Mit ihren erratischen, schwer interpretierbaren und kaum prognostizierbaren Entscheidungen hat die neue US-Regierung zur Verunsicherung der Finanzmärkte beigetragen. Diese reagieren nach anfänglichen Irritationen inzwischen zwar erstaunlich gelassen. Dennoch hält die Diskussion über die künftige Rolle des US-Dollars und die globale Dominanz des amerikanischen Staatsanleihenmarktes an. „Dem neuen US-Präsidenten scheint nicht bewusst, wie sehr das Land auch von dieser geoökonomischen Ausnahmestellung („Exceptionalism“) profitiert, welche Macht und zugleich Verantwortung das für die US-Administration bedeutet“, erklärt Ingo R. Mainert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DVFA, und ergänzt: „Dass die Ära des US-Dollars als sicherer Hafen und Weltleitwährung hinterfragt wird, zeigen die Antworten der DVFA Investment Professionals auf unsere jüngste Monatsfrage. Doch mit einem radikalen Wechsel an der Spitze des Weltfinanzsystems rechnen sie mehrheitlich vorerst nicht.“
Bedeutung Amerikas im internationalen Finanzsystem nimmt nur moderat ab
13 % der Umfrageteilnehmer sehen für die Zukunft eine unveränderte Bedeutung der USA im internationalen Finanzsystem. Dagegen rechnen mehr als zwei Drittel (68 %) und damit die überwiegende Mehrheit damit, dass diese Bedeutung moderat abnimmt. Einen wesentlichen Bedeutungsverlust erwartet immerhin fast jeder Sechste (15 %), während sich nur 4 % in dieser Frage unentschieden zeigen.
US-Staatsanleihen als „sichere Anlage“ gefährdet
Mitte Mai hat Moodys das Rating der Vereinigten Staaten von Aaa auf Aa1 gesenkt. Angesichts dieses Downgrades, aber auch mit Blick auf die geopolitischen Veränderungen und die Entwicklungen in der amerikanischen Politik, halten 60 % der DVFA Investment Professionals den Status der US-Staatsanleihen als „sichere Anlage“ für gefährdet. Nur halb so viele (29 %) sehen das nicht so. Immerhin mehr als jeder zehnte der Antwortgeber (11 %) traut sich hier aber derzeit keine eindeutige Einschätzung zu.
USA genießen aufgrund ihrer Dominanz deutlichen Renditevorteil
Zu den ökonomisch wichtigsten Vorteilen der USA aus der starken Stellung des US-Dollars und der US-Märkte im internationalen Finanzsystem gehört zweifellos ein klarer Renditevorteil gegenüber dem eigentlich fairen Zins (sog. „Annehmlichkeitsrendite“). Für diesen Discount in den langfristigen US-Treasuries trauten sich allerdings nur rund die Hälfte der antwortenden Investment Professionals eine quantifizierte Einschätzung zu:
Die andere Hälfte der Teilnehmer (48 %) entschied sich für alternative Antwortmöglichkeiten:
US-Dollar verliert als Weltleitwährung tendenziell an Bedeutung
Hinsichtlich der Bedeutung des US-Dollars als Weltleitwährung sind sich die Investment Professionals der DVFA sehr einig: Sie wird im Trend zurückgehen, und zwar erheblich (21 % der Antwortenden) bzw. nur leicht (67 %). Keinen Rückgang vermuten dagegen lediglich 7 %.
Mehrheit hält Dollar für überbewertet
Ferner wurde danach gefragt, wie der US-Dollar längerfristig fair zu bewerten ist, etwa gemessen am Maßstab der Kaufkraftparität. Hier halten nur 10 % der Umfrageteilnehmer den US-Dollar für derzeit unterbewertet. Weitere 10 % halten das gegenwärtige Kursniveau für fair. Dagegen erscheint der US-Dollar den meisten (71 %) in längerfristiger Perspektive zurzeit überbewertet, zum Teil sogar recht deutlich. Nur 9 % wollten sich hier nicht festlegen.
Die Frage nach der fairen Bewertung ist inhaltlich eine andere als die nach dem vermutlichen Wechselkurs zum Jahresende 2025. Doch die folgende Tabelle mit den Ergebnissen der Monatsfrage vom Dezember 2024 macht deutlich, welche Wirkung die „Trumponomics“ seither auf die Einschätzung des US-Dollars entwickelt haben.
Vergleich der fairen Bewertung des Dollar und der Erwartungen Ende 2024 zur Wechselkursentwicklung
MSCI World keine adäquate Benchmark-Funktion auf der Aktienseite
Die Frage, ob auf der Aktienseite der MSCI World mit über 2/3 US-Ländergewicht eine adäquate Benchmark in der Strategischen Asset Allokation ist, ergab ein klares Ergebnis: 68 % antworteten mit „nein“, mit „ja“ dagegen nur 28 %.
Faktische Unabhängigkeit der Fed erscheint Vielen fraglich
Schließlich fragte die DVFA, ob die US-Notenbank während der Regierungszeit von Donald Trump unabhängig bleiben wird. Hier zeigte sich die Hälfte der Umfrageteilnehmer skeptisch: 8 % antworteten mit einem klaren „Nein“. Weitere 42 % erwarten zwar keine Gesetzesänderungen in dieser Richtung, rechnen jedoch damit, dass die Fed de facto von der Politik abhängig wird. Immerhin mehr als ein Drittel der Investment Professionals (34 %) sind dagegen optimistischer und halten die Unabhängigkeit der US-Notenbank für nicht gefährdet. Die Unberechenbarkeit der Entwicklungen in den USA spiegelt die Tatsache, dass mit 16 % fast jeder Sechste der Teilnehmenden hier (noch) keine Aussage treffen wollte.
„Insgesamt rechnen unsere Investment Professionals mit einer Schwächung der amerikanischen Bedeutung für das Welt-Finanzsystem, jedoch nicht mit einer Ablösung der USA in ihrer Führungsposition“, fasst Ingo Mainert die Ergebnisse zusammen. Bedenklich scheint angesichts von etwa 36 Billionen US-Dollar Staatsschulden in den USA die Gefahr steigender Zinsen und dadurch zunehmender fiskalischer Belastungen des US-Budgets. So könnte sich die „finanzielle Dominanz“ der Kapitalmärkte am Ende als jene Kraft erweisen, die Donald Trump zu mehr ökonomischer Rationalität und Berechenbarkeit seiner Politik motiviert und dazu, die Unabhängigkeit der Notenbank zu respektieren.“
Quelle: DVFA Monatsfare vom Juli