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Krieg, Geld, Trauma – 100 Jahre Inflation von 1923

Die Hyperinflation des Jahres 1923 hat sich tief in das Gedächtnis der Deutschen eingegraben. Eine Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt stellt den Zusammenbruch von Währung und der Wirtschaft vor 100 Jahren in Beziehung zu Erstem Weltkrieg, Reparationen, Ruhrkampf, politischen Morden und Krawallen, Streiks und sozialen Unruhen in Deutschland. Es ist eine Sonderausstellung mit unerwarteter Aktualität.

Das Krisenjahr 1923 bedeutet nur den Höhepunkt einer Entwicklung, die durch den Ersten Weltkrieg ausgelöst wurde und ab 1919 in einer Inflation mündete, die wiederum in mehreren Wellen zur Hyperinflation vier Jahre später führte. Zur Finanzierung des Ersten Weltkrieges hatte das Deutsche Reich nicht auf Steuererhöhungen, sondern auf Kriegsanleihen gesetzt. Mit offensiven Spendenaufrufen unter dem Leitmotiv „Gold gab ich zur Wehr, Eisen nahm ich zur Ehr“ nahm das Reich rund 98 Mrd. Mark auf, mit denen rund 60% der Kriegskosten gedeckt wurden.

Der „Todeskampf der Mark“ begann 1919

Die Hoffnung auf einen kurzen Krieg und die Tilgung der Anleihen durch Reparationszahlungen der Gegner erfüllten sich jedoch nicht. Vielmehr sank im Zuge der Niederlage Deutschlands der Außenwert der Reichsmark gegenüber dem US-Dollar bis Februar 1920 bereits um 96%. Damit waren die Vorkriegs- und Kriegsvermögen der Bürgerinnen und Bürger bereits zu diesem Zeitpunkt faktisch vernichtet, auch wenn die Inflation im Inland noch nicht so stark spürbar war. Ein Ökonom titelte bereits zu diesem Zeitpunkt: „Der Todeskampf der Mark“.

Die Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau im Juni 1922 und die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen mit dem nachfolgenden „Ruhrkampf“ markierten den endgültigen Sturz der deutschen Währung ins Bodenlose. Selbst mehr 130 Druckereien, die rund um die Uhr arbeiteten, konnten den Bedarf an Banknoten nicht decken, so dass zusätzlich über 5.800 bekannte Ausgabestellen, wie Städte, Post, Eisenbahn und Industrieunternehmen, Notgeld druckten. Zwischen 70.000 und 80.000 verschiedene Scheine sind bekannt.

Am Ende der Inflation im November 1923 waren fast 500 Trillionen Mark in Reichsbanknoten und mehr als 720 Trillionen Mark als Notgeldscheine im Umlauf. Zum Transport des Geldes wurden sogar kaum gesicherte Schubkarren und herkömmliche Waschkörbe verwendet. Ein US-Dollar kostete 4,2 Billionen Mark.

Vernichtung von Werten und Versorgungskrisen

Die Ausstellung präsentiert eine Fülle von Geldscheinen, Münzen und anderen Dokumenten. Ihr Schwerpunkt liegt jedoch auf den Begleiterscheinungen und vielfältigen Folgen der großen Geldentwertung, immer wieder am Beispiel der Stadt Frankfurt. Frankfurt war damals wirtschaftlich weitgehend abgeschnürt vom übrigen Deutschland, denn die französischen Truppen standen unmittelbar vor den Toren Frankfurts – die Grenze verlief zeitweise zwischen Gutleutviertel und Höchst. Zudem herrschte Wohnungsmangel aufgrund zahlreicher Kriegsflüchtlinge aus dem Elsass.

Am Finanzplatz herrschte in den Inflationsjahren allerdings Hochbetrieb. Die Geldinstitute vervielfachten die Zahl ihrer Angestellten. Ein erheblicher Teil der Arbeitsleistungen floss in Kursberechnungen und das Abzählen von Geldscheinen.

Durch die Vernichtung der Ersparnisse und die häufig wertlosen Lohnzahlungen ging es für die breite Mehrheit der Bevölkerung im Herbst 1923 nur noch um die Existenz und das tägliche Überleben.

Inflationskleider und Drachen für Kinder aus Notgeld

Diese Inflationserfahrung wird anhand von Berichten von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Karikaturen aus den politisch-satirischen Zeitschriften, Fotografien, Plakaten und frühen Filmaufnahmen belegt. Die „Repudiation“ – die Weigerung, Geld anzunehmen, wird in Fotos dokumentiert. Beim Schuster gab es Reparaturen nur gegen Lebensmittel, und der Eintritt ins Theater kostete Eier oder Butter. Ein „Inflationskleid“ wurde mit wertlosem Notgeld geschmückt, das vermutlich bei der Fastnacht in Hanau getragen wurde. Kinder nutzten Geldscheine zum Bau von Drachen.

Der Preis für einen Schoppen „Frankfurter Gold“, den Apfelwein, war von 1916 bis 1919 bereits von 25 auf 70 Pfennig gestiegen, kletterte von 50 Mark im Januar 1923 auf 35.000 Mark im August, bevor er zum Ende der Inflation bei 100 bis 200 Mrd. Mark lag.

Vertrauen in die Rentenmark

Die entscheidende Wende hin zur Normalität brachte die Gründung der Deutschen Rentenbank im Oktober 1923, die das umlaufende Geld im Verhältnis von 1 Billion Mark zu 1 Rentenmark einlöste. Das neue Geld gewann schnell an Vertrauen aufgrund der Vorstellung, die Rentenmark sei durch „Grund und Boden gedeckt“. Zudem sorgte die Regierung mit drastischen Maßnahmen, wie Entlassungen und Lohnkürzungen, für einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Im Spätsommer 1924 wurde dann die Rentenmark durch die Reichsmark als neue Währungseinheit abgelöst.

Im Münchner „Hitler-Putsch“ im November 1923 zeigte sich bereits, dass die Bewältigung der Inflation nicht das Ende der politischen und sozialen Spannungen bedeuten würde. So widmet sich die Ausstellung auch den Jahrzehnten bis zur erneuten Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg und spannt den Bogen in die Gegenwart mit dem Euro.
Die Ausstellung beleuchtet zudem die Zeit vor der Hyperinflation, die mit dem Ende der dramatischen Münzverschlechterung in der Kipper- und Wipperzeit bis 1623 zusätzlich das 400jährige Jubiläum der schlimmsten Teuerung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bereithält.

Engagement der Finanzindustrie

Die Ausstellung wurde 2019 konzipiert, als das Risiko einer Deflation aufgrund der Negativzinsen höher als ein mögliches Inflationsrisiko eingeschätzt wurde. Durch den Krisenkatalog aus Pandemie, Ukraine und Lieferkettenproblematik hat sie unerwartet eine hohe Aktualität gewonnen. Die Ausstellung wurde wesentlich durch die Deutsche Bundesbank und das Bankhaus Metzler sowie eine zusätzliche Förderung der Stiftung der Frankfurter Sparkasse ermöglicht.

Informationen zum Besuch

Die Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt, Saalhof 1, ganz in der Nähe des Römers, ist bis zum 10. September 2023, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, geöffnet. Die Ausstellungstexte sind in deutscher und englischer Sprache verfügbar. Mehr zum Begleitprogramm mit Vorträgen, Führungen und Filmen unter www.historisches-museum-frankfurt.de


Text, Fotos und Reproduktionen: Dr. Wolfgang Gerhardt

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