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Ignorieren oder Absturz?

Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance, ordnet die Diskussion rund um die Veröffentlichung des 40. Global Financial Centres Index ein.

Der neue Global Financial Centres Index, der GFCI 40, ist erschienen – und die Reaktionen könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Finanz-Szene meint, man könne das Ranking getrost „ignorieren“. Börsen-Zeitung und Platow Brief sprechen dagegen vom Absturz Frankfurts. Was stimmt?

Die Zahlen sehen auf den ersten Blick tatsächlich dramatisch aus. Frankfurt fällt von Rang 15 auf Rang 29. Noch bemerkenswerter: Lange Jahre konnten wir mit gutem Grund sagen, Frankfurt sei der führende Finanzplatz der EU. Nun liegen plötzlich Amsterdam, Luxemburg, Paris und sogar Kopenhagen vor uns.

Frankfurt nur noch Nummer fünf in der EU? Das sollte uns interessieren. Aber bevor wir in Alarmismus verfallen, lohnt sich ein genauerer Blick auf das Ranking. Denn es gibt gute Gründe, den GFCI nicht ohne Weiteres zu übernehmen.

Ein Absturz, der in Wirklichkeit vier von 1000 Punkten beträgt

Zunächst fällt Frankfurt im eigentlichen Score keineswegs dramatisch zurück. Der Punktwert sinkt lediglich von 734 auf 730 Punkte. Vier Punkte weniger – aber 14 Plätze verloren.

Das zeigt bereits, wie vorsichtig man Rangveränderungen interpretieren muss. In einem dicht gedrängten Feld können kleine Veränderungen der Punktzahl erhebliche Bewegungen in der Rangliste verursachen. Noch deutlicher wird das Problem, wenn man einzelne Finanzplätze über mehrere Ausgaben betrachtet.

Tokio gehörte lange zu den weltweit führenden Finanzzentren, fiel dann in den letzten Jahren innerhalb relativ kurzer Zeit aus den Top 10 heraus und dann sogar auf einen Rang jenseits der Top 20 – und steht heute wieder auf Platz 6. Hat sich der Finanzplatz Tokio in wenigen Jahren erst so fundamental verschlechtert und anschließend ebenso fundamental erholt? Wohl kaum.

Oder nehmen wir Moskau. Krieg, Sanktionen, der Rückzug zahlreicher westlicher Banken und Unternehmen sowie die weitgehende Abkopplung vom westlichen Finanzsystem haben die internationale Rolle Moskaus fundamental verändert. Ein Ranking internationaler Finanzzentren müsste einen solchen Strukturbruch eigentlich unmittelbar und massiv widerspiegeln. Die Entwicklung des GFCI bildet diese Realität jedoch nicht ab. Moskau hat wiederholt zugelegt und ist im letzten GFCI wieder um weitere 3 Plätze gestiegen. Wer hält das für plausibel? 

Auch einige andere Platzierungen unter den Top 20 werfen Fragen auf, wenn man sie mit Größen wie Kapitalmarktvolumen, Assets, Beschäftigung, internationaler Bankpräsenz oder der Bedeutung für grenzüberschreitende Finanzströme vergleicht. In zahlreichen Finanzplätzen unter den Top 20 fehlen die führenden internationalen Banken aus anderen Ländern fast gänzlich. Das sollen führende internationale Finanzplätze sein? 

Der GFCI ist eben kein Finanzplatz-BIP. Er kombiniert eine große Zahl quantitativer Indikatoren mit Befragungen und Wahrnehmungen. Und Wahrnehmungen können sich schnell verändern. Also doch einfach ignorieren? Ich glaube, genau das wäre der falsche Schluss. Denn vielleicht liegt gerade darin die wichtigste Botschaft des Rankings.

Wahrnehmung ist für einen Finanzplatz keine Nebensache

Ein Finanzzentrum lebt nicht nur von Bilanzsummen, Handelsvolumen und Beschäftigtenzahlen. Es lebt auch davon, wo FinTechs gegründet werden und wohin internationale Talente mit ihren Familien ziehen wollen.

Und solche Entscheidungen werden auch durch Wahrnehmungen beeinflusst. Wenn Frankfurt im internationalen Vergleich an Attraktivität verliert – oder auch nur als weniger dynamisch wahrgenommen wird –, sollten wir uns deshalb nicht damit beruhigen, dass ein Ranking methodische Schwächen hat.

Wir sollten fragen: Gibt es hinter dem Signal reale Probleme? Leider lautet die Antwort bei einigen Punkten: ja.

1. Internationales Top-Talent: Frankfurt muss konkurrenzfähiger werden

Der Wettbewerb zwischen Finanzplätzen ist längst auch ein Wettbewerb um Menschen. Frankfurt hat dabei große Vorteile: kurze Wege, hohe Lebensqualität, vergleichsweise moderate Wohnkosten gegenüber London oder Paris, internationale Schulen, hervorragende Verkehrsanbindung und eine enorme Dichte an Finanzinstitutionen.

Aber Deutschland hat auch einen erheblichen Nachteil: hohe Steuern und vergleichsweise wenige steuerliche Anreize für international mobile Spitzenkräfte. Andere europäische Finanzplätze haben das erkannt.

Paris, Mailand, Amsterdam und insbesondere Luxemburg haben oder hatten spezielle Regelungen für sogenannte Impatriates. Sie reduzieren unter bestimmten Voraussetzungen die steuerliche Belastung international angeworbener Spitzenkräfte oder berücksichtigen zusätzliche Kosten eines internationalen Umzugs.

Eine einfache Modellrechnung von Finance Matters zeigt, wie groß die Unterschiede werden können. Bei einem Bruttoeinkommen von 250.000 Euro bleiben – je nach Annahmen und anwendbarem Regime – ungefähr:

Frankfurt: 142.000 Euro
Paris: 158.000 Euro
Amsterdam: 171.000 Euro
Mailand: 186.000 Euro
Luxemburg: 194.000 Euro

Zwischen Frankfurt und Luxemburg können damit mehr als 50.000 Euro netto pro Jahr liegen. Über fünf Jahre sprechen wir über mehr als eine Viertelmillion Euro.

Natürlich entscheidet niemand seinen Lebensmittelpunkt ausschließlich nach der Einkommensteuer. Aber wer glaubt, solche Größenordnungen spielten bei international Talenten keine Rolle, irrt.

Geld ist aber nur die eine Seite. Wer einen hochqualifizierten Mitarbeiter aus New York, London, Singapur oder Tokio für Frankfurt gewinnen will, muss ihm heute erklären, warum die Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung für ihn und seine Familie Monate dauern kann, während es in Amsterdam, Luxemburg, Kopenhagen und Paris nur Tage sind. Im internationalen Wettbewerb der Finanzplätze sind solche Zeiträume ein Standortnachteil.

Andere Finanzzentren behandeln die Ansiedlung internationaler Spitzenkräfte als das, was sie ist: einen Teil ihrer Wirtschaftspolitik. Singapur, Dubai und Luxemburg werben gezielt mit schnellen Verfahren, steuerlichen Anreizen und international ausgerichteten Behörden. Auch Großbritannien hat trotz des Brexit ein eigenes Interesse daran, internationale Finanz- und Technologietalente im Land zu halten und neu zu gewinnen. Dort hat das Finanzzentrum, trotz Brexit, 80.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. 

Wir arbeiten zwar schon lange an einem Fast Track für internationale Schlüsselkräfte mit einem One-Stop-Shop für Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen, aber es ist nicht absehbar, dass die Bearbeitungszeiten international wettbewerbsfähig sein werden – oder gar berufstätige Partner und Kinder mitgedacht wurden.

Wenn Frankfurt die besten Köpfe der Welt gewinnen will, muss Deutschland ihnen auch signalisieren: Wir wollen, dass Ihr kommt.

2. Wir müssen unsere traditionellen Stärken zurückgewinnen: Infrastruktur und politisch-rechtliche Stabilität

Vielleicht ist dies das am meisten beunruhigende Signal des GFCI. Deutschland und Frankfurt konnten sich lange auf zwei Standortvorteile verlassen, die andernorts keineswegs selbstverständlich waren: hervorragende Infrastruktur und politische wie rechtliche Stabilität.

Im GFCI gehörte Frankfurt in diesen Kategorien lange Zeit zur internationalen Spitzengruppe. Inzwischen ist das nicht mehr der Fall. Und auch hier sollte man sich nicht über die Methodik des Rankings streiten, sondern fragen, warum sich die Wahrnehmung verändert hat. Bei der Infrastruktur sind die Probleme inzwischen international sichtbar.

Die Verspätungen und Ausfälle der Deutschen Bahn sind längst keine interne deutsche Diskussion mehr. Die Financial Times, The Economist, The Guardian und internationale Reise- und Wirtschaftsmedien berichten regelmäßig über die Probleme der deutschen Verkehrsinfrastruktur. Wer als internationaler Besucher von Frankfurt zu einem Geschäftstermin in eine andere deutsche Metropole fährt, kennt Problem.

Gleichzeitig ist Frankfurt einer der bedeutendsten Rechenzentrumsstandorte Europas. Die Region Frankfurt/Rhein-Main gehört zu den größten Rechenzentrumsclustern des Kontinents; der Standort wird international häufig als Europas wichtigster Internetknoten beschrieben. Gerade für einen Finanzplatz, dessen Zukunft von Cloud, Daten, KI, digitalem Handel und Cybersecurity abhängt, ist diese Infrastruktur strategisch.

Doch auch neue Rechenzentren in der Region stoßen auf langwierige Genehmigungsprozesse, Strom- und Netzanschlussfragen und zunehmend komplexe regulatorische Anforderungen. Das deutet über Frankfurt hinaus: Deutschlands mangelnde Fähigkeit, Infrastruktur schnell zu planen, zu genehmigen und zu bauen, ist selbst zu einem Standortthema geworden.

Noch grundsätzlicher ist der Verlust an Wahrnehmung politischer und rechtlicher Stabilität. Diese Stärke war jahrzehntelang Teil des deutschen Geschäftsmodells. Wenn internationale Entscheider sie heute weniger selbstverständlich unterstellen, sollten bei uns die Alarmglocken klingeln.

Denn Steuersätze kann man verändern. Förderprogramme kann man auflegen. Vertrauen in die Verlässlichkeit eines Standortes muss man sich über Jahre erarbeiten – und kann es sehr viel schneller verlieren.

3. Das Bahnhofsviertel ist kein lokales Sozialproblem – es ist das Eingangstor zu unserem Finanzplatz

Es gibt ein Thema, das wir in Frankfurt viel zu lange als kommunales Problem behandelt haben: den Zustand des Bahnhofsviertels. Wer mit dem Zug nach Frankfurt kommt und Richtung Bankenviertel läuft, erlebt dort einen seiner ersten Eindrücke der Stadt. Und dieser Eindruck ist inzwischen selbst international zum Thema geworden.

Internationale Medien haben in den vergangenen Jahren über die Situation rund um den Frankfurter Hauptbahnhof und im Bahnhofsviertel berichtet. Auch deutschsprachige Medien greifen das Thema regelmäßig auf. Hinzu kommen Videos und Beiträge internationaler Besucher auf YouTube, TikTok und Instagram.

Beschrieben werden Drogenkonsum, offene Szenen, Kriminalität, Verwahrlosung und ein sichtbarer Kontrollverlust rund um einen der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Deutschlands. Man kann darüber diskutieren, ob manche Darstellungen überzeichnen. Aber für die Reputation eines Finanzplatzes ist am Ende nur entscheidend, wie andere uns wahrnehmen.

Wir investieren viel Geld und Energie in die Vermarktung Frankfurts als international attraktiven Finanzplatz. Gleichzeitig akzeptieren wir seit Jahren einen Zustand am zentralen Eingangstor der Stadt, der genau das Gegenteil kommuniziert. Das Bahnhofsviertel ist deshalb nicht nur Aufgabe der Sozial-, Gesundheits- oder Sicherheitspolitik: Es ist Standortpolitik.

Frankfurt braucht hier einen sichtbaren Neustart – mit Sicherheit, Sauberkeit und konsequenter Sozial- und Drogenpolitik. Nicht irgendwann, sondern mit messbaren Zielen und einem klaren Zeitplan.

4. Ein führender Finanzplatz muss auch ein führender FinTech-Standort sein

Vielleicht ist dies die größte verpasste Chance. Frankfurt besitzt eigentlich nahezu ideale Voraussetzungen für FinTech: EZB, Bundesbank, Deutsche Börse, Eurex, Banken, Versicherungen, Asset Manager, Aufsicht, Hochschulen und mit dem TechQuartier sogar eine institutionelle Plattform für das Ökosystem.

Trotzdem hat Frankfurt diese Ausgangsposition bislang nicht in eine entsprechende internationale FinTech-Position übersetzt. Der GFCI zeigt Frankfurt auch in seinem FinTech-Ranking weit entfernt von der Weltspitze. Andere Startup-Rankings erzählen eine ähnliche Geschichte. Für einen führenden Finanzplatz ist das zu wenig.

Besonders bemerkenswert ist der Vergleich mit München. München legte als einer wenigen Finanzplätze der EU zu. Der Treiber ist evident: Die Financial Times und Statista setzten UnternehmerTUM in ihrem europäischen Ranking der führenden Startup-Hubs auf Platz 1 in Europa. In derselben Rangliste folgte mit der Start2 Group ein weiterer Münchner Akteur an der Spitze. Auch BayStartUP in Nürnberg gehörte zur europäischen Spitzengruppe.

Das ist der entscheidende Punkt: München hat aus einer starken Universität, internationalem Talent, Unternehmen und privatem Kapital ein sichtbares Innovationsökosystem gebaut. Frankfurt hat die Finanzinstitutionen – aber noch nicht dieselbe Dynamik bei Ausgründungen, Venture Capital und technologiegetriebenem Unternehmertum.

Die Frage lautet deshalb weniger, ob Frankfurt ein paar FinTechs mehr braucht, sondern: Warum ist aus Europas vielleicht größter Konzentration von Finanzinstitutionen noch kein entsprechend führendes Innovationsökosystem entstanden? Das Blockchain Centre der Frankfurt School of Finance, Futury und das neu ausgerichtete Tech Quartier weisen alle in die richtige Richtung. Aber genügt es schon, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren? 

Die AMLA bietet uns jetzt sogar eine neue Chance. Die neue europäische Anti-Geldwäschebehörde hat ihren Sitz in Frankfurt. Warum sollte Frankfurt nicht durch sie Europas führender Standort für RegTech, ComplianceTech und KI-gestützte Financial-Crime-Prävention werden? Dafür braucht es mehr als Konferenzen und Förderprogramme. Wir sollten aus den einzigartigen Assets Frankfurts ein eigenes FinTech-Modell entwickeln.

Frankfurt ist nicht über Nacht ein schlechterer Finanzplatz geworden

Aus diesen Gründen sollten wir den GFCI weder dramatisieren noch ignorieren. Vier Punkte weniger im GFCI bedeuten sicherlich keinen Absturz. Aber vielleicht ist die falsche Platzierung der Weckruf zur richtigen Zeit. Denn die vier Themen, die dahinterstehen, sind real: Talent. Infrastruktur und Verlässlichkeit. Das Erscheinungsbild unserer Stadt. Innovation.

Und wir wissen, dass Frankfurt handeln kann. Der beste Beweis dafür war der Brexit. Als Großbritannien 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union stimmte, war keineswegs ausgemacht, welcher Finanzplatz auf dem Kontinent davon am stärksten profitieren würde.

Frankfurt hat damals nicht abgewartet. Stadt, Land Hessen, Bund, Aufsicht und Finanzplatzorganisationen haben gemeinsam um Institute und Arbeitsplätze geworben. Wir sind nach London, New York, Tokio und Seoul gegangen. Wir haben mit Banken gesprochen, regulatorische Probleme adressiert und Frankfurt international positioniert.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Rund 15.000 zusätzliche Arbeitsplätze, massiv gestiegene Bank Assets und rund 60 internationale Institute, die ihre Präsenz in Frankfurt neu aufgebaut oder erheblich erweitert haben.

Der Brexit hat gezeigt: Wenn Frankfurt ein gemeinsames Ziel hat, kann Frankfurt liefern.

Genau diese Entschlossenheit brauchen wir jetzt wieder. Nicht wegen eines Rankings, sondern weil der Wettbewerb zwischen den Finanzplätzen härter geworden ist.

Paris investiert. Luxemburg positioniert sich. Amsterdam entwickelt seine Stärken weiter. Mailand wirbt um internationale Talente. München zeigt, wie stark ein Finanzplatz von einer exzellenten Universität und einem leistungsfähigen Gründerökosystem profitieren kann. Und außerhalb Europas wachsen Asiens Finanzzentren mit enormem Ehrgeiz.

Deshalb ist der GFCI 40 ein Weckruf. Und bei einem Weckruf hat man immer zwei Möglichkeiten. Man kann ihn ausschalten, sich umdrehen und weiterschlafen. Oder: Man steht auf.

Ich wäre für Aufstehen.

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