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„Wir können Innovationskraft verlieren“

Der McKinsey-Berater Max Flötotto bricht eine Lanze für Fintechs.

arp. FRANKFURT. Max Flötotto bricht eine Lanze für deutsche Fintechs. „Schauen Sie sich die Apps der klassischen Banken an. Die sind in den vergangenen Jahren viel besser geworden. Das ist auch ein Verdienst von Fintechs, die bei der Digitalisierung von Finanzdienstleistungen eine Vorbildfunktion haben“, sagt der Leiter der Fintech-Beratung bei McKinsey in Europa und Mitautor der jüngst erschienenen Studie „Europe’s fintech opportunity“. Auch Talentschmieden zu sein, gesteht er den Fintechs hierzulande zu, wie er ihnen großes – noch zu hebendes – Potential attestiert. Flötotto betont, dass die Studie in die Zukunft schaut. Denn die vergangenen sechs bis neun Monate seien für die Fintechs „der perfekte Sturm“ gewesen.

Die Liste bekannter Fintechs, die sich in der jüngsten Vergangenheit aus dem Markt verabschiedet haben, ist lang: Das Kryptofintech Nuri muss abgewickelt werden. Auch in der Insolvenz wollte sich unter den derzeit herrschenden Rahmenbedingungen kein Investor finden. Mitverantwortlich für das Aus von Nuri ist auch die insolvente US-Kryptobank Celsius, wo auch von Nuri vermittelte deutsche Kunden um ihre Einlagen bangen müssen. Auch das Fintech Rubarb und das Verbriefungs-Fintech Acatus mussten Insolvenz anmelden. Die Kleinanlegerplattform Neufund, die sich der Blockchain-Technologie bediente, ging ebenso wie das auf Altersvorsorge spezialisierte Start-up Vantik vom Markt.

„Nach der Zinswende muss die in der Zukunft liegende Monetarisierung eines Geschäftsmodells sicherlich anders bewertet werden“, sagt Flötotto. Zugleich weist er aber darauf hin, dass Wagniskapitalgeber in den ersten sechs Monaten dieses Jahres immer noch mehr in Fintechs investierten als im Vergleichszeitraum 2020. Das vergangene Jahr sieht er hingegen in zweierlei Hinsicht als Ausnahmejahr. Zum einen, was das Volumen von Zu- und Verkäufen von Start-ups angeht. Zum anderen, was das Kapital angeht, das in Fintechs floss. „Das Geld wurde zum Teil ja quasi ungefragt überwiesen“, formuliert es der Berater überspitzt. „Manche Investoren haben nicht immer rational gehandelt“, sagt Flötotto, der als Motiv auch die Angst, einen Trend zu verschlafen, vermutet.

Die Zeiten sind vorbei, Investoren fragen derzeit genau nach, prüfen die Geschäftsmodelle wieder gründlich, und für Flötotto ist die Konsolidierungsphase im Fintech-Sektor noch nicht beendet. „Die achte oder neunte Neobank mit einem undifferenzierten Geschäftsmodell braucht sicherlich niemand“, sagt der Berater, und weiter:

„Fintechs können aber schneller in Nischen vorstoßen. Die Digitalisierungs- und Datenkompetenz und die Geschwindigkeit, mit der Fintechs reagieren können, ist höher als die der klassischen Banken.“

Die Kunst für Fintechs sei es, einen Markt zu finden, der groß genug sei und von klassischen Banken aus Kundenperspektive unzureichend abgedeckt werde – beispielsweise Währungsgeschäfte. Ein anderer Weg sei es, mit einem Spitzenangebot in eine Nische vorzustoßen – dann aber die Dienstleistungspalette zu erweitern.

„Wer sein Angebot fokussiert ausbaut und dabei profitabel ist, der kann es schaffen“, ist der Unternehmensberater überzeugt. Fehler der Vergangenheit dürften sich aber nicht wiederholen. „Der Ton macht die Musik, und einige Fintechs haben etwa gegenüber dem Regulierer den falschen Ton gewählt. Hinzu kam teils mangelnde Expertise durch das Fehlen von erfahrenem Personal“, sagt Flötotto, fügt aber hinzu, dass sich in diesem Bereich die Fintechs in den vergangenen 18 Monaten deutlich verstärkt hätten. Flötotto beobachtet, dass in einige Fintechs ungeachtet einer Verteuerung des Geldes weiter investiert wird. Solide hielten sich insbesondere Gründer in den Bereichen Infrastruktur, Kernbankensysteme und Plattformbetreiber. Eine Entwicklung, die der Berater ausdrücklich begrüßt, denn er mahnt auch:

„Europa muss aufpassen, dass es nicht eine Entwicklung verpasst. Wir können Innovationskraft verlieren. Fintechs sind ein Innovationstreiber für die gesamte Finanzbranche.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung (8. November 2022): „Wir können Innovationskraft verlieren“, Autor: Archibald Preuschat. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Foto: McKinsey.

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