Forschungskonferenz: Systemische Risiken messen

Wissenschaftler und Praktiker diskutieren über unterschiedliche Ansätze: Die Forschungskonferenz des Frankfurter Instituts für Risikomanagement und Regulierung (FIRM) hat sich in diesem Jahr im Schwerpunkt mit der Frage beschäftigt, mit welchen Ansätzen sich systemische Risiken erkennen und messen lassen. Mehr als 50 Vertreter aus Wissenschaft und Praxis diskutierten am 22. Juni in Mainz über neue Modelle aus der Forschung und verprobten diese mit den Anforderungen aus der Arbeitspraxis in den Banken.

Prof. Dr. Günter Franke, Vorsitzender des Beirats von FIRM, ist Organisator der Konferenz. Er hat Professoren unterschiedlicher Universitäten und Fachrichtungen nach Mainz eingeladen. „Mit dieser Konferenz wollen wir zum einen den Praktikern einen Einblick in aktuelle Forschungsansätze geben, die zum Teil noch in der Entwicklungsphase stecken. Zum anderen bekommen die Forscher ein direktes Feedback von erfahrenen Praktikern zur Umsetzbarkeit ihrer Modelle“, erläutert Franke.

Prof. Dr. Günter Franke: „Neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorstellen und mit Praktikern diskutieren, das ist Ziel der Forschungskonferenz.“

Günter Franke, Organisator der Forschungskonferenz

Den Auftakt macht Prof. Dr. Gunter Löffler von der Universität Ulm. Seine Fragestellung: Können aus systemischen Risikomaßen verlässliche Informationen gewonnen werden? Seinen Ansatz skizziert er an zwei Beispielen – CoVaR und MES (Marginal expected shortfall) –, zwei unter Experten gängige Risikomaße, bei deren Einsatz aber einige Fallstricke zu beachten sind. Einer davon: Die Maße vereinfachen zu sehr. Das Risiko des Finanzsystems wird im Schätzmodell teilweise allein auf eine Bank zurückgeführt. Auch wird nicht analysiert, wer in einem System ein Risiko auslöst. Beides könne zu Fehlinterpretationen führen, worauf bei der Anwendung in der Risikomessung und -steuerung geachtet werden müsse, gibt Löffler den Praktikern mit auf den Weg.

Prof. Dr. Gunter Löffler: „Systemische Risikomaße dürfen nicht einfach unreflektiert angewendet werden, sind aber zum Beispiel eine sinnvolle Ergänzung zu Stresstests.“

Prof. Dr. Thilo Meyer-Brandis, Mathematikprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, entwickelt ein netzwerkbasiertes Maß, das die Risikotragfähigkeit großer Finanzsysteme in Bezug auf Ansteckungseffekte  abbildet. Dazu stellt er die Frage, ob man in Abhängigkeit der Netzwerkstruktur Kapitalanforderungen so stellen kann, dass sich daraus eine Widerstandsfähigkeit des Systems gegen Risiken ableiten lässt. Seine Modellanalyse geht von einem Initialschock aus und berechnet, welche Auswirkungen sich hieraus für welche Bank im Netzwerk ergeben und wie sich der Schock im System ausbreitet. Eines seiner Ergebnisse: Wenn ein System nicht resilient ist, reicht selbst ein kleiner Schock, und der Zusammenbruch ist vorprogrammiert. Auf Basis des Modells könne aber jede Bank für sich nachvollziehen, welche Kapitalanforderung sie erfüllen müsse, um das Netzwerk widerstandsfähig zu machen, erläutert Meyer-Brandis.

Prof. Dr. Thilo Meyer-Brandis: „Wir können explizite Kriterien herleiten, die die Widerstandsfähigkeit eines Netzwerks aufzeigen.“

Wissenschaftler im Dialog: Gunter Löffler, Thilo Meyer-Brandis und Simon Rother

Alle Vorträge werden im Anschluss jeweils von einem Vertreter der Praxis und einem der Wissenschaft diskutiert. So erläutert Prof. Dr. Christian Koziol von der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen, wie sich Meyer-Brandis mathematischer Ansatz um eine ökonomische Perspektive ergänzen ließe. Jochen Peppel von Oliver Wyman zeigt am Abhängigkeitenmodell von Meyer-Brandis, welche Faktoren neben den direkt finanziellen sonst noch für die Stabilität von Netzwerken herangezogen werden können und wie sich solche Faktoren miteinander verknüpfen lassen. „Dieser Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis erweist sich als sehr fruchtbar, weil er die vielfach unterschiedlichen Sichtweisen verdeutlicht. Das macht es den Teilnehmern am Ende einfacher, die neuen Erkenntnisse aus der Forschung in ihr Bankenmanagement einzubringen“, erklärt Franke.

Wenn über systemische Risiken gesprochen wird, geht es auch um die Auswirkungen so genannter Asset Price Bubbles. Mit der Frage, wie Preisblasen zu systemischen Risiken werden können, setzt sich eine empirische Analyse auseinander, die von Simon Rother (Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn) vorgestellt wird. Die anschließende Diskussion macht deutlich, dass das systemische Risiko schon im Aufbau einer solchen Blase entstehe und sich die meisten Akteure darüber auch bewusst seien. Die Analyse könne dabei helfen, ein Bauchgefühl quantifizierbar zu machen.

Prof. Dr. Jan Pieter Krahnen von der Goethe Universität Frankfurt widmet sich in seinem Vortrag der Interbank Intermediation in Deutschland. Er entwickelt ein Bild von den Interbanken-Forderungen und Verbindlichkeiten, gegliedert nach unterschiedlichen Fristen. Es stehe außer Frage, dass der Interbankenmarkt ein Instrument sein könne, um Zinsrisiken einer Bank zu managen. Prof. Dr. Lutz Johanning von der WHU diskutiert intensiv, welche Rolle der Interbankenmarkt in Zukunft für das Risikomanagement überhaupt noch spielen könne. Mag. Rab von der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien macht deutlich, dass in Österreich seit der letzten Krise die Interbank Intermediation weitgehend durch Repo-Geschäfte geprägt ist.

Prof. Dr. Jan Pieter Krahnen: „Wir wollen einen mikroskopischen Blick auf die Interbankenmärkte in Deutschland werfen. Haben sie in der Zukunft noch eine Bedeutung und – wenn ja – welche?“

Jan Pieter Krahnen zur Rolle des Interbankenmarktes

Abgerundet wird die Veranstaltung durch einen Vortrag aus der Praxis. Florian Roßwog von der DZ Bank beschäftigt sich am Beispiel seines Hauses mit der Liquiditätssteuerung in extremen Marktsituationen. Seine Untersuchung zeigt, dass Verbindlichkeiten gegenüber Nichtbanken erheblich an Bedeutung gewonnen haben, unbesicherte Finanzierung in den Bankbilanzen – abgesehen von Kundeneinlagen – entfallen ist und die vertraglich vereinbarten Laufzeiten auf der Passivseite verkürzt wurden.

Florian Rosswog referiert über Liquiditätssteuerung in der Praxis

Franke zieht am Ende der Forschungskonferenz ein positives Fazit: „Die Vorträge zum systemischen Risiko haben die unterschiedlichen Ansätze zur Messung sehr klar herausgearbeitet, ebenso deren Stärken und Schwächen. Darüber hinaus wurden neue Einsichten in die Treiber des Interbanken-Geschäfts vermittelt.“ Für die Teilnehmer also ein echter Erkenntnisgewinn.

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