Sustainable Finance

Nachhaltigkeit im Finanzsektor muss zum Mainstream werden

Der Finanzplatz Deutschland und Europa forcieren einen Wandel zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Wirtschaft.  Das Bundesfinanzministerium und das Bundesumweltministerium haben Anfang Juni in enger Kooperation mit dem Bundeswirtschaftsministerium und weiteren Ministerien den Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung ins Leben gerufen, um mit der Unterstützung von Akteuren aus der Finanz- und Realwirtschaft, der Wissenschaft sowie der Zivilgesellschaft seine Sustainable-Finance-Strategie zu entwickeln. Nachhaltigkeit biete Chancen, neue Wege der Wertschöpfung zu erschließen, Wirtschaft und Unternehmen modern und zukunftsgerichtet aufzustellen, die notwendige Transformation zu begleiten und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu stärken, so Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, und Dr. Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.

Nachfolgenden finden Sie den ausführlichen Beitrag, der Börsen-Zeitungsausgabe vom 16. August 2019 veröffentlicht wurde und Frankfurt Main Finance zur Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt wurde:

Nachhaltigkeit im Finanzsektor muss zum Mainstream werden

Deutschland und Europa bereiten sich auf einen umfassenden Strukturwandel hin zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Wirtschaft vor. Dieser Prozess ist dringend notwendig, denn es geht dabei auch um die Zukunft unserer Wirtschaft und den gesellschaftlichen Wohlstand. Umwelt- und Klimaschutz sowie Nachhaltigkeit sind kein Selbstzweck, sondern eine ökologische, ökonomische und soziale Notwendigkeit. In den nächsten Jahren werden in erheblichem Umfang nachhaltige Investitionen nötig sein – in physische Infrastruktur, Anlagen, Technologien, aber auch in die Neuorganisation von Prozessen und in neues Wissen. Investitionsbedarf besteht nicht nur in den Bereichen Klima, Energie oder Verkehr, sondern auch in Ressourceneffizienz, in Kreislaufwirtschaft, Wasserwirtschaft und Landwirtschaft – und das in globalem Maßstab.

Gewaltiger Investitionsbedarf

Die EU-Kommission geht davon aus, dass allein zur Erreichung der EU-Klimaziele bis 2030 eine Investitionslücke von mindestens 180 Mrd. Euro jährlich innerhalb der EU gefüllt werden muss. Der Internationale Währungsfonds (IWF) beziffert das jährlich notwendige weltweite Investitionsvolumen sogar auf 6 000 Mrd. Dollar allein für Infrastruktur. Wenn wir bis 2050 die CO2 -Emissionen fast vollständig reduzieren wollen, müssen wir diese Investitionen schon heute im Blick haben. Die öffentlichen Haushalte werden diesen Wandel allein nicht stemmen können. Alle Sektoren werden für diese Transformation gebraucht. Die Umsetzung der Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele wird die Investitionstätigkeit in nahezu allen Sektoren anregen. Unser Ziel ist es, dass sich der Wandel insgesamt positiv auf Wirtschaftswachstum und Beschäftigung auswirkt und sozialverträglich gestaltet wird.

Finanzsystem stark gefordert

Das Finanzsystem kann nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Gelingen dieses Strukturwandels leisten. Es liegt auch im Interesse der Finanzmarktakteure selbst, nachhaltige Investments zu berücksichtigen. Nachhaltigkeitsbezogene Risiken, insbesondere Klimarisiken, haben auch einen Einfluss auf Rendite und Sicherheit der Investitionen. Besonders der Wandel der Realwirtschaft birgt Risiken und Chancen für Finanzmarktakteure. Alle Akteure am Kapitalmarkt sollten diese verstehen und in ihrem Handeln berücksichtigen. Dies betrifft übrigens auch den Staat als Anleger am Kapitalmarkt.

Die Finanzindustrie kann somit die Chance ergreifen und zeigen, dass sie mit ihren Dienstleistungen die Realwirtschaft unterstützt und einen Beitrag leistet, indem sie auch Nachhaltigkeit in ihre Entscheidungsprozesse integriert. Daraus ergeben sich drei grundlegende Fragen, die die europäische und auch die nationale Agenda bestimmen: Wie erreichen wir, dass mehr in Nachhaltigkeit und Klimaschutz investiert wird, ohne zugleich Fehlanreize zu setzen? Wie bilden wir systemische und finanzielle Risiken sowie Chancen, die sich aus dem Klimawandel, der Ressourcennutzung, Umwelteinflüssen und sozialen Problemen ergeben, besser in Investitions- und Finanzierungsentscheidungen ab? Wie erhöhen wir Transparenz und das Langfristdenken bei finanz- und realwirtschaftlichen Entscheidungen? Kurzum: Wie wird die Integration von Nachhaltigkeitsfaktoren in Entscheidungen der Finanzmarktakteure stärker zum Mainstream? Hier realistische und praktikable Antworten zu finden, ist auch eine Aufgabe des neu eingerichteten Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung.

Viele Finanzmarktakteure haben bereits erkannt, dass Sustainable Finance ein wichtiges Thema ist. Die Bundesregierung will aktiv dazu beitragen, dass sich dies fortsetzt und noch mehr Akteure die Bedeutung von Sustainable Finance erkennen. Das Bundesfinanzministerium und das Bundesumweltministerium haben deshalb Anfang Juni in enger Kooperation mit dem Bundeswirtschaftsministerium und weiteren Ministerien den Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung ins Leben gerufen. Akteure aus der Finanz- und Realwirtschaft, aus Wissenschaft sowie der Zivilgesellschaft sollen die Bundesregierung besonders darin unterstützen, eine Sustainable-Finance-Strategie zu entwickeln. Dabei werden europäische und internationale Initiativen ebenso berücksichtigt wie die laufenden Arbeiten in der Bundesregierung zur Anlagestrategie des Bundes. Ein erster Entwurf der Strategie soll bereits beim 3. Sustainable-Finance-Gipfel am 16. Oktober öffentlich vorgestellt und diskutiert werden.

Alle Akteure eint das gemeinsame Verständnis, dass nachhaltige Investitionen unseren Wohlstand und unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern und bei Investitionen das klassische „Zieldreieck“ der Investitionsentscheidung – Risiko, Rendite und Liquidität – gültig bleibt, wenn Nachhaltigkeitsaspekte bei der Einschätzung der Risiken und Renditechancen berücksichtigt werden.

Transformation flankieren

Unsere gemeinsame Botschaft ist: Nachhaltigkeit bietet Chancen, neue Wege der Wertschöpfung zu erschließen, Wirtschaft und Unternehmen modern und zukunftsgerichtet aufzustellen, die notwendige Transformation zu begleiten und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu stärken.

Die deutsche Volkswirtschaft verfügt über erhebliche Potenziale, diesen Markt für sich weiter zu erschließen. Dies sollte uns motivieren, die Weichen weiter in Richtung Zukunft zu stellen und entsprechende Rahmenbedingungen z. B. durch eine gemeinsame europäische Taxonomie zu schaffen. Die Sustainable-Finance-Strategie für Deutschland wird hieran einen wichtigen Anteil haben. Wir sehen mit großer Erwartung und Zuversicht den Arbeiten im neuen Beirat entgegen.

Von Jochen Flasbarth und Dr. Jörg Kukies

Sustainable Finance bietet Chancen für den Finanzsektor und Wettbewerbsvorteile für Deutschland.