Es klingt abschreckend technisch, hat aber für Finanzplätze, allen voran für Frankfurt, erhebliche Bedeutung. Mit der sechsten EU-Eigenkapitalrichtlinie (CRD VI) vollzieht die europäische Bankenregulierung einen weiteren Schritt. Die Richtlinie, die seit dem 11. Januar 2026 greift, verschärft die Anforderungen an die Substanz von sogenannten Drittstaatenbanken, also von Instituten, die Kernbankendienstleistungen in der Europäischen Union (EU) erbringen, aber ihren Hauptsitz außerhalb haben. Für solche internationalen Institute bedeutet das: Geschäftsmodelle, Governance-Strukturen und Personalentscheidungen müssen stärker als bisher auf den Standort in der EU ausgerichtet werden. In der Branche wird CRD VI daher bereits als „kleiner Brexit“ diskutiert.
Berechtigter Vergleich
Der Vergleich ist durchaus berechtigt, schaut man auf die Auswirkungen der
neuen Richtlinie. Wie der Austritt Großbritanniens aus der EU zwingt auch CRD VI Banken dazu, Entscheidungen über Standorte, Kompetenzen, Besetzungen und den Ort, wo Wertschöpfung erbracht wird, neu zu treffen. Insbesondere Nicht-EU-Institute, die bislang über relativ schlanke Tochtergesellschaften oder Zweigniederlassungen operierten, geraten unter Zugzwang.
Die Aufsicht verlangt künftig mehr Entscheidungsbefugnisse, Risikomanagement und Kapital vor Ort. Sogenannte „Briefkasten“-Einheiten sollen der Vergangenheit angehören. Schätzungen gehen davon aus, dass in der Folge rund 1.000 neue Jobs und etwa 300 Mrd. Euro zusätzliche Assets an Standorte in der EU verlagert werden.
Für Frankfurt ist das Chance und Herausforderung zugleich. Schon nach dem Brexit hatte die Stadt von der Neuordnung profitiert: Damals verlagerten 60 Finanzinstitute Geschäft an den Main, 9500 Arbeitsplätze entstanden direkt in Finanzinstituten und etliche mehr im beratenden Umfeld. Viele Banken wählten Frankfurt als regulatorischen Anker, hielten aber zentrale Funktionen weiterhin in London. CRD VI setzt nun genau hier an.
Umsetzung wird zum Prüfstein
Für Frankfurt wird die Umsetzung zum Prüfstein: Gelingt es, das gesamte Potenzial zusätzlicher Stellen und Vermögenswerte anzulocken?
Nach dem Brexit ging Frankfurt zunächst als klarer Sieger aus dem Konkurrenzkampf um Ansiedlungen mit anderen europäischen Finanzplätzen wie Paris, Amsterdam oder Luxemburg hervor, musste dann aber hinnehmen, wie zunächst pro Frankfurt getroffene Entscheidungen in Teilen revidiert und zugunsten der EU-Konkurrenten geändert wurden. Die Ursachen waren Schwächen bei der schleppenden Genehmigung von Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen, der Verfügbarkeit qualifizierter Kräfte insbesondere im Wertpapierhandel sowie bei der – im Nachklapp zu Wirecard – eher verunsicherten Aufsicht. Die entscheidende Frage ist: Wie schneidet Frankfurt dieses Mal ab?
Die Chancen liegen auf der Hand. Wenn Banken mehr Substanz in der EU aufbauen, sollte der größte Finanzplatz der Eurozone ein angemessenes Stück vom Kuchen abbekommen. Die Mainmetropole bietet Nähe zur Europäischen Zentralbank (EZB), zur Bankenaufsicht und zu einem gewachsenen, lebendigen Finanzökosystem.
Für die Stadt könnte CRD VI zusätzliche hochqualifizierte Arbeitsplätze bedeuten – nicht nur im klassischen Bankgeschäft, sondern auch bei Compliance, IT, Risikomanagement und Recht. Diese Arbeitsplätze würden dann als Multiplikatoren zwischen drei und acht weitere Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich entstehen lassen – mit entsprechenden zusätzlichen Gewerbesteuereinnahmen für die Stadt und die Region.
Der neuerliche Wettstreit der Finanzplätze in der EU wird zeigen, wie gut der Standort aus dem Brexit gelernt hat. Positiv ist, dass bei der Umsetzung der europäischen Vorgabe in nationales Recht auf die in Deutschland lange beliebte, „Gold-Plating“ genannte, Verschärfung verzichtet wurde.
Im Gegenteil: Es kommt zu spürbaren Erleichterungen bei sogenannten Third Country Branches (TCBs). Hier findet der erkennbare Wille der Politik seinen Ausdruck, den Finanzplatz im Wettbewerb zu stärken und zunehmend als strategischen Sektor zu verstehen.
Positiv ist auch, dass die Region ihre Willkommenskultur professionalisiert hat. One-Stop-Shops für Unternehmen, englischsprachige Angebote in Behörden sowie vor Gericht und eine stärkere internationale Vernetzung gehören inzwischen zum Standardrepertoire. Das alles sind große Fortschritte, aber sind sie groß genug, um den Standort so attraktiv zu gestalten, dass die umworbenen Fachkräfte kommen wollen und schnell heimisch werden?
Es gibt noch immer Handlungsbedarf: ob Bahnhofsviertel oder der angespannte Wohnungsmarkt, knappe Plätze an der europäischen Schule oder die Digitalisierung der Verwaltung. Für hochqualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland sind solche Aspekte relevant. CRD VI erhöht den Druck, diese Standortfaktoren noch ernster zu nehmen – denn Banken werden regulatorisch gezwungen zu kommen – in die EU, aber nicht unbedingt nach Frankfurt. Und motivierte Talente, um die sich alle auch außerhalb der EU reißen, können noch wählerischer sein.
CRD VI verändert nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Ansiedlungen. Gefragt sind keine reinen Vertriebs- oder Abwicklungseinheiten, sondern vollwertige europäische Niederlassungen mit Entscheidungskompetenz am Ort. Das erhöht die Wertschöpfung, verlangt aber auch nach einem Umfeld, das internationale Führungskräfte und ihre Familien dauerhaft bindet.
Richtlinie wirkt wie Stresstest
In diesem Sinne ist CRD VI mehr als eine regulatorische Anpassung. Die Richtlinie wirkt wie ein Stresstest für den Standort. Sie zwingt Politik und Verwaltung, Bilanz zu ziehen: Welche Lehren wurden aus dem Brexit gezogen? Wurde ausreichend nachgebessert?
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Frankfurt seine Chance nutzt, ob der Finanzplatz über regulatorische Notwendigkeit hinaus ausreichend an Strahlkraft gewonnen hat. Die Signale im Rahmen der Umsetzung aus Berlin sind ermutigend. Gelingt es, in der Breite, die richtigen Schlüsse zu ziehen und umzusetzen, könnte der „kleine Brexit“ tatsächlich zu einem großen Entwicklungsschritt werden.