EZB-Chefvolkswirt warnt vor „Teufelskreis“

Peter Praet, Vorstandsmitglied und Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, sorgt sich um die Auswirkungen von Unsicherheiten wie Brexit und Italien. In seiner Rede „Preisstabilität im Euroraum erhalten“, die am 20. Februar 2019 beim 11. Finanzplatzfrühstück in der Deutschen Bundesbank vor 100 Gästen stattfand, warnte Praet vor einem Teufelskreis für die Wirtschaft im Euroraum. Das Finanzplatzfrühstück wird von Frankfurt Main Finance gemeinsam mit dem Verband der Auslandsbanken in Deutschland organisiert. Seit 2015 bietet diese Veranstaltungsreihe den Entscheidungsträgern und Vordenkern der Finanzindustrie eine Plattform, um die aktuellsten Themen für den europäischen und globalen Finanzsektor zu beleuchten.

Nachfolgend finden Sie eine ausführlichere Dokumentation des Vortrags von Peter Praet, die in der Börsen-Zeitungsausgabe vom 21. Februar 2019 veröffentlicht wurde und hier mit Zustimmung der Börsen-Zeitung dupliziert ist:

Praet sorgt sich um Folgen der Unsicherheiten

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet hat vor einem „Teufelskreis“ für die Wirtschaft im Euroraum gewarnt und erneut neue Hilfen der Europäischen Zentralbank (EZB) ins Gespräch gebracht – unter Umständen auch als eine Art Absicherung gegenüber Negativszenarien. Praet äußerte sich gestern beim 11. Finanzplatzfrühstück von Frankfurt Main Finance und dem Verband der Auslandsbanken in Deutschland.

„Die wirtschaftlichen Bedingungen in der Eurozone sind eigentlich gut“, sagte Praet. Die Handelskonflikte und politischen Unsicherheiten wie Brexit und Italien veränderten aber das Wirtschaftsklima in der Eurozone „fundamental und nicht nur vorübergehend“. „Wir sind jetzt noch nicht in einem Teufelskreis, aber wir sind nahe dran“, sagte er. Notfalls könnte auch die EZB gefragt sein; darüber werde bald diskutiert.

Debatte über neue EZB-Hilfen

Mit seinen Aussagen untermauert Praet noch einmal Einschätzungen in einem Interview der Börsen-Zeitung von Dienstag (vgl. BZ vom 19. Februar). Damit hatte er Spekulationen vor allem auf weitere langfristige Refinanzierungsgeschäfte (TLTROs) der EZB für Banken angeheizt. Praet kommt als Chefvolkswirt in den Beratungen eine zentrale Rolle zu.

Praet bekräftige gestern auch seine Forderung, dass die Politik die von ihr selbst kreierten Probleme endlich aus der Welt schaffe. Sollten sich die vielen Konflikte und Krisen nicht schnell auflösen, könnte laut Praet ein EZB-Eingreifen nötig werden. Gegebenenfalls könne die Notenbank damit auch eine Art „Versicherung“ schaffen, um noch schlimmere Szenarien auszuschließen, sagte er.

Praet sagte, dass die Diskussion im EZB-Rat über neue TLTROs „bald“ stattfinden wird. „Das bedeutet aber nicht, dass wir eine Entscheidung treffen“, sagte er. Die nächste geldpolitische Sitzung findet am 7. März statt. Im Zuge einer zweiten Runde solcher Geschäfte hatte die EZB ab Mitte 2016 rund 700 Mrd. Euro an die Euro-Banken verliehen, um so die Kreditvergabe anzukurbeln.

Nicht zuletzt nach Praets Aussagen im Interview erwarten immer mehr Beobachter solche Hilfen. Tatsächlich scheint das sehr wahrscheinlich – allein schon, um keinen harten Schnitt bei Auslaufen dieser Geschäfte zu riskieren. Intensiv diskutiert werden dürfte in Notenbankkreisen aber noch über die Ausgestaltung. So scheint einiges für einen variablen statt für einen festen Zins wie bei den ersten TLTROs zu sprechen. Zudem spielen die Laufzeit und die Bedingungen für die Banken eine Rolle.

Praet widersprach gestern Einschätzungen, dass eine Anpassung des Zinsausblicks des EZB-Rats (Forward Guidance) keinen großen Effekt haben werde. Bislang besagt der Ausblick, dass die rekordniedrigen Zinsen „mindestens über den Sommer 2019“ nicht angehoben werden. Im Interview der Börsen-Zeitung hatte Praet gesagt, das könne angepasst werden, wenn sich die Euro-Wirtschaft stärker abkühlt. Experten hatten daraufhin geäußert, ein späteres Datum spiele keine Rolle, weil die Märkte im Mittel ohnehin schon auf 2020 oder gar 2021 setzten. Praet widersprach nun. Eine Neufassung der Guidance könne einen „großen Einfluss“ auf die Markteinschätzungen insgesamt haben, sagte er.