Bewegung in der Welt der Banken – der Brexit und seine Folgen

Die Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union haben begonnen. Ein wichtiges Thema ist, ob die Verrechnung von Wertpapiergeschäften in Euro („Euro Clearing“) künftig weiterhin in London oder auf dem Kontinent stattfindet. Viele Banken bereiten sich darauf vor, ihr Geschäft auf andere Standorte zu verlagern.

 

Deutsche Bundesbank: Erste von einem Brexit betroffene Banken bewerben sich

Im Juni sind erstmals Michel Barnier, Chefunterhändler der EU-Kommission, und Großbritanniens Brexit-Minister David Davis in Brüssel zusammengekommen, um über den Austritt der Briten aus der Europäischen Union (EU) zu verhandeln. Währenddessen laufen in den Banken Überlegungen auf Hochtouren, ihre Standorte in andere europäische Finanzmetropolen zu verlagern. Entsprechend haben der Deutschen Bundesbank zufolge die ersten von einem EU-Austritt Großbritanniens betroffenen Finanzinstitute Banklizenzen für Deutschland beantragt. Andreas Dombret, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank und unter anderem zuständig für Banken und Finanzaufsicht, sprach in einem Interview von „ersten Bewerbungen“. Zudem sagte Dombret, er habe „zwei Dutzend Diskussionen“ über eine Standortverlagerung auf den europäischen Kontinent geführt, gehe aber nicht davon aus, dass jede in einen Umzug nach Deutschland münden werde. „Ich erwarte, dass die meisten Banken ihre Umzugsentscheidungen bis zur Mitte des Jahres treffen werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie sie auch bekannt machen werden“, fügte er hinzu.

Standard Chartered etabliert notwendige Infrastruktur für Banklizenz in Deutschland

Eines der ersten Institute, die nach dem Brexit-Votum der Briten den Unternehmensstandort Frankfurt ausbaut, ist die britische Großbank Standard Chartered. „Wir werden jetzt die notwendige Infrastruktur etablieren, um auf dieser Grundlage eine Banklizenz in Deutschland zu beantragen“, sagte Deutschland-Chef Heinz Hilger den Nachrichtenagenturen dpa und dpa-AFX. „Unser Zeitplan ist, bis spätestens Ende 2018 die operativen Themen stehen zu haben.“ Dabei fiel die Entscheidung zugunsten Frankfurts, weil die Bank in Deutschland mit aktuell etwa 100 Mitarbeitern ohnehin schon die größte Präsenz in Europa nach der Zentrale in London habe, erklärte Hilger. „Das hängt damit zusammen, dass wir aus Deutschland heraus das sogenannte Euro-Clearing betreiben. Das macht den Standort größer und komplexer und damit besser geeignet für weitere Aufgaben.“ Zudem zählten die Nähe zu den Regulierungsbehörden, die Internationalität sowie der Flughafen zu den Vorteilen der Mainmetropole. Wie viele Mitarbeiter am Frankfurter Standort hinzukämen, hänge davon ab, wie hart der Brexit werde. „Wir reden in einem ersten Schritt von einer sehr überschaubaren Zahl von Mitarbeitern, die nach Frankfurt kommen werden, vielleicht 20. Wie viele Leute es letztlich betreffen wird, kann derzeit niemand seriös sagen.“

Goldman Sachs: „Wir beginnen damit, Ressourcen nach Frankfurt und in andere europäische Städte zu verlagern“

Zu den Großbanken, die bereits eine deutsche Banklizenz haben, gehört die Goldman Sachs Gruppe. Für das Unternehmen arbeiten derzeit rund 200 Mitarbeiter im Frankfurter Messeturm im Vergleich zu etwa 6.000 Angestellten in der Londoner City. Da der Brexit inzwischen als sicher gilt, wird Goldman Sachs nach Aussagen von Richard Gnodde, stellvertretender Vorsitzender der Goldman Sachs Group, Inc. und Chief Executive Officer von Goldman Sachs International, die Anzahl der in Frankfurt tätigen Mitarbeiter wenigstens verdoppeln. „Wir beginnen damit, Ressourcen nach Frankfurt und in andere europäische Städte zu verlagern. Mitarbeiter mit Kundenkontakt rücken näher an ihre Kunden heran, ob das nun Mailand, Madrid oder eine andere Stadt ist“, sagte Gnodde in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Da der gesamte Brexit-Prozess nicht vorhersehbar sei, halte er es für wichtig, „entsprechende Notfallpläne“ zu haben. Zudem hoffe und erwarte er, dass es am Ende der Verhandlungen eine Übergangszeit geben werde, damit sich die Finanzbranche auf die neue Situation einstellen könne. „Für die Stabilität des Finanzsystems ist es wichtig, dass die Banken nicht sehr kurzfristig Teile des Geschäfts hin und her schieben müssen. Sie müssen die Zeit haben, Ressourcen aufzubauen; auch die Finanzaufsicht muss sich umstellen.“ Im Wettbewerb um das künftige Finanzzentrum Europas sieht Gnodde mehrere europäische Metropolen im Rennen, darunter auch Paris und Dublin. Frankfurt habe derzeit aber einen Vorsprung.

Invesco: Attraktivität sinkt für Großbritannien und steigt für Deutschland aus Sicht von Staatsfonds

Staatsfonds beurteilen den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union als negativ, weshalb das Land auf lange Sicht inzwischen als weniger attraktiv für Investitionen gilt – zu dieser Erkenntnis kommt die Studie „Global Sovereign Asset Management 2017“ der Investmentgesellschaft Invesco. In Anbetracht der Unsicherheit über die Besteuerung von Importen oder den Zugang zum EU-Binnenmarkt stellen die Befragten auch „die Zukunft Großbritanniens als ‘Investment Hub’ für Europa“ in Frage. Dagegen ist die Attraktivität Deutschlands als Investitionsstandort nach Aussagen der Studie seit 2015 kontinuierlich gestiegen. Die Ergebnisse basieren auf Face-to-Face-Interviews mit 97 führenden Staatsfonds, staatlichen Rentenfonds sowie Zentralbanken mit einem Vermögen von insgesamt rund 12 Billionen US-Dollar.

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