Guter Rat in der Pandemie – Die Stunde der Ökonomen (FAZ Kommentar von Gerald Braunberger)

Gefragt sind in der aktuellen Situation Volkswirte, die mit guten Argumenten der Vorstellung widerstehen, die wirtschaftlichen Folgen der Krise ließen sich kurieren, indem einfach immer mehr Geld ausgegeben wird.

Mit Verschwörungsgeraune, verbalen Hexenverbrennungen, dumpfem Gebrüll und weiteren Ausprägungen des Eskapismus lassen sich weder Krisen noch ihre Nachwehen sinnvoll bekämpfen. Mit Expertise und der Bereitschaft, alte und neue Erkenntnisse sinnvoll und ergebnisoffen zu diskutieren, kommt man schon eher weiter.

Und so ist diese viele Lebensbereiche erfassende Krise auch die Gelegenheit für Ökonomen, sich konstruktiv an der Suche nach Lösungen der Krise zu beteiligen. Besonders gefragt sind in der aktuellen Situation besonnene Ökonomen, die mit guten Argumenten der Vorstellung widerstehen, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise ließen sich kurieren, indem einfach immer mehr Geld ausgegeben wird.

So mancher Ökonom scheint die Vorstellung zu hegen, wachsende Staatsverschuldung sei kein Problem, weil sie sich über Wirtschaftswachstum selbst finanziere und die Refinanzierung ausstehender Anleihen im Zweifel von der Zentralbank gesichert werde. Fast jede Rezession kostet jedoch nicht nur vorübergehend Wachstum, sondern beschädigt auch den langfristigen Wachstumstrend.

Das langfristige Wirtschaftswachstum steht in vielen Industrienationen aber alleine schon wegen der demografischen Entwicklung und des niedrigen Produktivitätswachstums unter Druck. Leider ist nicht auszuschließen, dass sich die Staatsverschuldung nicht von selbst finanziert. Und dann stimmt auch die um sich greifende These nicht mehr, Staatsverschuldung gehe nicht mit der Belastung künftiger Generationen einher.

Auch auf die Zentralbanken als grenzenlose Käufer von Staatsanleihen sollte man langfristig nicht setzen. Hinter den Kulissen versuchen die Geldpolitiker längst, den Regierungen beizubringen, dass die Geldpolitik nicht lange Zeit so expansiv bleiben kann wie derzeit.

Wie viel Spielraum die EZB noch hat, ist nach dem Karlsruher Urteil nicht klar. Daher ist der jetzt von Lars Feld geleitete Sachverständigenrat zu loben, der sich gegen die Mär von der finanziellen Wundertüte wehrt und mit Vorschlägen wie der Ausweitung des Verlustrücktrags für Unternehmen konkrete Vorschläge unterbreitet, die der Wirtschaft helfen können, ohne den Staat zu ruinieren.

 

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/rat-in-der-corona-pandemie-die-stunde-der-oekonomen-16784006.html#void, 24.05.2020, Gerald Braunberger, © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.