen – so lässt sich umschreiben, was Vertreter der Hessischen Landesregierung und der Hessen Agentur / Hessen Trade & Invest sowie von Frankfurt Rhein Main und Frankfurt Main Finance von Beginn an erreichen wollten. Mit Erfolg, wie das Gespräch mit deren Vertretern zeigt: Wolf-Dieter Adlhoch, Leiter der Stabsstelle Brexit in der Wiesbadener Staatskanzlei, Dr. Rainer Waldschmidt, Geschäftsführer von Hessen Agentur/Hessen Trade & Invest, Eric Menges, Geschäftsführer der Frankfurt Rhein Main GmbH, und Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance.

Nach einem Jahr intensiver Diskussionen über den Brexit: Wie hat sich Frankfurt aufgestellt, um im Wettbewerb der europäischen Finanzplätze zu punkten?

Dr. Rainer Waldschmidt: Kommunikation war von Beginn an das Entscheidende. Wir haben schon während der Diskussionen über das Referendum begonnen, die wichtigen Vertreter von Stadt und Land zu Round Table-Gesprächen zusammenzubringen, damit wir uns sehr frühzeitig auf ein konzertiertes Vorgehen einigen.  Ein wichtiger Punkt war beispielsweise, dass wir uns nicht auf Frankfurt als Stadt fokussieren, sondern über die Rhein-Main-Region sprechen, weil sich viele Aspekte zu den Themen Talente, Infrastruktur, Lebensqualität aus den Gegebenheiten in dieser Region erschließen.

Eric Menges: Sehr geholfen hat uns, dass wir schon vor der Brexit-Entscheidung eine komplette Website programmiert hatten, die wir am Morgen der Ergebnisverkündung live schalten konnten. Das war ein gewisses Risiko, der Aufwand hätte auch vergebens sein können. Aber so haben wir auf das richtige Pferd gesetzt, auch wenn wir uns ein anderes Votum gewünscht hätten. Das Interesse an aktuellen Informationen war – wie Sie sich vorstellen können – von diesem Punkt an massiv. Für unser schnelles Handeln gab es vor allem in den sozialen Medien viel positive Resonanz. Der schönste Kommentar: Da gibt es eine Region, die scheint besser vorbereitet, als der Rest von England. Da haben wir schon geschmunzelt.

Hubertus Väth: Neben der Webseite gab es auch eine Twitter- und eine LinkedIn-Kampagne mit einer klaren und knappen Botschaft: Willkommen. Bereits um 6.20 Uhr waren die Medien am Telefon, die wissen wollten, ob und wie Frankfurt vorbereitet ist. Seither gab es rund 500 Anfragen von Journalisten aus über 40 Ländern. Selbst jetzt noch vergeht keine Woche ohne zwei bis drei Anfragen.

Was sind die zentralen Botschaften? Was haben Frankfurt und die Region zu bieten?

Wolf-Dieter Adlhoch: Zweifellos gibt es viele harte Fakten, die für die Rhein-Main-Region sprechen. Wir sind ja schon heute eines der weltweit wichtigsten Finanzzentren. Alle deutschen Großbanken, mehr als 150 Auslandsbanken sind in und um Frankfurt präsent. Die wichtigsten Regulierungsbehörden und allen voran die EZB sind hier zuhause. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland eine starke Wirtschaft und – in diesen Zeiten wichtiger denn je – eine hohe politische Stabilität vorweisen können. Die Steuern sind hierzulande nicht so hoch, wie mitunter angenommen; durchschnittlich 30 Prozent für Unternehmen, da sind wir wettbewerbsfähig. Das Arbeitsrecht ist flexibel, fair und vor allem effizient. In Sachen Infrastruktur sind wir durch unseren Flughafen unschlagbar…

Menges: Ich sage immer gerne, der ist so nah wie der City Airport in London und so leistungsfähig wie Heathrow.

Adlhoch: Wichtig ist uns aber: Wir wollen nicht laut trommeln, sondern sachlich argumentieren.

Väth: Drei Botschaften sind klar angekommen: Europa braucht weiter die internationale Strahlkraft des Finanzplatzes London, daher wollen wir dem Finanzplatz London nicht schaden. Wir wollen Brücken bauen und nicht abreißen. Und wir wollen auch in Zukunft gut zusammenarbeiten können.

Menges: Ja, wir machen keine oberflächliche Werbekampagne, wie dies andere Finanzplätze tun. Wir gehen mit den Entscheidern in den Unternehmen ins Gespräch. Und da kommen viele, sehr konkrete Fragen auf, die wir zunächst gar nicht so im Fokus hatten. Ein Beispiel: internationale Schulen. Sie können sich vorstellen, dass dies für die Mitarbeiter, die künftig mit ihren Familien nach Frankfurt kommen sollen, ein wichtiges Thema ist. Also haben wir alle in der Region ansässigen internationalen Schulen – über 30 in und um Frankfurt – an einen Tisch geholt und mit ihnen diskutiert, ob sie in ihrer Struktur, in ihrer Kapazitätsplanung darauf eingestellt sind, eine größere Menge neuer Schüler aufzunehmen. Die Antwort: ja. Auch die Vielfalt des schulischen Angebots ist beachtlich. Mit diesen Informationen gehen wir dann wieder auf unsere Gesprächspartner zu, können deren Fragen in aller Regel im Detail beantworten.

Waldschmidt: Verfügbarer Büroraum ist auch so ein Thema, das in Gesprächen immer wieder aufkommt. Deshalb haben wir bei den ansässigen Maklern die Verfügbarkeit und Qualität der Flächen erhoben. Konkret: Wir haben im bevorzugten Innenstadtbereich 750 Tausend Quadratmeter freie Bürofläche auf dem erforderlichen Qualitätslevel. Zudem zeigen die Projektentwicklungspläne einen weiteren Zuwachs dieser A-Flächen. Wir können also alle Menschen aufnehmen, die solide Prognosen der ersten durch den Brexit initiierten Zuwanderung zuschreiben. Wenn wir über solche Veränderungen sprechen, dann passiert das auch nicht von heute auf morgen. Wir gehen vielmehr von drei Wellen aus, die sich regional unterschiedlich auswirken. Die erste wird den Finanzplatz unmittelbar betreffen und damit Frankfurt und die unmittelbare Umgebung im Kern. Bei der zweiten Welle geht es um die Verlagerung europäischer Hauptquartiere, also auch Distribution und Back-Office. Da wird sich der Radius auf den Gürtel um Frankfurt erweitern. Erst in der dritten Welle wird die Industrie betroffen sein, und hier ist ganz Hessen interessant.

Nach einem Jahr, was sind die wichtigsten Erkenntnisse und worauf muss zukünftig das Augenmerk liegen?

Väth: Wir sind zwar in der Poleposition, aber das Rennen ist noch nicht zu Ende.  Es ist zu früh, eine Verschnaufpause einzulegen. Exogene Faktoren, wie eine mögliche US-amerikanische Steuerreform, können noch entscheidende Parameter zu unseren Ungunsten verändern. Auch müssen wir konstatieren, dass die Wettbewerber gute Arbeit machen und Erfolge erzielen. Zum Beispiel im Bereich Versicherungen und Asset Manager. Von großer Bedeutung wird sicher die Frage der Zukunft des Euro Clearings werden, da stehen uns spannende Tage und Wochen bevor. Auch hier haben wir bereits viel Aufklärungsarbeit geleistet. Es ist aber auch die Zeit, einmal Danke zu sagen. Seien es BaFin oder Bundesbank, die Landesregierung oder der Bund. Wenn es darauf ankommt wird hier hervorragende Arbeit geleistet, das bleibt nicht unbemerkt. Bemerkenswert war auch, wie viele unserer Mitglieder uneigennützig angerufen haben und gefragt haben: Können wir etwas für euch tun. Da haben wir natürlich nicht nein gesagt und konnten so vieles anstoßen. Und auch bemerkenswert, wie aktiv neue Mitglieder auf uns zugekommen sind und gesagt haben, jetzt verstehe ich, warum ihr wichtig seid und warum es Sinn macht, mitzumachen.

Adlhoch: Wir nehmen das Feedback aus den vielen Einzelgesprächen, die wir als Vertreter der Landesregierung, von Hessen Agentur, Frankfurt Rhein Main und Frankfurt Main Finance führen, sehr ernst. Was gut ankommt: Der vertrauliche Dialog, und deshalb wird darauf auch künftig unser Schwerpunkt liegen. Was wir verstärkt tun: Den unmittelbaren Austausch mit Experten organisieren. Hier in der Region sitzen ja nicht nur die Banken und Regulierer, sondern all jene Juristen und Beratungsgesellschaften, die für die Finanzindustrie erforderlich sind. Detailfragen zu Arbeitsrecht, zu Steuern, zu regulatorischen Aspekten klären wir, indem wir Kontakte vermitteln und Experten vernetzen. Was wir nicht tun werden: mit kurzfristigen Geschenken – also Vergünstigungen oder Zulagen – für den Standort werben. Wir sind fest überzeugt, dass wir als Region das zu bieten haben, was Unternehmen bei der strategischen Standortentscheidung überzeugen kann. Das gilt nicht zuletzt für die Lebensqualität. Darüber haben wir heute wenig gesprochen. Aber jeder, der das Rhein-Main-Gebiet kennt, weiß, dass das Freizeit- und Kulturangebot sich durchaus sehen lassen kann.

Hessische Delegation auf Brexit-Tour in London – ein Reisebericht

Die Vertreter des hessischen Wirtschaftsministeriums sind seit Monaten im Brexit-Modus. Kommunikation über alle Kanäle und am liebsten im persönlichen Gespräch – wenn es darum geht, für die Vorteile Frankfurts als Finanzzentrum der EU zu werben, wird jeder Anlass genutzt. So auch die Delegationsreise des hessischen Wirtschaftsministers Tarek Al-Wazir nach London. Die im Ursprung für Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft initiierte Reise war der ideale Rahmen für eine kleine Finanzdelegation des Ministeriums. Armin Winterhoff, Referatsleiter Finanzplatz Frankfurt, war Teil dieses Teams und kennt die Details und Hintergründe der dreitägigen London-Tour.

Zehn Banken, zwei Verbände, drei Tage. Das Programm der Finanzdelegation um Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir war vollgepackt, als es vom 9. bis 11. Mai nach London ging. Da liegt es auf der Hand, dass schon im Vorfeld im Detail festgelegt wurde, wer mit welchem Schwerpunkt an welchem Termin teilnimmt. „Wir suchen das persönliche Gespräch zu den Verantwortlichen in den Banken und bei den Verbänden. Wir wollen für Frankfurt werben, indem wir informieren und Austausch mit Spezialisten anbieten. Der Finanzplatz Frankfurt soll zum ‚Gateway to the EU‘ werden.“, erklärt Armin Winterhoff die grundlegende Zielsetzung. Fakten sprächen für die Vorteile der Mainmetropole und deshalb wird er nicht müde zu betonen, wie wichtig es sei, fundierte Informationen an der richtigen Stelle zu hinterlegen – also insbesondere bei den großen international tätigen Banken, die aufgrund des Brexit aller Voraussicht nach ihren Zugang zum EU-Finanzmarkt verlieren werden.

Informationen an der richtigen Stelle hinterlegen: Die Finanzdelegation besuchte 10 Banken und zwei Verbände in London. (Canary Wharf, Quelle: fotolia)

Die Tage sind durchgetaktet, Working Lunches und Hessen Abend inklusive. Umso wichtiger, dass das kleine Kernteam – bis zu 10 Spezialisten aus dem Wirtschaftsministerium, der Stabsstelle Brexit bei der hessischen Staatskanzlei, dem hessischen Finanzministerium, der Bundesbank sowie Einrichtungen wie dem Verband der Auslandsbanken in Deutschland e. V., Frankfurt Rhein Main GmbH und Frankfurt Main Finance e. V. – gut eingespielt ist. „Mit den meisten Adressen waren wir auch vor der Reise schon in engem Kontakt“, erläutert Winterhoff. Es sei aber unverzichtbar, vor Ort und im persönlichen Gespräch aufzuzeigen, was den Finanzplatz Frankfurt besonders ausmache.

Hessen Abend: Auf Einladung des Landes Hessen trafen sich rund 150 Teilnehmer im 100 Wardor St im Herzen von Soho. Minister Tarek Al-Wazir wirbt für Frankfurt. Quelle: twitter.com/hmwevl

Auch Vorbehalte müssten aus der Welt geschafft werden: „Wer mit globaler Perspektive auf Frankfurt schaut, wird oft schon bei der Einwohnerzahl von 700.000 stutzig. Dass im Einzugsgebiet Frankfurt Rhein Main 5,6 Mio. Menschen leben, viele davon hochqualifiziert mit internationalem Background, muss erklärt werden.“ Winterhoff kann zahlreiche solcher Beispiele nennen – weil sich letztlich alle mit den gleichen Fragen beschäftigen. Deshalb gehört auf solchen Reisen die „Welcome to the Financial Centre Frankfurt“-Broschüre zum Handgepäck. Diese bringt  „10 Punkte für Frankfurt“ auf den Punkt.

Download Broschüre Welcome to the Financial Centre

Auffallend ist nach Winterhoffs Beobachtung, wie offen und konstruktiv die Delegation aus Frankfurt allerorten empfangen wurde: „Für uns ist das ein Indiz, dass in dieser Phase alle internationalen Häuser größtes Interesse an einer inhaltlich tiefgehenden Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Finanzplätzen in der EU haben.“ Sicher hätte jede Bank eigene Analysen, aber diese zu unterfüttern mit Informationen aus erster Hand habe offensichtlich hohen Stellenwert. „Da sind wir als die offiziellen Vertreter des Landes durchaus gefragte Gesprächspartner“, so der Referatsleiter.

Auch wenn das Informieren über und das Werben für den Standort an erster Stelle stehen – auf Seiten der hessischen Vertreter ist eine solche Reise ebenso immer wieder ein Erkenntnisgewinn. „So bekommen wir hautnah mit, worüber in London diskutiert wird und wo die Knackpunkte für die Unternehmen liegen“, sagt Winterhoff. Das seien im Übrigen nicht nur die harten Fakten vor allem mit Blick auf bestehende Regulatorik. Großes Interesse fänden auch Softskills wie das Vorhandensein von Ressourcen in der Region sowie Freizeitangebote und Kulturprogramm. Denn wer erwäge, mit seinem Unternehmen und seiner Familie von der Themse an den Main zu ziehen, wolle wissen, was ihn erwartet. „Wir messen diesen Fakten einen hohen Stellenwert bei, weil letztlich nicht nur Steuern und Arbeitsrecht darüber entscheiden, wo Menschen sich wohl fühlen“, ist Winterhoff sicher. Im persönlichen Gespräch falle es leichter zu erzählen, wie es sich in und um Frankfurt lebt. Deshalb werden die hessischen Vertreter weiter jede Gelegenheit suchen, die Mainmetropole zu präsentieren.

Financial Centre Report

Building Bridges – Frankfurt and Europe after Brexit. Der neue Standortbericht von Frankfurt Main Finance

Building Bridges – Frankfurt and Europe after Brexit, so lautet der Titel des aktuellen Finanzstandortberichts von Frankfurt Main Finance. Die ausschließlich in englischer Sprache verfügbare Publikation, widmet sich in ihrem ersten Teil den Facetten des Finanzplatzes. Gestaltet wie ein Magazin präsentiert sich die Mainmetropole aus unterschiedlichen Perspektiven und zeigt in lesefreundlicher Weise, was diese Stadt stark macht, welche Besonderheiten sie auszeichnen.

Der zweite Teil des Berichts, „Insights“, analysiert detailliert und kenntnisreich volkswirtschaftliche Fragen und wirft einen kritischen Blick auf die Chancen, die sich dem Finanzplatz nach dem britischen Brexit-Votum bieten.

Den Auftakt zum Standortbericht macht ein Grußwort des Hessischen Wirtschaftsministers Tarek Al-Wazir, der bereits die Hauptthemen intoniert. Der Minister erinnert an den Aufstieg Frankfurts zum wichtigsten Finanzzentrum in Kontinentaleuropa. Er weist auf die Vielzahl von Herausforderung hin, der sich die Finanzindustrie heute ausgesetzt sieht. Zu denken sei etwa an die Digitalisierung, die die Branche fordert, sich neu zu erfinden und neu aufzustellen. Die lebhafte FinTech-Szene in der Rhein-Main-Region sei eine Art, die Herausforderungen anzunehmen und offensiv anzugehen.

Die zweite Herausforderung dieser Tage sei es, die Neuausrichtung der europäischen Finanzbranche in der Folge des Brexit zu bewältigen und zukunftsorientiert damit umzugehen. „Building Bridges“, der Titel des Standortberichts hat hier seinen Ursprung. Der Bericht zeigt, wie Frankfurt und die Rhein-Main-Region aus einer kooperativen Grundhaltung heraus dazu beitragen, die europäische Finanzordnung zukunftstauglich zu machen und ihre Leistungsfähigkeit für die Realwirtschaft auch weiterhin sicher zu stellen.

Der vorliegende Bericht von Frankfurt Main Finance wirft Schlaglichter auf den Finanzstandort Frankfurt und eröffnet Einsichten, die in ihrer Gesamtheit ein ebenso eindrucksvolles wie stimmiges Bild ergeben. Nach den launigen und einfühlsamen Seiten des ersten Teils, gibt der zweite Teil klarer, faktenbasierter Analyse Raum. Thematisch bleibt der Blick auf die gleichen Fragen gerichtet, die schon im Magazinteil verhandelt wurden: Was bedeutet der Brexit für Frankfurt, wie ist es um das Verhältnis von Realwirtschaft und Banken bestellt, wie ist es um die ökonomisch so bedeutende Langfrist-Finanzierung bestellt und wie verhält sich die deutsche Wirtschaft zum Brexit?

Frankfurt Main Finance besucht israelische FinTechs

Israel verfügt über einen starken FinTech-Sektor. Zeit für Frankfurt Main Finance, diesen genau kennenzulernen und Kooperationsmöglichkeiten zwischen dem Finanzplatz sowie deutschen und israelischen FinTechs zu erkunden. Das übernimmt der FinTech-Experte von Frankfurt am Main Finance Dr. Jochen Biedermann im Rahmen der Veranstaltung „Tel Aviv- Frankfurt FinTech Summit“, die am 21. März im Rahmen der Israel-Delegationsreise des Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann stattfinden wird. Vorab beantwortet er Fragen zum FinTech-Standort Israel und die Ziele seines Besuches vor Ort. Interessierte deutsche FinTechs sind eingeladen, ihn im Herbst bei einer weiteren Delegationsreise nach Israel zu begleiten.

 

Herr Biedermann, als Frankfurter denkt man bei FinTech-Standorten nicht in aller erster Linie an Tel Aviv. Wie ist das israelische FinTech-Segment denn tatsächlich aufgebaut?

Israel ist sehr technologiestark. Hier sammeln sich ein großes Hightech- Know-how und in diesen Themen gut ausgebildete Fachkräfte. Besonders das Cybersecurity-Segment ist in Israel hoch entwickelt und genießt einen äußerst guten Ruf. Das unterstützt auch den FinTech-Sektor, da es hier viele Schnittstellen gibt. Außerdem ist Israel ein sehr kleines Land. Das heißt, dass die dort ansässigen Unternehmen exportorientiert agieren und sehr schnell ins Ausland expandieren. Zusammenfassend lässt sich Israel als Tech-Powerhouse wie auch als Startup-Nation beschreiben.

 

Welche Anknüpfungspunkte sehen Sie zwischen den FinTech-Standorten Frankfurt und Tel Aviv?

Wie bereits erwähnt, expandieren israelische FinTechs sehr schnell ins Ausland. Für uns ist es deshalb eine willkommene Möglichkeit, den Finanzplatz Frankfurt und seine FinTech-Branche vorzustellen. Auch im Rhein-Main-Gebiet befindet sich ein großes Cluster für Cybersecurity. Als Beispiele seien hier das Fraunhofer-Institut SIT wie auch das Center for Research in Security and Privacy (CRISP) in Darmstadt angeführt. Israelische FinTechs finden somit hier auch die gewohnte Infrastruktur vor. Darüber hinaus wollen wir natürlich auch die Internationalisierung unserer heimischen FinTechs vorantreiben. Unser Partner Accelerator Frankfurt und sein Gründer Ram Shoham sind in Israel bereits gut vernetzt. Nun wollen wir das auch für den Finanzplatz Frankfurt insgesamt etablieren.

 

Sind weitere Kooperationen zwischen Frankfurt und Tel Aviv geplant?

Wir kooperieren im FinTech-Bereich bereits seit Jahren erfolgreich mit Südkorea, Hongkong,Holland sowie Norwegen und haben auch mit Israel bereits zwei gemeinsame Veranstaltungen in Frankfurt Rhein-Main durchgeführt.

Für Herbst ist bereits eine weitere Reise nach Israel geplant, gemeinsam mit deutschen FinTechs. Interessierte FinTechs sind herzlich eingeladen, sich bei uns zu melden, wenn Interesse besteht, mit uns nach Tel Aviv zu reisen.

Hubertus Väth im Interview mit efinancialcareers

Im Interview mit efinancialcareers spricht Frankfurt Main Finance Geschäftsführer Hubertus Väth über die anstehende Verlagerungen von Arbeitsplätzen an den Finanzplatz Frankfurt. Besonders den großen US-Banken, aber auch schweizer und asiatischen Banken komme in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle zu. In all diesen Regionen sieht Väth Frankfurt deutlich in der Pole Position und dementsprechend würden in Kürze erste Banken ihre Entscheidungen öffentlich kommunizieren. Neben den Regulieungsinstitutionen wie BaFin und der EZB sei vor allem die hervorragende Infrastruktur Frankfurts, die Wettbewerbsfähigkeit und der große Talentpool am Standort Frankfurt grundlegend für die Entscheidung der Banken. Die Wechselwelle erwartet Väth dabei in drei Schritten: zuerst die Investmentbanken, gefolgt von Commercial Banks und schließlich Asset Managern und Dienstleistern, welche in einem dritten Schritt wechseln würden.

Das vollständige Interview lesen Sie hier.

Brexit und die Folgen

Der vielfach befürchtete post-Brexit-Wettbewerb zwischen den Finanzplätzen London und Frankfurt ist kein Grund zur Sorge. Das ist das Ergebnis des Podiumsgesprächs zum Thema Brexit und dessen möglichen Folgen, das die Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt am Main und das Frankfurter Chapter der Socitey for International Development (SID) am 31.01.2017 veranstalteten. Neben Moderator und SID-Vorstandsmitglied Klaus Zorbach nahmen Mark Weinmeister, Staatssekretär für Europaangelegenheiten der Hessischen Staatkanzlei, Dr. Jürgen Ratzinger, Geschäftsführer für das Geschäftsfeld International der IHK Frankfurt am Main sowie der Botschaftsrat Nick Leake, welcher die Abteilung EU und Wirtschaft der Britischen Botschaft in Berlin leitet, an der Diskussionsrunde teil. Das Gespräch untergliederte sich in drei Hauptteile: Den Auswirkungen des Brexits im Allgemeinen, den konkreten Auswirkungen auf das Land Hessen und die Rhein-Main-Region sowie das post-Brexit Bild von Europa und die Frage nach einer Krise Europas.

Auf besonderes Interesse des zahlreichen erschienen Frankfurter Publikum stieß die Frage nach den Veränderungen in der Rhein-Main-Region in Folge des Brexits. An dieser Stelle galt es für die Diskutanten einen schwierigen Bogen zu spannen, vom Brexit „als großem europäischen Unfall“ einerseits, der für Frankfurt und die gesamte Rhein-Main-Region andererseits wiederrum große Vorteile mit sich bringen könne, wie Dr. Ratziger den Gegensatz zusammenfasste. Allerdings gehe es in diesem Zusammenhang gar nicht darum Großbritannien und insbesondere London etwas zu nehmen, sondern sich anzubieten und in dieser Hinsicht habe die Rhein-Main-Region viel zu bieten. Unabhängig davon jedoch, welche Institutionen, Banken und Finanzdienstleister Geschäftsteile nach Frankfurt verlagerten, werde London in jedem Fall ein wichtiger Finanzplatz bleiben. Staatssekretär Weinmeister ergänzte das Argument des großen Potenzials der Rhein-Main-Region, indem er auf die gut strukturierte Bankenlandschaft Frankfurts, die hier ansässigen Regulierungsinstitutionen, wie beispielsweise die EZB, die BaFin oder die EIOPA sowie auf das generelle Know-How in Frankfurt und der Rhein-Main-Region verwies, welche vor diesem Hintergrund optimale Bedingungen für Finanzdienstleister aufweise. Auch könne der Finanzplatz Frankfurt den sogenannten Finanzpass ermöglichen, welcher Finanzdienstleistungen ohne erneute Registrierung in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union erlaubt. Die Negativargumente, mit denen Frankfurt als europäischem Finanzplatz häufig konfrontiert wird – zu wenig Wohn- und Büroraum sowie internationale Schulen – bezeichnete er als nichtzutreffend und bot vor diesem Hintergrund den betroffenen Institutionen und Unternehmen Gespräche zur Klärung von Missverständnissen an. Einen interessanten Aspekt in der Frage, ob Frankfurt zukünftig für London eher Konkurrenz oder Brücke in die EU darstelle, ergänzte Nick Leake, der betonte, dass intelligent gestalteter Wettbewerb positiv zu bewerten sei, da er alle beteiligten Akteure erheblich stärke.

FinTechGermany Award

CFS-Umfrage: Das Drei-Säulen-Modell der deutschen Kreditwirtschaft hat sich bewährt

Insgesamt ist sich die Finanzbranche weitgehend darüber einig (62%), dass sich das Drei-Säulen-Modell der deutschen Kreditwirtschaft (Geschäftsbanken, Sparkassen, Genossenschaftsbanken) bewährt hat. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Center for Financial Studies unter Finanzinstituten und Dienstleistungsunternehmen am Finanzplatz Deutschland. Hingegen sind 29% eher unentschieden und halten das System für fraglich, 8% vertreten die Ansicht, dass sich das Model nicht bewährt hat.

Für die Finanzierung des deutschen Mittelstands sind Sparkassen und Genossenschaftsbanken entscheidend

Bei der Frage, wie wichtig jeweils die drei Säulen für die Finanzierung des deutschen Mittelstands sind, besteht in der Finanzbranche bei über 40% der Befragten Einigkeit darüber, dass Sparkassen und Genossenschaftsbanken gleichermaßen den entscheidenden oder zumindest einen wichtigen Beitrag leisten. Die Geschäftsbanken werden nur von 20% der Befragten als entscheidend, aber von 57% als wichtig eingeschätzt. 17% halten sie hingegen für weniger wichtig.

„Die Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind für die Finanzierung des deutschen Mittelstands unverzichtbar“, kommentiert Prof. Dr. Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies, die Umfrageergebnisse.

Die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bankensektors im internationalen Vergleich wird differenziert beurteilt – Weitere Konsolidierungsprozesse werden erwartet

Die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bankensektors im internationalen Vergleich wird von der Finanzindustrie skeptisch beurteilt. Weniger als 25% der Befragten halten den deutschen Bankensektor im internationalen Vergleich für gut aufgestellt. „Der Bankensektor steht wegen des anhaltenden Niedrigzinsumfeldes, erhöhten regulatorischen Anforderungen und der Digitalisierung unter einem hohen Anpassungsdruck. Die deutschen Banken müssen ihr Restrukturierungstempo erhöhen, um im internationalen Vergleich nicht weiter an Boden zu verlieren“, meint Professor Brühl. Vor diesem Hintergrund besteht Einigkeit in der Finanzindustrie (95%), dass es in den kommenden Jahren zu weiteren Konsolidierungsprozessen im Bankensektor kommen wird.

Hinzu kommt, dass ausländische Banken verstärkt in Deutschland auf den Markt drängen. Bei den Befragten besteht weitgehend Einigkeit darüber (60%), dass diese weiter an Bedeutung gewinnen werden.

„Die Umfrage macht überdeutlich, wie attraktiv der Finanzstandort Deutschland für ausländische Banken ist. Dies ist vor allem langfristig ein Ansporn für uns“, kommentiert Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance e.V. die Umfrageergebnisse.

FinTechGermany Award

CFS-Umfrage: Cybersecurity muss in der Finanzbranche auf jeder Agenda stehen

Das Thema Cybersecurity ist von zentraler Bedeutung. Darin ist sich die deutsche Finanzindustrie geschlossen einig und misst dem Thema einen entsprechend hohen (20%) bis sehr hohen (75%) Stellenwert bei. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Center for Financial Studies unter Finanzinstituten und Dienstleistungsunternehmen am Finanzplatz Deutschland. Einigkeit besteht in der Branche jedoch auch weitgehend (78%) darüber, dass das Thema noch nicht ausreichend adressiert wird.

Von den FinTechs verspricht sich die Finanzindustrie nur teilweise eine Unterstützung

Von den FinTechs erwarten nur 8% der Befragten eine maßgebliche Unterstützung beim Thema Cybersecurity. Die Hälfte (51%) verspricht sich zumindest teilweise eine Stärkung für das eigene Unternehmen. Hingegen rechnen 29% mit weniger und 7% mit keinerlei Unterstützung durch Fintechs.

„Das Thema Cybersecurity ist ein Zukunftsthema und eigentlich für junge Technologieunternehmen maßgeschneidert. Daher gehe ich davon aus, dass wir bald mehr Startups in diesem Bereich sehen werden“, kommentiert Prof. Dr. Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies, die Umfrageergebnisse.

Cybersecurity kann zukünftig einen Wettbewerbsfaktor darstellen – die Einrichtung europäischer Datenzentren ist wichtig und entscheidend

Die Finanzinstitute sind sich größtenteils darüber einig (86%), dass das Thema Datensicherheit zu einem Wettbewerbsfaktor für Finanzdienstleister werden kann. Lediglich 12% halten diesen Punkt nicht für relevant.

Da viele Daten europäischer Nutzer von sozialen Netzwerken in den USA gespeichert werden, wird die Notwendigkeit eigener Datenzentren für kritische Daten in Europa diskutiert. Die Finanzbranche hält die Einrichtung solcher Datenzentren mehrheitlich für wichtig (59%) und für entscheidend (26%). Hingegen ist es für 12% weniger relevant, wo Datenzentren angesiedelt sind.

„Die Studie unterstreicht, wie wichtig eine leistungsfähige Daten-Infrastruktur heute für die Finanzbranche ist. Der Finanzstandort Frankfurt biete hier z.B. mit dem Deutschen Internet Exchange DE-CIX exzellente Voraussetzungen. Über die Hälfte aller deutschen Rechenzentren stehen im Großraum Frankfurt. Unser Status als Daten-Hauptstadt Deutschlands macht uns auch für FinTech-Unternehmen besonders attraktiv“, kommentiert Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance e.V. die Umfrageergebnisse.

Bitcoins als Zahlungsmittel werden unter dem Aspekt der Datensicherheit nicht an Bedeutung gewinnen

Bitcoins sollen angeblich besonders geeignet sein, um Hacker-Attacken im Zahlungsverkehr abzuwehren. Vor diesem Hintergrund erwartet die Finanzbranche mehrheitlich (73%) jedoch nicht, dass Bitcoins als Zahlungsmittel in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden.

Finanzplatz Frankfurt ist großer Profiteur eines Brexits

Die deutsche Finanzbranche ist sich geschlossen darüber einig, dass der Finanzplatz Frankfurt vom Ausstieg Großbritanniens aus der EU profitieren wird, auch wenn die Entscheidung der Briten die Branche größtenteils überrascht hat. Ebenso werden eher neutrale bis positive Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft erwartet. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Center for Financial Studies unter Finanzinstituten und Dienstleistungsunternehmen am Finanzplatz Deutschland. Speziell der Bereich Wertpapierhandel und Abwicklung wird am Finanzplatz Frankfurt dazugewinnen laut 78% der Befragten. Mit einem Umzug der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) von London nach Frankfurt rechnet gut die Hälfte der Umfrageteilnehmer. Dabei stellt primär der knappe Wohnraum in Frankfurt bei der Verlagerung von Geschäftsaktivitäten für die befragten Finanzunternehmen (72%) einen Engpass dar.

„Die Umfrageergebnisse bestätigen, dass viele Finanzmarktteilnehmer mit einem Brexit überhaupt nicht gerechnet haben. Dieser Überraschungseffekt spiegelt sich auch in der hohen Volatilität der Aktienmärkte wieder, die uns in den kommenden Monaten begleiten dürfte“, kommentiert Prof. Dr. Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies, die Umfrage.

Für nahezu alle befragten Unternehmen (95%) ist der Finanzplatz Frankfurt der große Gewinner. Daneben sehen gut zwei Drittel Paris als weiteren Profiteur eines Brexits. 15% erwarten, dass Amsterdam dazugewinnen wird. Lediglich 6% gehen davon aus, dass auch London profitieren wird. Für Mailand und Madrid werden kaum Vorteile erwartet. Ein Drittel der Befragten erwartet, dass auch andere Finanzplätze profitieren werden.

„Frankfurt ist auf einen Brexit sehr gut vorbereitet gewesen. Wir werden alles daran setzen, diese Jahrhundertchance für Frankfurt zu nutzen, für uns ist klar, dass London der zentrale Finanzplatz bleibt. Daher wollen wir, dass Frankfurt zu der Brücke für London in die Eurozone wird“, kommentiert Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance e.V. die Umfrageergebnisse.

Auf die Frage, in welchen Geschäftsbereichen der Finanzplatz Frankfurt besonders profitieren kann, wird der Bereich Wertpapierhandel und Abwicklung von 78% der Befragten genannt. Die Hälfte sieht weitere Chancen für das Asset Management / Vermögensverwaltung und für den Bereich Corporate Banking, knapp gefolgt vom Bereich Professional Services (43%). Retail Banking hingegen wird nur von 7% der Umfrageteilnehmer genannt.

„Die Ergebnisse zeugen von hohen Erwartungen der Marktteilnehmer an die künftige Rolle des Finanzplatzes Frankfurt. Dies erhoffen sich aber auch andere Finanzplätze. Ich rechne daher mit einem intensiven Standortwettbewerb, in dem es darauf ankommen wird, die Stärken Frankfurts gezielt bei Top-Entscheidern hervorzuheben“, führt Professor Brühl weiter aus.

Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) wird voraussichtlich ihren Sitz nicht mehr in einem Land haben können, das außerhalb der EU liegt. Wohin die EBA jedoch verlagert wird, ist offen. Die deutsche Finanzbranche rechnet mehrheitlich damit (57%), dass die EBA nach Frankfurt umzieht. Hingegen erwarten 33% der Befragten, dass sich die europäische Bankenbehörde an einem anderen Standort ansiedelt.

Die deutsche Finanzbranche stellt sich auch auf gewisse Engpässe ein, wenn es zu einer Verlagerung von Geschäftsaktivitäten von London nach Frankfurt kommt. Knapp drei Viertel der Befragten (72%) nennt hier den knappen Wohnraum, die Hälfte (53%) sorgt sich um ausreichend qualifiziertes Personal, 27% beurteilen die Verkehrsinfrastruktur kritisch und 22% das Angebot an Büroflächen. Hingegen sehen nur 11% die IT-Infrastruktur in Frankfurt als Engpass an.

Finanzbranche befürwortet mehrheitlich eine Beschränkung der Briten zum EU-Binnenmarkt und erwartet eher neutrale bis positive Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft

Nach Meinung der Mehrheit der befragten Finanzinstitute und Dienstleistungsunternehmen (68%) sollte die EU Großbritannien zukünftig keinen uneingeschränkten Zugang zum Europäischen Binnenmarkt mehr gewähren. Hingegen sprechen sich 22% dafür aus, trotz eines Brexits keine Beschränkungen einzuführen. Die möglichen Auswirkungen eines Brexits auf die deutsche Wirtschaft werden von der Hälfte der Befragten (48%) neutral und von 35% positiv beurteilt. Lediglich 15% erwarten negative Auswirkungen.