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Wachstum, Inflation, Klima- und Industriepolitik: Ausblick auf das Jahr 2022

Sonderumfrage des Center for Financial Studies

Das wirtschaftliche Umfeld ist derzeit von hoher Unsicherheit über die künftigen Wachstumsaussichten und die Entwicklung der Inflationsraten geprägt. Außerdem stehen wegweisende wirtschaftspolitische Entscheidungen z.B. mit Blick auf die Anerkennung von Atom- und Gaskraftwerken als klimafreundliche Brückentechnologien auf der europäischen Ebene an. Ferner hat der für Wirtschaft und Klimaschutz zuständige Bundesminister Robert Habeck angekündigt, angesichts der anhaltenden Lieferengpässe die Ansiedlung der Chip-Produktion in Deutschland zur Not mit hohen Subventionen zu fördern. Vor diesem Hintergrund hat das CFS zu diesen Fragestellungen eine Umfrage unter Fach- und Führungskräften in der Finanzindustrie durchgeführt.

Wachstumserwartung der Bundesregierung zu optimistisch

Die Bundesregierung geht für das Jahr 2022 von einer Wachstumsrate von 4,1 Prozent aus. Die überwiegende Mehrheit der Befragten (ca. 78%) hält diese Erwartung für zu optimistisch. Für realistisch halten nur ca. 19% der Befragten die Annahme der Bundesregierung.

Inflationserwartung der EZB zu niedrig

Die Inflationsrate lag in Deutschland zuletzt bei ca. 5,3%. Die EZB geht weiterhin von deutlich rückläufigen Inflationsraten für 2022 aus, aber immerhin noch von ca. 3,2%. Erst 2023 und 2024 soll die Inflationsrate wieder bei 1,8% liegen. Zuletzt musste die EZB ihre Inflationserwartungen wiederholt korrigieren.

63% der Befragten halten die von der EZB geäußerten Inflationserwartungen für zu niedrig. Lediglich knapp 33% halten diese für realistisch. „Die Zahlen zeigen, dass das Vertrauen der Marktteilnehmer in die Inflationsprognosen der EZB deutlich gesunken ist“, sagt Professor Volker Brühl vom Center for Financial Studies. „Das ist bedenklich, denn das Vertrauen der Märkte in die Zentralbank ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Geldpolitik“, so Brühl weiter.

„Bereits bei der letzten CFS Befragung waren die Finanzmarktakteure skeptisch was den transitorischen Charakter der Inflation betraf. Wie wir heute wissen: zurecht“, ergänzt Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance.

Mehr Produktion von Chips in Deutschland wird begrüßt

In der Pandemie sind einige Sektoren durch Lieferengpässe bei Chips besonders hart getroffen worden (Autoindustrie, Maschinenbau). Die neue Bundesregierung fordert eine stärkere Unabhängigkeit Europas und will neue Chip-Fabriken in Deutschland mit Milliardensubventionen ansiedeln. Dieser Vorstoß des Bundeswirtschaftsministers wird von ca. 76% der Befragten ausdrücklich begrüßt. Nur knapp 19% lehnen eine solche Förderpolitik ab.

„Die Ergebnisse zeigen, dass die Idee die Produktion von Chips nach Deutschland zurück zu holen, eine breite Unterstützung geniest. Die Wirtschaftsgeschichte zeigt jedoch: Das wird aber nur dann gelingen, wenn die Produktion dann auch, nach initialer Unterstützung, dauerhaft wettbewerbsfähig sein wird“, sagt Hubertus Väth.

Reduzierung der Treibhausgasemissionen in der Energieerzeugung

Auf der europäischen Ebene wird eine kontroverse Diskussion über die Klimafreundlichkeit von Atomkraft- und Gaskraftwerken geführt (Taxonomie). Knapp 42% der Befragten würden eine Einordnung von Atomkraft als klimafreundlich begrüßen, während knapp 51% der Befragten dies ablehnen. Mit Blick auf Gaskraftwerke ist das Bild deutlicher. Ca. 33% würden die Einordnung von Gaskraftwerken als klimafreundlich begrüßen, mehr als 55% lehnen dies ab. In beiden Fällen ist also die Mehrheit der Befragten gegen eine Einordnung als klimafreundliche Technologie. Allerdings sind die Vorbehalte gegenüber Gaskraftwerken im Hinblick auf den Klimaschutz noch größer als bei der Kernenergie. „Die Finanzindustrie unterstützt die Transformation des Energiesektors hin zu mehr Nachhaltigkeit,“ stellt Finanzprofessor Brühl fest.

„Die kontroverse Diskussion der Taxonomie ist wichtig. Allerdings sind Tempo und Messung der nachhaltigen Transformation der Wirtschaft noch wichtiger für den Erfolg“, ergänzt Hubertus Väth.

Foto via Unsplash.

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