Initiative gibt dem Finanzplatz ein Gesicht

Schon seit 10 Jahren ein verlässlicher Partner mit einer starken und gewichtigen Stimme – Bestens für künftige Herausforderungen gewappnet

Volker Bouffier. © Staatskanzlei

Von Volker Bouffier, Ministerpräsident des Landes Hessen

Die Initiative Frankfurt Main Fi­nance feiert ihr zehnjähriges Bestehen, und es ist mir eine große Freude, auch auf diesem Weg herzlich zu gratulieren! Es sagt bereits viel über den Stellenwert und das Ansehen der Initiative aus, dass die Börsen-Zeitung zu diesem Anlass Sonderseiten veröffentlicht. Ich schließe mich dieser Wertschätzung ausdrücklich an und nutze gerne die Gelegenheit, mich bei den Verantwortlichen für das langjährige Engagement zu bedanken.

Der Finanzplatz Frankfurt ist für Hessen weit mehr als ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Er bereichert unser Land als eine zusätzliche Facette, auf die wir stolz sind. Seit Jahrzehnten prägen die Bankentürme das Frankfurter Stadtbild. Man kann sie aus dem Flugzeug beim Start oder im Landeanflug auf den Frankfurter Flughafen, beim Befahren verschiedener Autobahnen in Hessen oder beim Blick vom Großen Feldberg aus bestaunen.

In diesen eindrucksvollen Bankentürmen arbeiten im Frankfurter Stadtgebiet derzeit über 62 000 Menschen. Sie sind bei 199 Banken beschäftigt – darunter etwa 160 internationale Institute. Das einzigartige Netzwerk dieser Unternehmen wird durch erstklassige Forschungseinrichtungen ergänzt. Darüber hinaus sind die wichtigsten Behörden der Europäischen Finanzmarktaufsicht, die Europäische Zentralbank (EZB) und unsere nationalen Aufseher Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und Bundesbank an einem Ort vereint. Eine lebhafte Start-up-Szene und zahlreiche Fintechs runden das über viele Jahre gewachsene Ökosystem der Finanzbranche ab.

Chancen erkennen und nutzen

Die Hessische Landesregierung begleitet intensiv die Entwicklung des Finanzplatzes und hat mit Frankfurt Main Finance einen verlässlichen Partner. Nur im stetigen Austausch zwischen Politik und Indus­trie können wir auf aktuelle Entwicklungen der weltweit vernetzten Finanzbranche reagieren. Die Politik trägt dabei die Verantwortung, Rahmenbedingungen zu gestalten. Das gemeinsame Ziel von Frankfurt Main Finance und der Hessischen Landesregierung ist es, Chancen zu erkennen und zu nutzen und zugleich Risiken frühzeitig zu identifizieren und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Dass wir in Frankfurt heute vom wichtigsten Finanzplatz Kontinentaleuropas sprechen, zeigt, dass unser Miteinander erfolgreich ist und wir gemeinsam bereits Vieles erreicht haben. Das ist Motivation, unsere Arbeit auch in Zukunft ambitioniert und selbstbewusst fortzusetzen.

„Frankfurt Main Fi­nance bildet seither die zentrale Plattform für Information und Austausch. Bis heute haben sich 50 namhafte Mitglieder angeschlossen, die sowohl Banken und Fintechs als auch Hochschulen und Beratungsunternehmen repräsentieren.“

Eine stabile und prosperierende Volkswirtschaft fußt auf einem gesunden Finanz- und Kapitalmarkt. Wie stark dieses Wechselspiel ist, hat die Finanzkrise im Jahr 2008 gezeigt. Die Stoßwellen eines strauchelnden Finanzsektors waren weltweit und in beinahe allen Wirtschafts- und Lebensbereichen spürbar. Viele der zuvor gemachten Fehler flogen schlagartig und kumuliert auf, und es liegt heute im gemeinsamen Interesse von Politik, Finanz- und Realwirtschaft, dass sich diese Krise nicht wiederholt.

Dass sich genau in dieser Zeit die Initiative Frankfurt Main Finance gründete, war ein wichtiges Signal und für den Finanzplatz Frankfurt von herausragender Bedeutung. Dies gilt nicht zuletzt, da hier das monetäre Herz der wichtigsten Volkswirtschaft Europas schlägt.

Frankfurt Main Fi­nance bildet seither die zentrale Plattform für Information und Austausch. Bis heute haben sich 50 namhafte Mitglieder angeschlossen, die sowohl Banken und Fintechs als auch Hochschulen und Beratungsunternehmen repräsentieren. Ihre Anliegen zu verstehen, Kräfte zu bündeln und Positionen zu formulieren ist der Auftrag der Frankfurt Main Finance. Die Verantwortlichen – allen voran der Präsident Dr. Lutz Raettig – erfüllen dies in herausragender Weise und nicht zuletzt aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung und ihres beachtlichen internationalen Netzwerks.

„Der Finanzplatz Frankfurt ist für Hessen weit mehr als ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Er bereichert unser Land als eine zusätzliche Facette, auf die wir stolz sind.“

Es geht aber auch darum, die Brücke zu Unternehmen der Realwirtschaft und den Verbrauchern zu schlagen. Die Mechanismen des Banken- und Kapitalmarktes zu verstehen – insbesondere in Zeiten eines rasanten digitalen Wandels und einer weltweiten Vernetzung – ist nicht einfach und zugleich die Grundlage für Vertrauen. Hier war über lange Zeit ein Vakuum entstanden, das nur durch das persönliche Engagement, Information und das Herunterbrechen komplexer Sachverhalte aufgelöst werden konnte. Frankfurt Main Finance hat dem Finanzplatz in Frankfurt und den hier niedergelassenen Instituten ein Gesicht gegeben. Das schafft Glaubwürdigkeit, Ansehen und Verbindlichkeit.

Kein einfacher Spagat

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Rahmenbedingungen für die Finanzindustrie stark verändert. Die Regulierungsstandards sind ungleich höher, und die Aufsichtsstrukturen wurden gegenüber 2008 angepasst. In Europa sind wir ganz aktuell auf dem bedeutenden Weg zur Kapitalmarkt- und Bankenunion. Im Fokus der politisch Verantwortlichen liegt bei allen vereinbarten Maßnahmen stets die Sicherung der Finanzmarktstabilität bei gleichzeitiger Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit in einem internationalen Umfeld. Kein einfacher Spagat, der aktuell durch geopolitische Veränderungen und den digitalen Wandel noch herausfordernder wird.

Der Finanzplatz Frankfurt ist für diese Herausforderungen bestens gewappnet. Das besondere Netzwerk aller relevanten Marktteilnehmer an einem Ort der kurzen Wege habe ich bereits beschrieben. Die Stabilität des Umfelds und das Ansehen der hiesigen Aufseher sind hoch und wichtige Standortfaktoren. Hinzu kommt eine leistungsstarke Infrastruktur. Die Stadt ist mit dem Frankfurter Flughafen und den zentralen Bahn- und Straßenverkehrsadern bestens an die europäischen und internationalen Hauptstädte angebunden, und der am Datendurchsatz gemessen größte Internet-Knoten der Welt „Deutsche Commercial Internet Exchange (DE-CIX) liegt in Frankfurt. An den hiesigen Hochschulen und spezialisierten Forschungseinrichtungen bilden wir junge Talente aus, auf die wir stolz sind und um die wir an anderen Finanzplätzen beneidet werden.

Wir haben deshalb allen Grund, optimistisch und selbstbewusst in die Zukunft zu blicken. Es steht dem nichts im Wege, nach dem EU-Austritt Großbritanniens, den wir bedauern, die Spitzenposition im europäischen Gefüge einzunehmen. Derzeit erleben wir in Kontinentaleuropa einen intensiven Standortwettbewerb der Finanzplätze. Dabei geht es um die Frage, wer am meisten von den im Zuge des Brexit notwendig gewordenen Standortverlagerungen internationaler Banken und Dienstleister aus London in die EU 27 profitiert. Dass inzwischen viele Experten – nicht nur in Deutschland – die Vermutung äußern, Frankfurt könne unter allen kontinentalen Finanzplätzen der große Gewinner werden, ist ein Teilerfolg, auf den wir stolz sind.

Inseldenken aufgeben

Zugleich bin ich jedoch der Überzeugung, dass wir dieses Inseldenken aufgeben müssen. Europa wird international nur dann wettbewerbsfähig sein, wenn wir kooperieren und von einem europäischen Finanzplatz sprechen können. Weltweit war London bisher in dieser Position akzeptiert, und ich sage ganz selbstbewusst, dass wir diese Rolle perspektivisch in Frankfurt übernehmen wollen. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir langfristig attraktiv bleiben und Brücken nach Paris, Dublin, Luxemburg und anderen Finanzplätzen schlagen. Aber auch die Verbindung zur City of London bleibt von Bedeutung. Hier sind Botschafter wie Frankfurt Main Finance gefragt.

Der Brexit bietet uns ein Momentum, das es zu nutzen gilt. Wir schauen uns daher im Austausch mit Marktteilnehmern sehr genau die hiesigen Rahmenbedingungen an und diskutieren, wo wir Weichenstellungen vornehmen können und wollen, um langfristig attraktiv zu sein. Dabei beziehen wir unsere hohen Standards ebenso ein wie die Aktivitäten unserer Konkurrenz und die Veränderungen in einem weltweiten Gefüge. Zwei Beispiele, die anschaulich machen, wovon ich spreche: Zum einen die künftige Aufstellung der Abwicklung und Besicherung (Clearing) von in Euro lautenden Derivategeschäften oder zum anderen die Überlegungen zu den künftigen Finanzaufsichtsstrukturen in Europa. Hier werden die Leitplanken für die kommenden Jahre gesteckt, und wir beziehen klar Position.

Wir begreifen die aktuellen He­­r­ausforderungen als Chance. Gerade in diesem Prozess brauchen wir die starke und gewichtige Stimme der Frankfurt Main Finance. In diesem Sinne freue ich mich auf die Fortsetzung unserer Zusammenarbeit!

 

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