Written by 15:51 COVID-19, Finanzplatz, Finanzplatz, Mitglieder, Mitglieder, News

„Eurex steht für eine erfolgreiche Wachstumsgeschichte“

Terminmarkt sieht Potenziale in der Verlagerung von außerbörslichem Handel auf Börsenplattformen, im Trend zu passiven Investments und im OTC-Clearing.

Die Eurex ist für ihre Wachstumsaussichten zuversichtlich. Michel Peters und Erik Müller, Vorstandsvorsitzende der Eurex bzw. der Eurex Clearing, sehen Potenziale u. a. in der Verlagerung von außerbörslichem Handel auf Börsenplattformen, im Trend zu passiven Investments und im Clearing von OTC-Zinsderivaten.

Herr Peters, Sie haben kürzlich außerbörsliche Geschäfte nachbildende Total Return Futures auf den FTSE 100 angekündigt, dazu noch Dividenden-Futures sowie klassische Future- und Optionskontrakte auf den Index. Was ist der Hintergrund?

Mit Total Return Futures unterstützen wir die von den Regulatoren gewollte Verlagerung von außerbörslichem Geschäft auf regulierte Märkte mit zentralem Clearing. Wir sind 2016 mit Total Return Futures auf den Euro Stoxx 50 gestartet.
Schaut man sich die entsprechenden OTC-Instrumente wie Aktienindexswaps an, ist die Verlagerung gelungen. Auf die an der Eurex gehandelten und geclearten Total Return Futures entfallen mittlerweile mehr als 50 % des Marktes.

Welchen Nutzen hat das für die Marktteilnehmer?

Peters: Das zentrale Clearing bedeutet erhebliche Vorteile für die Marktteilnehmer:
Denn laut den Anforderungen für nicht geclearte Derivate, den Uncleared Margin Rules, müssen diese Positionen mit erhöhten Sicherheitsleistungen hinterlegt werden. Zudem vereinfacht das zentrale Clearing die Abwicklung und mindert das Kontrahentenrisiko. Die neuen auf den FTSE-Index bezogenen Total Return Futures, mit denen wir Ende des Monats an den Start gehen, sind daher der nächste logische Schritt. Es ist unser Ziel, das Angebot auf weitere Indizes auszudehnen. Unsere Aufgabe ist es, Produkte zu standardisieren und den Marktteilnehmern Margin- und Kapitaleffizienzen auf der Post-Trade- Seite zu bieten.

Mit den klassischen Futures und Optionen treten Sie in den Wettbewerb mit den entsprechenden Kontrakten der Intercontinental Exchange ein. Wie schätzen Sie die Chancen ein, hier Marktanteile zu gewinnen?

Peters: Die Lancierung dieser Kontrakte ist vor allem im Kontext der Komplettierung unseres bestehenden Produktportfolios zu sehen. Wir folgen damit dem von Marktteilnehmern vielfach geäußerten Wunsch, dass wir die FTSE-bezogenen Total Return- und Dividenden-Futures sowie die klassischen FTSE-Kontrakte zusammen auf einer Plattform anbieten. So sorgen wir für Margin- und Kapitaleffizienzen bei unseren Kunden.

Am kommenden Dienstag beginnt das Derivatives Forum der Eurex. Wie ist die Resonanz, wie hat sich das Forum etabliert?

Peters: Es wird eine hochkarätige Veranstaltung, die rund 90 Themen abdeckt. Wir veranstalten das Forum in diesem Jahr zum vierten Mal und die Resonanz ist sehr positiv – das Forum ist zum führenden Branchenevent in Europa geworden. 2020 hatten wir noch 750 Anmeldungen; für das digitale Format in der nächsten Woche haben wir mehr als 3 000 Anmeldungen, davon mehr als 20 % aus Asien und den USA. Das Forum wird als internationales Event aus Frankfurt wahrgenommen. Wir bekennen uns damit klar zum Standort Frankfurt. Positiv ist auch die gute
Mischung der Veranstaltungspartner, zu denen Top-Banken wie Goldman Sachs und die Deutsche Bank sowie führende Handelshäuser, wie Susquehanna, gehören.

Müller: Beachtenswert ist auch, dass sich mit der von der Chicago Fed, der EZB und der Bundesbank zum dritten Mal gemeinschaftlich ausgetragenen CCP Risk Management Conference eine weitere hochkarätige Veranstaltung in Frankfurt etabliert hat. Daran haben neben Eurex Clearing auch die anderen großen der Branche – CME, Intercontinental Exchange und London Clearing House – teilgenommen. Beide Veranstaltungen unterstreichen Frankfurts große Chance, sich als das europäische Zentrum für Derivatehandel, Risiko- und Sicherheitenmanagement zu etablieren. Andere Plätze wie Amsterdam und Paris mögen vor dem Hintergrund des Brexit Händler angezogen haben, aber Frankfurt hat eindeutig bei den internationalen Banken das Rennen gemacht. Viele dieser Banken haben ihre Vermögenswerte, etwa Wertpapiersicherheiten sowie Aktien-, Zins- und Währungsderivate, nach Frankfurt übertragen. Risikomanagement spielt hier eine große Rolle.

Wie hat sich die Eurex in der Coronakrise geschlagen?

Peters: Die Pandemie war auch für uns ein Stresstest. Für Mitarbeiter, Organisation und Infrastruktur – also Handel, Clearing und Risikomanagement. Aber alles hat hervorragend funktioniert. Wir haben frühzeitig begonnen, die für den Börsenhandel und das Clearing relevanten Teams auf unterschiedliche Lokationen zu verteilen, um Infektionscluster zu vermeiden und den Betrieb in kritischen Marktphasen sicherzustellen. Wir waren immer in enger Abstimmung mit den Regulatoren, der BaFin und der Börsenaufsicht des Landes sowie unseren Kunden. Wir haben einmal mehr gezeigt: Wir schaffen Vertrauen im Markt.

Wie haben sich die Corona-Turbulenzen vom zurückliegenden März auf die Preisbildung ausgewirkt?

Müller: Es gab eine Debatte über Marktschließungen und Eingriffe in die Preisbildung durch Leerverkaufsverbote. Einige Länder haben das auch getan, die Niederlande und Deutschland nicht. Man kann einen Kurseinbruch von globalem Ausmaß nicht durch regionale Marktschließungen aufhalten. Das sollte man auch nicht, wenn der Markt funktioniert. Die Kursausschläge waren extrem. Das heißt aber nicht, dass die Preisbildung nicht funktioniert hat. Im Gegenteil: Sie hat reibungslos funktioniert.

Für Frankfurt als Standort war es wichtig, dass hier nicht künstlich eingegriffen wurde. Der zweite wichtige Aspekt in diesem Zusammenhang ist das Risikomanagement beziehungsweise das Clearing. Wir sind eines der vier großen global aufgestellten Clearinghäuser. Die zentralen Clearinghäuser dienen als Brandmauer für den Fall, dass ein Marktteilnehmer ausfällt, denn sie garantieren die Ausführung. Unser CCP hat sich in der Krise als komplett widerstandsfähig erwiesen und auch die anderen globalen CCPs haben gut funktioniert.

Wodurch heben Sie sich denn von den Peers ab?

Müller: Wir verfügen im Clearing über eine spezielle selbstkalibrierende Value-at Risk-Methode. Mit Hilfe dieser Methode zur Berechnung von Risiken mit dem Namen Prisma können wir schon im Voraus transparent berechnen, welche Marginanforderungen bei verschiedenen Schwankungen entstehen werden.
Damit können sich Marktteilnehmer besser auf alle Eventualitäten vorbereiten und ihre Liquidität planen. Hinzu kommt das Risikomanagement in Echtzeit. Wir werden mit dieser Methode global als führend wahrgenommen. Die CME will jetzt auf eine ähnliche Methode umstellen.

Ein weiteres Element, bei dem wir führend sind, ist das Anti Procyclicality Management. Hierunter versteht man Modellelemente, die erratische Marginausschläge verhindern. Dazu zählen sogenannte Margin Floors, das heißt Untergrenzen für die Margin-Anforderungen, die wir auch in ruhigen Zeiten
nicht unterschreiten. Das hatte in der Phase extrem niedriger Volatilität vor dem Corona-Crash zur Folge, dass die Anforderungen nicht zu stark reduziert wurden. Entsprechend mussten wir in der hochvolatilen Phase auf dem Höhepunkt der Krise unsere Marginanforderungen nicht so stark anheben wie andere Clearinghäuser.

Welche besonderen Herausforderungen stellen sich derzeit der Eurex?

Peters: Wir leben in einer Zeit großen Wandels, politisch, technologisch und gesellschaftlich, hinzu kommt der Klimawandel. Diese Herausforderungen sind für uns aber auch Chancen für Wachstum – beispielsweise im Bereich Sustainable Investing oder durch den Schub hin zum elektronischen Handel.

Wo sehen Sie besondere Wachstumspotenziale für die Eurex?

Peters: Eurex stand immer für eine erfolgreiche Wachstumsgeschichte. Wir machen mittlerweile über 1 Mrd. Euro Umsatz. Trotz Corona und unabhängig von zyklischen Schwankungen sehen wir weiterhin attraktive Möglichkeiten, diesen Wachstumskurs fortzusetzen. Die Verlagerung von OTC-Geschäft in ein reguliertes Umfeld durch börslich gehandelte Futures-Kontrakte ist sicherlich ein wesentlicher Treiber. Hinzu kommt der Trend zu passiven Investments, von dem wir profitieren. Mit unserer breiten Palette an MSCI-Derivaten sind wir bei ausstehenden Kontrakten mit einem Marktanteil von über 50 % weltweit führend.

Großes Wachstumspotenzial sehen wir aber auch beim Thema ESG, das ist ein weiterer bedeutender Treiber. Der Green Deal der EU, der eine klimaneutrale Ökonomie bis zum Jahr 2050 zum Ziel hat, setzt eine massive Transformation mit einer entsprechenden Reallokation von Kapital in Gang. Wir spielen eine wesentliche Rolle, weil wir innovative Derivate anbieten, die sowohl den ESG Investment Footprint ermöglichen und gleichzeitig die Nachhaltigkeitsrisiken steuern. Im Februar 2019 sind wir mit unserem ESG-Segment an den Start gegangen. Mittlerweile haben wir 15 ESG-Kontrakte, unter anderem für den Dax, den Euro Stoxx 50 und den Stoxx Europe 600 sowie für fünf MSCI-Indizes. Wir werden die Produktpalette weiter ausbauen. Die ESG-Thematik gewinnt nach dem Antritt Bidens und der Rückkehr der USA zum Pariser Klimaabkommen noch weiter an Fahrt.

Welche Potenziale sehen Sie im Clearingbereich?

Müller: Das Clearing von nicht an der Börse gehandelten Assetklassen ist ein weiterer wichtiger Treiber für unser Wachstum. Eurex Clearing bietet heute innovative und integrierte Lösungen, nicht nur für börsengehandelte Produkte, sondern auch für OTC-gehandelte Derivate und Repo-Geschäfte. Prominentes Beispiel ist hier das Clearing von Zinsswaps.

Wichtiges Wachstumspotenzial sehen wir aber auch im Devisenbereich. Das ist mit einem Tagesvolumen von 6 Bill. Dollar immerhin der größte Markt weltweit. Dennoch ist der FX-Markt noch erstaunlich wenig elektronisch und findet nur in geringem Umfang über börslich regulierte Märkte statt. Vor vier Jahren haben wir mit der 360T eines der führenden Fintechs in Deutschland erworben. 360T ist eine der größten elektronischen FX-Handelsplattformen weltweit. Durch die Kombination mit den börsengehandelten FX-Derivaten der Terminbörse und den Möglichkeiten des zentralen Clearings ergeben sich viele Wachstumschancen. Wir arbeiten zum Beispiel derzeit an einem Clearingservice für Cross Currency Swaps.

Wie entwickelt sich das Euro-Clearing, also das OTC-Clearing von Zinsderivaten?

Müller: Zinsderivate sind der zweitgrößte Markt der Welt. Die G20 hatte für standardisierte Zinsderivate im Zuge der Finanzkrise quasi weltweit eine Clearingverpflichtung eingeführt. Ziel dieser Clearingverpflichtung ist die Vermeidung von bilateralen Exposures zwischen den Banken, indem man mit den CCPs einen neutralen Risikomanager dazwischenschaltet. Mit Einführung der Clearingverpflichtung hat sich dieses Geschäft in ganz starkem Maße über die letzten zehn Jahre in London konzentriert. Eurex hatte auch bereits früh in den Ausbau der
Clearingsysteme investiert. Der Durchbruch beim Clearing von Zinsswaps und Repos ist uns aber erst mit dem Partnerschaftsprogramm gelungen. Wir mussten Dealer und Market-Maker motivieren, attraktive Preise zu stellen, um eine liquide Alternative zum London Clearing House Schritt für Schritt aufzubauen. Wir beteiligen die zehn aktivsten Häuser am Unternehmenserfolg und der Governance der Eurex Clearing AG. Die Wirkung des Programms ist enorm. Es gibt keinerlei Preisnachteil mehr im Vergleich zu London.

Mittlerweile haben wir ein ausstehendes Volumen von über 20 Bill. Euro und einen Marktanteil von rund 20 %. Wir verzeichnen einen enormen Zulauf an Kunden. Rund 90 Banken sind mittlerweile direkt als Clearingmitglieder angebunden und die Anzahl der Endkunden hat sich über die letzten 18 Monate auf rund 400 Endkunden verdoppelt. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Kapitalanlagegesellschaften, kleine und mittlere Banken, Pensionsfonds und öffentliche Institutionen wie die KfW, die Finanzagentur und ihr Pendant Dutch State Treasury in den Niederlanden. Insbesondere das Geschäft am langen Ende wächst sehr stark. Wir sind voll im Plan, einen Marktanteil von 25 % zu erreichen.

Müsste da nicht die EU-Kommission noch etwas Druck auf den Markt ausüben?

Müller: Der Kommission geht die Verlagerung in die EU offenbar nicht schnell genug. Sie weist den Markt eindringlich darauf hin, dass die immer noch sehr starke Abhängigkeit vom London Clearing House aus Systemstabilitätserwägungen nicht akzeptabel ist. Der Markt muss nach Meinung der EU nach dem Brexit weniger abhängig von britischer Finanzmarktinfrastruktur werden. In 16 Monaten läuft die Äquivalenz des London Clearing House aus. Der Druck wächst also auf die Marktteilnehmer, in größerem Stil zu verlagern und wir stehen mit unserem Angebot bereit. Auch Repos spielen eine große Rolle in unserem Clearingangebot. Wir haben Anleihe-Futures, Zins-Swaps und Repos auf einer Plattform und bieten den Marktteilnehmern damit im Euro maximale Effizienz.

Unser Ziel lautet: Wir wollen „Home of the Euro“ im Fixed-Income-Bereich sein – und da bettet sich das Euro-Clearing ein.

Quelle: Börsen-Zeitung, 19. März 2021, Christopher Kalbhenn, © Alle Rechte vorbehalten.

Image: Pixabay/Ippicture

Share on twitter
Share on linkedin
Share on facebook
Share on whatsapp
Share on email
Share on print
(Visited 84 times, 1 visits today)
Close