FinTech-Standort Deutschland auf Wachstumskurs

Deutschlands Sektor der jungen Technologie-Unternehmen im Bereich Finanzdienstleistungen (FinTech) gelingt es zunehmend, zu einem aus eigener Kraft wachsenden dynamischen und diversifizierten Cluster zu werden. Dies ist ein wesentliches Ergebnis der aktuellen Studie „Germany FinTech Landscape“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, die zusammen mit Frankfurt Main Finance die deutsche FinTech-Branche untersucht hat und Möglichkeiten für deren weitere Förderung aufzeigt. Klar erkennbar ist laut Studie der Trend der Finanzinstitute, verstärkt auf die Herausforderung durch Produkte und Dienstleistungen der FinTech-Unternehmen zu reagieren. Die Mehrzahl der zehn größten Banken investieren heute in und/oder kooperieren mit FinTechs. Des Weiteren zeigt sich, dass die Geschäftsmodelle der FinTechs reifer werden und diese z.B. durch Kooperationen untereinander in die nächste Entwicklungsphase gehen, um ihre Marktposition nachhaltig zu stärken.

Im ersten Halbjahr stieg die Zahl der FinTech-Unternehmen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent auf 295 (2016: 280). Der Kapitalzufluss lag im ersten Halbjahr bereits bei 307 Millionen Euro, im Gesamtjahr 2016 hatten die FinTech-Unternehmen in Deutschland 400 Millionen Euro eingesammelt. Die Anzahl der Abschlüsse legte ebenso zu wie die durchschnittliche Größe der Deals, die leicht von 7 Millionen Euro auf 7,3 Millionen Euro anstieg.

Auch wenn die absoluten Wachstumsraten leicht abflachen, zeigt sich weiter eine durchgängig positive Dynamik bei allen wesentlichen Kennzahlen. Das zeige, dass sich die FinTech-Landschaft in Deutschland weiterhin auf einem erfreulichen Pfad befinde, sagt Jan-Erik Behrens, Mit-Autor und Partner bei EY: „Die Entwicklung, die wir hierzulande beobachten, läuft auf ein weiteres Rekordjahr zu und zeigt eindrucksvoll die Innovationskraft des Standorts Deutschland mit unterschiedlichen regionalen Stärken.“

FinTech-Branche verschiebt Fokus und Geschäftsmodelle gewinnen an Reife

Die deutschen FinTechs rücken immer stärker an die Kernfunktionen der Finanzdienstleister heran. Das gilt etwa für Bezahlsysteme über Internet oder mobile Geräte (Payments), Kredite (Lending), aber auch Angebote für die Immobilienwirtschaft (PropTech), die Versicherungsbranche (InsurTech) und der Vermögensanlage (InvesTech) und elektronische Marktplätze (Financial eMarketplaces & Aggregators). Etwa 67 Prozent der neuen FinTechs kommen aus diesen Kernsegmenten, 33 Prozent sind Gründungen im Bereich Enabling FinTechs, zu dem Finanz- und Prozesssteuerungssoftware (Processes & Technology), Finanzdatenanalyse und Regulierungsmanagementservices (RegTech) zählt.

Die Studie zeigt eine Verschiebung der FinTech Aktivitäten. Segmente die in den letzten Jahren das Wachstum stark getrieben hatten, waren InvesTech, Financing & Funding und InsurTech. Im ersten Halbjahr 2017 hingegen ist eine sehr hohe Aktivität im Bereich PropTech zu verzeichnen, was nicht zuletzt auch dem starken Immobilienmarkt in Deutschland geschuldet sein dürfte, wie die Studie vermutet.

Berlin und Rhein-Main-Neckar sind die führenden FinTech-Standorte in Deutschland

Vor allem die Regionen Berlin und Rhein-Main-Neckar bauen innerhalb Deutschlands ihren Status als FinTech-Hotspots aus: Berlin verzeichnet aktuell 80 FinTech-Unternehmen, in der Region Rhein-Main-Neckar sind 72 Unternehmen aktiv. Mit einigem Abstand folgt München, die dritte der führenden FinTech-Standorte innerhalb Deutschlands. In der bayrischen Hauptstadt haben 45 FinTechs ihren Sitz.

Der Rhein-Main-Neckar-Region, angeführt von Frankfurt, bescheinigt die Studie deutliche Fortschritte auf dem Weg, sich als führender Zielort für die Ansiedlung von FinTechs zu etablieren. Die besonderen Stärken der Region Rhein-Main-Neckar sieht die Studie im Bereich Veranstaltungen & Netzwerke sowie im Bereich Infrastruktur. Zahlreiche Inkubatoren, Acceleratoren, Investorentreffen und Vernetzungsinitiativen wurden ins Leben gerufen und mit Erfolg gestartet. Beim Image und Finanzierungsmöglichkeiten hat die Region allerdings noch Steigerungspotenzial. „Internationale Investoren konzentrieren sich noch weiter auf London oder Berlin“, stellt Behrens fest. „Deshalb muss die FinTech-Community an ihrer internationalen Sichtbarkeit arbeiten, um auch Investoren aus dem Ausland anzuziehen.“

Zu den Trends, die die Entwicklung der FinTechs in Zukunft beeinflussen werden, verweist die Studie darauf, dass der Brexit – Großbritanniens Austritt aus der Europäischen Union (EU) – die Attraktivität der deutschen FinTech-Zentren steigern dürfte. Wie etliche Finanzinstitute, die sich bereits für die Verlagerung von Geschäftseinheiten von London in die EU, vor allem auch nach Frankfurt, entschieden haben, dürften auch FinTech-Unternehmen folgen.

„Die hohe Anziehungskraft Frankfurts für Banken macht die Region für FinTechs nun noch interessanter“, sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance. „Der führende Finanzplatz der EU hat die Chance, eine Sogwirkung auf FinTechs ausüben und führender Standort für die jungen, innovativen und agilen Unternehmen zu werden. Es gilt, die Attraktivität des Standorts für FinTechs weiter auszubauen. Frankfurt und die Rhein-Main-Neckar-Region stehen in einem weltweiten Wettbewerb, und London bleibt absehbar die Benchmark in Europa, an der uns Gründer messen werden. Vor allem bei der Offenheit für die Zusammenarbeit mit Gründern, der sozialen Akzeptanz eines Scheiterns und des folgenden Neuanfangs sowie bei der steuerlichen Behandlung von Verlusten aus Risikokapital, müssen wir noch besser werden.“

Finanzinstitute sind zunehmend aktiv im Bereich FinTech

Die wachsende Präsenz von FinTechs im Finanzsektor hat Banken und andere Finanzinstitute dazu veranlasst, verschiedene Initiativen ins Leben zu Rufen und somit auf die FinTech-Herausforderung zu reagieren. So haben neun der zehn größten Banken Deutschlands Kooperationen mit FinTech-Unternehmen begonnen, einige haben selbst in FinTechs investiert wie z. B. die Commerzbank über ihre Investment Vehikel Commerz Ventures und Mainincubator oder die Deutsche Börse über db1 Ventures. „Die Banken beobachten die FinTech-Unternehmen und ihre Lösungen sehr genau – sie kooperieren mit den Startups und investieren zum Teil selber. Bei der Entwicklung eigener innovativer Lösungen bzw. Produkte haben sie aber noch Nachholbedarf“, beobachtet Christopher Schmitz, Mit-Autor und Partner bei EY. „Die aktuellen Initiativen der Banken sind noch vereinzelte und wenig koordinierte Antworten auf die FinTech-Herausforderung. Ein umfangreiches Leistungsangebot auf einer digitalen Plattform, wo sowohl eigene Produkte als auch die von externen Dienstleistern angeboten werden, wäre eine angemessene Antwort auf die FinTechs – Banken arbeiten daran, aber von für Kunden greifbare Mehrwerten ist bislang wenig zu sehen.“ Solche digitalen Ökosysteme könnten auch in Kooperation mit FinTechs entstehen – die Reisebank aus der DZ BANK Gruppe tritt mit ihrem Bankomo Smartphone Banking-Produkt an, ein derartiges Ökosystem zu etablieren.

FinTechs kooperieren mit FinTechs

Während Finanzinstitute noch an einer angemessenen Reaktion auf die FinTech-Herausforderung arbeiten, expandiert eine zunehmende Zahl von FinTechs außerhalb ihres Kernmarktsegments, beobachtet Schmitz. Sie setzen dabei zunehmend auf Partnerschaften mit anderen FinTechs. Es ist auch bemerkenswert, dass die reiferen FinTechs versuchen bereits ihre eigenen Ökosysteme rund um das Kernproduktportfolio aufzubauen. Gut zu erkennen ist dies an Beispielen wie N26, die ihr Leistungsspektrum schnell durch Kooperationen mit anderen FinTechs ausgebaut haben. Die PSD2, die den Zugang für Dritte zu Zahlungskonten ab 2018 etabliert, sowie die zu erwartende weitere Öffnung im Rahmen der „Open Banking“ Bestrebungen bereitet der digitalen Plattformökonomie im Finanzdienstleistungsbereich den Weg. Daher wird sich der Wettbewerb mit etablierten Finanzinstituten intensivieren, erwartet Schmitz: „Finanzinstitute sollten jetzt sich dem Wettbewerbsumfeld angemessene Strategien überlegen und ihre digitalen Ökosysteme mit erkennbaren Kundenmehrwerten in Kooperation mit innovativen Spielern etablieren“.

Die komplette Studie können Sie hier herunterladen.

Rationale Anwendung der EBA-Vergabekriterien spricht für Ansiedlung in Frankfurt

Die EU-Kommission hat sich zur Vergabe des Sitzes der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) geäußert. Die EBA muss als Folge des Ausscheidens von Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) ihren Sitz von London in ein Land der EU verlegen. Neben Frankfurt bewerben sich sieben weitere Städte um die Ansiedlung der EBA. Nun hat die EU-Kommission ihre Bewertung der Bewerbung veröffentlicht. Frankfurt Main Finance begrüßt diesen vorbildlich transparenten Bewerbungsprozess. Die Unterlagen der EU-Kommission finden Sie hier.

Die Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance (FMF) sieht gewichtige Gründe für die Ansiedlung der EBA am Finanzplatz Frankfurt. „Bei der damaligen Ansiedlung der EBA in London stachen zwei Argumente: London war zum einen der führende Finanzplatz und konnte zum anderen auf regulatorische Kompetenz verweisen. Beides gilt innerhalb der Europäischen Union nach dem Brexit für keine andere Stadt mehr als für Frankfurt. Das belegen auch die Entscheidungen der Banken, sich in Frankfurt anzusiedeln“, sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance.

„Frankfurt ist heute mit der Europäischen Zentralbank (EZB), der europäischen Versicherungsaufsicht (EIOPA) und dem europäischen Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) bereits die Hauptstadt der europäischen Finanzmarktaufsicht. Die Ansiedlung der EBA an einem anderen Ort als Frankfurt würde dieses einzigartige Ökosystem, statt auszubauen, ohne Not fragmentieren und als unmittelbare Folge den Banken, die ohnehin unter den Folgekosten des Brexit leiden, zusätzliche Ausgaben aufbürden“, so Väth weiter. „Aus unserer Sicht kann die rationale Anwendung der Vergabekriterien nur für die Ansiedlung der EBA in Frankfurt sprechen.“

 

Das Rhein-Main Gebiet entwickelt sich zur florierenden Startup-Region

Am 27. September 2017 beginnt die erste Startup SAFARI Frankfurt/Rhein-Main. An zwei Tagen zeigen über 100 Startups, Acceleratoren, Inkubatoren, Innovation Labs und CoWorking-Anbieter ihr Unternehmen. In den Städten Darmstadt, Frankfurt am Main, Mainz, Offenbach und Wiesbaden können Interessierte hinter die Kulissen schauen und an diversen Programmpunkten teilnehmen. Zum Beispiel zeigen dabei die jungen Gründer mit welcher Idee sie am Markt erfolgreich sind. Drei Stationen gibt es in Mainz, jeweils fünf in Darmstadt und Wiesbaden, und über 40 Gastgeber in Frankfurt. Der Ostpol Gründercampus bündelt in Offenbach vier Programmpunkte. Damit gibt die Startup SAFARI erstmalig einen umfassenden Überblick über Produkte und Unternehmen, die in der Region entwickelt wurden und zum Teil schon weltweit erfolgreich sind.

Startup SAFARI Frankfurt/Rhein-Main feiert Premiere

Die Startup SAFARI ist eine Premiere für die Region. Die Teilnehmer haben die Möglichkeit an beiden Tagen in allen fünf Städten an den Programmpunkten teilzunehmen. Die Teilnehmer können sich ihren eigenen Ablaufplan zusammenstellen. So können sie Themenschwerpunkte setzen und zum Beispiel gezielt Startups und Unternehmen aus den Branchen FinTech, InsureTech, PropTech, LifeScience, Big Data, Logistics, Mobility, Virtual Reality, neue Medien und viele mehr, besuchen. Mehrere Community-Events in Frankfurt fördern auf der Startup SAFARI den Austausch und die Vernetzung zwischen den Teilnehmern und vertretenen Unternehmern.

Ziel der ersten Startup SAFARI

Mit der ersten Startup SAFARI gibt es zum ersten Mal die Chance über 80 erfolgreiche Gründer persönlich kennenzulernen. Carolin Wagner, Kuratorin der Startup SAFARI Frankfurt/Rhein-Main beschreibt das Ziel so: “Es ist schier unvorstellbar, wie viele verschiedene Ideen in der Region
geboren wurden und wie lebhaft die Szene ist. Das fängt bei FinTech an und geht über künstliche Intelligenz und reicht bis in die Gesundheitswirtschaft. Kaum jemandem ist bekannt, welche einzigartigen Ideen aus der Region kommen. Zu oft wird auf andere große Städte geschaut, ohne zu sehen, was wir hier in der Region schon hervorgebracht haben.” Die Startup SAFARI schafft an zwei Tagen eine Bühne für innovative Jungunternehmern aus der Region. Gleichzeitig haben sich schon über 600 Teilnehmer für die Safari angemeldet. “Das Interesse an der SAFARI ist riesig”, sagt Carolin Wagner, die das Programm zusammengestellt hat.

Rhein-Main Region bei Startups und Gründern beliebt

Der Organisator der Startup SAFARI Rhein-Main, Daniel Putsche, beschreibt die Region als prosperierend. Bei der Vorbereitung der Veranstaltung klang immer wieder an, wie beliebt die Region für Gründer ist. “Die Frankfurt/Rhein-Main Startup-Szene ist rasant gewachsen. Bisher gab es allerdings wenig Überblick was die Branchen und jungen Unternehmen anbelangt. Die Startup SAFARI setzt genau da an und ermöglicht nun allen Interessierten erstmalig einen umfassenden Einblick in das Ökosystem. Mit allen relevanten Playern wie zum Beispiel Co-Working Spaces, Innovation Labs und natürlich Startups selbst.” Putsche hat selbst vor vier Jahren die Firma Candylabs gegründet. Candylabs begleitet Unternehmen und Konzerne durch Innovationsprozesse.

Auch Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat erkannt, wie wichtig es ist, dass das Rhein-Main Gebiet und insbesondere Frankfurt als Startup-Region wahrgenommen wird. Die Bedeutung der ersten Startup SAFARI beschreibt das Stadtoberhaupt so: „Frankfurt entwickelt sich als beliebter Startup- und Gründerstandort. Die Startup SAFARI Frankfurt/Rhein-Main ist eine herausragende Veranstaltung von motivierten jungen Gründern, die genauso – wie viele – überzeugt von Frankfurt und der Region als Standort sind! Ich begrüße das Engagement, die Begeisterung und die Leidenschaft aus der Szene sehr.”

In den fünf Städten gibt es 60 unterschiedliche Programmpunkte. Über 80 Startups, zehn CoWorking-Spaces, acht unternehmensinterne Innovation Labs und Initiativen, sechs Acceleratoren, und drei Inkubatoren stellen sich vor. Bislang haben sich zur Safari über 600 Teilnehmer registriert, die Vorträge, Präsentationen und Pitches in den unterschiedlichen Orten besuchen. Während der zwei Tage sind über 26 Stunden Programm dicht durchgetaktet.

Möglich wurde die Startup SAFARI durch das finanzielle Engagement der Sponsoren PwC, DB Systel, Industriepark Höchst, Merck, die Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain, Aurelis, eprimo, EY, Provadis Hochschule, The Office Frankfurt, und die Wirtschaftsförderung Frankfurt. Zudem haben adaptive Balancing Power, Climate-KIC, Hogan Lovells, Infraserv Höchst, Innovectis, Sanofi, Science4life und Technologieland Hessen die Startup SAFARI finanziell unterstützt.

Weitere Informationen zur Startup SAFARI Frankfurt/Rhein-Main finden Sie hier.

 

Europa-Kulturtage der EZB: Inspirierendes Spanien

Die Europa-Kulturtage der EZB haben Tradition. Seit 2003 werden gegen Ende des Jahres in den kulturellen Einrichtungen der Stadt Frankfurt am Main zahlreiche herausragende künstlerische Darbietungen aus den Bereichen Musik, Tanz und Theater präsentiert. Ebenfalls auf dem Programm stehen Vorträge über Kunst, Ausstellungen, Literaturveranstaltungen, Filme sowie Veranstaltungen für Kinder. Die EZB organisiert die KULTURTAGE zusammen mit der nationalen Zentralbank des jeweiligen Gastlands. Dabei wird sie von vielen Partnern unterstützt, denen die Förderung der europäischen Kunst und Kultur am Herzen liegt.

2017 steht Spanien im Mittelpunkt der gemeinsam von der Europäischen Zentralbank und der Banco de España ausgerichteten EUROPA-KULTURTAGE. Einwohner und Besucher der Stadt Frankfurt sowie der Rhein-Main-Region können sich im Rahmen dieser Veranstaltung von der inspirierenden Kultur dieses Landes in den Bann ziehen lassen. Den Auftakt bildet am 24. August das Europa Open Air auf der Weseler Werft mit dem hr-Sinfonieorchester.

Detaillierte Informationen zu den Veranstaltungen sind im Veranstaltungsmagazin zusammengefasst (Download).

 

Bildnachweis: Banco de Espana

 

FMF begrüßt Theo Waigel als Sonderbeauftragten für Bewerbung um EBA-Ansiedlung in Frankfurt

Der langjährige Bundesminister der Finanzen Theo Waigel (CSU) übernimmt die Aufgabe des Sonderbeauftragten für die Bewerbung der Bundesregierung und der Hessischen Landesregierung um die Ansiedlung der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) in Frankfurt am Main. Das gab der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier am Freitag bekannt. Die Aufsichtsbehörde, die derzeit ihren Sitz in London hat, muss in der Folge des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU) ihren Sitz in die verbleibende EU verlegen. Neben Deutschland bewerben sich auch andere EU-Staaten um die EBA. Eine Entscheidung über den künftigen Sitz der Behörde nach dem Brexit wird voraussichtlich im November 2017 fallen.

Die Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance (FMF) begrüßt ausdrücklich die Verpflichtung von Theo Waigel als Sonderbeauftragten. „Wir sind hocherfreut über dieses klare Signal der Bundesregierung für Frankfurt. Mit Theo Waigel erhält die Bewerbung um die EBA zusätzliche Durchschlagskraft. Der frühere Bundesfinanzminister vereint Sachkompetenz, Einfluss und diplomatisches Geschick. Ein kluger Schachzug des BMF, ihn für die Sache zu gewinnen“, sagt FMF-Geschäftsführer Hubertus Väth. „Theo Waigel ist ein glaubwürdiger und leidenschaftlicher Europäer. Er ist Frankfurt nicht zuletzt durch seinen Auftritt auf dem Frankfurt Finance Summit und einer Veröffentlichung im Jahrbuch des Standortes verbunden. Er war mit Helmut Kohl federführend bei der Einführung des Euro.“

Felix Hufelds Ansprache an den Verband der Auslandsbanken in Deutschland

Felix Hufeld, Präsident der BaFin, thematisiert in dem Auszug seiner Rede anlässlich des Jubiläums „35 Jahre Verband der Auslandsbanken in Deutschland“ am 30. August 2017 in Frankfurt am Main u.a. den Brexit und den damit einhergehenden Umzug von Finanzdienstleistungen. Die komplette Rede finden Sie hier.

Meine Damen und Herren,

die Entscheidung für den Brexit ist jetzt etwas mehr als ein Jahr alt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, aber ich habe den Brexit als eine Zäsur erlebt, als den vielleicht größten Rückschlag bei der europäischen Einigung seit der Gründung der Montanunion im Jahr 1951. Lange Zeit sah es ja so aus, als habe der frühere Kommissionspräsident Jacques Delors mit seinem Satz „Europa ist wie ein Fahrrad. Hält man es an, fällt es um“ die politische Richtung quasi unumkehrbar vorgegeben. Immer mehr Staaten traten der Europäischen Union bei, immer mehr Kompetenzen fielen in die Zuständigkeit des Europäischen Parlaments und der Kommission.

Und das nicht aus Plaisir oder weil den politischen Entscheidern danach war, sondern weil eine stärker vernetzte Welt nach europäischen, wenn nicht sogar globalen Antworten verlangt hat. Das galt besonders für die Finanzregulierung, die ohne jeden Zweifel inzwischen zu den am dichtesten und stärksten europäisierten Rechtsmaterien überhaupt gehört. Auch das nicht ohne Grund. In einem Umfeld mit komplexen und global aufgestellten Märkten ist Finanzregulierung auf starke europäische Akteure angewiesen. Das Gleiche gilt für die Mitgliedstaaten der EU, die ein Höchstmaß an Harmonisierung sowie Schutz in einem einheitlichen Wirtschaftsraum benötigen. Außerdem braucht Europa eine starke, gemeinsame Stimme im Konzert der globalen Standardsetzung – denken Sie nur an das Stichwort Basel. Erst recht, wenn die USA tatsächlich einen Weg gehen sollten, der da lautet: mehr Deregulierung und weniger internationale Zusammenarbeit.

So notwendig die Europäisierung in der Sache ist, sie erzeugt auch Friktionen. Es hat nicht erst des Brexits bedurft, um vielerorts anschwellende Klagelieder über eine vermeintliche Dominanz internationaler Gremien über die nationalen Interessen wahrzunehmen.
Es wäre falsch, dabei nur auf andere Länder oder andere Kontinente zu schauen – oder bloß die Filterblasen bei Twitter zu betrachten. Ähnliche politische Willens- und Unmutsbekundungen gibt es auch in Deutschland, und das sowohl online als auch analog. Aus meiner Sicht ist das auch nicht verwunderlich. Was in manchen Reden „Zusammenwachsendes Europa“ und „Europäische Harmonisierung“ genannt wird, bedeutet im nationalen Alltag schlicht Souveränitätsverlust.

Dies wird dann besonders relevant, wenn einzelne europäische Regulierungen und ihre nationale Umsetzung zu öffentlichen Debatten führen, wie es kürzlich beispielsweise bei der Wohnimmobilienkreditrichtlinie zu sehen war. Hier tritt eine europäische Richtlinie, deren wesentliche Intention die Sicherung der Finanzstabilität ist, in ein deutliches Spannungsverhältnis mit den Wünschen, Ängsten und Sorgen einzelner Bürger, beispielsweise junger Familien, die eben diese Sorgen gegenüber ihren Abgeordneten des nationalen Parlaments, sprich des Deutschen Bundestages, zum Ausdruck bringen.

Soll heißen: Auch das Zusammenwachsen Europas verlangt nach einer ständigen Kalibrierung zwischen zu viel und zu wenig, zwischen kühner Vision, Machbarkeit und Folgenabschätzung, vor allem mit Blick auf die unterschiedlichen Grade der Betroffenheit verschiedener Interessensgruppen. Und vielleicht muss die Haltung, im Streben nach größtmöglicher Einheitlichkeit, jedes Detail ausbuchstabieren zu wollen, einer neuen europäischen Überzeugung weichen, sich stärker auf Prinzipien zu fokussieren. Um es in der Radsportsprache zu sagen: Die Tour d´ Europe muss weiter vorankommen. Kurs und Tempo müssen aber so gewählt werden, dass das Peloton nicht Gefahr läuft, den Anschluss zu verlieren. Oder schlimmer noch, dass einige den Anschluss verpassen wollen.

Meine Damen und Herren,

so sehr ich den Brexit bedauere, so wenig hilft es, verpassten Chancen nachzutrauern oder Briten-Bashing zu betreiben. Wir sollten nach vorne denken und ein Fundament für die Zeit nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union legen. Das wird natürlich keine einfache Aufgabe sein. Über allem schwebt die Frage nach dem künftigen gegenseitigen Marktzugang im Verhältnis von Vereinigtem Königreich und den EU 27-Staaten. Derzeit müssen wir davon ausgehen, dass UK nach dem Brexit zum Drittstaat wird. Und genau das wird eine extrem spannende Herausforderung werden, für die Politiker ebenso wie für die Finanzregulierer und -aufseher.

Es ist klar, dass die bestehenden Bausteine für einen Marktzugang auf der Basis von Äquivalenz, wie wir sie etwa aus dem Verhältnis zur Schweiz oder den Bermuda-Inseln kennen, nicht auf die Trennung des Vereinigten Königreichs angewendet werden können. Dagegen sprechen alleine schon die Größe des dortigen Finanzmarkts und die enorme wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeit, die sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hat.

Mit knapp der Hälfte der Gesamtexporte ist die Europäische Union der weltweit größte Absatzmarkt des Vereinigten Königreichs. Bei den Importen sieht es ähnlich aus. Im Finanzsektor ist die Angelegenheit noch komplexer, weil historisch bedingte Skalen- und Größenvorteile London zu dem Hub für Kapitalflüsse in Richtung EU gemacht haben. Mit einer Situation wie dem Brexit angemessen umzugehen, stellt eine Branche, die derart grenzüberschreitend verflochten ist und in der virtuell Billionen bewegt werden, nun vor einen echten Kraftakt. Und es gibt weder Masterplan noch Notfallhandbuch, die Unternehmen oder Regulierer einfach aus der Tasche ziehen können. Wir alle betreten Neuland und müssen den Weg, der zu gehen ist, pflastern, während wir voranschreiten.

Wenn man das regulatorische Große und Ganze auf seine Einzelaspekte herunterbricht, dann schaut die Lage auf den ersten Blick beherrschbarer aus. In Wahrheit steckt aber an vielen Stellen der Teufel im Detail. Zahlreiche Banken beabsichtigen, ihren Standort unter anderem nach Deutschland zu verlagern, weil sie infolge des Brexits ihren Europäischen Pass verlieren, mit dem sie in den EU-Staaten Geschäfte betreiben können.
Da es einer in der EU zugelassenen Bank bedarf, um den Pass nutzen zu können, werden sicher einige Zweigstellen in den EU 27-Ländern in Tochtergesellschaften umgewandelt. Hinzu kommen Neuansiedlungen. Unser Ziel ist es, diesen Banken Hilfestellungen bei ihren Vorhaben in Deutschland zu geben, Rechtssicherheit zu bieten und zugleich die Stabilität des deutschen Finanzplatzes zu wahren. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass die Institute überall im Euro-Währungsgebiet nach denselben Standards beaufsichtigt und reguliert werden. Allerdings ist auch klar: Was wir tun, das tun wir als Aufsichtsbehörden, nicht als Agentur für Standortpolitik. Was wir daher definitiv nicht akzeptieren werden, sind leere Hüllen, in denen es nur einen Briefkasten und ein Telefon mit Rufumleitung nach London gibt.

Zwischen Briefkasten und Komplettumzug sind allerdings viele Möglichkeiten denkbar. Wir schauen uns daher jedes Geschäftsmodell genau an und wägen jede rechtlich mögliche Option ab. Wir schauen auch genau hin, wie es mit dem Vorschlag der EU-Kommission weitergeht, „Intermediate EU Parent Undertakings (IPU)“ zu schaffen, also einheitliche Muttergesellschaften, in denen Banken aus Drittstaaten künftig ihre EU-Töchter bündeln sollen.

Diese Diskussion ist noch nicht abgeschlossen. Zunächst ist der europäische Gesetzgeber gefordert, bei der Überprüfung der Eigenkapitalrichtlinie CRD die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen auf den Weg zu bringen. Als Aufsicht würden wir es zudem begrüßen, in diesem Zusammenhang auch die bislang rein nationalen Regelungen über Drittstaatenzweigstellen EU-weit zu harmonisieren.

Dient es der Finanzstabilität, im Frühjahr 2019 möglicherweise auftretende Klippeneffekte wirksam zu minimieren? Ich meine ja! Deshalb sind wir beispielsweise bereit, Banken bei kurzfristig kaum leistbarem Aufwand zu entlasten. So haben wir uns – im Einklang mit der EZB – dazu entschieden, für eine begrenzte Zeit auch die internen Modelle zur Kapitalberechnung bei Schwesterinstituten zuzulassen, die bereits von der britischen Aufsicht, der Prudential Regulation Authority (PRA), genehmigt wurden – sofern bestimmte Bedingungen eingehalten werden. Allerdings müssen die Institute ihre hierfür erforderlichen Anträge, inklusive Aktionsplan, erst einmal bei uns einreichen. Und selbstverständlich muss es verbindliche Absprachen über konkrete, weiterführende Aktivitäten geben.

In der Regel sind mehrere Aufsichtsgespräche und Workshops nötig, in denen Schritt für Schritt geklärt wird, welche Modelle die Institute bisher verwendet haben und wie mögliche Übergangsprozesse aussehen. Erst nach mehreren Checks kann die Bank ihr internes Modell in der Praxis anwenden. Sie bleibt aber auf dem Radar der laufenden Modelleaufsicht mit dem Ziel, – innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens – eine unsererseits geprüfte Modellwelt zu etablieren.

Mit einigen Instituten haben wir bereits erste Workshops durchgeführt und dabei sehr positive Erfahrungen gemacht. Andere lassen sich mehr Zeit damit, uns ihre Absichten mitzuteilen. Sie alle kennen den Spruch, dass diejenigen, die zu spät kommen, das Leben bestraft. Die Aufsicht ist da nicht ganz so gnadenlos. Ich möchte aber schon darauf hinweisen, dass auch unsere Ressourcen begrenzt sind. Institute tun gut daran, Zulassungserweiterungs- oder Lizenzanträge eher früher als später zu stellen – und möglicherweise fehlende Details im Rahmen eines dialogorientierten Antragsverfahrens nachzuarbeiten. Ansonsten laufen sie Gefahr, an das Ende der Schlange zu geraten.

Meine Damen und Herren,

ein anderes Hot Topic sind die Back-to-back-Modelle. Unter Back-to-back verstehen wir, dass EU-Unternehmen ein Geschäft in Finanzinstrumenten abschließen – und gleichzeitig entgegengesetzte Handelsgeschäfte mit einer in London ansässigen Gesellschaft eingehen, um die Marktpreisrisiken zu transferieren. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wir erwarten aber, dass die Institute für solche Geschäfte ausreichend geschultes Personal vorhalten, das auch beurteilen kann, wie viele und welche Risiken – auch Marktrisiken – tatsächlich nach Großbritannien abgegeben werden – bzw. anders herum, wie viele in der EU verbleiben sollen. Die Banken müssen in der Lage sein, die verbleibenden Risiken jederzeit sinnvoll zu managen – auch dann, wenn ein Back-to-back plötzlich nicht mehr möglich sein sollte oder Störungen ausgesetzt ist. Eine Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Mentalität wäre gefährlich.

Vielen Instituten ist auch daran gelegen, Back-office-Tätigkeiten und interne Kontrollfunktionen wie Risikocontrolling, Compliance oder Interne Revision weitestgehend von einer in London ansässigen Gesellschaft ausüben zu lassen. Auch hier gilt: Grundsätzlich, wie auch in vielen anderen Fällen, sind Auslagerungen möglich.

Wie überall kommt es aber auf das richtige Maß an. Übertreibt es ein Institut mit der Auslagerung sensibler Bereiche, dann könnten die Kontrollsysteme vor Ort soweit ausgedünnt werden, dass sich eine unverhältnismäßig große Abhängigkeit von Partnern in UK oder anderswo entwickelt. Ein ausschließliches Andocken an Gruppenstrukturen wird es daher nicht geben können. Entsprechende Kontrolleinheiten müssen innerhalb der EU-Unternehmen vorgehalten werden. Alle Unternehmen, die sich neu in der EU ansiedeln wollen, sollten sich deshalb darauf einstellen, dass diese Funktionen in einem Institut in den EU 27-Ländern zu verbleiben haben. Dies entspricht der Linie des Einheitlichen Europäischen Aufsichtsmechanismus (SSM), der sich hierzu bereits grundsätzlich positioniert hat – und wir teilen diese Einschätzung natürlich. Ausnahmen von dieser Regel sind allerdings bei solchen Tochterunternehmen denkbar, die unter Risikogesichtspunkten als unwesentlich gelten.

Auslagerungen werden vor allem dort Grenzen gesetzt, wo es um Kernbereiche des Bankings sowie Kontrollfunktionen geht. Und wenn wir bei den Kernbereichen und Kontrollfunktionen genau hinschauen, dann tun wir das bei den Geschäftsleitern erst recht. Die Aufgaben eines Geschäftsleiters kann man nicht erfüllen, indem man „mal vorbeischaut“.
Es muss sichergestellt sein, dass auch die Führungskräfte ihren Aufgaben vor Ort in vollem Umfang nachkommen können. Fly & Drive mag hierbei in Einzelfällen und für eine Übergangszeit akzeptabel sein, auf Dauer erwarten wir aber auch vom Spitzenmanagement, dass es mit mehr als nur einem Türschild in den EU 27-Staaten präsent ist.

Nicht ohne Grund steht aktuell das Euro-Clearing im Fokus. Immerhin werden mehr als 95 % aller Zinsswaps in Euro bislang über London abgewickelt. Läuft dabei etwas schief, könnten schnell Hilferufe an die Notenbanken laut werden, Liquidität beizusteuern. Vor wenigen Wochen hat deshalb die EU-Kommission ihre Vorstellungen für eine strengere Aufsicht über Zentrale Gegenparteien mit Sitz außerhalb der Europäischen Union veröffentlicht. Klar ist, dass Clearing-Aktivitäten in Euro außerhalb der Europäischen Union nicht einfach mit einem Achselzucken begegnet werden kann, sondern EU-Maßstäben der Finanzregulierung und -aufsicht in der einen oder anderen Weise Geltung verschafft werden muss.

Die spannende Frage lautet aber: Wie genau? Die EU-Kommission hat dies im Ergebnis offen gelassen und dafür allerdings ein abgestuftes Verfahren vorgeschlagen. Ich halte das grundsätzlich für richtig. Vor einer Entscheidung sollten wir uns allerdings die Zeit nehmen, um systemische Risiken umfassend zu analysieren und mögliche Reaktionen und Konsequenzen abzuwägen, inklusive möglicher Reaktionen von dritter Seite.

Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass heutzutage nahezu alle Geschäftsprozesse im Finanzsektor von funktionierenden IT-Infrastrukturen abhängen. Und so liegt es in der Natur der Sache, dass gerade die Banken, die eine intensive Arbeitsteilung zwischen Betriebseinheiten in Großbritannien und der EU planen, ein besonderes Augenmerk auf ihre IT-Systeme legen müssen. Hier geht es um hochkomplexe Plattformen, und Plattform heißt nicht nur IT. Wir reden über Know-how, Prozesse und Menschen, die über viele Jahre, quasi als Gesamtkunstwerk, zusammengefunden haben – und nun aufgespalten werden müssen.

Die Aufsicht weiß um die Bedeutung dieses Themas und ist bereit, alte IT-Ökosysteme zunächst temporär weiterlaufen zu lassen, bevor völlig neue Strukturen aufgebaut werden können und diese sich als ausreichend stabil erwiesen haben. In der Vergangenheit mussten wir des Öfteren erleben, dass es bei großen IT-Migrationsprojekten zu Verzögerungen und unerwarteten Problemen kam. Einfach, weil die Komplexität unterschätzt wurde. Theoretisch wäre es denkbar, solche Plattformen ganz am alten Standort zu belassen. Ob dies in der Praxis tatsächlich etwas bringt, daran habe ich meine Zweifel. Neue Standorte müssen so oder so an existierende Infrastrukturen angeschlossen werden, deshalb dürften Umstellungsprozesse unvermeidbar bleiben.

Die Institute müssen also sorgfältig abwägen, welche Strategie sie verfolgen wollen: Teil- oder Komplettumzug. Jeder, der schon privat umgezogen ist, weiß, dass das zwar lästig ist, gleichzeitig aber Chancen zum Entrümpeln bietet. So wie sich Privatleute dann vielleicht von Oma Ernas Transistorradio trennen, können Banken den Anlass nutzen, um veraltete und heterogen gewachsene IT-Systeme und Prozesse zu modernisieren.

Aus der Perspektive einer beispielsweise New Yorker Zentrale könnte entrümpeln aber auch bedeuten, sich bei allzu langwierigen Streitigkeiten zwischen UK und den EU 27-Staaten gleich ganz in Richtung USA oder Fernost zu orientieren.

Helaba-Finanzplatzstudie „In der Pole-Position für Brexit-Banker“

Wie die heute vorgestellte Finanzplatzstudie des Helaba-Bereichs Volkswirtschaft/Research zeigt, ist das deutsche Finanzzentrum im Rennen um die Brexit-Banker in der Pole-Position. So haben sich bereits zahlreiche Banken dafür ausgesprochen, Arbeitsplätze von der Themse an den Main zu verlagern, was sich in den Beschäftigtenzahlen niederschlagen wird: „Wir erwarten, dass mindestens die Hälfte der aus London abwandernden Finanzjobs nach Frankfurt verlegt wird. Dies entspricht über einen Zeitraum von mehreren Jahren mindestens 8.000 Mitarbeitern. Bis Ende 2019 sehen wir deshalb einen Beschäftigungsanstieg um 4 Prozent auf rund 65.000 Mitarbeiter in den Frankfurter Bankentürmen (Ende 2016: 62.400). Und das, obwohl parallel die Konsolidierung am heimischen Bankenmarkt anhält“, erläutert Dr. Gertrud Traud, Chefvolkswirtin und Leiterin des Bereichs Volkswirtschaft/Research bei der Vorstellung der Studie in Frankfurt.

Ein Novum des langjährigen Finanzplatz-Researchs der Helaba ist in der vorliegenden Studie das eigens kreierte regionale Beschäftigungsaggregat: die Zahl der Beschäftigten in der Finanzwirtschaft in „BIG FFM“. Hierzu wurde die räumliche Abgrenzung von Greater London auf das Gebiet rund um Frankfurt übertragen. Dieser Vergleich ergibt folgendes Bild: Ende letzten Jahres arbeiteten in BIG FFM rund 118.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Sektor Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, in Greater London knapp 360.000. Mit Blick auf die Beschäftigungsdichte (bezogen auf die Bevölkerungszahl) liegen allerdings beide Großräume mit jeweils gut 4 Prozent auf gleichem Niveau.

Die Favoritenrolle des deutschen Finanzzentrums im Brexit-bedingten Umstrukturierungsprozess kommt nicht von ungefähr: Frankfurt ist das führende Finanzzentrum Kontinentaleuropas. Hinsichtlich der Arbeitsplatzverlagerungen von der Themse an den Main kommen insbesondere folgende Standortqualitäten zum Tragen: die Stabilität und Stärke der deutschen Volkswirtschaft, der Sitz der EZB mit ihrer Doppelfunktion Aufsichtsbehörde und Notenbank, das Rhein-Main-Gebiet als Verkehrsdrehscheibe mit guter Infrastruktur, die relativ günstigen Büromieten sowie eine hohe Lebensqualität bei reichhaltigem Freizeitangebot in der Stadt und im grünen Umland.

„Seit unserem Finanzplatz-Ranking Mitte 2016 hat sich die relative Attraktivität Frankfurts weiter erhöht“, erläutert die Finanzplatz-Expertin der Helaba, Ulrike Bischoff. Dagegen ist eine Schwächung der Londoner City schon jetzt unübersehbar. Die anhaltend hohe Unsicherheit über die künftigen Rahmenbedingungen in Großbritannien lassen die Stadt in der Gunst ausländischer Finanzplatz-Akteure sinken. Zudem ist die abgesagte Fusion zwischen Deutscher Börse und London Stock Exchange positiv für Frankfurt, da die starke Frankfurter Börse nun erhobenen Hauptes ihren eigenen Weg weitergehen kann. Darüber hinaus könnte die Main-Metropole in ihrer Rolle als europäische Aufsichtsmetropole weiter gestärkt werden, sollte die länderübergreifende Bankenaufsichtsbehörde EBA nach Frankfurt verlegt werden.

Die Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Frankfurt rückt insbesondere den regionalen Immobilienmarkt und die Bildungsinfrastruktur der Stadt in den Fokus. „Am Büromarkt dürfte die Zusatznachfrage angesichts des noch immer reichlichen Leerstands und einer Reihe von Projektentwicklungen problemlos zu bewältigen sein“, erwartet Helaba-Immobilienanalyst Dr. Stefan Mitropoulos. Am Wohnungsmarkt besteht dagegen kein nennenswerter Leerstand. Die deutlich erhöhte Neubauaktivität, die Planungen für die nächsten Jahre sowie die umfangreichen Flächenreserven im Umland sprechen aber gegen eine deutliche Verschärfung der Lage am Frankfurter Wohnungsmarkt durch den Brexit. Neben dem Immobilienmarkt ist auch das Schulangebot ist ein zentrales Standortkriterium. Die Frankfurter Finanzplatz-Region bietet bereits ein breites Spektrum internationaler Bildungseinrichtungen, das in den vergangenen Jahren sichtlich gewachsen ist. Angesichts der hohen Nachfrage nach Bildungsangeboten bedarf es eines weiteren Ausbaus der Bildungsarchitektur für Kinder jeden Alters, der alle Schulformen umfasst und über den Brexit-bedingten Bedarf hinausgeht.

Traud zieht ein positives Fazit: „Trotz der Herausforderungen durch den bevorstehenden Mitarbeiterzustrom von der Themse an den Main ist der Brexit für den Finanzstandort eine einmalige Chance auf eine noch bessere Positionierung im internationalen Wettbewerb.“

Die komplette Studie von Helaba können Sie hier herunterladen.

 

Brexit bringt bis zu 88 Tausend neue Stellen in der Rhein-Main-Region

Studie der WHU beziffert die Brexiteffekte auf den Arbeitsmarkt.

Neue Stellen im Bankensektor – das ist die erwartete Folge der Standortverlagerungen von London nach Frankfurt. Schon am 24. Juni 2016, am Tag nach dem Referendum, hat Frankfurt Main Finance das Potenzial eines Brexit auf bis zu zehn Tausend neue Arbeitsplätze für Frankfurt im Finanz- und unmittelbar zugehörigen Dienstleistungssektor geschätzt. Heute scheint die Zahl manchen sogar zu konservativ. Das Jobwachstum wartet aber auch an anderer Stelle, so die Ergebnisse einer Studie der WHU – Otto Beisheim School of Management im Auftrag von Frankfurt Main Finance. „Es sind die Multiplikatoreffekte auf viele Bereiche des täglichen Lebens, die zu einem signifikanten Stellenzuwachs vor allem in der Rhein-Main-Region führen werden“, erklärt Professor Lutz Johanning, der die Studie zusammen mit Moritz C. Noll vom Lehrstuhl für Empirische Kapitalmarktforschung durchgeführt hat. Im Interview geben beide tiefere Einblicke in die zugrundeliegenden Berechnungen.

Herr Prof. Johanning, was genau wird in Ihrer Studie untersucht?

Lutz Johanning: Wir haben erhoben, welche Auswirkungen die Verlagerungen von Bankarbeitsplätzen im Zuge des Brexit auf den Arbeitsmarkt insgesamt haben – und zwar für die Stadt Frankfurt, für die unmittelbar benachbarten Städte und für das Rhein-Main-Gebiet. Dabei lag unser Fokus auf den Multiplikatoreffekten, also welches Wachstum für andere Branchen zieht ein Plus an Bankarbeitsplätzen nach sich. Und die Studie zeigt: Dieser Effekt ist – je nach Betrachtungsraum – 2,1 bis 8,8 Mal so hoch. Wenn wir also von zehn Tausend neuen Bankstellen ausgehen, dann können in den folgenden vier Jahren in der Rhein-Main-Region im optimistischen Fall bis zu 88 Tausend neue Stellen entstehen.

Professor Lutz Joahnning: „Die Verlegung von Arbeitsplätzen geschieht nicht isoliert. Menschen verlagern ihr Leben in eine neue Stadt – mit allem, was dazu gehört.“

Eine gigantische Zahl. Wie kommen Sie zu dem Ergebnis?

Moritz Noll: Wir haben die bestehenden statistischen Daten zum Arbeitsmarkt in Frankfurt und der Region mittels eines empirischen Modells in die Zukunft fortgeschrieben und dabei die Brexiteffekte berücksichtigt. Um für die weitere Planung aussagekräftige Zahlen zu erheben, haben wir auf zwei Faktoren großen Wert gelegt: Zum einen war uns eine valide Datengrundlage sehr wichtig. So basiert unsere Studie auf Arbeitsmarkt-Daten der Bundesagentur für Arbeit der vergangenen neun Jahre. Zum anderen haben wir nach statistischen Modellen gesucht, die in der Wissenschaft bereits eingesetzt wurden.

Moritz C. Noll: „Auch wenn der Brexit ein neues Ereignis ist, gibt es wissenschaftlich etablierte Modelle, mit denen sich die Folgen auf den Arbeitsmarkt schätzen lassen.“

Wo sind Sie fündig geworden? Der Brexit ist ja ein bislang beispielloses Ereignis.

Noll: Der Brexit ja, nicht aber die Tatsache, dass aufgrund veränderter Rahmenbedingungen Arbeitsplätze an einen neuen Standort verlagert werden. Wissenschaftlich fundierte Untersuchungen gibt es beispielsweise für den Energiesektor in den USA – Stichwort Fracking. In diesem Kontext ist das Umsiedeln von Arbeitsplätzen an neue Standorte durchaus geläufig. Welche Effekte sich daraus nicht nur für den primär betroffenen Sektor ergeben, sondern wie sich eine Region dadurch insgesamt verändert, wurde in den vergangenen Jahren häufig untersucht. Aus diesen Modellen lassen sich Annahmen ableiten, die wir unserer Untersuchung zugrunde gelegt haben.

Johanning: Mit diesem Ansatz lassen sich die indirekten Effekte quantifizieren. Wenn ein Arbeitsplatz bei Bank X von London nach Frankfurt verlegt wird, dann geschieht das ja nicht isoliert. Vielmehr verlagert der Mensch, der diesen Arbeitsplatz füllt, sein Leben in eine neue Stadt – mit allem, was dazu gehört. Er oder sie kommen meist mit Familie; folglich müssen alle dazugehörenden Bedarfe erfüllt werden. Das fängt bei den ganz einfachen Themen wie Wohnen, Schule, Ausbildung, Konsum an. Es hat aber auch strukturelle Folgen. Infrastruktur, Bildungssystem, Häuser- und Wohnungsmarkt sind hier Stichworte.

Professor Lutz Johanning: „Vor allem die Rhein-Main-Region wird vom Stellenzuwachs profitieren. Die meisten zusätzlichen Jobs außerhalb der Finanzindustrie entstehen eher im Umland Frankfurts.“

Was macht Sie so sicher, dass die betroffenen Banker ihren Lebensmittelpunkt nach Frankfurt verlagern? Schließlich ist London ja nicht so weit weg.

Johanning: Die gleiche Diskussion gab es vor einigen Jahren für Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank. Auch hier war die Frage: Kommen die Menschen wirklich in die Rhein-Main-Region, oder sind sie nur hier, um zu arbeiten. Die Erfahrung zeigt: Sie kommen, um hier zu arbeiten und zu leben. Daher gibt es aus diesem Kontext seit vielen Jahren ein Best-Practice-Beispiel, und daran haben wir uns in der Studie orientiert.

Sie haben in der Studie differenziert – Frankfurt, direktes Umland und Region. Was zeigt diese Differenzierung?

Johanning: Frankfurt profitiert unmittelbar von den neuen Stellen im Bankensektor. Das ist kein regionales Thema. Die zentralen Büroflächen werden in der Innenstadt zu finden sein. Deshalb ist der Effekt auf andere Branchen hier auch überschaubar, liegt etwa beim 2,1 bis 3,4-fachen. Dienstleistungen rund um die Banken werden im Zuge des Aufbaus ebenfalls profitieren; diese haben ihren Standort oft aber nicht unmittelbar in der City, sondern im direkten Umland wie Eschborn, Offenbach oder anderen benachbarten Städten. Hinzu kommt, dass viele Menschen ihren Wohnort etwas außerhalb Frankfurts suchen. Davon profitieren wiederum die benachbarten Städte wie auch die gesamte Region. Je größer der Radius gezogen wird, umso differenzierter sind die Auswirkungen, und umso größer wird der Multiplikatoreffekt. Zehn Tausend neue Bankjobs in der City können im  optimistischen Fall bis zu 88 Tausend neue Jobs in der Rhein-Main-Region mit sich bringen.

Die Studie spricht von zwei Modellen. Was steckt im Detail dahinter?

Noll: Wir haben zwei Modelle eingesetzt, um die Auswirkungen der zehn Tausend neuen Stellen im Finanzbereich auf alle anderen Branchen zu schätzen. In Modell eins ist ein Faktor berücksichtigt, der den Wachstumseffekt stärker abdämpft. Modell zwei hingegen ist dieser Faktor nicht enthalten, dadurch wird das Wachstum insgesamt höher geschätzt. Uns war es wichtig, die Bandbreite der möglichen Ergebnisse in der Studie darzustellen.

Sie kennen die Statistiken im Detail. Auf welche Branche wirken sich die Effekte am stärksten aus?

Johanning: Zunächst muss man sagen: Frankfurt ist insgesamt eine sehr wachstumsstarke Region – auch ohne Brexit. Die höchsten Zuwachsraten verzeichneten wir in den vergangenen Jahren in den Sektoren Logistik, Immobilien und wirtschaftliche Dienstleistungen. Diese Wachstumsbranchen werden durch den Brexiteffekt zusätzliche Impulse erfahren. Was sich aus unserem quantitativen Modell aber nicht ableiten lässt, ist, welche strukturellen Veränderungen innerhalb der einzelnen Branchen in den nächsten Jahren zu mehr oder weniger Wachstum führen werden.

Noll: Mit unseren Modellen haben wir in einem weiteren Schritt untersucht, wie sich die langfristigen Job-Wachstumsraten im Fall mit und ohne Brexit unterscheiden. Damit haben wir zeigen können, dass durch einen initialen Schock, also die zusätzlichen Jobs in der Finanzindustrie durch den Brexit, der langfristige Wachstumspfad verändert wird. Das heißt, dass das Job-Wachstum im gesamten Arbeitsmarkt in der langen Frist im Brexit-Fall wesentlich höher liegen kann als in einem Fall ohne zusätzliche Brexit-Jobs. Man sieht also, dass die Wachstumseffekte auf den Arbeitsmarkt noch deutlich höher sein können, als es der Ersteffekt vermuten lässt. Da ist also noch Luft nach oben.

Moritz C. Noll: „Wenn wir zusätzlich langfristige Effekte berücksichtigen, haben die Ergebnisse noch Luft nach oben.“

Im Ergebnis also noch mehr Wachstum für eine ohnehin prosperierende Region. Haben Sie in der Studie auch quantifiziert, wie sich dadurch das kommunale Steueraufkommen verändert?

Johanning: Mit einer simplen Projektion haben wir versucht, auch diesen Effekt zu schätzen, zumindest für Frankfurt Stadt. Man muss allerdings auch diesen Ergebnissen vorwegnehmen, dass sie mit Vorsicht zu betrachten sind, da sie auf den vorherigen Ergebnissen aus den Arbeitsmarkt-Vorhersagen basieren und somit zusätzliche Ungenauigkeit entsteht. Betrachtet haben wir den kommunalen Anteil an der Einkommensteuer, die Umsatzsteuer sowie die Gewerbesteuer. Verkürzt gesagt schätzen wir, dass die Stadt Frankfurt durch die zusätzlich geschaffenen Arbeitsplätze in allen Branchen jährlich zwischen 136,2 und 191,9 Millionen Euro an Einnahmen durch die drei genannten Steuerarten erzielen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Winning Frankfurt: Brexit Bankers‘ Welfare Effect Beyond Bringing Their Jobs

Bildnachweis: fritzphilipp photography 

„Wir nutzen alle Möglichkeiten, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen“

Der Finanzplatz Frankfurt sieht einem starken Einwohnerwachstum entgegen. Wie kann in dieser Situation ausreichend Wohnraum geschaffen werden? Ein Interview mit Stadtplanungsdezernent Mike Josef.

Experten gehen von 6.000 bis 10.000 neuen Arbeitsplätzen aus, die im Zuge der Standortverlagerung vieler Unternehmen von London nach Frankfurt allein in der Bankenbranche entstehen werden. Wie geht die Stadt Frankfurt mit dem Bedarf an Wohnraum um, der daran geknüpft ist?

Mike Josef: Wir kurbeln den Wohnungsbau an, indem wir in erster Linie Flächen für neue Baugebiete ausweisen. Denn Frankfurt am Main erwartet in den kommenden Jahren ohnehin ein starkes Bevölkerungswachstum. Je nachdem, welcher Vorausberechnung man glaubt, gehen die erwarteten Zahlen für das Jahr 2030 auf über 840.000 Einwohner, weichen aber um mehr als 100.000 Einwohner voneinander ab. Das zeigt, mit welcher Unsicherheit solche Prognosen behaftet sind. Zudem relativiert sich die geschätzte Zahl der Arbeitsplätze, die nach Frankfurt verlagert werden könnten. Für die Menschen, die wegen des Brexit nach Frankfurt kommen, haben wir gerade in diesem Segment in den vergangenen Jahren ein umfangreiches Angebot geschaffen. Es geht jetzt vorrangig darum, die breite Mittelschicht mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen und ihr in Frankfurt eine Zukunft zu bieten. Daher engagiere ich mich stärker für den Bau von preiswerten Wohnungen, die in den vergangenen Jahren unterproportional entstanden sind.

Bei Steinbach ist ein neues Stadtviertel geplant. Ist dies – mit Blick auf den entstehenden Wohnraum und den zeitlichen Rahmen für das Projekt – ausreichend?

Josef: Ein Baustein alleine reicht freilich nicht aus, um ausreichend Wohnraum für das wachsende Frankfurt zu schaffen. Deshalb nutzen wir alle Möglichkeiten, um zusätzliche Wohnungen zu schaffen. Hierzu zählt die Innenentwicklung, also die Konversion von Bürogebäuden oder ganzen Arealen, wie wir es beispielsweise in der früheren Bürostadt Niederrad betreiben oder am Römerhof anstoßen, Nachverdichtung, wo für Umfeld und Umwelt verträglich, und die Arrondierung bestehender Stadtteile. Weil das nicht ausreicht, müssen wir in die Außenentwicklung, also auch bislang unbebaute Flächen bebauen.

Welche weiteren Punkte gilt es bei der Infrastruktur rund um dieses Projekt zu beachten?

Josef: Wichtig ist, dass die Infrastruktur fertig und nutzbar ist, noch bevor die die ersten Bewohner einziehen: Straßen, Plätze, Parks und öffentlicher Nahverkehr müssen genauso vorhanden sein wie soziale Infrastruktur, also Kitas, Schulen, Jugend- oder Senioreneinrichtungen sowie Gastronomie- und Nahversorgungseinrichtungen. In welchem genauen Umfang wir Infrastruktureinrichtungen in dem neuen Stadtteil brauchen, das müssen wir nun im Zuge der fortschreitenden Planungen eruieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Bildnachweis: Stadt Frankfurt am Main, Dezernat IV – Planen und Wohnen

Brexit-Banker bringen mehr Wohlfahrtseffekte für Stadt und Region als die eigenen Jobs

Neue Stellen im Bankensektor – das ist die erwartete Folge der Standortverlagerungen von London nach Frankfurt. Gut begründete Schätzungen sprechen von rund Zehntausend zusätzlichen Arbeitsplätzen innerhalb der nächsten vier Jahre. Das insgesamt mit dem Brexit verbundene Jobwachstum liegt wesentlich höher, weil Multiplikatoreffekte Wachstum auch in anderen Branchen hervorrufen, so die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie der WHU – Otto Beisheim School of Management im Auftrag von Frankfurt Main Finance.

„Wir haben untersucht, welche Auswirkungen die Verlagerungen von Bankarbeitsplätzen im Zuge des Brexit auf den Arbeitsmarkt insgesamt haben – und zwar für die Stadt Frankfurt, für die unmittelbar benachbarten Städte und für das Rhein-Main-Gebiet“, sagt Prof. Dr. Lutz Johanning, einer der Autoren der Studie. „Unsere Untersuchung zeigt: Der Multiplikatoreffekt liegt – je nach Betrachtungsraum und Region – bei 2,1 bis 8,8. Wenn wir von zehn Tausend neuen Arbeitsplätzen im Bankgewerbe ausgehen, dann können in den folgenden vier Jahren in Frankfurt City bei vorsichtiger Schätzung weitere 21 Tausend und in der Rhein-Main-Region im optimistischen Fall bis zu weiteren 88 Tausend neue Stellen entstehen.“

Moritz C. Noll, Co-Autor der Studie, sagt: „Mit unseren Modellen haben wir zeigen können, dass durch einen initialen Schock, also die zusätzlichen Jobs in der Finanzindustrie durch den Brexit, der langfristige Wachstumspfad verändert wird. Man sieht also, dass die Wachstumseffekte auf den Arbeitsmarkt noch deutlich höher sein können, als es der Ersteffekt vermuten lässt. Da ist also noch Luft nach oben.“

Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance, sagt: „Der Stellenzuwachs bringt das wirtschaftlich starke Frankfurt und die Region weiter voran. Ein echter Erfolg für alle Beteiligten. Wichtig ist nun, dieses Wachstum positiv aufzunehmen und zu gestalten. Das ist eine Herausforderung. Die zusätzlichen Arbeitsplätze bringen aber auch die Mittel zu investieren und die Herausforderung zu meistern.“

Ausgehend von der Annahme, dass Zehntausend Stellen in Frankfurts Finanzbereich durch den Brexit nach Frankfurt verlagert werden, ergeben sich auch zusätzliche Steuereinnahmen für die Stadt Frankfurt. Im konservativen Szenario beläuft sich das Plus aus Einkommens-, Umsatz- und Gewerbesteuer auf rund 136 Millionen Euro jährlich, im optimistischen Szenario auf circa 191 Millionen Euro.

Winning Frankfurt: Brexit Bankers‘ Welfare Effect Beyond Bringing Their Jobs