Hubertus Väth: Warum ich an der „10.000“ festhalte

Als Volkswirt berechnet man viele Zahlen in seinem Leben. Als Kommunikator lernt man, sie als Träger von Botschaften schätzen. Noch keine „meiner“ Zahlen hat die Gemüter und Medien so bewegt, wie die Prognose vom „Morgen danach“. 10.000 – Wochen zuvor errechnet für den Fall der Fälle, am Tag nach dem Brexit-Referendum veröffentlicht und in die Welt getragen, wandert seither diese Zahl durch die Medienlandschaft.

10.000 Jobs könnten es werden, die es nach Frankfurt verschlägt, wenn… (und dann folgten zahlreiche Bedingungen). 20.000 bis 25.000 Jobs könnte die Londoner City insgesamt verlieren. Nicht wirklich viel, beschäftigt der Finanzplatz London doch 700.000, erheblich aber für Frankfurt.

Die Zahl war eine Botschaft: Viel für Frankfurt, wenig für London. Es war eine weite Definition, umfasste also alle Unterstützungsindustrien. Auch war die Zahl an Bedingungen geknüpft: Der Brexit kommt, das Passporting fällt, die EBA kommt und das Euro-Clearing wird nicht in London bleiben, die Verlagerung wird sich mehr als fünf Jahre erstrecken und – sie sei brutto, also ohne Berücksichtigung etwaiger Verluste von Arbeitsplätzen am Standort in Frankfurt.

Man sieht: Alle zentralen Diskussionsfelder bis heute wurden bereits am „Morgen danach“ aufgezeigt. Doch im Scheinwerferlicht stand nur sie, die Eine. Die Zahl. Zu Komplex die Materie, zu schön ihre Rundung.

Seither tritt sie in rund 90 Ländern auf. Sie ist zu hören, zu sehen, zu lesen. Journalisten aus aller Welt pilgerten in die schöne Stadt am Main mit den großen Selbstzweifeln, um sich zu überzeugen. Mit mehr als 800 von ihnen habe ich bis heute gesprochen.

Frankfurt als großer Gewinner des Brexit? Die Zweifler waren nicht weit. Es gibt keine Schulen, keine Büros, keine Wohnungen. Selbst am Essen und der Bierversorgung, ja an der Qualität des am Ort erhältlichen Kaffees wurde rumgemäkelt und der Kulturlandschaft ein Armutszeugnis ausgestellt. Das Image sei verheerend, wussten Münchner, Düsseldorfer, Kölner, Hamburger und Berliner einträchtig zu berichten, und die Londoner wie auch die Konkurrenten um Londoner Arbeitsplätze aus Paris, Dublin und andernorts zitierten es genüsslich.

Es werden maximal 2.000 bis 3.000 Jobs hieß es hinter vorgehaltener Hand. Eine Prognose, die man am gleichen Ort seither mehrfach erhöhte. Die Frankfurt School of Finance & Management sah 20.000 Banker von jenseits des Kanals im Anmarsch. Dagegen hielten vermeintlich Besonnene jegliche Prognose für unseriös (Das Who is Who der Beraterszene tat jedoch genau das in London: prognostizieren. Aber in Frankfurt war man seriös, jawohl!) Rund 15 Monate später wusste die gleiche Quelle dann allerdings von 5.000 Arbeitsplätzen netto zu berichten. Man prognostizierte nun also Zustrom aus London und Arbeitsplatzverlust in Frankfurt zugleich. Allen Nachfragen zum Trotz, können wir bis heute die beiden Komponenten dieser Zahl nicht herausfinden.

Schon früh sprang uns die Helaba zur Seite. Die stets vielbeachtete, jährliche und im Gegensatz zu uns als Lobbyverein (abschätziger geht es nicht mehr) stets als seriös bezeichnete Studie zur Lage des Finanzplatzes kam 2016 auf 7.000 Londoner Jobs, um ein Jahr später, 2017, sogar 8.000 als Untergrenze zu sehen.

Kaum waren die ersten Namen der sich zum Standort bekennenden Finanz-Häuser bekannt, und kaum war durch Vorstandswort öffentlich geworden, dass in der Deutschen Bank in London im schlimmsten Fall bis zu 4.000 Arbeitsplätze auf dem Prüfstand stehen, schon wollte man, dass wir die Zahl erhöhen. Kaum war die Entscheidung zur Verlagerung der EBA zugunsten von Paris gefallen, wähnten viele Frankfurt auf der Verliererstraße.

Nein, wir blieben und bleiben bei den 10.000. Sind wir nicht lernfähig? Doch, sind wir, aber wer vor-denkt, braucht nicht nach-legen: Genaues darüber, wie der Brexit aussehen wird, weiß man bis heute nicht. Obwohl mittlerweile vieles klarer ist als vor Monaten: Der Brexit wird kommen. Das kann als sehr sicher gelten. Eine Übergangsfrist von 21 Monaten wurde eingeräumt. Die Fünf-Jahresfrist, in der sich die von uns prognostizierten 10.000 Arbeitsplätze nach Frankfurt verlagern sollten, haben sich als weitsichtig erwiesen, ebenso wie die These, dass das Euro-Clearing zum Thema werden und entscheidend für das Ergebnis sein wird.

Ja, wir sind unbeirrt, denn auch 21 Monate nach dem Referendum ist unser Szenario intakt. Die Übergangsfrist ist nicht verlängerbar. Der Exit vom Brexit, den manche zu sehen glauben, wird sich als Fata Morgana erweisen. Nur die EBA ist nicht gekommen, und damit haben wir die perfekte Entschuldigung, wenn es nicht ganz für 10.000 reicht.

Und noch eines: Chancen kann man nutzen oder eben auch nicht. 10.000 sind für den Finanzplatz Frankfurt absolut möglich. Wenn wir sie nicht erreichen, muss die Frage lauten: Warum sind sie nicht gekommen? Für besser halten wir, jetzt die Frage zu stellen: Was müssen wir noch tun, um sie zu erreichen? Einiges! Die 10.000 sind weiterhin machbar. Weil viele sehr still, sehr viel Gutes getan haben. Wenn man den Mitteleinsatz betrachtet (bescheiden), mit dem das Bisherige erreicht wurde, ist das Resultat sensationell. Frankfurterisch halt.

Der Gastbeitrag wurde erst im täglichen Newsletter von Finanz-Szene.de veröffentlicht.