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Brexit Folgen für Frankfurt. Bild: Union Jack flag and EU flag combined over iconic London landmarks - UK leavs the EU

Business in London nach dem Brexit – Was lässt sich absehen

Der Brexit kommt näher. Bislang herrscht aber weiter Unklarheit, was der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) genau bedeutet und wie die künftigen Beziehungen zwischen der EU27 und Großbritannien ausgestaltet werden. Verfolgt man die deutschen Medien so liegt der Fokus der Berichterstattung, insbesonder zur Finanzindustrie, nicht selten darauf, wie sich die Geschäftsbeziehungen für britische Unternehmen in der EU ändern. Die internationale Rechtsanwaltskanzlei Norton Rose Fulbright hat die Perspektive einmal umgekehrt und untersucht, unter welchen Bedingungen deutsche bzw. EU-Unternehmen in Zukunft Geschäfte auf der Insel machen können. „Doing business in the UK after Brexit: Impact on the German financial services industry“, war der Titel einer Veranstaltung des Frankfurt Main Finance-Mitglieds Norton Rose Fulbright in der Niederlassung am Finanzplatz.

Nach einer kurzen Darstellung des Status Quo, der sich in erster Linie daran orientierte, wie bereits seit vielen Jahren Unternehmen aus Drittländern, wie etwa die USA oder Australien, ihren Geschäften in Großbritannien nachgehen, widmeten sich die folgenden Vorträge den jüngsten Entwicklungen der Austrittsverhandlungen und ihren möglichen Auswirkungen auf das künftige Verhältnis von EU und UK. Bei aller Offenheit des Ausgangs der Verhandlungen lassen sich doch einige Grundprinzipien herausarbeiten, auf deren Basis nach dem 29. März 2019 oder gegebenenfalls nach einer Übergangsperiode gearbeitet werden könnte. Für Unternehmen aus der Finanzindustrie, die an der Fortführung ihrer Aktivitäten in Großbritannien interessiert sind, sollten sich rechtzeitig mit diesen Leitlinien oder Grundprinzipien, aber auch mit Meldefristen und Terminen auseinandersetzen, die gerade im Falle eines harten Brexit die britische Politik bestimmen dürften. Es gilt, sich vorzubereiten und Entscheidungen zu treffen, auch wenn die Entscheidungsgrundlage noch viele offene Fragen beinhaltet. Es gilt der Grundsatz prepare for the worst, hope for the best.

Nach einer zusammenfassenden Betrachtung der Auswirkungen speziell auf die deutsche Finanz-Branche verwies Norton Rose Fulbright noch auf ihr Internet-Service-Angebot, den Brexit Pathfinder, der Orientierung bei Fragen zu den regulatorischen Anforderungen und Auswirkungen bieten wird.

Helaba Finanzplatzstudie: Koffer packen bei Brexit-Banken

Der Brexit rückt näher und viele Banken treffen Vorbereitungen, um ihre Geschäftsaktivitäten von London an andere Standorte zu verlagern. Frankfurt ist dabei der Favorit, und die Liste von Zuzüglern an das deutsche Bankenzentrum wird zusehends länger. „Nach und nach werden die Koffer bei Brexit-Banken gepackt und viele davon gehen künftig in Richtung Rhein-Main. So haben bisher 25 Brexit-Banken den Finanzplatz Frankfurt auserkoren, darunter viele namhafte Institute. Erst mit Abstand folgen Paris und dahinter Luxemburg, Dublin sowie Amsterdam. Dies ist das Ergebnis unserer aktuellen Brexit-Map“, erläutert Dr. Gertrud Traud, Chefvolkswirtin und Leiterin des Bereichs Volkswirtschaft/Research bei der Vorstellung der Studie in Frankfurt.

Einige große Konzerne haben die Main-Metropole als ihren in Zukunft wichtigsten EU-Hub benannt und damit eine strategische Grundsatzentscheidung pro Frankfurt getroffen. Diese wird sich auch in der Entwicklung der Mitarbeiterzahlen niederschlagen. Teilweise wird es Jobverlagerungen geben, die bei den betroffenen Mitarbeitern entweder mit einem privaten Umzug oder einem Pendeln zwischen den beiden Finanzmetropolen einhergehen. Teilweise werden Rekrutierungen in Frankfurt stattfinden, oder es werden deutsche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bei Banken im Ausland tätig waren, für die neuen Jobs in Frankfurt gewonnen. Seit Jahresbeginn konkretisieren sich die Geschäftsverlagerungen bei immer mehr Brexit-Banken. Weitere Institute befinden sich noch im Dialog mit den hiesigen Aufsichtsbehörden. Insgesamt ist in Frankfurt eine Akkumulation von Brexit-Banken zu beobachten, die in Europa ihresgleichen sucht.

„Unser Ranking der großen europäischen Finanzzentren gilt grundsätzlich weiterhin: London vor Frankfurt vor Paris“, erläutert die Finanzplatz-Expertin der Helaba, Ulrike Bischoff. Lediglich die Abstände dieser relativen Standortattraktivität haben sich mittlerweile verringert. Dabei konnte Frankfurt seine Wettbewerbsposition stärker verbessern als Paris. Mit Blick auf die zuweilen sehr offensive Vermarktung anderer Standorte ist ein selbstbewusstes, konzertiertes Auftreten des deutschen Finanzzentrums wichtig. So begleitet die hessische Landesregierung den Brexit-Prozess seit dem Referendum mit vielen Aktivitäten. Darüber hinaus gibt es ein Netzwerk der verschiedenen Akteure in der Region. Auch seitens der Bundesregierung erfährt Frankfurt zunehmend verbale Rückendeckung. Jetzt gilt es, angesichts der knappen Zeit bis zum Brexit beispielsweise die angekündigte Lockerung des Kündigungsschutzes für Top-Banker zügig umzusetzen.

Der Frankfurter Büromarkt präsentiert sich kurz vor Abschluss der Brexit-Verhandlungen in guter Verfassung. Der Leerstand ist deutlich gesunken und die Mieten nähern sich früheren Höchstständen – sie liegen aber noch deutlich unter dem Niveau konkurrierender Finanzplätze. Die zusätzliche Nachfrage durch Brexit-Zuzügler und das Stellenwachstum in anderen Branchen dürften dank einer Reihe von Projektentwicklungen nicht zu Engpässen führen. Dagegen bleibt die Lage am Wohnungsmarkt trotz erhöhter Bautätigkeit angespannt. Die Wohnungsknappheit kann daher nur gemeinsam mit dem Umland überwunden werden.

Die Frankfurter Brexit-Banken stammen aus zehn Ländern. Die meisten haben bereits eine Zweigstelle in der Main-Metropole oder sind über Tochtergesellschaften vor Ort präsent. Darüber hinaus möchten sich etliche Banken in Frankfurt neu ansiedeln. Zusammen hatten die Frankfurter Brexit-Banken ausländischer Herkunft Ende 2017 hier schätzungsweise rund 2.500 Mitarbeiter. Im Rahmen ihrer Brexit-bedingten Anpassungen dürften sie diesen Bestand bis Ende 2020 nahezu verdoppeln.

Dr. Traud weist darauf hin, dass die Helaba seit dem Referendum an ihrer Brexit-Prognose festhält: „Im Laufe der nächsten Jahre werden mindestens 8.000 Finanzjobs in Frankfurt geschaffen.“ Bis Ende 2020 sollte sich dieser Effekt deutlich positiv in der hiesigen Beschäftigung bemerkbar machen und die konsolidierungsbedingten Stellenstreichungen im deutschen Bankwesen schließlich überkompensieren. Insgesamt lässt dies dann einen Stand von rund 65.000 Bankbeschäftigten in der Main-Metropole erwarten – ein Zuwachs von 3 Prozent bzw. fast 1.800 Bankern.

Die komplette Studie finden Sie hier als Download.

Brexit

Deutsches Aktieninstitut – Brexit: es ist fünf vor zwölf!

Das Deutsche Aktieninstitut appelliert an die europäischen und britischen Verhandlungspartner, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich endlich auf eine neue tragfähige Grundlage zu stellen. In seinem dritten Positionspapier zu den Brexit-Verhandlungen wird an den Beispielen Zölle und Produktzulassungen sowie Derivate und Datenschutz gezeigt, dass die Unternehmen nicht alle durch den Brexit auftretenden Probleme durch eigene Maßnahmen lösen können.

„Die aktuelle Hängepartie zwischen der EU und dem Vereinigtem Königreich bei der Ausarbeitung eines Handelsabkommens ist ein Trauerspiel. Die Unternehmen diesseits und jenseits des Ärmelkanals stehen vor der unzumutbaren Aufgabe, Lösungen für ihre Geschäftsbeziehungen zu finden, ohne zu wissen, welche Regeln am Tage des Austritts gelten werden,“ betont Dr. Christine Bortenlänger, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts. Nach wie vor sind wichtige Themen ungeklärt, und ein harter, ungeordneter Brexit im März nächsten Jahres scheint kaum noch abwendbar. „Den Unternehmen bleibt nur, sich auf das schlechteste Szenario, einen harten Brexit, vorzubereiten. Aber auch für diesen Fall bedarf es dringend der Unterstützung durch den Gesetzgeber und die Aufsicht,“ so Bortenlänger.

In seinem dritten Positionspapier zum Brexit nimmt das Deutsche Aktieninstitut zu den bei einem harten Brexit drohenden Problemen bei den Themen Zölle und Produktzulassungen sowie Datenschutz und Derivate Stellung. Das Aktieninstitut zeigt anhand dieser Beispiele, was die Unternehmen zur Lösung der Probleme selbst tun können. Es stellt allerdings klar, dass insbesondere im Falle eines harten Brexit die Unternehmen auf die Unterstützung seitens des europäischen bzw. deutschen Gesetzgebers sowie der Aufsicht angewiesen sind. Ohne staatliche Begleitmaßnahmen wird der Übergang in die Nach-Brexit-Ära nicht reibungsfrei zu schaffen sein.

Beispielsweise müssen praktikable Lösungen für die Zollabwicklung und Grenzkontrollen gefunden werden, die der Dimension der EU-UK-Handelsströme Rechnung tragen. So betont Dr. Ralf Thomas, Finanzvorstand der Siemens AG, „Siemens unterstützt fairen und offenen Handel weltweit. Dies gilt auch im Falle eines Brexit. Die Frage, zu welchen Zöllen und Abfertigungsverfahren es an den Grenzen kommen könnte, muss so schnell wie möglich beantwortet werden. Nur wenn Unternehmen Planungssicherheit haben, werden sie auch das Vertrauen haben zu investieren.“

Um Marktverwerfungen und Nachteile für europäische Marktteilnehmer im Derivatebereich zu vermeiden, bedarf es einer Übergangszeit mit Bestandsschutzregelung für bestehende Derivategeschäfte. „Wichtig ist, dass bestehende Absicherungsgeschäfte mit britischen Handelspartnern wahlweise (i) fortgeführt oder (ii) auf deren kontinentaleuropäische Konzerngesellschaften übertragen werden können, ohne dass das Hedge Accounting unter IFRS gefährdet wird,“ unterstreicht Dr. Wolfgang Bohner, Leiter Finanzen und Treasury bei der Deutschen Bahn.

„Aufgrund des hohen Zeitdrucks sowie der vielen offenen Fragen haben wir uns von Anfang an für Übergangsregelungen eingesetzt, um die durch den Brexit drohenden dramatischen Schäden für die europäische Volkswirtschaft abzuwenden,“ so Bortenlänger. Das Deutsche Aktieninstitut fordert die Verhandlungspartner deshalb einmal mehr auf, konstruktive und praxisnahe Lösungen anzustreben, um die negativen Auswirkungen des Brexit zu minimieren.

Die vorliegenden Ergebnisse wurden im Rahmen des Brexit-Projekts des Deutschen Aktieninstituts erarbeitet. Die interdisziplinär besetzte Brexit-Projektgruppe beschäftigt sich mit den wesentlichen finanz- und kapital­marktbezogenen sowie weiteren hochrelevanten Themen, die im Zusammenhang mit den Brexit-Verhandlungen ein besonderes Augenmerk erfordern. Das aktuelle Positionspapier ergänzt die ersten beiden Positionspapiere aus dem Jahr 2017. Die Projektgruppe wird die Austrittsverhandlungen weiter kritisch begleiten und gegebenenfalls erneut Stellung nehmen.

Das dritte Positionspapier zu den Brexit-Verhandlungen finden Sie hier, die englische Version hier.

Brexit

Das Risiko eines „harten Brexit“ bringt Unternehmen unter Zugzwang – Heißer Herbst steht bevor

Die Unternehmen auf beiden Seiten des Kanals erhoffen sich bis zum EU Gipfel im Oktober, allerspätestens zum möglichen Sondergipfel im November, Klarheit über die Ausprägung des Brexit und die Auswirkungen auf ihr Geschäft. Ob im Herbst klar sein wird, inwieweit es zu einer Übergangsregelung kommen wird, die den Status-Quo bis Ende Dezember 2020 festschreibt, bleibt bislang offen. Zwar ist diese Übergangsfrist grundsätzlich vorgesehen, aber an noch unerfüllte Bedingungen geknüpft. Diese Bedingungen stellen sich als erhebliche Hürden dar. Das gilt vor allem für die Frage des Umgangs mit der Grenze in Irland.

Ob es also bald Klarheit dann geben wird, ist nicht ausgemacht. Ab September erwartet die Geschäftsführung von Frankfurt Main Finance daher einen heißen Herbst. Banken werden in den nächsten Wochen wesentliche Entscheidungen über Ihren Set-Up treffen müssen, denn die Zeit zur Vorbereitung auf den Brexit Ende März 2019 wird sonst zu knapp. Wenige Monate vor dem Termin für den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union ist das Risiko eines relativ harten Brexit noch immer nicht gebannt. Das bringt Handel, Industrie und Finanzdienstleister gleichermaßen unter Zeitdruck und Zugzwang.

Finanzinstitute rechnen in den nächsten Wochen nicht nur mit vermehrten Anfragen ihrer Kunden, sondern müssen auch für sich selbst konkret entscheiden, auf welches der Szenarien sie sich nun vorbereiten. „Die Zeit wird knapp“, sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance. „Wir erwarten einen heißen Herbst: Industrie- und Handelsunternehmen, aber auch die Asset Management-Branche müssen unbedingt jetzt das Gespräch mit ihren Finanzdienstleistern suchen, um die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Es gilt, die Finanzierung und Anlagen Brexit-fest zu machen. Das geht nicht auf Knopfdruck. Wir laufen auf einen Massenstart zu, der bei verspätetem Beginn zu einem Nadelöhr führen kann.“

Daher rät Frankfurt Main Finance den Unternehmen aus Handel und Industrie, aber auch den Asset Managern jetzt aktiv das Gespräch mit ihren Finanzdienstleistern zu suchen, um ihre Finanzierung Brexit-fest zu machen. Das gilt gerade auch für das Clearing für in Euro denominierte Zinsderivate. „Die Unternehmen müssen selbst aktiv werden und auf die Banken zugehen“, sagt Väth. „Es ist in ihrem eigenen Interesse, beispielsweise ihre Finanzierungen und die Absicherung Ihrer Zinsrisiken selbst für einen harten Brexit abzusichern. Leider ist dieser Fall noch immer nicht auszuschließen. Je früher sie mit ihren Banken sprechen, umso besser wird die Vorbereitung sein, denn die Unternehmen werden im Zweifel die Hauptleidtragenden sein.“

Frankfurt Main Finance sieht den Finanzplatz Frankfurt als logische erste Wahl bei der Neuordnung und -orientierung der Finanzbranche nach dem Brexit. Diese Chancen unter zunehmend stärkerem internationalen Wettbewerb zu nutzen, bedarf es aber weiterer erheblicher Kraftanstrengung.

Der Finanzplatz Frankfurt: Aufsichtsmetropole am Main

Für Aufsichtsbehörden der Europäischen Union ergeben sich mit dem Austritt Großbritanniens neue und komplexe Herausforderungen – daher verwundere es wenig, dass Behörden nun ihre Mitarbeiterzahlen erhöhen, schreibt Bernd Neubacher in der Börsen-Zeitung. In Teil 3 der Serie zum Finanzplatz Frankfurt diskutiert er, wie sich die erhöhte Personalzahl auf den Standort auswirkt.

In den letzten Jahren, so werde dem Finanzplatz nachgesagt, habe sich Frankfurt am Main mit der Ansässigkeit der Deutschen Bundesbank, Teilen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sowie der Europäische Zentralbank (EZB) und der European Insurance and Occupational Pensions Authority (EIOPA) zur Hauptstadt der Finanzaufsicht entwickelt.

In den ersten vier Monaten des Jahres stockte die BaFin nun die Personalzahl in Frankfurt von 50 auf 750 auf. Wird eine derzeit von der EU-Kommission geplante Reform für die der Europäische Aufsichtsbehörden realisiert, werde die am Westhafen ansässige EIOPA um 35 Mitarbeiter wachsen. Bei der Deutschen Bundesbank wolle man sich derzeit nicht zur zukünftigen Personalplanung äußern, so Neubacher.

Während EZB, EIOPA und Bundesbank zwar Steuerbefreiungen am Finanzplatz erhielten, so hätten die Aufsichtsbehörden eine positive Auswirkung auf die regionale Konjunktur und würden auch andere Institution, wie etwa das European Banking Institute (EBI), anlocken.

Den ganzen Beitrag können Sie hier kostenpflichtig lesen.

Euro-Clearing nach dem Brexit – Hubertus Väth im Interview mit BBC Radio 4

Der ECON, der Ausschuss für Wirtschaft und Währung des Europäischen Parlaments, hat eine Stellungnahme zum künftigen Umgang mit dem Euro-Clearing in Drittstaaten abgegeben. Das Euro-Clearing über zentrale Verrechungsstellen CCP (Central Counter Parties) gilt als ein wichtiger Baustein für die Finanzarchitektur der Europäischen Union nach dem Austritt der Briten aus der Union. Derzeit wird der überwiegende Teil dieser Geschäfte über ein Unternehmen in London abgewickelt. Derzeit läuft die Debatte, ob das so bleiben kann. Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance, sagt in einem Interview mit Dominic O’Connell für BBC Radio 4 wie er die Stellungnahme des ECON versteht und welche möglichen Folgen das haben könnte. Der Vorschlag des ECON ist ein erster Indikator für die finale Haltung der EU.

Derzeit ist nicht sicher, welche Auswirkungen der Ausstieg Großbritanniens auf den Finanzplatz London haben wird, jedoch sei davon auszugehen, dass Euro denominierter Derivat-Handel zukünftig unter strengerer Aufsicht durch die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) und Europäische Zentralbank stehen wird.

Frankfurt ist nach London das wichtigste Zentrum für Euro-Clearing und grundsätzlich sei das Vorhandensein mehrerer Clearing-Institute wichtig, um etwa in Krisenzeiten stabiler aufgestellt zu sein, als das in quasi Monopolstrukturen möglich ist. Zwar könne eine Verlagerung des Clearings mit ökonomischen Kosten verbunden sein, jedoch versprachen bisherige Testportfolios Vorteile bei der Altersvorsorge.

Hören Sie das ganze Interview auf Englisch hier.

Hubertus Väth: Warum ich an der „10.000“ festhalte

Als Volkswirt berechnet man viele Zahlen in seinem Leben. Als Kommunikator lernt man, sie als Träger von Botschaften schätzen. Noch keine „meiner“ Zahlen hat die Gemüter und Medien so bewegt, wie die Prognose vom „Morgen danach“. 10.000 – Wochen zuvor errechnet für den Fall der Fälle, am Tag nach dem Brexit-Referendum veröffentlicht und in die Welt getragen, wandert seither diese Zahl durch die Medienlandschaft.

10.000 Jobs könnten es werden, die es nach Frankfurt verschlägt, wenn… (und dann folgten zahlreiche Bedingungen). 20.000 bis 25.000 Jobs könnte die Londoner City insgesamt verlieren. Nicht wirklich viel, beschäftigt der Finanzplatz London doch 700.000, erheblich aber für Frankfurt.

Die Zahl war eine Botschaft: Viel für Frankfurt, wenig für London. Es war eine weite Definition, umfasste also alle Unterstützungsindustrien. Auch war die Zahl an Bedingungen geknüpft: Der Brexit kommt, das Passporting fällt, die EBA kommt und das Euro-Clearing wird nicht in London bleiben, die Verlagerung wird sich mehr als fünf Jahre erstrecken und – sie sei brutto, also ohne Berücksichtigung etwaiger Verluste von Arbeitsplätzen am Standort in Frankfurt.

Man sieht: Alle zentralen Diskussionsfelder bis heute wurden bereits am „Morgen danach“ aufgezeigt. Doch im Scheinwerferlicht stand nur sie, die Eine. Die Zahl. Zu Komplex die Materie, zu schön ihre Rundung.

Seither tritt sie in rund 90 Ländern auf. Sie ist zu hören, zu sehen, zu lesen. Journalisten aus aller Welt pilgerten in die schöne Stadt am Main mit den großen Selbstzweifeln, um sich zu überzeugen. Mit mehr als 800 von ihnen habe ich bis heute gesprochen.

Frankfurt als großer Gewinner des Brexit? Die Zweifler waren nicht weit. Es gibt keine Schulen, keine Büros, keine Wohnungen. Selbst am Essen und der Bierversorgung, ja an der Qualität des am Ort erhältlichen Kaffees wurde rumgemäkelt und der Kulturlandschaft ein Armutszeugnis ausgestellt. Das Image sei verheerend, wussten Münchner, Düsseldorfer, Kölner, Hamburger und Berliner einträchtig zu berichten, und die Londoner wie auch die Konkurrenten um Londoner Arbeitsplätze aus Paris, Dublin und andernorts zitierten es genüsslich.

Es werden maximal 2.000 bis 3.000 Jobs hieß es hinter vorgehaltener Hand. Eine Prognose, die man am gleichen Ort seither mehrfach erhöhte. Die Frankfurt School of Finance & Management sah 20.000 Banker von jenseits des Kanals im Anmarsch. Dagegen hielten vermeintlich Besonnene jegliche Prognose für unseriös (Das Who is Who der Beraterszene tat jedoch genau das in London: prognostizieren. Aber in Frankfurt war man seriös, jawohl!) Rund 15 Monate später wusste die gleiche Quelle dann allerdings von 5.000 Arbeitsplätzen netto zu berichten. Man prognostizierte nun also Zustrom aus London und Arbeitsplatzverlust in Frankfurt zugleich. Allen Nachfragen zum Trotz, können wir bis heute die beiden Komponenten dieser Zahl nicht herausfinden.

Schon früh sprang uns die Helaba zur Seite. Die stets vielbeachtete, jährliche und im Gegensatz zu uns als Lobbyverein (abschätziger geht es nicht mehr) stets als seriös bezeichnete Studie zur Lage des Finanzplatzes kam 2016 auf 7.000 Londoner Jobs, um ein Jahr später, 2017, sogar 8.000 als Untergrenze zu sehen.

Kaum waren die ersten Namen der sich zum Standort bekennenden Finanz-Häuser bekannt, und kaum war durch Vorstandswort öffentlich geworden, dass in der Deutschen Bank in London im schlimmsten Fall bis zu 4.000 Arbeitsplätze auf dem Prüfstand stehen, schon wollte man, dass wir die Zahl erhöhen. Kaum war die Entscheidung zur Verlagerung der EBA zugunsten von Paris gefallen, wähnten viele Frankfurt auf der Verliererstraße.

Nein, wir blieben und bleiben bei den 10.000. Sind wir nicht lernfähig? Doch, sind wir, aber wer vor-denkt, braucht nicht nach-legen: Genaues darüber, wie der Brexit aussehen wird, weiß man bis heute nicht. Obwohl mittlerweile vieles klarer ist als vor Monaten: Der Brexit wird kommen. Das kann als sehr sicher gelten. Eine Übergangsfrist von 21 Monaten wurde eingeräumt. Die Fünf-Jahresfrist, in der sich die von uns prognostizierten 10.000 Arbeitsplätze nach Frankfurt verlagern sollten, haben sich als weitsichtig erwiesen, ebenso wie die These, dass das Euro-Clearing zum Thema werden und entscheidend für das Ergebnis sein wird.

Ja, wir sind unbeirrt, denn auch 21 Monate nach dem Referendum ist unser Szenario intakt. Die Übergangsfrist ist nicht verlängerbar. Der Exit vom Brexit, den manche zu sehen glauben, wird sich als Fata Morgana erweisen. Nur die EBA ist nicht gekommen, und damit haben wir die perfekte Entschuldigung, wenn es nicht ganz für 10.000 reicht.

Und noch eines: Chancen kann man nutzen oder eben auch nicht. 10.000 sind für den Finanzplatz Frankfurt absolut möglich. Wenn wir sie nicht erreichen, muss die Frage lauten: Warum sind sie nicht gekommen? Für besser halten wir, jetzt die Frage zu stellen: Was müssen wir noch tun, um sie zu erreichen? Einiges! Die 10.000 sind weiterhin machbar. Weil viele sehr still, sehr viel Gutes getan haben. Wenn man den Mitteleinsatz betrachtet (bescheiden), mit dem das Bisherige erreicht wurde, ist das Resultat sensationell. Frankfurterisch halt.

Der Gastbeitrag wurde erst im täglichen Newsletter von Finanz-Szene.de veröffentlicht.

 

CEo Theodor Weimer

Dr. Theodor Weimer: Warum wir uns für Frankfurt starkmachen

Die Deutsche Börse macht sich stark für Frankfurt – das hilft dem Finanzplatz. Und das hilft auch der Börse – denn mit diesen Initiativen stärken wir uns auch selbst als börsennotiertes Unternehmen im globalen Wettbewerb. Umgekehrt gilt aber auch: Der Finanzplatz Frankfurt braucht eine starke Deutsche Börse, um die Chancen, die sich derzeit am europäischen Finanzmarkt auftun, für sich zu nutzen.

Beispiel Euro-Clearing. Nach dem bevorstehenden Brexit würde die bislang wichtigste und vom Volumen her dominierende Verrechnungsstelle für Zinsswaps in der Gemeinschaftswährung außerhalb der EU liegen. Die EU muss – ohne die Briten und ohne den Finanzplatz London – aber so stark sein, dass sie die für ihre Versorgung lebenswichtigen Systeme unter ihrer eigenen Jurisdiktion behält.

Klingt kompliziert? Lassen Sie es mich einfacher sagen: Nur eine zentrale Clearingstelle für Euro-Zinsswaps ist nicht gut und nicht marktgerecht. Nur eine solche zentrale Clearingstelle und die auch noch außerhalb der EU, das ist ausgeschlossen. Die Deutsche Börse hat mit ihrem Angebot an die Clearingkunden bislang sehr guten Erfolg erzielen können. Die Kunden sehen das Thema ebenso wie wir als zentraler Dienstleister in der Finanzwelt. Wir stehen bereit, und aus meiner Sicht sollte das Clearing der Euro-Produkte nach Frankfurt kommen. Der Finanzplatz und wir können gemeinsam gewinnen. Dass die EBA, die europäische Bankenaufsicht, nach Paris vergeben wurde, sollte uns ein Warnsignal sein. Wir alle müssen uns jetzt anstrengen, und ich bin mir sicher: Wir werden uns anstrengen.

Unser Angebot für das Euro-Clearing, dem mittlerweile praktisch alle großen Banken und Händler beigetreten sind, ist gut für uns und es stärkt zugleich den Finanzplatz. Indem wir einen konkurrenzfähigen, äußerst effizienten zweiten Handelspunkt aufbauen, fördern wir zugleich die Transparenz und die Robustheit der internationalen Finanzmärkte. Es geht um riesige Volumina: Unser Partnerschaftsprogramm hat im Januar 2018 ein durchschnittliches tägliches Volumen von 35 Milliarden Euro im außerbörslichen Zinssegment erreicht. Wer Frankfurt stärkt, der stärkt effiziente und sichere Märkte. Das ist unser Ziel als Deutsche Börse.

Frankfurt braucht die Deutsche Börse als starken Partner, um Chancen zu nutzen. Zweites Beispiel: Regulierung. Auch hier haben wir uns wesentlich breiter aufgestellt und Angebote entwickelt, die Regulierungen effizient umsetzen.

Regulierungen sind in gewisser Hinsicht ein zweischneidiges Schwert, denn sie sollen Sicherheit schaffen, ohne Leistungswille und Kreativität abzuwürgen. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass die Regulierungen der letzten zehn Jahre seit der Finanzkrise viel Gutes bewirkt haben, dass sie unsere Märkte sicherer und unsere Banken robuster gemacht haben. Und das sage ich zwar als Vorstandsvorsitzender der Börse, der sich aber noch sehr gut an seine rund neun Jahre an der Spitze einer großen Bank erinnert. Ich kenne Banken, und ich kenne – immer besser – die Börse. Regulierungen und ihre unbeabsichtigten Folgen gehören stets auf den Prüfstand, die Regulierung selber ist aber eine Erfolgsgeschichte.

Es ist mir wichtig, das festzustellen. Das ist ein Standpunkt, von dem aus wir als Deutsche Börse uns in die Debatte einbringen. Wir legen zugleich Lösungen vor, die unseren Kunden den Umgang mit Regulierungen erleichtern und helfen, die Meldepflichten zielgenau abzuarbeiten. Damit sind wir auch technologisch führend und ein Taktgeber für die gesamte Branche. Diese Kompetenz ist ein Vorteil im Wettbewerb, hier werden wir uns mit neuen Initiativen an der Spitze behaupten.

Frankfurt ist also ein Regulierungszentrum, hier haben wichtige Akteure ihren Sitz. Allen voran die Europäische Zentralbank und die Bundesbank, auch eine Vertretung der BaFin. Dazu kommen die wichtigsten und größten deutschen und – aus meiner Sicht ein echter Standortvorteil – viele internationale Banken. Und wir als Deutsche Börse. Wir stärken uns mit Angeboten, die aus den buchstäblich fingerdicken Regularien und den zugehörigen Handbüchern funktionierende, effiziente Systeme machen. Das ist auch nötig! Dieses Jahr sind drei sehr wichtige Verordnungen in Kraft getreten, MiFID II, die Benchmark-Verordnung, die CSD-Regulierung. Und alleine MiFID II bringt es auf 25.000 Seiten Text.

Frankfurt braucht die Deutsche Börse, um Chancen zu nutzen. Drittes Beispiel: Börsengänge. Wir stehen in dieser Hinsicht sicher vor einem guten, vielleicht vor einem herausragenden Jahr. Das ist gut für die Realwirtschaft, gut für den Standort, gut für die Deutsche Börse.

Wir wollen, dass sich dieser Trend fortsetzt. Und wir tun einiges, dass der Standort Frankfurt auch für Börsengänge attraktiv ist. Dazu tragen unsere diversen Initiativen bei, die sich schon lange vor einem Börsengang um Unternehmen kümmern. Die Startups und kreativen Menschen, die wir in Deutschland so dringend benötigen, ihnen machen wir Angebote: zum Standort, zur Finanzierung, zum geschäftlichen Umfeld. Frankfurt hat hier deutlich aufgeholt, aber wir müssen noch besser werden. Unser Segment Scale und das Venture Network werden allerdings dazu beitragen, dass Frankfurt hier europaweit deutlich sichtbarer wird.

Jetzt nehmen wir viel Geld in die Hand, um das Börsengebäude in der Innenstadt Frankfurts entschieden aufzuwerten. Drei Aspekte sollen dazu beitragen.

Erstens ein Besucherzentrum, das gerade jungen Menschen das Börsengeschehen und die Funktionen der Finanzmärkte näherbringt. Es ist mir ein Herzensanliegen, dass die nachwachsende Generation weiß und versteht, worum es in unserer Branche geht. Börse zum Anfassen, Börse konkret. Dieses Wissen – die sogenannte „financial literacy“ – erleichtert vieles, von der privaten Altersvorsorge bis zu einer breiten öffentlichen Diskussion über wirtschaftliche Zusammenhänge. Ich glaube, dass dieses Jahrhundert von diesen Fragen bestimmt werden wird.

Zentrum für Börsengänge

Zweitens bauen wir ein Konferenzzentrum, das wir auch für andere öffnen werden. Die Börse ist ein sehr geeigneter Raum für Debatten und Kontroversen. Die Architektur unseres Börsengebäudes in Frankfurt zitiert sogar den Marktplatz, die Agora, der alten Griechen. Ein Konferenzzentrum in einer Börse ist also nichts Fremdes, das wir uns nur ausgedacht haben. Es gehört einfach dazu.

Drittens bauen wir ein neues Zentrum für Börsengänge. Hier können und wollen wir mehr für unsere Kunden tun, und wir tun das wo immer möglich natürlich ab sofort. Im Zuge des Umbaus schaffen wir jetzt noch zusätzlich eine angemessene räumliche Umgebung. Börsengänge dienen in erster Linie der Kapitalaufnahme. Aber sie haben immer auch eine kommunikative Funktion. Mehr Aufmerksamkeit – das betrifft gerade die Mittelständler. Aufmerksamkeit für die richtigen Botschaften – das betrifft alle Unternehmen, auch die großen. Denn ein Börsengang ist eine beinahe einmalige Chance, sich einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Das wird – so der Plan – in unserem neuen IPO-Zentrum noch besser gelingen. Wir wollen „Listed in Frankfurt“ zu einem Gütesiegel machen.

Der Umbau der Börse – im Gebäude der IHK, mit der wir einen langen Mietvertrag geschlossen haben – stärkt den Finanzplatz Frankfurt und damit auch den Wirtschaftsstandort Deutschland. Unsere Industrie benötigt eine starke Deutsche Börse, die gute Angebote für die Kapitalaufnahme machen kann. Und die ein lebendiges System kleinerer und junger Unternehmen fördert, die – vielleicht, hoffentlich! – aufzeigen, wie wir in 20 oder 30 Jahren unseren Wohlstand erwirtschaften wollen.

Warum also stärkt die Deutsche Börse den Finanzplatz Frankfurt? Weil wir ein kräftiges europäisches Finanzzentrum brauchen, das die für unsere Branche lebenswichtigen Geschäfte – wie das Euro-Clearing – effizient leisten kann. Weil Frankfurt das Zentrum einer klugen Regulierung mit Augenmaß ist und Regulierer und Kunden ein Interesse an einer marktnahen Umsetzung der Verordnungen haben. Weil Frankfurt der wichtigste deutsche Börsenstandort ist und damit die Leitbörse der größten europäischen Volkswirtschaft.

Nach dem Brexit wird Frankfurt in allen diesen Aspekten wichtiger. Tragen wir gemeinsam dazu bei, dass es seine Stärken ausspielen kann.

Von Dr. Theodor Weimer. Der Artikel ist zuerst in der Börsen-Zeitung in der Beilage „Finanzplatz Frankfurt“ erschienen.

Financial Centre Frankfurt

Ungebrochenes Interesse der Brexit-Banken am Finanzplatz Deutschland

  • Deutschland ist ein attraktiver Standort für die internationale Finanzindustrie
  • Die neue Bundesregierung kann die Attraktivität aber noch steigern
  • International abgestimmte und harmonisierte Regelwerke sind der Garant für die internationale Finanzstabilität

„Wir sehen bei den Banken, die Brexit-bedingt über Verlagerungen nachdenken, ein ungebrochenes Interesse am deutschen Finanzplatz. Aufsicht und Politik haben in den letzten 18 Monaten schon viel geleistet und sich gut aufgestellt, wir müssen aber weiter-arbeiten“, fordert Stefan Winter, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Auslandsbanken in Deutschland e.V. (VAB) auf der heutigen Pressekonferenz. Handlungsbedarf bestehe unter anderem bei der Begrenzung der Abfindungen bei Höchstverdienern im Bankbereich und bei der Interna-tionalisierung des Rechts. So werde deutsches Recht international oft nicht in Rahmenverträgen vereinbart, weil Gerichte diese auch im kaufmännischen Verkehr genauso wie allgemeine Geschäfts-bedingungen für Verbraucher prüften. „Wir rechnen infolge des Brexit mit rund 20 Instituten, die ihre Präsenz hier ausbauen werden. Damit verbunden sind in den nächsten zwei bis drei Jahren bis zu 5.000 neue Stellen, die in weiten Teilen lokal besetzt werden. Viel wird natürlich davon abhängen, ob es Übergangsfristen geben wird. Eigentlich sind sich ja alle einig, dass es Übergangsregelungen geben muss. Niemand kann aber heute mit Sicherheit sagen, ob es welche geben wird. Unsere Mitglieder planen daher nach wie vor, am 29. März 2019 voll operative Einheiten in Deutschland zu haben, um für ihre Kunden auch weiterhin Finanzdienstleistungen erbringen zu können“, so Winter.

Silvia Schmitten-Walgenbach und Guido Zoeller, die beiden stellvertretenden Vorsitzenden, heben die stabilen Mitarbeiterzahlen in den Mitgliedsinstituten hervor, die auch auf die guten Rahmenbedingungen und die nach wie vor prosperierende deutsche Volkswirtschaft zurückzuführen sind. Neben der wirtschaftlich stabilen Lage habe die ausländische Finanzindustrie in den letzten Jahren aber auch sehr von der internationalen Harmonisierung profitiert, die für die Aufsicht international ebenfalls von Vorteil ist. Die EZB habe hier eine wichtige Rolle übernommen und ein Level-Playing Field in der Euro-Zone weiterentwickelt. „Auf nationale Rückbesinnungen und eine Aufweichung der international harmonisierten Finanzmarkregulierung sollte daher im Interesse der internationalen Finanzstabilität verzichtet werden“, fügt Schmitten-Walgenbach hinzu.

Da der Finanzplatz internationaler wird, weist Zoeller auf die Auswirkungen auf die Verbandsarbeit hin: „Wir werden noch mehr Informationen in englischer Sprache zur Verfügung stellen und englischsprachige Arbeitsgruppen gründen.“ Wenn die internationale Bedeutung des Finanzplatzes in den nächsten Jahren wachse und Institute zunehmend den Platz als Ausgangspunkt für ihre Finanzdienstleistungen in andere EU-Staaten wählten, müsse auch der Verband sich mit neuen Fragestellungen befassen. „Bislang haben wir eher die Inbound-Sichtweise gehabt, dies wird sich aber ändern. Hierauf werden wir uns einstellen. Wir freuen uns darauf“, fasst Winter zusammen.

Die vollständige Rede des Vorstandsvorsitzenden finden Sie im Internet unter www.vab.de.

the Financial Centre Frankfurt

Lucia Puttrich: Hessen ist gut vorbereitet, doch viele wichtige Fragen sind noch offen

Die Hessische Europaministerin zieht zur Halbzeit der Austrittsverhandlungen Zwischenbilanz: Die Zeit für einen geordneten Brexit wird knapp

Der Finanzplatz Frankfurt wird nach derzeitigen Entwicklungen von dem bevorstehenden Brexit deutlich stärker profitieren als andere Finanzstandorte in Europa. Das zeigen nach Einschätzung der Hessischen Europaministerin Lucia Puttrich die aktuell bekannten Planungen von Banken und anderen Finanzinstituten. „Gut ein Jahr vor dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU haben 18 in London ansässige Finanzinstitute öffentlich angekündigt, dass sie Teile ihres Geschäfts nach Frankfurt verlegen oder bestehende Einheiten ausbauen wollen. Damit liegt Frankfurt klar vor anderen Finanzplätzen in Kontinentaleuropa“, sagte Puttrich am Donnerstag. Das sei ein Beweis für die exzellente Qualität des Finanzplatzes Frankfurt und die Effektivität der gemeinsamen Bemühungen der Hessischen Landesregierung mit ihren regionalen Partnern.

Bei der Frage nach der Arbeitsplätze, die durch den Brexit entstehen könnten, verweist Puttrich auf eine Analyse von Helaba Research. Deren Experten halten in den kommenden Jahren ein Plus 8000 Stellen im Frankfurter Bankensektor für möglich. Das würde bedeuten, dass der Höchststand von 65.000 Bankbeschäftigten aus dem Jahr 2008 erreicht würde. „Auch Multiplikator-Effekte auf andere Branchen dürfen wir nicht vergessen. Trotzdem bin ich mit konkreten personellen Prognosen nach wie vor sehr zurückhaltend, weil alle Unternehmen natürlich auch für Umstrukturierungen nutzen und Mitarbeiter vor Ort rekrutieren“, betont die Ministerin.

Mit Skepsis blickt Lucia Puttrich auf den Stand der Gespräche zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Zur Halbzeit der zweijährigen Verhandlungen über den Austritt seien ganz zentrale Themen völlig ungeklärt. „In der Irlandfrage zum Beispiel ist eine praktikable Lösung, die eine harte Grenze verhindert und für alle Seiten akzeptabel ist, nicht mal in Sicht.“ Puttrich macht die britische Regierung für diese Situation verantwortlich, die zerstritten sei und nach wie vor keine realistische Brexit-Strategie habe.

Die Hessische Landesregierung bereitet sich deshalb sowohl auf einen ungeordneten, harten als auch auf einen geregelten, weichen Brexit vor. „Wir können allen Unternehmen und Institutionen nur dringend raten, ebenso zu handeln“, appelliert die Europaministerin nachdrücklich. Nur bei einem Austrittsabkommen sei auch eine zeitlich begrenzte Übergangsphase und in naher Zukunft ein Beziehungsabkommen möglich. Angesichts der engen Beziehungen zwischen Großbritannien und Hessen werde der Brexit Auswirkungen in ganz vielen und ganz unterschiedlichen Bereichen haben. Lucia Puttrich: „Rund 11.000 britische Staatsbürger leben derzeit in Hessen. Für sie ist die Frage, wie die künftigen Beziehungen aussehen werden, ebenso wichtig wie für die Unternehmen, die nach Großbritannien liefern oder von dort einkaufen.“ Mit einem Gesamtvolumen von 7,8 Milliarden Euro (Stand 2015) ist Großbritannien Hessens fünftwichtigster Handelspartner. Die Europaministerin geht davon aus, dass es wegen des Brexits zu Standortverlagerungen nach Hessen kommen wird. Hessen unterstütze umsiedlungswillige Unternehmen bei seinen Planungen.

Daneben arbeitet die Hessische Landesregierung an einer Reihe weiterer Themen. „Wir machen zum Beispiel unsere eigenen Hausaufgaben und bereiten uns darauf vor, jene Rechtsvorschriften anzupassen, die wegen des Brexits im Landesrecht geändert werden müssen. Dazu stehen alle Ministerien im engen Austausch“, sagt Lucia Puttrich. Eine Analyse des Europäischen Parlaments hat 2017 ergeben, dass mit dem Brexit 21.000 EU-Regeln angepasst werden müssen. Allein die Schlagwortsuche im Hessenrecht ergibt mehr als 300 Rechtsvorschriften mit Bezug auf die EU oder die Mitgliedstaaten der EU. Als Beispiele für Handlungsbedarf nennt die Ministerin verbeamtete britische Staatsbürger im Landesdienst oder die Regelungen der Studienplatzvergabe.

Wegen seiner Bedeutung für Hessen nimmt der Finanzplatz Frankfurt in den Aktivitäten der Landesregierung weiter breiten Raum ein. Andere Finanzstandorte in Europa hätten ihre Werbebemühungen verstärkt und arbeiteten mit Lockangeboten. Zugleich tue die britische Regierung alles, um die Banken in London glauben zu machen, der Brexit werde keine Auswirkungen haben. Lucia Puttrich dazu: „Darauf reagieren wir selbstbewusst. Gegen Mythen über Frankfurt und den Brexit setzen wir auf Fakten und die Qualitäten, die wir zu bieten haben.“

Auf EU-Ebene muss entschieden werden, ob das sogenannte Euroclearing weiter hauptsächlich in London und damit nach dem Brexit außerhalb der EU stattfinden kann. Sofern die Europäische Union sich aus Gründen der Finanzmarktstabilität und Aufsichtsbefugnisse für eine Verlagerung des Euroclearings in die EU-27 entscheidet, kann davon nach Einschätzung von Lucia Puttrich auch der Finanzstandort Frankfurt profitieren.

Die Europaministerin verweist abschließend auf die Aktivitäten der Landesregierung mit Blick auf Wohnungsbau und Infrastruktur in der Region Rhein-Main. „Frankfurt allein wächst jedes Jahr um etwa 15.000 Menschen. Deshalb arbeitet die Landesregierung mit anderen ihren Partnern intensiv daran, die wichtigen Herausforderungen für den Ballungsraum beispielsweise durch Wohnungsbauprogramme zu bewältigen“, betont Puttrich. Sie verweist darauf, dass zum Beispiel allein aus dem Erlös, der durch den Verkauf des Alten Polizeipräsidiums in Frankfurt erzielt wird, 100 Millionen Euro für bezahlbaren Wohnraum in Frankfurt und Umgebung zur Verfügung stehen. Insgesamt werden die Mittel für den Masterplan Wohnen auf die Rekordsumme von 1,7 Milliarden Euro aufgestockt.

„Das verbleibende Jahr bis zum Brexit wird sehr entscheidend sein. Die Zeit ist knapp“, betont Europaministerin Lucia Puttrich. Deshalb sei es sehr wichtig für alle Beteiligten, nun die wichtigen und richtigen Entscheidungen zu treffen.“