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Der Standort spielt für junge FinTechs eine sehr wichtige Rolle

Wir haben Dr. Jochen Biedermann, Senior Advisor bei Frankfurt Main Finance und FinTech-Experte, gefragt: „Was zeichnet die Region Frankfurt Rhein-Main als FinTech-Standort aus?“ Im Interview gibt Dr. Biedermann spannende Einblicke in die Gründerwelt im Rhein-Main-Gebiet.

Was beeindruckt Sie am meisten, wenn Sie mit jungen FinTech-Gründern sprechen?

Mich beeindruckt am meisten das Gespür der Gründer für neue Ideen und Chancen in der Finanzindustrie sowie der Mut, diese zu realisieren – trotz vieler Entbehrungen und Widerstände. Häufig erleben Gründer einen Wettkampf mit ungleichen Waffen, vergleichbar der Geschichte von David gegen Goliath: hier der Gründer, der seine Ersparnisse und Erfahrungen einbringt und oft jahrelang Tag und Nacht mit Gleichgesinnten ohne festes Gehalt an seinem Projekt arbeitet und auf der anderen Seite das Großunternehmen mit Millionen an Kunden und Umsätzen.

In den letzten Jahren ist dieses Bild allerdings facettenreicher geworden: Erfolgreiche Davids haben sich mit den Goliaths bestens arrangiert und etablierte Finanzdienstleister als Partner oder Kunden gewonnen. Weniger erfolgreiche FinTechs scheitern oftmals an der nächsten Finanzierungsrunde, denn die Geldgeber sind aus gutem Grund sehr wählerisch geworden – in Deutschland wie fast überall auf der Welt ist die die Goldgräberstimmung der ersten FinTech-Jahre vorbei und wir sehen, dass nach und nach die Realität Einzug hält.

Was sind die First Steps eines Gründers, der sich dazu entschließt, sein Unternehmen am Finanzplatz Frankfurt anzusiedeln? An welche Anlaufstellen kann sich ein Gründer in Frankfurt wenden?

Die Standortwahl spielt für aufstrebende FinTechs eine sehr wichtige Rolle. Zugang zu Talent ist vielleicht der wichtigste Faktor. Im Fokus stehen dabei Fragen wie: Wo finde ich Gleichgesinnte, z.B. einen Chief Technology Officer? oder Wo finde ich kostengünstige und erfahrene Entwickler? Hier ist das Rhein-Main-Gebiet mit seiner breiten Hochschullandschaft mit Studienangeboten in den Bereichen Finanzen, Informatik bis hin zu Management und Unternehmertum sehr gut aufgestellt. Dazu kommt ein reiches Reservoir an Managern und Mitarbeitern der klassischen Finanzbranche, die bereit sind die Seiten zu wechseln und etwas Neues aufzubauen.

In der Regel bleiben Gründer aber erst einmal dem Heimatort treu und starten aus ihrem vertrauten Umfeld heraus, insbesondere auch um die Kosten in der Anfangsphase niedrig zu halten. Später geht es dann um Zugang zu Fördermitteln und den Austausch mit Gleichgesinnten in attraktiven FinTech-Zentren. In Frankfurt haben Gründer allein innerhalb der Stadtgrenzen schon jetzt eine Auswahl an neun unterschiedlichen FinTech-Zentren. Neben dem 2016 gestarteten TechQuartier bieten z.B. auch WeWork, Mindspace, The Spot, VABN und natürlich die Angebote der Banken und der Deutschen Börse (hier finden Sie eine Übersicht) Unterstützung. Und nicht zuletzt ist die Nähe zu den potentiellen Kunden ein relevanter Aspekt. Aus diesem Grund siedeln sich viele B2B-FinTechs am Finanzplatz Frankfurt an oder sind zumindest mit einem Büro im Rhein-Main-Gebiet vertreten. Sie suchen den Kontakt zu den Banken und der Börse, um diese davon zu überzeugen, ihre FinTech-Lösungen mit in das Kundenangebot aufzunehmen.

Gelten diese Erfahrungen auch für internationale FinTechs?

Bei internationalen FinTechs aus, die in den deutschen Markt wollen (oft aus dem EU-Ausland kommend) oder einen ersten Standort in der EU suchen, sieht es oft anders aus. Hier spielt nicht nur die Willkommenskultur, sondern auch das regulatorische Umfeld eine große Rolle. Brauche ich Lizenzen und Genehmigungen für mein Unternehmen? Wenn ja, wie geht die zuständige Aufsichtsbehörde mit mir um? Fühle ich mich am Standort gut aufgehoben? Im Rahmen meiner Kontakte zu internationalen FinTechs gebe ich gerne Auskunft und vermittle Kontakte, insbesondere zu den verschiedenen Förderern am Standort wie z.B. die Wirtschaftsförderung und die Frankfurt Rhein Main GmbH, die eine erstklassige Arbeit leisten und gerne helfen.

Eine sehr wichtige Rolle spielen die verschiedenen Acceleratoren und Incubatoren im Rhein-Main-Gebiet. Exemplarisch möchte ich den Accelerator Frankfurt nennen, dessen israelisch/finnisches Gründerteam Maria Pennanen und Ram Shoham schon vielen FinTechs geholfen hat, erfolgreich zu starten und Investoren sowie Kunden zu gewinnen. Ich bin selber beim Accelerator Frankfurt wie auch beim Plug and Play Tech Center in Frankfurt als Mentor aktiv – eine ehrenamtliche Arbeit, die mir immer wieder Freude macht.

Sie sprachen eingangs von der Metapher David gegen Goliath: Vor welchen Herausforderungen stehen junge Gründer am Finanzplatz Frankfurt? Ergeben sich hieraus auch Vorteile?

In Frankfurt hängt die Latte, je nach Geschäftsmodell, oft ein bisschen höher als woanders.

Zum einen hat die BaFin als Finanzaufsicht den Ruf, bei Themen wie z.B. dem Verbraucherschutz keine Kompromisse einzugehen. Insofern hat man dort folgerichtig dem Ruf nach sogenannten regulatorischen Sandkästen (Spielwiesen, auf denen man neue Geschäftsmodelle erst einmal unter Aufsicht ausprobieren darf, bevor man unter die volle Regulierung fällt) frühzeitig eine Absage erteilt. Umgekehrt hilft gerade dies den Gründern oft später, wenn sie international expandieren möchten. Ich habe bereits von mehreren Gründern gehört, dass die Gespräche mit ausländischen Aufsichtsbehörden deutlich leichter gefallen sind, wenn man mit der Erlaubnis der BaFin quasi ein „Gütesiegel“ vorzuweisen hatte.

Zum anderen herrscht eine hohe Konkurrenz am Standort, zum Beispiel um Talente wie Absolventen der regionalen Universitäten. Gerade bei IT-Spezialisten konkurriert man nicht nur mit anderen FinTechs, sondern auch mit Banken, Finanzdienstleistern und den vielen anderen Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet. Das treibt die Gehälter nach oben – hier können junge Gründer leider nicht immer mithalten.

Auf der Seite der Lebenshaltungskosten ist Frankfurt dagegen recht attraktiv, nicht nur im Vergleich mit den großen internationalen Metropolen wie London, New York, Paris, Hongkong, Singapur oder gar dem Silicon Valley, sondern auch gegenüber anderen deutschen Standorten. Öffentlich geförderte Arbeitsplätze wie im TechQuartier sind dabei sicherlich hilfreich.

Gibt es den perfekten Standort für FinTechs?

Ich denke, so etwas wie den einen perfekten Standort für alle gibt es nicht. Dazu sind die Bedürfnisse der FinTechs zu unterschiedlich. Frankfurt punktet insbesondere mit der Nähe zu den Banken und Finanzdienstleistern als möglichen Kunden, der (fast) perfekten Lokation am zentralen Daten- und Verkehrsknotenpunkt in der Mitte Europas, dem regulatorischen Know-how, das die ansässigen nationalen und europäischen Aufsichtsbehörden bieten, dem Mittelstand quasi vor der Haustür und einer aktiven FinTech-Szene mit vielen Treffen und Veranstaltungen.

Wie würden Sie das aktuelle Frankfurter FinTech-Ökosystem beschreiben und wie wichtig ist die Nähe zu den ‚großen‘ und etablierten Banken?

Das Ökosystem ist gut etabliert. Mit rund 110 FinTech-Unternehmen ist das Rhein-Main-Gebiet gut aufgestellt. Viele davon sind erfolgreich unterwegs, auch wenn wir mit 360T (2015 für 725 Mill. € von der Deutschen Börse erworben) und Concardis (in 2017 für mehr als 600 Mill. € von den Finanzinvestoren Bain Capital und Advent übernommen) nur zwei große „Exits“ hatten. Darüber hinaus haben wir an der Deutschen Börse bereits erfolgreiche FinTech-IPOs gesehen, wie den von Creditshelf im Sommer dieses Jahres.

Im Vergleich mit anderen Standorten sehe ich im Rhein-Main-Gebiet eher B2B-orientierte FinTech-Unternehmen. Deren Kunden sind neben dem klassischen Mittelständler, der eine Finanzierung sucht oder der seine Finanzprozesse optimieren möchte, oft die Banken. Typische deutsche Großbanken kooperieren oft mit einem Dutzend FinTech-Unternehmen, die ihnen umfassende Lösungen anbieten – von Kontowechsel, Videoident, Finanzplattformen, Konsumentenkredite und -prüfungen, Zahlungsverkehr, Schnittstellen/APIs bis hin zur Erfüllung der in der Regel sehr aufwendigen regulatorischen Anforderungen durch die sogenannten „RegTechs“. Oft, aber nicht immer, sind diese Banken auch an den passenden FinTechs investiert. Ein Chief Digital Officer einer Großbank sagte mir einmal sinngemäß: Wenn wir über eine FinTech-Lösung unser Kundenangebot verbessern können, dann kooperieren wir und kaufen die Services ein. Und wenn die Lösung so gut ist, dass wir sie nicht bei unseren Wettbewerbern sehen wollen, dann kaufen wir halt das ganze Unternehmen.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich der FinTech-Standort Frankfurt entwickeln?

Wir sehen seit einiger Zeit neue Technologien, die voraussichtlich die Finanzbranche oder zumindest Teile der Finanzindustrie im kommenden Jahrzehnt verändern werden. Dazu gehört zum einen die Blockchain- oder Distributed-Ledger-Technologie. Und natürlich die Nutzung von künstlicher Intelligenz. Auch die Themen Digitale Identität und IT-Sicherheit („Cybersecurity“) sind schon sehr wichtig und werden in den kommenden Jahren noch bedeutender werden.

Während wir beim Thema IT-Sicherheit durch den Cybersecurity-Hub in Darmstadt  in der Region hervorragend aufgestellt sind, kann man das von den drei anderen genannten Themen so noch nicht sagen. Es gibt zwar sehr erfolgsversprechende Ansätze, wie die Aktivitäten um das Blockchain Center der Frankfurt School of Finance and Management oder den Verein Artificial Intelligence in Financial Services e.V., aber diese werden möglicherweise nicht ausreichen, wenn andere Länder Fördermittel in mehrfacher Milliardenhöhe für diese Bereiche bereitstellen.

Auch beim Thema Nachhaltigkeit in der Finanzindustrie sehe ich sehr positive Ansätze. Das Thema hat sich generell – dank der wichtigen Beiträge der Deutschen Börse und des Landes Hessen –  aus Frankfurt heraus zu einem deutschen Hub entwickelt.
Aber auch die FinTechs tragen dazu bei. Als Koordinator der SDG FinTech-Initiative (SDG = Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen) bekomme ich aus erster Hand mit, was FinTech-Gründer hier alles bewirken können und wie deren Innovationen beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent angenommen werden. Hier haben wir echte „Perlen“ in Frankfurt, die aber oft noch zu wenig bekannt sind. Und Nachhaltigkeit geht uns alle an.

 

 

Dr. Jochen Biedermann berät seit vielen Jahren die Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance e.V. beim Thema FinTech sowie beim Aufbau und der Entwicklung von Partnerschaften mit anderen führenden internationalen Finanzplätzen. Dr. Biedermann ist weiterhin Geschäftsführer des Weltverbandes der Finanzplätze World Alliance of International Financial Centers, fungiert als FinTech-Koordinator des EU Financial Centre Roundtables, ist Mitglied des FinTech Advisory Councils des Astana International Financial Centres (AIFC), CEO von Blockchain Asia Ltd. in Hongkong sowie Mentor beim Accelerator Frankfurt und dem Plug and Play Tech Center. Dr. Biedermann ist promovierter Mathematiker mit einem Abschluss der Universität Cottbus sowie einem Diplom in Mathematik/Informatik der Universität Göttingen.