Bunte Götter verblüffen mit der Farbenfreude antiker Skulpturen – Projekt und Ausstellung im Liebieghaus in Frankfurt

Radikal anders und vielfach irritierend sind die rund 60 Rekonstruktionen griechischer und römischer Skulpturen, die gegenwärtig in prächtigen Farben im Liebieghaus Frankfurt erstrahlen. Skulpturen in reinem Marmorweiß oder in reiner Bronze sucht man vergebens. Noch bis 17. Januar 2021 vermittelt die Ausstellung „Bunte Götter“, die bislang drei Millionen Menschen weltweit besucht haben, im Liebieghaus am Museumsufer ungewohnte Perspektiven. Wolfgang Gerhardt hat für uns die Ausstellung besucht.

Die Lust an der Farbe in der Antike

Die Vorstellung, die Skulpturen aus der europäischen Antike seien – im Gegensatz zum Beispiel zu ägyptischen Kunstwerken – farblos gewesen, beruht auf dem Un- und Halbwissen der Renaissancezeit, aber auch auf dem Ideal der reinen Form, das vor allem im 20. Jahrhundert weit verbreitet war. Für die Ausstellung wurden von Kunstwerken, an denen sich über die Jahrhunderte Farbreste besonders gut erhalten haben, Kopien angefertigt und dann die Farbigkeit rekonstruiert.

Die Ergebnisse sind verblüffend: Ein orientalischer Bogenschütze, der sog. Paris, vom Giebel eines Tempels auf der Insel Ägina war ursprünglich am ganzen Körper mit Tierdarstellungen und komplexen Ornamenten in gelb, grün, rot und blau bemalt – übrigens in einer Tracht, die auch bei Textilfunden im Altai-Gebirge gefunden wurde.

Statuen von Göttinnen, Frauen und Mädchen tragen lange, farbige Gewänder und sind mit Kronen aus Federn bzw. Lotusblüten geschmückt. Gewänder und Schmuck sollten die Ästhetik und die Lebendigkeit verstärken, aber auch Informationen zur Identität geben. Chancen und Grenzen der experimentellen Farbrekonstruktionen zeigt eine Büste von Kaiser Caligula. Am Original des Kopfes sind an den Schläfen noch Farbreste zu erkennen, die als Grundlage genutzt wurden, aus denen drei mögliche Gestaltungsvarianten entwickelt wurden.

Unerwartet und einzigartig ist die Lebensnähe, die zwei Bronzegruppen auszeichnen – zum einen die beiden berühmten Statuen aus dem Meer bei Riace, zum anderen Bronzestatuen vom Qurinal in Rom. Auf die Bronzen wurde Asphaltlack mit Rotpigment aufgetragen – die Kämpfer sehen jetzt aus, als hätten sie eine sonnengebräunte Haut. Die Augen wurden durch Edelsteine, die Brustwarzen und Lippen durch Kupfer, die Zähne durch Silberblech ausgefüllt; Helme, Fuchsfelle und Waffen wurden ergänzt. Die Verwundungen in den Gesichtern, die sich bereits an den Originalen finden, wurden möglichst naturgetreu nachempfunden.

Liebieghaus: Plattform der internationalen Forschung zur Statuenpolychromie

Schon im 18. und 19. Jahrhundert hatten sich Archäologen, Kunstwissenschaftler und Architekten, die Farbspuren an Marmorfunden zum Beispiel in Pompeji gesehen hatten, mit dem Phänomen der Farbigkeit der Antike beschäftigt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dieses Wissen geradezu verdrängt. Erst vor fast 40 Jahren hat ein internationales Team erneut an diese Tradition angeknüpft. Das Team steht unter der Federführung von Professor Vinzenz Brinkmann, seit 2007 Leiter der Antikensammlung im Frankfurter Liebieghaus und Kurator der Ausstellung.

So ist das Liebieghaus in Frankfurt zu einer internationalen Forschungsplattform geworden. „Statuenpolychromie“ ist der Fachbegriff für die Farbigkeitsforschung, die von zahlreichen Universitäten und Museen unterstützt wird. Ebenso haben die Republik Italien und das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung Mittel bereitgestellt. Neben den antiken Schriftquellen wurden insbesondere moderne naturwissenschaftliche Verfahren genutzt, mit denen Farb- und Pigmentreste eingehend analysiert werden können.

Die Ausstellung wurde im Jahr 2003 konzipiert und 2008 erstmals in Frankfurt gezeigt. In 30 Städten rund um den Globus – von Athen bis Mexiko, von Rom bis Harvard, zuletzt in San Francisco -, haben mittlerweile rund drei Millionen Besucher die Schau gesehen. Die Ausstellung wird kontinuierlich durch neue Forschungsergebnisse erweitert – bei der aktuellen Schau um den Aspekt der Vergoldung, weshalb die „Bunten Götter“ in Frankfurt mit dem Zusatz „Golden Edition“ auftreten.

Ursprünglich sollte die Ausstellung in der Skulpturensammlung am Schaumainkai, unmittelbar am südlichen Mainufer, bereits im August enden. Coronabedingt wurde sie bis zum 17. Januar 2021 verlängert.

Text und Fotos: Dr. Wolfgang Gerhardt