Frankfurt baut Position als internationaler Talent-Pool aus

Nach dem Brexit-Entscheid der Briten steht inzwischen fest, dass viele Finanzdienstleister ihren EU-Standort aus London nach Frankfurt verlegen werden. Ganz praktisch bedeutet das: Viele Menschen sehen sich in absehbarer Zeit mit einem Umzug von der Themse an den Main konfrontiert. Diese bevorstehende Veränderung beeinflusst das Stimmungsbild in der Branche.

Christopher Schmitz, Partner bei Ernst & Young (EY)

„In unseren Gesprächen mit Betroffenen nehmen wir wahr, dass ein Umzug zunächst mit Unsicherheit verbunden ist“, sagt zum Beispiel Christopher Schmitz, Partner bei der international tätigen Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) und verantwortlich für den Bereich Financial Services. „Man hat sich London ja bewusst ausgesucht und sich dort auch teilweise über viele Jahre wohl gefühlt. Nun steht der Wechsel in andere europäische Standorte an – verbunden mit einer anderen Landessprache, Kultur, Wohnsituation und vieles mehr.“

Die Multi-Kulti-Szene wächst

Während die Unterhändler der Europäischen Union (EU) und Großbritanniens im Zuge der Austrittsverhandlungen über die Rechte von Millionen EU-Bürgern in Großbritannien und Briten in der EU diskutieren, erleben Unternehmen wie EY eine stetig zunehmende Zahl von Initiativbewerbungen aus London für Frankfurt. Die Gründe hierfür sind vielfältig.

„Frankfurt steht bei der Lebensqualität im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen keinesfalls schlecht da“, so Schmitz. Die Rhein-Main-Region mit ihrer zentralen Lage in Deutschland biete eine hervorragende Verkehrsinfrastruktur und einen effizienten internationalen Flughafen. Die unmittelbare Umgebung überzeuge durch landschaftlich reizvolle Gegenden und die Stadt selbst mit einem umfassenden Kulturangebot. „Frankfurt ist bereits heute eine Multi-Kulti-Szene, dazu tragen auch die schnell wachsenden internationalen Communities der hier ansässigen IT- und Bankenbranchen bei“, ist Schmitz überzeugt.

„Die Sekundäreffekte des Zuzugs wie Kaufkraft, Übernachtungen und Steueraufkommen dürften in der Region zunehmen.“

Ein Blick auf das Portfolio an Bewerbern, die in Frankfurt leben und arbeiten wollen, zeigt ein überraschendes Bild. So sind es nicht unbedingt nur Bürger europäischer Staaten, die die Rhein-Main-Region als Standort wählen. Stattdessen bewerben sich auch hochqualifizierte Kandidaten anderer Nationalitäten aus London.

„Frankfurt verspricht mit der EU Blue Card Regelung, also dem EU-Arbeitsvisum, freizügiges Reisen und Arbeiten in der EU – etwas, das ein UK Arbeitsvisum nach dem Brexit möglicherweise nicht mehr bieten kann“, erklärt Schmitz die Situation. Tatsächlich ist die Anzahl an Indern mit einer Blue Card in Frankfurt der Orbis-Datenbank zufolge bereits zwischen 2013 und 2016 um 566 Prozent gestiegen, während der durchschnittliche Zuwachs deutschlandweit 80 Prozent betrug.

Frankfurt ist bevorzugtes Ziel für Inder

Generell ist die Stadt am Main besonders für indische Fachkräfte ein bevorzugtes Ziel. So verzeichnete Frankfurt ebenfalls zwischen 2013 und 2016 einen Anstieg der indischen Bevölkerung von 4.720 Menschen oder 37 Prozent. Im Vergleich dazu stieg der Zuzug anderer Nationalitäten im Allgemeinen nur um 14 Prozent.

Schmitz sieht in dieser Entwicklung die Möglichkeit, von Talent-Pools zu profitieren, zu denen bisher kein oder nur ein beschränkter Zugang bestand: „Frankfurt kann sich als Standort für internationale Talente etablieren und damit auch für weitere Arbeitgeber, etwa aus dem Tech-Bereich, interessant werden“, sagt der Experte von EY. Als größten Profiteur dieser Entwicklung sieht er die Finanzdienstleistungsbranche, betont aber auch die Sekundäreffekte des Zuzugs wie Kaufkraft, Übernachtungen und Steueraufkommen, die in der Region zunehmen dürften.

„Frankfurt verspricht mit der EU Blue Card Regelung, also dem EU-Arbeitsvisum, freizügiges Reisen und Arbeiten in der EU.“

Der Zuzug so vieler Menschen mit all den positiven Effekten stellt aber auch eine Herausforderung dar. Es gilt, an einer gelungenen Integration zu arbeiten. Dazu tragen Schmitz zufolge auf lange Sicht deutsche Sprachkenntnisse bei, aber auch Plätze an internationalen Schulen für Kinder internationaler Mitarbeiter sowie ausreichend Wohnraum. „Zudem könnten Politik und Wirtschaft zum Beispiel ein Welcome-Package mit Informationen zur Region oder einer vergünstigten Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in den ersten Monaten zur Verfügung stellen. Ebenso hilfreich könnte eine mehrsprachige Betreuung neu zugezogener Menschen sowie eine administrative Unterstützung bei der Beantragung etwa der Blue Card sein“, sagt Schmitz.

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Bildnachweise: Ernst & Young, AnastasiiaUsoltceva / fotolia.de / Back Lit Business People Traveling

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