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Advanced Analytics und Artificial Intelligence werden an Bedeutung gewinnen

Christopher Schmitz, Partner und FinTech-Experte bei Ernst & Young (EY), erzählt im Frankfurt Main Finance-Interview, was das FinTech-Ökosystem Rhein-Main kennzeichnet und warum es in Zukunft noch engere Kooperationen zwischen FinTechs und traditionellen Unternehmen wie Banken, Versicherern und Asset Managern geben wird.

Die Investitionen in deutsche FinTechs gemessen an der durchschnittlichen Deal-Größe sind seit 2012 stetig gestiegen. Wird sich diese Entwicklung fortsetzen?

Nach unserer Einschätzung wird sich der Trend zur Vergrößerung der Deal-Größen weiter fortsetzen. Einige der FinTechs, die in den vergangenen Jahren in Deutschland gegründet wurden, haben Erfolge auf der Marktseite im B2C- oder im B2B-Segment erzielen können. Internationale Investoren haben deutsche FinTechs als lohnenswerte Investment-Objekte für sich entdeckt. Diese umfangreichen Finanzierungsrunden ermöglichen den FinTechs, ihr Geschäft weiter zu internationalisieren und ihren Growth-Pfad weiter erfolgreich zu bestreiten. Mit dem Erfolg steigen auch die Bewertungen der FinTechs, zuletzt bis auf Werte von ca. 2 Mrd. € für die erfolgreichsten Start-ups. Dies treibt weiterhin die durchschnittlichen Deal-Größen nach oben.

Der Fokus des FinTech-Ökosystems im Rhein-Main-Gebiet liegt auf „Enabling Processes & Technology“ sowie „InvesTech“. Darüber hinaus: Was genau macht für Sie das FinTech-Ökosystem im Rhein-Main-Gebiet aus?

Das FinTech-Ökosystem Rhein-Main ist im Vergleich zu anderen deutschen Fintech-Hubs durch eine starke Ausrichtung auf B2B-Geschäftsmodelle, eine sehr erwachsene Gründerpopulation sowie die Nähe zu und den aktiven Austausch mit den potenziellen Kunden geprägt. Ein signifikanter Anteil der Gründer im Ökosystem verfügt über langjährige Erfahrung aus Banken, Versicherungen oder Asset Managern und nutzt diese Erfahrung um seine Geschäftsmodelle an den konkreten Problemen seiner Kunden auszurichten. B2B-Geschäftsmodelle erfordern dabei im Seed- und Growthbereich im Vergleich zu B2C-Geschäftsmodellen deutlich weniger Kapital, da die Kundenakquisition nicht über die klassischen Onlinemedien mit entsprechend hohem Marketingaufwand erfolgt, sondern durch direkte Kundenbeziehungen zu den potenziellen Abnehmern ihrer Leistungen. Hierdurch gestaltet sich zwar der B2B-Verkaufszyklus deutlich länger und komplizierter, aber häufig schaffen die B2B-Dienstleister bei erfolgreicher Akquisition einen schnelleren Break Even. Gerade die Nähe zu Regulatoren, Kunden und die Offenheit des Ökosystems sowie die gute internationale Vernetzung am Standort ermöglichen eine schnelle Evolution der Dienstleistungsangebote.

Wie sieht Ihr Ausblick auf das Jahr 2019 aus? Auf welche FinTech-Trends sind Sie besonders gespannt bzw. auf welche Trends sollten wir uns einstellen?

Wir werden eine noch engere Kooperation zwischen FinTechs und den traditionellen Anbietern erleben. Banken, Versicherer und Asset Manager kommen aufgrund der stetig zunehmenden Innovationsgeschwindigkeit, ihrer Legacy Infrastruktur und ihrer vergleichsweise langsamen kulturellen Transformation gar nicht umhin, ihre digitalen Ökosysteme unter Mithilfe und Einbeziehung von FinTechs zu gestalten. Rein disruptive Ansätze finden sich nur vereinzelt bei erfolgreichen Start-ups, die Kooperation tritt in den Vordergrund. Open Banking und die API-/Plattformökonomie werden zu zentralen Feldern der zukünftigen Positionierung von etablierten wie auch von neu in den Markt eintretenden Spielern. Die beginnende Konvergenz der Wertschöpfung über Branchengrenzen hinweg in neu entstehenden Marktplätzen in Bereichen wie Mobility, Digital Health, Smart Cities oder Smart Home erfordert ein Umdenken in der Finanzdienstleistungsbranche über die Art, wie Kundenbeziehungen gewonnen und gehalten werden können. Die Themen Advanced Analytics und Artificial Intelligence werden in diesem Kontext noch mehr an Bedeutung gewinnen, und FinTechs werden einen großen Teil der kundenzentrierten Innovation als Partner und Dienstleister der Finanzdienstleistungsbranche vorantreiben.

EY Studie zur Attraktivität des Europäischen Wirtschaftsraums. Quelle: EY

EY-Studie: Deutschland holt bei Direktinvestitionen auf

Ausländische Investitionen in den Finanzdienstleistungssektor Großbritanniens sinken um 26 Prozent

Die Investitionen in Europa erreichen trotz des bevorstehenden Brexit einen neuen Rekord. Das ist das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) zur Attraktivität des Wirtschaftsraums Europa und den tatsächlichen Investitionsprojekten ausländischer Unternehmen in Europa. Die Zahl ausländischer Direktinvestitionen (FDI – Foreign Direct Investment) in Deutschland stieg im vergangenen Jahr mit 1.124 Projekte auf sechs Prozent – damit liegt Deutschland im europäischen Standortranking auf dem zweiten Platz.

Großbritannien verzeichnete ebenfalls einen Anstieg von sechs Prozent im vergangenen Jahr. Die Zahl der ausländischen Investitionen liegt nun bei 1.205 Projekten.  Nach Angaben von EY ist dieser Zuwachs vor allem auf das gesteigerte Interesse US-amerikanischer Investoren zurückzuführen, die ihr Investitionsvolumen um 16 Prozent auf insgesamt 334 Projekte anhoben. Für Investoren aus anderen Teilen der Erde ist Deutschland jedoch der Top-Investitionsstandort.

Vor allem Finanzdienstleister sind auf den Zugang zu EU Märkten angewiesen, kommentiert Omar Ali, Managing Partner UK Financial Services bei EY, die Ergebnisse der Studie. Auf Grund der unsichereren Brexit-Verhandlungen zögerten ausländische Investoren jedoch bei Investitionen in diesen Wirtschaftszweig Großbritanniens. Diese Unsicherheit schlage sich in der Studie nieder: Die Zahl der ausländischen Investitionen in den Finanzdienstleistungssektor Großbritanniens fiel um 26 Prozent – von einem Rekord von 106 Projekten in 2016 auf 78 Projekte in 2017. Auf europäischer Ebene stiegen die Investitionen in den Finanzdienstleitungssektor im selben Zeitraum um 13 Prozent. Deutschland belegt bei ausländischen Investitionen in den Finanzdienstleistungssektor den zweiten Platz hinter Großbritannien.

„Ein Teil der steigenden FDI in der Finanzbranche auf dem Kontinent dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass internationale Finanzdienstleister, die bislang London als Tor zu Europa nutzten, durch Großbritanniens EU-Austritt gezwungen sind, Niederlassungen in der EU zu eröffnen“, kommentierte die Börsenzeitung (11. Juli 2018) die Studienergebnisse.

Deutschland hat Top-Image unter Managern internationaler Konzerne

Die steigende Beliebtheit Deutschlands unter ausländischen Investoren wird von einer Image-Befragung unter Managern internationaler Konzerne untermauert: „In einer weltweiten Befragung von 505 Unternehmen nannten 66 Prozent Deutschland als einen von drei Top-Investitionsstandorten in Europa. Dahinter folgen Frankreich mit 56 Prozent der Nennungen und Großbritannien mit 52 Prozent“, berichtet EY in der Pressemeldung vom 11. Juni 2018. Gründe dafür seien das hohe Qualifikationsniveau deutscher Arbeitskräfte, das stabile rechtliche und politische Umfeld, sowie die hervorragende Verkehrsinfrastruktur, so EY.

Branchenveranstaltung FINTECHMATTERS in Wien

Das Thema FinTech wird am Finanzplatz Frankfurt hoch gehandelt und setzt Energie frei. Wichtig für den Standort Frankfurt ist es, seine Vorteile im Vergleich zu anderen sichtbar und bekannt zu machen. Jochen Biedermann von Frankfurt Main Finance e.V. nutzte daher die Gelegenheit, am 23. November am FinTech-Treffen FINTECHMATTERS im Tech Gate Vienna teilzunehmen und das Frankfurter FinTech-Ökosystem als attraktiven Standort vorzustellen, an dem auch österreichische und osteuropäische Startups herzlich Willkommen sind, die Vorteile des größten Finanzplatzes in Kontinentaleuropa zu nutzen.

FINTECHMATTERS ist die führende FinTech-Veranstaltung in Wien und findet zweimal jährlich statt. Neben Österreich und Frankfurt haben auch Estland, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, die Schweiz und Hamburg ihre Ökosysteme bzw. Acceleratoren vorgestellt.

Ziel der Veranstaltung war es, Innovatoren, Unternehmen, Investoren und Meinungsführer für internationale Zusammenarbeit und Geschäftsintegration zu begeistern.

Bei der zweiten Auflage von FINTECHMATTERS in Wien ging es in erster Linie um aktuelle Trends und Nischen, aber auch um möglicherweise existierende oder entstehende Blasen im FinTech Bereich. Auf der Agenda standen Themen wie die Digital Banking-Revolution, Artificial Intelligence, ICOs, Blockchain, Big Data, Payment-Lösungen, Cyber Security und Regulatorien. Experten aus mehr als zehn europäischen FinTech-Hubs waren dazu geladen.

Auch der Accelerator Frankfurt sowie die FinTech Group waren vertreten und haben für Frankfurt geworben. Spontan haben zwei österreichische und ein tschechisches FinTech-Unternehmen ihr Interesse bekundet, über Frankfurt im deutschen Markt aktiv zu werden.

Mit Vertretern der Wirtschaftsagentur Wien wurde darüber hinaus über gemeinsame FinTech-Matchmaking-Veranstaltungen im kommenden Jahr in Wien und Frankfurt am Main gesprochen.

 

FinTechs in Deutschland

Deutschlands FinTechs gelingt es zunehmend, zu einem aus eigener Kraft wachsenden dynamischen und diversifizierten Cluster zu werden. Dies ist ein wesentliches Ergebnis der aktuellen Studie „Germany FinTech Landscape“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, die zusammen mit Frankfurt Main Finance die deutsche FinTech-Branche untersucht hat.

Im ersten Halbjahr stieg die Zahl der FinTech-Unternehmen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent auf 295 (2016: 280). Der Kapitalzufluss lag im ersten Halbjahr bereits bei 307 Millionen Euro, im Gesamtjahr 2016 hatten die FinTech-Unternehmen in Deutschland 400 Millionen Euro eingesammelt. Die Anzahl der Abschlüsse legte ebenso zu wie die durchschnittliche Größe der Deals, die leicht von 7 Millionen Euro auf 7,3 Millionen Euro anstieg.

Auch wenn die absoluten Wachstumsraten leicht abflachen, zeigt sich weiter eine durchgängig positive Dynamik bei allen wesentlichen Kennzahlen. Das zeige, dass sich die FinTech-Landschaft in Deutschland weiterhin auf einem erfreulichen Pfad befinde, sagt Jan-Erik Behrens, Mit-Autor und Partner bei EY: „Die Entwicklung, die wir hierzulande beobachten, läuft auf ein weiteres Rekordjahr zu und zeigt eindrucksvoll die Innovationskraft des Standorts Deutschland mit unterschiedlichen regionalen Stärken.“

InsurTech gewinnt weiter an Bedeutung in Deutschland

Deutsche InsurTech Start-ups wachsen stetig und ziehen verstärkt Geldmittel an. Eine kürzlich veröffentlichte EY-Studie zeigt die InsurTech Branche als neuen Shooting-Star in der FinTech-Gemeinschaft. InsurTechs sind finanztechnologische Start-ups. Sie versuchen im Rahmen der Digitalisierung, die Versicherungsbranche und den Zugang der Kunden zu Versicherungsprodukten zu modernisieren. Während andere FinTech-Sektoren bereits seit mehreren Jahren wachsen, befindet sich die InsurTech-Branche vergleichsweise noch in einer frühen Entwicklungsphase.

Der EY-Studie zufolge konzentrieren sich derzeit lediglich vier sogenannte Unicorns, Start-ups mit einem Marktwert von mehr als einer Milliarde Dollar, auf die Versicherungsbranche. InsurTechs konnten zwischen 2008 und 2015 weltweit 4,36 Milliarden US-Dollar Wagniskapital einsammeln. In Deutschland erreichten die Investitionen zwischen 2012 und dem ersten Quartal 2016 einen Wert von 53,52 Millionen Euro. Die meisten Mittel wurden im Jahr 2015 investiert. EY wertet diese Finanzierungswelle im vorangegangenen Jahr als Indikator für die zunehmende Bedeutung von InsurTechs. Beachtenswerte Beispiele der deutschen InsurTech-Branche sind die Unternehmen Friendsurance, Finanzchef24, Clark, Knip und Schutzklick – alle erreichten bereits 2015 die Serie B Finanzierungsrunde. Diese fünf Unternehmen vereinigen 88 Prozent aller bekanntgegebenen Investitionen der deutschen InsurTech-Branche auf sich.

Einflussfaktoren, die die Entwicklung von InsurTechs beschleunigen, sind laut Studie die Vernetzung und Big Data, der in infolge der Finanzkrise erhöhte Druck auf Zinssätze sowie die Unzufriedenheit der Kunden mit den niedrigen Zinsen.

Mit Blick auf die Studie erklärte Dr. Lutz Raettig, Präsident von Frankfurt Main Finance e.V.: „Das Wachstum der FinTech- und InsurTech-Investments ist eine Entwicklung, die Mut macht. Diese Unternehmer gestalten die Finanzindustrie neu und entwickeln dabei Technologien, die nicht nur für den Endkunden, sondern auch für etablierte Akteure Wertsteigerung und Erhöhung der Effizienz bedeuten. Finanzinstitutionen tun gut daran, die Bedeutung dieser Start-ups zu erkennen. Frankfurt Main Finance hat sich an der Entwicklung des FinTech Ökosystems aktiv beteiligt, die Entstehung von FinTech Hubs gefördert und trägt durch das Sponsoring des FinTechGermany Awards dazu bei, die Aufmerksamkeit auf junge und erfolgreiche Unternehmen zu lenken.“

Im Rahmen der Studie wird weiter ausgeführt, dass InsurTechs unter anderem auch wegen regulatorischer Gründe weder in Deutschland noch international bisher in der Lage sind, eigenständige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Allerdings befinde sich die InsurTech-Branche noch in einem relativ frühen Entwicklungsstadium, das volle Entwicklungspotential könne noch nicht benannt werden. Viele im Ausland bereits bestehende Geschäftsmodelle seien zudem in Deutschland noch nicht reproduziert worden. Vor diesem Hintergrund erwartet EY die Entwicklung neuer Modelle vor allem in drei Bereichen: Big Data und Analyse, datenfokussierte Produkte sowie in der Unterstützung von Backoffice-Funktionen.

Dazu sagt Christopher Schmitz, Partner bei EY und einer der Studienautoren: „Die Digitalisierung wird die Versicherungsbranche nachhaltig verändern und das Tempo dieser Veränderungen für die Unternehmen wird in Zukunft noch zunehmen. Sie müssen sich stärker auf digitale Geschäftsmodelle konzentrieren und eigene Kapazitäten in-house aufbauen. Mit eigenen Innovation Labs oder Acceleratoren-Programmen werden sie innovativ und flexibel neue Geschäftsmodelle testen.“

Konkrete Herausforderungen für etablierte Versicherer sind bereits jetzt beobachtbar und werden zukünftig mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter zunehmen. Die Studie verdeutlicht die Notwendigkeit für Versicherer, ihre Digitalisierungsbemühungen zu verstärken und selbst entsprechende Fähigkeiten aufzubauen. Vor allem jedoch warnt die Studie etablierte Versicherer vor einem Verlust der Kundenbeziehungen. Die Studie kommt zu dem Fazit: „Obwohl das ‚Monopol‘ versicherungstechnischer Garantien und dementsprechender Risiken vorläufig bei den Versicherern bleiben wird, wird ein anhaltender Mangel an kundenzentrierten Produkten und Dienstleitungen früher oder später Versicherern ihre ertragsreichsten Dienstleistungen entziehen.“

Die InsurTech Studie können Sie auf der EY-Website herunterladen.