Frankfurt Brexit

Allseits respektierter und gesuchter Gesprächspartner

Frankfurt Main Finance verbindet sachliche und menschliche Seiten der Region und des Finanzzentrums glaubwürdig

Roland Koch. Quelle_www.roland-koch.de. Foto_Gaby Gerster.

Von Roland Koch, hessicher Ministerpräsident a.D.

Frankfurt am Main hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zu dem wichtigsten kontinentaleuropäischen Finanzplatz entwickelt. Das war keineswegs selbstverständlich. Schaut man über die Jahrzehnte zurück, so waren München, Stuttgart oder Düsseldorf durchaus ebenfalls bestrebt, eine solche Rolle auszufüllen. Die Konzentration der Finanzinstitute und die europäische Konsolidierung haben dazu geführt, dass die Kräfte nun am Main gebündelt sind. Die aktuellen Entwicklungen um den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union werden diese Entwicklung weiter verstärken.

Vor diesem Hintergrund war es im Jahr 2008 eine wichtige Initiative der am Standort Frankfurt ansässigen Banken und der Politik in Stadt und Land, diesem wichtigen Industriezweig auch ein eigenständiges Sprachrohr zu verschaffen. Das war keine Konkurrenz zu den Gremien einer Industrie- und Handelskammer oder dem Bankenverband. Vielmehr war es die Etablierung einer eigenständigen Position derjenigen, die im weiteren Sinne den sogenannten Finanzsektor darstellten. Dies war sowohl im Interesse der Politik, die eine neutrale Gesprächsebene suchte, als auch der Wirtschaft, die jenseits der unterschiedlichen Positionen verschiedener Finanzinstitute und ihrer Verbände mit einer einheitlichen Darstellung die Politik für eine gemeinsame zukünftige Entwicklung gewinnen wollte.

Essenzielle Rolle

Mit der Gründung wurde allerdings auch deutlich, dass damit zugleich eine Organisation entstehen würde, die außerhalb Frankfurts und außerhalb Deutschlands in glaubwürdiger Weise mit anderen Akteuren der Finanzindustrie über die Vor- und Nachteile des Standortes Frankfurt sprechen kann. Auch diese Rolle ist über die Jahre immer wichtiger geworden.

Die Akteure in Frankfurt haben sich schon vor langer Zeit von der illusionären Vorstellung verabschiedet, in Zahl der Arbeitsplätze und internationaler Bedeutung die Vorreiterrolle Londons in Europa angreifen zu können. Dazu sind die Größenunterschiede zu erheblich. Aber auf dem europäischen Kontinent kann Frankfurt am Main durchaus jeden Wettbewerb bestehen. Das liegt an der Präsenz so wichtiger Regulierungsbehörden wie der Europäischen Zentralbank (EZB), der Bundesbank und großen Teilen der deutschen Finanzaufsicht. Es liegt aber auch an der Internationalität der Banken und der durch den Flughafen gesicherten Internationalität der Stadt. Der Vergleich mit der Vertretung des Finanzplatzes London durch die „City of London Corporation“ ist aber durchaus auch heute ein legitimer Ansporn.

„Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte waren mehr Führungskräfte und Mitarbeiter von internationalen Banken gleichzeitig auf Standortsuche in Europa als heute. Fast alle diese Untersuchungen enden mit einem klaren Vorteil für Frankfurt.“

Für alle diejenigen in den Unternehmen, die sich zur Mitarbeit in der Frankfurter Initiative bereiterklärt haben, ist dies zusätzlicher Aufwand. Nicht nur dem das vergangene Jahrzehnt prägenden Vorsitzenden Dr.Lutz Raettig und Geschäftsführer Hubertus Väth, sondern auch vielen Mitstreitern in der Frankfurter Stadtgesellschaft und der Politik ist es zu verdanken, dass in den heutigen Tagen „Frankfurt Main Finance“ ein allseits respektierter und gesuchter Gesprächspartner ist.

Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte waren mehr Führungskräfte und Mitarbeiter von internationalen Banken gleichzeitig auf Standortsuche in Europa als heute. Fast alle diese Untersuchungen enden mit einem klaren Vorteil für Frankfurt. Dennoch sind viele, oft zu viele, skeptisch, ob Lebensqualität, Infrastruktur, Ausbildungsmöglichkeiten und Bankenregulierung so gestaltet sind, dass Frankfurt wirklich das Rennen gewinnen wird. Dabei geht es nicht nur um Zahlen und Fakten. Es geht oft um Lebensgefühl und um Lebenserfahrungen. „Frankfurt Main Finance“ hat die außergewöhnliche Chance, die sachlichen und menschlichen Seiten der Frankfurter Region und des Finanzplatzes Frankfurt in allen Präsentationen glaubwürdig zu verbinden.

Nach einem Jahrzehnt kann man sicher sagen, dass die Gründung einer solchen Interessenvertretung der Finanzindustrie in Frankfurt richtig und wichtig war. Man kann sicherlich auch sagen, dass sich nach zehn Jahren die Nachhaltigkeit der damals gegründeten Initiative erwiesen hat. Auf diesem stabilen Fundament geht es nun in das nächste Jahrzehnt. Auch dieses Jahrzehnt wird von Herausforderungen geprägt sein, die die nationale Gesetzgebung, die regionalen Aktivitäten und auch die Industrie selbst fordern werden.

Deutschland ist nach wie vor in einer Situation, in der die Erträge der Banken im Vergleich zu denen in den übrigen europäischen Ländern sehr deutlich zurückliegen. Es wird deshalb Kosteneinsparungen, Personalreduzierungen und Standortschließungen geben. Für das Finanzzen­trum mit den weltweiten oder regionalen Hauptquartieren kann das durchaus eine Stärkung bedeuten. Aber es verändert die Ansprüche an die Mitarbeiter, das Gehaltsniveau und die am Sitz der Unternehmen angesiedelten Dienstleister. Ohne den Brexit wäre mit einer Verringerung der Zahl der in Frankfurt beschäftigten Mitarbeiter zu rechnen gewesen, nun kann das auch deutlich anders kommen.

„Nach einem Jahrzehnt kann man sicher sagen, dass die Gründung einer solchen Interessenvertretung der Finanzindustrie in Frankfurt richtig und wichtig war. Man kann sicherlich auch sagen, dass sich nach zehn Jahren die Nachhaltigkeit der damals gegründeten Initiative erwiesen hat.“

Zunehmende Internationalität

Unabhängig davon, ob es mehr Mitarbeiter oder anders ausgebildete Mitarbeiter sein werden, sie werden veränderte Ansprüche an die Region haben. Die Internationalität wird zunehmen, also werden mehr internationale Schulen gebraucht. Die Ausbildung an den Hochschulen in der Region muss sich auf die veränderte Aufgabenstellung gerade auch im Bereich von Risikomanagement und allgemeiner Banksteuerung einstellen. Auch das kulturelle Angebot der Stadt muss den Wettbewerb mit den anderen Metropolen Europas dadurch bestehen, dass neben den großartigen vorhandenen Einrichtungen spezielle Events zur Beliebtheit der Region beitragen. Bei der korrekten Beschreibung der Anforderungen, die hier auf die Region zukommen, kann die FinanzplatzInitiative einen sehr wichtigen Beitrag leisten.

Von Anfang an durfte nicht unterschätzt werden, dass zu der Besonderheit der Initiative gehört, dass ihr aus den Bereichen der Sparkassen, der Genossenschaftsbanken und der Privatbanken gleichermaßen An­erkennung widerfährt. Sie wurde damit auch bei der nationalen Gesetzgebung zu einer Initiative, die jenseits der Sektoreninteressen für die gesamte Finanzwirtschaft sprechen kann. Dieser Beitrag wird auch von der Politik in Berlin und Wiesbaden sehr geschätzt und kann noch ausgebaut werden.

Wir haben es derzeit mit einer völlig überregulierten Industrie zu tun, die gemeinsam mit der Politik noch immer schwer an den Folgen der letzten Finanzkrise zu arbeiten hat. Im internationalen Wettbewerb ist dabei eine gute und sichere Regulierung ebenso von Bedeutung wie die Möglichkeit der Industrie, ohne überbürokratische Hürden ihre Geschäftsmodelle flexibel zu ändern und dem immer schnelleren Kreislauf der Innovationen anzupassen. Die aktuelle Diskussion um die Änderung arbeitsrechtlicher Vorschriften zugunsten eines flexibleren Einsatzes von weit überdurchschnittlich verdienenden Mitarbeitern im Investment Banking könnte dafür ein Prüfstein werden.

Spätestens seit dem Anfang dieses Jahrzehnts ist die Finanzindustrie – durchaus verständlicherweise – nicht populär. Für Frankfurt ist sie aber neben dem Flughafen der entscheidende Träger für Wohlstand und Entwicklung. Zugleich ist damit eine Branche in Frankfurt zu Hause, die mit schnellen technischen Innovationen sich unweigerlich verändern wird. Frankfurt wird dabei auch ein guter Arbeitsplatz für junge Menschen sein, die von hier aus ihre zukünftige Welt gestalten werden. Es wäre gut, wenn es gelingt, dass Stadt- und Regionalpolitik ebenso wie die Bürgerinnen und Bürger mit Zuversicht und auch mit ein wenig Stolz auf diese Unternehmen und ihre Arbeitnehmer blicken würden.

Wirtschaft und Politik brauchen die Unterstützung der Bürger bei der Schaffung attraktiver Rahmenbedingungen für den Finanzplatz. „Frankfurt Main Finance“ ist ein wichtiger Vermittler zwischen allen betroffenen Menschen und Institutionen. Das hat die Initiative im vergangenen Jahrzehnt bewiesen, und genau das wird auch in Zukunft von ihr erwartet.