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Metzlers erster Vorstandssprecher

Emmerich Müller vertrat das Bankhaus Metzler viele Jahre informell nach außen. Mit Gerhard Wiesheu folgt ihm nach Informationen der F.A.Z. wieder ein Familienfremder – diesmal aber mit besonderen Insignien. Und auch Wiesheus Nachfolger steht schon so gut wie fest und rückt jetzt in den Vorstand auf.

Franz von Metzler und Gerhard Wiesheu

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Oktober 2022 – Der Aufsichtsrat des Bankhauses Metzler wird auf seiner Sitzung am 10. Oktober dessen Führungsspitze neu besetzen und die Weichen über die Führung der Privatbank auch langfristig stellen. Nach Informationen der F.A.Z. wird der 60 Jahre alte Gerhard Wiesheu, bisher im Vorstand verantwortlich für die Vermögensverwaltung (Asset Management) und das Auslandsgeschäft, zum „Vorstandssprecher“ ernannt. Franz von Metzler, Sohn von Familienoberhaupt Friedrich von Metzler, soll in den Vorstand berufen werden. .“Dazu können wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht äußern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir der Entscheidung des Aufsichtsrates nicht vorgreifen wollen“, sagte die Sprecherin des Bankhauses Metzler auf Anfrage.

Seit sich Friedrich von Metzler im Mai 2018 aus der Geschäftsleitung des Bankhauses zurückgezogen hat, führt Emmerich Müller die Metzler-Bank als inoffizieller Primus inter pares. Im Sommer 2023 geht der 66 Jahre alte Banker in den Ruhestand. Dann wird mit dem 60 Jahre alten Wiesheu der zweite familienfremde Vorstand in Folge an die Spitze der Geschäftsleitung des Bankhauses Metzler rücken. Wiesheu wird sogar mit den offiziellen Insignien des „Vorstandssprechers“ ausgestattet.

Doch schon bald könnte der Sohn von Friedrich, Franz von Metzler, die Bank führen. Nach Analystentätigkeit für die Bank HSBC in London arbeitet Franz von Metzler schon seit 2014 in der Bank, die seit ihrer Gründung 1674 ununterbrochen in Familienbesitz ist. Im Juli 2020 wurde der inzwischen 36 Jahre alte Franz von Metzler zu einem der Geschäftsführer der Tochtergesellschaft Metzler Asset Management GmbH bestellt, die Wiesheu untersteht.

Es liegt nahe, dass Franz von Metzler perspektivisch in den Vorstand der Muttergesellschaft wechselt, dort anstelle von Wiesheu das Asset Management übernimmt und dann auf diesen in ein paar Jahren im Vorstandsvorsitz folgt. Nach Informationen der F.A.Z. soll dies schneller geschehen, als von Kennern des Bankhauses gedacht. Offenbar wird Franz von Metzler schon zum Jahresanfang 2023 in den Vorstand rücken, was auch eine Veränderung der Ressortzuständigkeit nach sich zieht. So wird Wiesheu das öffentlichkeitswirksame Private Banking, also die Beratung und Vermögensverwaltung der Privatkunden, von Müller übernehmen.

Damit erhält Wiesheu Gelegenheit, dem Geschäft von Metzler im Inland noch stärker seinen Stempel aufzudrücken. Bisher wird Wiesheu Metzlers „Außenminister“ genannt. Der Oberbayer lernte seine japanische Ehefrau Yumiko schon als Teenager im Sprachurlaub im englischen Seebad Brighton kennen, lernte fließend Japanisch, baute dann erst für die Commerzbank und dann nach seinem Wechsel zu Metzler im Jahr 2001 für das Frankfurter Bankhaus in Japan das Asset Management auf; inzwischen ist Wiesheu für das gesamte Auslandsgeschäft Metzlers, neben Japan vor allem in Amerika und in China, verantwortlich.

Auf Staatsbesuchen vertritt Wiesheu seit Jahren regelmäßig die Frankfurter Bankbranche – als die Deutsche Bank nach der Finanzkrise im Kanzleramt zeitweise in Ungnade fiel – allein, inzwischen gemeinsam mit Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, wie zuletzt während des Besuchs von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Kanada in der Wirtschaftsdelegation zu sehen war.

Der umtriebige Wiesheu ist auch kulturell interessiert, wegen seines Engagements für die Richard-Wagner-Festspiele ist er in der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth inzwischen Ehrenmitglied. Vor wenigen Monaten wurde Wiesheu sogar das Bundesverdienstkreuz von Hessens damaligem Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) übergeben. Schließlich hat Wiesheu sein öffentliches Engagement auch am Finanzplatz Frankfurt deutlich intensiviert, seitdem er im November 2020 das Präsidentenamt des 75 Mitglieder starken Frankfurt Main Finance e.V übernommen hat. Eine zweite zweijährige Amtszeit Wiesheus für diese 2008 gegründete Finanzplatzinitiative erscheint sicher. Durch seine künftig hervorgehobene Position bei Metzler wird man Wiesheu dann wohl noch häufiger sehen.

Obwohl das Bankhaus Metzler sich im Juni 2021 von einer Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) in eine „echte“ Aktiengesellschaft umgewandelt hat, wird es dort nach wie vor keinen Vorstandsvorsitzenden geben. Doch anders als Amtsvorgänger Müller erhält Wiesheu den offiziellen Titel „Vorstandssprecher“, wie er früher etwa in der Commerzbank üblich war, bevor mit dem angelsächsischen Kapitalmarktdenken der Posten des CEO Einzug hielt und mit Vorstandsvorsitzende(r) gleichgesetzt wurde. Bei Metzler, so hieß es bisher, sei die Kultur anders. Hier gab es, geprägt durch die frühere Partnerstruktur, zwar mit Müller und mit Friedrich von Metzler im Vorstand sogenannte Primi inter pares, diese brauchten aber keine Titel.

Das ändert sich nun. Wiesheu wird eine hervorgehobene Position im Vorstand haben und wie seine beiden Vorgänger das Gesicht der Bank nach außen darstellen, bis die Familie voraussichtlich in Person von Franz von Metzler wieder die Führung übernimmt. Im Familieneigentum ist Metzler ohnehin: 40 Prozent der Aktien der Bank gehören Franz von Metzler, dem perspektivischen Vorstandssprecher; 40 Prozent seiner Schwester Elena, die sich als zweifache Mutter keineswegs auf ihre Rolle als Aufsichtsrätin beschränkt, sondern – ganz der Vater, wie es in der Bank heißt – mit großem Elan einen Kundenbesuch nach dem anderen absolviert.

Die restlichen 20 Prozent der Aktien liegen bei Leonhard von Metzler, Sohn von Friedrichs verstorbenem Vetter Christoph von Metzler. Noch aber ist diese zwölfte Generation der Metzler-Bank-Dynastie seit 1674 mit der Führung des Bankhauses nicht dran. Mit Wiesheu haben sie demnächst jemanden an der Spitze, mit dem es sich auf den richtigen Moment gut warten lässt. HANNO MUSSLER

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Hanno Mussler (5. Oktober 2022): Metzlers erster Vorstandssprecher, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Unternehmen (Wirtschaft), Seite 20

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