Grüneburgpark wird sommerliches Theater-Wunderland

Wer im Sommer durch den Frankfurter Grüneburgpark schlendert, dem mögen hier und da verschiedene Gruppen auffallen, die von Station zu Station durch den Park spazieren, jeweils angeführt von einer Frau im bunten Kleid und geringelten Kniestrümpfen. Wenn man genau hinschaut, beobachtet man, wie die Frau und ihre Gruppe durch ein Portal eine andere Welt betreten, gemeinsam kniffelige Rätsel lösen und hierfür die quirlige Teerunde eines Hutmachers befragen. Zwischen Sommerwiesen und rauschenden Bäumen lauschen sie später gebannt einem Gedicht in einer Fantasie-Sprache, vorgetragen von der Spitze eines Obelisken und fliehen in der Dunkelheit vor einem Beil schwingenden Metzger.

Vielleicht haben die Teerunde und der Hutmacher bereits ein Glöckchen geläutet: Die Frau im bunten Kleid ist Alice und der Grüneburgpark wird zum Wunderland. Die Gruppen bestehen aus Theaterzuschauern, die ihrer Alice in die fremde Welt folgen und bei einem ausgiebigen Spaziergang durch den Park an ihrer Reise teilhaben, hier und da miträtseln und Alice nach Kräften unterstützen. Dabei werden die unterschiedlichen Stationen aus Lewis Carrolls Roman „Alice im Wunderland“ von 1865 phantasievoll und in einer ganz eigenen Interpretation dargestellt. Manche Szenen erkennt der Leser sofort aus der Romanvorlage wieder, bei anderen haben die Theatermacher Alice Wunderland kreativ weiterentwickelt.

Inszeniert hat die außergewöhnliche Aufführung die Dramatische Bühne. „Alice im Wunderland“ ist eines der bekanntesten Stücke des freien Theaters, das in Frühling, Herbst und Winter in der Exzess-Halle am Ende der Leipziger Straße in Bockenheim auftritt. 1988 wurde die Dramatische Bühne gegründet und seit mittlerweile 19 Jahren geht es im Sommer in den nördlichen Teil des Grüneburgparks. Für knapp 3 Monate ist das gesamte Repertoire des Theaters dort unter freiem Himmel zu sehen. In Exzess-Halle und Grüneburgpark zusammen kommt das Ensemble auf 150 Aufführungen im Jahr. Das Programm besteht dabei in erster Linie aus Klassikern wie „Romeo und Julia“, „Maria Stuart“ und „Die Leiden des jungen Werthers“. Aber mit „Fluch der Karibik“, „Moulin Rouge“ und „Der kleine Hobbit“ stehen auch neuere Werke auf dem Programm.

Zurück auf Alice Theater-Spaziergang beginnt es mittlerweile dunkel zu werden. In der Dämmerung des sommerlichen Parks entfalten die ausgefallenen bunten Kostüme und Kulissen ihren ganzen Zauber, die Szenerie wirkt märchenhaft, als habe man sich tatsächlich in Alice wundersame Welt vorgewagt. Irgendwann auf Alice Reise ist es dann stockfinster und die Zuschauer leuchten ihr mit Taschenlampen den Weg zurück nach Hause, müssen sich dabei aber in Acht nehmen, nicht an ihrer Stelle von den Verfolgern ergriffen zu werden.

Aber auch wer sein Theatererlebnis klassischer mag – mit Darstellern auf einer Bühne und dem Publikum davor auf seinen Sitzen – kommt bei der Dramatischen Bühne voll auf seine Kosten. Neben dem Theater-Spaziergang mit Alice gibt es eine Reihe von Stücken, die in althergebrachter Weise aufgeführt werden. Eins haben jedoch alle Inszenierungen gemeinsam: die bunten Farben, die außergewöhnlichen Einfälle, den ganz eigenen Blick auf die Vorlagen sowie den stets komödiantischen Unterton, der trotzdem den ernsten Kern des Stückes nicht aus den Augen verliert.

Vom 12. Juli bis zum 2. September ist das Ensemble der Dramatischen Bühne täglich mindestens einmal im Grüneburgpark zu sehen. Die Vorstellungen beginnen abends um 20:15 Uhr oder 20:45 Uhr, an den Wochenenden bereits um 16 Uhr. Der Biergarten öffnet unter der Woche schon um 19 Uhr, sodass sich im satten Grün des Parks der Sommerabend genießen und der Aufführung entgegenfiebern lässt. Die Eintrittskarten kosten 17 Euro pro Person, wer sich einen Besuch nicht leisten kann, darf ohne Angabe von Gründen umsonst auf das Gelände. Einen ausgiebigen Blick auf das Programm der Dramatischen Bühne kann man hier werfen.