Ein Jahr Referendum in Großbritannien – eine Brexit-Bilanz

Die Überraschung kam über Nacht, und es gab ein böses Erwachen. Um zwei Uhr in der Nacht, als die ersten Hochrechnungen eintrafen, sah alles noch nach dem Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union aus, doch beim nächsten Blick auf die Nachrichten um 6.20 Uhr, war klar: Die Briten hatten sich für einen Austritt entschieden, wenn auch nur mit einer 52:48 Mehrheit. Ein Jahr ist es her, als einen ganzen Tag lang die TV-Kameras aus aller Welt vor der EZB standen und Journalisten wissen wollten, was denn nun geschehen werde und wie Frankfurt dazu stünde. London, Brüssel und Berlin berieten sich. Nigel Farage, der Kopf der UKIP Partei, die sich den Brexit zum Ziel gesetzt hatte, trat zurück. Bald danach auch der Britische Premierminister David Cameron.

Unsere Botschaft war: Der Brexit ist schlecht für Großbritannien, er ist schlecht für Europa und er ist schlecht für Deutschland. Frankfurt Main Finance (FMF), die Stimme des Finanzplatzes, hatte auf einen anderen Ausgang des Referendums gehofft, war aber auch für diesen Fall vorbereitet. Nun war der Moment gekommen, den Schalter umzulegen. Die Kampagne für den Standort am Main war vorbereitet: Mit Veröffentlichung des amtlichen Referendumsergebnisses ging eine Informationswebsite zu Frankfurt online, eine Telefon-Hotline für Fragen zum Brexit wurde scharf geschaltet, auf der Internetseite von FMF fand sich eine Stellungnahme zum Ereignis, über Twitter und auf LinkedIn startete zeitgleich eine Kampagne und warb mit den Vorzügen des Finanzplatzes Frankfurt. Die Botschaft: „Welcome to Frankfurt“

 

Jahrhundertchance für Frankfurt

Interviewanfragen gingen am 24. Juni aus aller Welt ein. Die Medien rangen darum zu verstehen, was geschehen war und wie das die Welt verändern würde.  Im 15 Minuten-Takt gab FMF Interviews: am Telefon, ins Mikrophon, vor der Kamera und wieder am Telefon… Der Brexit bestimmte die Nachrichten rund um den Globus. Sprechfähig gewesen zu sein, als andernorts noch Abstimmungsschleifen gedreht wurden, brachte Frankfurt von Beginn an in Vorteil.

Für die Stadt Frankfurt und die Region – bei allen offensichtlichen negativen Folgen – eröffnet der Brexit eine Jahrhundertchance. Die Finanzarchitektur der Europäischen Union war und ist bislang auf London ausgerichtet. Der Ausstieg der Briten aus der EU, so viel war sofort klar, würde zu einer Verlagerung von Verantwortlichkeiten und Geschäft in die EU führen, die Finanzwelt mithin multipolarer werden. London würde ohne Zweifel bedeutender Finanzplatz bleiben, Finanzzentren in der EU jedoch an Einfluss gewinnen – Frankfurt vor allen anderen. Dabei wurden wir von Frankfurt Main Finance nicht müde zu betonen: Es geht bei allen Bemühungen nicht darum, London als Finanzplatz zu schwächen, es geht in erster Linie darum, eine stabile Finanzindustrie innerhalb der EU zu installieren, eine Brücke zwischen London und der EU zu bauen, die von Frankfurt aus Ihren Ausgang nimmt.

EBA und Euro-Clearing kommen in den Blick

Schon am Tag 1 nach dem Referendum wagte sich FMF mit der begründeten Schätzung von 10.000 Arbeitsplätzen hervor, die Frankfurt binnen 5 Jahren durch den Brexit gewinnen könnte – unter zwei wesentlichen Voraussetzungen: Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) kommt nach Frankfurt, ebenso wie das Euro-Clearing. Während der Sitz der EBA recht schnell zum allgemeinen Thema wurde, brauchte es Monate, bis die herausragende Bedeutung des Euro-Clearings einer breiteren Öffentlichkeit klar wurde, ein auf den ersten Blick eher sperriges Thema.

Aber die Abwicklung von Derivategeschäften über zentrale Gewährleistungsinstanzen, sogenannten Central Counterparties, und deren Beaufsichtigung durch den Regulator ist eine der wesentlichen Konsequenzen aus der Finanzkrise. Als damals die Finanzwelt in die Krise geriet, herrschte zum Teil völlige Unklarheit, wo sich die Risiken befinden, also, wer zum aktuellen Zeitpunkt das Risiko in seinen Büchern hat – diese Unsicherheit führte zu Angst und so drohte der vollständige Kollaps des Systems, weil das Vertrauen verloren ging.

Euro-Clearing: Frankfurt derzeit einzige echte Alternative zu London

Mittlerweile ist die Entscheidung über den Sitz Euro-Clearings als eine der wesentlichen Weichenstellung für die Ausgestaltung der künftigen Finanzarchitektur der EU und Europas erkannt und entsprechend diskutiert. Und wieder kann sich Frankfurt berechtigte Hoffnung machen, als Standort der Wahl durchzusetzen. Stand heute besitzt innerhalb der EU neben London nur Frankfurt mit Eurex Clearing der Deutschen Börse AG eine gültige Lizenz und die im täglichen Betrieb bewiesenen technischen Voraussetzungen, das Euro-Clearing vom Standort London zu übernehmen. Schon heute ist Frankfurt Marktführer beim Clearing börsengehandelter Derivate. London führt mit weitem Abstand beim Clearing von außerbörslich gehandelten Derivaten in Euro.

Dieses lukrative Geschäft wird so nicht in London bleiben können. Das hatten und haben wir seither immer wieder betont. Denn die Europäische Zentralbank wollte schon unmittelbar nach Ihrer Gründung die Aufsicht über eine so entscheidende Schlüsselfunktion für die Stabilität des europäischen Finanzmarkts und des Euro innerhalb ihres Einfluss- und Überwachungsbereichs. Schon jetzt wandert erstes Geschäft nach Frankfurt, und Unternehmen testen in wachsender Zahl die Clearing-Möglichkeiten am Main.

Größere Unsicherheit nach Wahlen in UK

Seit jenem 23. Juni vor einem Jahr ist viel geschehen. Daher seien nur einige Wegmarken genannt: Der damalige britische Premierminister David Cameron ist zurückgetreten. Theresa May folgte ihm nach. Sie, die eigentlich dem Lager derjenigen zugerechnet wurde, die sich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU stark machten, überraschte in ihrer ersten Grundsatzrede mit der Formulierung, die seit dem häufig bemüht wurde, um zu veranschaulichen, mit welcher Haltung die Briten in die anstehenden Verhandlungen mit Brüssel treten würden: „No Deal is better than a bad Deal.“

Der sogenannte Cliff-Edge-Brexit, ein Ablaufen der auf zwei Jahre terminierten Verhandlungen über den Austritt ohne eine Einigung, kam in den Blick und wurde wahrscheinlichstes Ergebnis. Am 29. März 2017 beantragte das Vereinigte Königreich gemäß Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union offiziell den Austritt. Damit löste Theresa May den Countdown für die zweijährige Verhandlungszeit aus. Wenige Wochen später überraschte sie mit der Ansetzungen von Neuwahlen zum Unterhaus in Großbritannien für Anfang Juni abermals. Kommuniziertes Ziel war ein starkes Mandat für die Verhandlungen mit Brüssel. Das Kalkül ging nicht auf. May und ihre Partei stehen heute geschwächt da, mit schwer abzuschätzenden Folgen für den Brexit-Prozess, für die Finanzmarktteilnehmer und die Finanzplätze.

Frankfurt und Deutschland bieten Stabilität

Interpretiert man aus europäischer Sicht das Resultat der Unterhauswahl als „halbvolles Glas“, dann ist jetzt wieder Vieles möglich: sogar ein neuerliches Referendum mit offenem Ausgang. Und damit ist selbst ein Verbleib Großbritanniens in der EU nicht mehr gänzlich ausgeschlossen, wenn auch kaum wahrscheinlich.

Interpretiert man das „Glas als halb leer“, dann haben wir es mit einer schwachen Regierung zu tun, die nur wenige Kompromisse in den anstehenden Verhandlungen machen kann, weil ihr das breite Mandat und eine robuste Mehrheit im Parlament fehlt. Ein Abbruch der Verhandlungen und selbst eine abermalige Neuwahl innerhalb der Zweijahresfrist werden denkbar. Das ohnehin ambitionierte Verhandlungsprogramm scheint schlicht unmöglich zu absolvieren. Verlängerungen, Übergangslösungen und Fristen dürften das Ergebnis sein.

Nur eines ist heute sicher: Die Entscheidungen der Unternehmen, der Finanz- wie auch der Realwirtschaft, diesseits und jenseits des Kanals, werden nun unter noch größerer Unsicherheit zu treffen sein. Das spricht für Frankfurt und unterstreicht die Stärke von Deutschland und Frankfurt als Hort der Stabilität und Berechenbarkeit.

Frankfurt nutzt Pole Position

Bis heute ist Frankfurt in vielen Geldhäusern und in der Finanzindustrie insgesamt immer wieder diskutierter Kandidat für die Ansiedlung von Unternehmen oder Teilen von Unternehmen. Der Standort am Main punktet vor allem mit einer stabilen Wirtschaft und stabilen pro-europäischen politischen Verhältnissen, mit einer herausragenden Infrastruktur, einer großen Zahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte gerade auch aus der Finanzbranche, verhältnismäßig günstigen Mietpreisen und Lebenshaltungskosten sowie hoher Lebensqualität.

All das hat Frankfurt, um ein Bild zu verwenden, im Rennen um die Chancen, die sich nach dem Brexit ergeben, in die Pole Position gebracht. Und die Hessen-Metropole wird dieser herausgehobenen Rolle bislang gerecht. Das zeigen die bislang erzielten Erfolge. Bereits heute haben sich eine chinesische, eine japanische, eine indische, eine koreanische und eine schweizerische Bank fest für Frankfurt als Hauptstandort in der EU entschieden, Goldman Sachs will seine Belegschaft in Frankfurt verdoppeln, Standard Chartered hatte jüngst angekündigt, ihr Büro in Frankfurt wegen des Brexits ausbauen zu wollen. Aktuell sind rund 20 Banken in fortgeschrittenen Gespräch über eine Ansiedlung oder einen Ausbau in Frankfurt.

Das Bild des Rennens macht aber auch das Folgende klar: Bevor nicht die Ziellinie überschritten ist, steht der große Gewinner nicht fest. Frankfurt wird weiter mit vorhandenen Vorzügen werben und an seinen Schwächen arbeiten müssen, um der sich bietenden Jahrhundertchance gerecht zu werden. Am Ende werden sicher mehrere Finanzstandorte vom Brexit profitieren, Frankfurt aber hat alle Möglichkeiten, die Finanzmetropole der Europäischen Union zu werden.

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