Written by 11:15 Finanzplatz

Die 28-Minuten-Stadt

Deutschland legt sich ins Zeug, um europäische Nachbarn von Frankfurt als Standort für die geplante Anti-Geldwäsche-Behörde AMLA zu überzeugen. Neben weiterer Vorteile punktet der Finanzplatz am Main vor allem mit seinen kurzen Wegen.

Am 10. November läuft die Frist für Bewerbungen für den künftigen Standort der geplanten EU-Anti-Geldwäsche-Behörde aus, der Anti-Money-Laundering Authority (AMLA). Deutschland legt sich unmittelbar vor dem Abgabeschluss noch einmal ins Zeug, um die europäischen Nachbarn davon zu überzeugen, dass Frankfurt die perfekte Wahl wäre.

Am Donnerstag werden Bundesfinanzminister Christian Lindner, Hessens Finanzminister Michael Boddenberg und Frankfurts Stadträtin Stephanie Wüst in Brüssel gute Argumente dafür präsentieren, dass sich vom Finanzplatz am Main aus Geldwäsche und Terrorfinanzierung besonders effektiv ermitteln und verfolgen lassen. Erstens, weil Geldwäschebekämpfung viel mit der Verarbeitung großer Datenmengen zu tun hat und Frankfurt über eine ausgezeichnete IT-Infrastruktur verfügt.

Ansprechpartner um die Ecke

Zweitens, weil Hessens größte Stadt über alles verfügt, was für Spezialisten und Fachbeamte aus allen EU-Ländern ganz oben auf der Liste steht, angefangen von internationalen Schulen bis hin zu einem Flughafen, der ihnen schnelle und häufige Verbindungen in die Heimat bietet. Und drittens, weil nirgendwo anders in Europa so viele wichtige Ansprechpartner direkt um die Ecke angesiedelt sind – von der EZB-Bankenaufsicht über BaFin und Bundesbank bis zur EU-Versicherungsbehörde EIOPA. Nicht zu vergessen alle großen Banken, neben den deutschen Instituten auch viele Niederlassungen der Auslandsbanken.

Dabei will Frankfurt damit punkten, dass “direkt um die Ecke” fast wörtlich zu nehmen ist. Verglichen mit Paris, Madrid oder Warschau sind in Frankfurt die Wege extrem kurz. Vom Zentrum des Bankenviertels an der Taunusanlage aus ist jeder Ort in Frankfurt gemäß meiner Studien binnen 28 Minuten zu erreichen – und zwar mit dem Fahrrad. Gut, natürlich nicht unbedingt Frankfurt-Sindlingen oder die letzte Ecke in Bonames. Aber doch alle Orte, die für Finanzprofis relevant sind: die EZB, die Bundesbank, der Flughafen. Natürlich auch die Wohnlagen im Westend, im Nordend und in Sachsenhausen. Und wer mal rasch im Stadtwald frische Luft schnappen möchte, kann den Weg zum Goetheturm in 28 Minuten schaffen.

Der Wald lockt

Apropos Wald: Im Grunde ist Frankfurt ja ein großes Biotop mit einer Lichtung, auf der ein paar Hochhäuser stehen. Immerhin 14% des Stadtgebiets entfallen auf den Stadtwald im Süden – und im Norden schließt der Taunus an. In anderen europäischen Großstädten fällt die Entfernung dorthin, wo Bäume Schatten spenden, weiter aus. Darauf wird Frankfurt bei seiner Bewerbung um den AMLA-Sitz gewiss auch aufmerksam machen.

Der Vorteil kurzer Wege dürfte so manchem künftigen AMLA-Beschäftigten zusagen, der in anderen Metropolen zwei Stunden seiner Lebenszeit täglich in Pendlerzügen verbringt und sich den kompletten Nachmittag freihalten muss, wenn mal ein Auswärtstermin bei einer Bank ansteht.

Leiderprobte Taxifahrer

Die einzigen, für die Frankfurts nachbarschaftliche Nähe ein Nachteil ist, sind die Taxifahrer. Die können ihren Missmut oft nicht verbergen, wenn Passagiere am Hauptbahnhof einsteigen und dem Taxifahrer die Ansage machen, zur Deutschen Bank, zur Commerzbank oder zur Bundesbank fahren zu wollen. Schließlich dauert bei solchen Touren häufig die Ausfahrt vom Bahnhofsvorplatz länger als der Rest der Route.

Quelle: Zweitveröffentlichung, Börsen-Zeitung vom 03.11.2023
Bild: EwaStudio via stock.adobe.com

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