„Zuzug nach Frankfurt – Chancen für Wirtschaftsstandort, Finanzplatz und Großstadt“

Frankfurt wird vom Umzug vieler Banker von der Themse an den Main profitieren. Ein Gespräch über Chancen und Herausforderungen mit Dr. Rolf E. Stokburger, der als Managing Partner Germany der international tätigen Personalberatung Boyden auf die Vermittlung von Führungskräften spezialisiert ist.

 

Menschen, die in der Londoner Finanzbranche arbeiten, sind zunehmend zu einem Umzug nach Frankfurt bereit. Was sind die Gründe hierfür?

Dr. Rolf E. Stokburger: Die zunehmende Relevanz der Brexit-Entscheidung und die damit einhergehende Entscheidung einiger Banken, ihren Standort für etwaige Finanzdienstleistungen und -produkte nach Frankfurt zu verlagern, veranlasst vermehrt Londoner Banker über einen Umzug gen Frankfurt nachzudenken. Insbesondere amerikanische und japanische Banken, wie beispielsweise Goldman Sachs, Morgan Stanley, Citi, Nomura, Daichi oder auch die Schweizer UBS, haben eine Standortverlagerung bereits angekündigt. Wir sehen aktuell vor allem zwei Gruppen von Bankern. Nämlich diejenigen, die eine Standortverlagerung als Karrierechance sehen und daher als „first mover“ mit dabei sein wollen. Und auf der anderen Seite haben wir eine Menge Professionals, die als Teil ihres Geschäftsbereiches nach Frankfurt wechseln sollen – und denen schlicht nichts anderes übrig bleibt als „take it or leave it“.

Worin bestehen die Chancen, wenn diese Menschen künftig in Frankfurt leben und arbeiten? Was sind die Herausforderungen?

Stokburger: Kommt die erste Welle Londoner Banker nach Frankfurt, wird der hiesige Finanzplatz weiter wachsen und die Stadt international an Bedeutung gewinnen. Der Ausbau der bestehenden Präsenzen ausländischer Banken sowie die Gründung von Banken nach deutschem Recht schafft aber auch für heimische Banker neue Stellen, insbesondere in den Bereichen Risikomanagement, Compliance und Verwaltung. Außerdem wird der Ausbau des Finanzplatzes Frankfurt sicher weitere Marktteilnehmer anziehen, wie etwa Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer, Anwaltssozietäten und Private Equity Fonds. Die derzeit in London ansässigen Banken werden aber sicher nicht umhinkommen, passende Incentive-Pläne für den Standort Frankfurt zu erarbeiten, um ihre Mitarbeiter und Führungskräfte für einen Wechsel und einen Verbleib an der Mainmetropole zu motivieren. Und die Stadt Frankfurt ihrerseits wird sich der Herausforderung stellen müssen, ausreichend Wohnraum sowie internationale Schulen und Kitas anbieten zu können.

Wie kann sich die Rhein-Main-Region am besten auf diesen Zuzug einstellen?

Stokburger: Die aktuell angekündigten Verlagerungen von Kapazitäten nach Frankfurt muss man in einem längeren zeitlichen Kontext sehen. Es ist anzunehmen, dass dem jetzt angekündigten Auf- und Ausbau einzelner Häuser noch einige andere folgen werden – eine große Chance für Frankfurt als Wirtschaftsstandort, Finanzplatz, aber eben auch als Großstadt. Mit Blick auf diesen bevorstehenden Zuzug sowie weiterer Ansiedlungen sollten Stadt und Region geschlossener auftreten und für Frankfurt als Top-Standort offensiv werben. Frankfurt und das Umland mit seinen zahlreichen Städten und Gemeinden haben viele Vorzüge gegenüber einer Millionenstadt wie London. Diese gilt es proaktiv zu bewerben. Ein Blick auf die zahlreichen aktuellen Bauvorhaben in der Stadt Frankfurt zeigt ja bereits, dass zumindest die Immobilienbranche klar auf Wachstum setzt. Um eine bestmögliche Integration der neuen Banker in Stadt- und Sozialleben zu gewährleisten, stehen Stadtmarketing und Entwicklungsplanung nun in der Pflicht, kulturelle Stärken und Vorzüge Frankfurts sowie die lebendige Vielfältigkeit besser zu kommunizieren, um das Image des teilweise als zu provinziell wahrgenommenen Stadtbilds aufzupolieren.

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Bildnachweis: Boyden

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