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Nachhaltige Geldanlage zwischen Integration und Transformation

Trotz der anhaltenden Dynamik bei der nachhaltigen Geldanlage sind noch viele Fragen zu klären und einige Hürden zu nehmen, das ging aus den Expertenvorträgen auf der vom Frankfurt School Verlag organisierten 14. Jahreskonferenz „Nachhaltige Geldanlagen“ hervor.

Nachhaltige Investments boomen

Nachhaltige Geldanlagen erreichen auch in Deutschland Rekordstände. In Deutschland ist das nachhaltig angelegte Vermögen 2020 um 25% auf 335 Mrd. Euro gestiegen. Das geht aus dem Jahresbericht des Forums Nachhaltige Geldanlagen hervor. Dessen Geschäftsführerin Angela McClellan zeigte sich besonders erfreut darüber, dass Privatanleger das Thema für sich entdeckt hätten. Entsprechend habe sich das in Publikumsfonds investierte Vermögen gegenüber 2019 auf fast 40 Mrd. Euro verdoppelt. Sie hob aber auch hervor, dass angesichts der aktuellen Greenwashing-Debatte Qualitätssicherung oberste Priorität haben müsse.

Nachhaltigkeit beschäftige gesamte Finanzwirtschaft

Der Wille, unsere Wirtschaft und die sie finanzierenden Kapitalströme nachhaltig zu gestalten, ist allerorten zu greifen. Dennoch gibt es auf dem Weg zu einer nachhaltigen Finanzwirtschaft viele Fragen zu klären und Hürden zu nehmen, wie die 14. Jahreskonferenz „Nachhaltige Geldanlagen“ vor Augen führte. Bei der Veranstaltung am 15. September 2021 gaben Branchenexperten einen Überblick über den aktuellen Stand und die offenen Fragen der Regulatorik und diskutierten über Praxiserfahrungen und Entwicklungslinien in der nachhaltigen Kapitalanlage. Die Redner und Panelteilnehmer von privaten wie öffentlichen Finanzinstituten, Asset Managern, Investoren und aus der Wissenschaft waren sich einig, dass ESG und Nachhaltigkeit inzwischen alle Bereiche der Finanzwirtschaft erreicht habe. Einigkeit herrschte aber auch darüber, dass im Spannungsfeld zwischen Regulatorik, ESG-Integration, Transformation zu einer Null-Emissions-Wirtschaft und der Messung von Nachhaltigkeitsparametern noch viel zu tun bleibt. So gebe es trotz aller Fortschritte im Hinblick auf Messung von Treibhausgasemissionen durch die Problematik der vor- und nachgelagerten Scope-3-Emissionen noch große Lücken im Reporting der Unternehmen.

Herausforderung historischen Ausmaßes

Prof. Dr. Hakan Lucius von der European Investment Bank formulierte es drastisch: „Wirtschaft und Technologie sind nicht nachhaltig. Das Risiko der Nicht-Nachhaltigkeit ist so groß, dass wir es nicht mehr tragen können.“ Lucius betonte, dass Europa der erste klimaneutrale Kontinent sein wolle. Um das zu verwirklichen, seien die EU-Taxonomie als Regelwerk und Investitionskapital in historischer Dimension erforderlich. Nur wenn die Politik einen klaren Ordnungsrahmen setze, könnten private Akteure im notwendigen Maße zur Umsetzung beitragen. Ein EU-Siegel könnte für Anleger ein wichtiges Signal sein. Carsten Auel von Deloitte warnte davor, die regulatorischen Veränderungen und die Ausrichtung des Investmentprozesses auf die EU-Taxonomie nur als eine Pflichtübung zu betrachten, vielmehr sollten Asset Manager dies als Chance begreifen und dementsprechend als Transformations- und Strategieprojekt aufsetzen.

Frankfurt als internationales Sustainable Finance Cluster

Laut Dr. Stephan Leithner, Vorstand der Deutschen Börse AG, besteht für die Umstellung auf eine klimaneutrale Wirtschaft ein Finanzierungsbedarf von 100 Billionen Euro. Die Transformation sei nur durch Innovation, Unternehmertum und den Kapitalmarkt zu stemmen, zeigte er sich überzeugt und rief die Teilnehmer der Veranstaltung zu einem Perspektivenwechsel auf. „War dieses vor 14 Jahren noch eine Konferenz in der Nische, befinden wir uns mit dem Thema jetzt im Mainstream.“ Europa habe durch die vielfältigen Entwicklungen auf regulatorischer Ebene die Chance, sich global als internationaler Vorreiter und Standardsetzer zu etablieren. Die Bewerbung des Finanzplatzes Frankfurt als Sitz des ISSB International Sustainability Standards Board sei auch ein klares Signal, dass man Nachhaltigkeit als Leitprinzip im Finanzmarkt verankern und Deutschland zu einem führenden Sustainable Finance Cluster entwickeln wolle.

Neue Instrumente

Während bei Aktienanlagen die Glaubwürdigkeit der Transformationsstrategie von Unternehmen in Richtung Dekarbonisierung im Vordergrund steht, ermöglichen Green Bonds zweckgebundene Investitionen in umweltfreundliche Vorhaben eines Emittenten. Green Bonds haben sich seit ihrer Einführung 2007 zu einem wichtigen Instrument für die Transformation entwickelt. Der Markt strebt mit einem Emissionsvolumen von 250 Mrd. Euro im laufenden Jahr auch 2021 wieder auf einen Rekord zu. Die deutsche Förderbank KfW ist nach Angaben von Vorstandsmitglied Christiane Laibach nach Frankreich und der EIB weltweit der drittgrößte Emittent von Green Bonds. Sie betont, dass das Engagement der KfW als Ankerinvestor für Green Bonds aus Schwellenländern sowie der Dialog mit Unternehmen über die KfW-Kreditvergabeleitlinien auch eine große Wirkung entfalten. Im Vergleich zu den Green Bonds ermöglichen die noch relativ jungen Sustainability-Linked Bonds Anlegern, die Emittenten durch die an die Erreichung von ESG-Zielen geknüpften Zinskupons bei der Umsetzung ihrer Nachhaltigkeitsziele zu incentivieren.

Verzicht auf gutes Gefühl …

„Es kommt nicht darauf, die grünen Unternehmen noch grüner zu machen, sondern die braunen,“ sagte Dr. Henrik Pontzen von der Union Investment und erläuterte, dass die Gesellschaft aus diesem Grund ihre traditionelle ESG-Scoring-Systematik um eine zukunftsgerichtete Komponente zur Transformationsstrategie eines Unternehmens erweitert habe. Das größte Potenzial, klimaschädliche Emissionen zu verringern, liege bei nun einmal bei den größten Emittenten. Anders als bei Investitionen in tiefgrüne Projekte, die bereits CO2-neutral seien, müsse man bei vielen Investitionen, die auf Transformation abzielen, „auf eine Menge gutes Gefühl verzichten.“

… und Ärmel hochkrempeln

Die Vielzahl neuer Instrumente, Strategien und die gesetzgeberischen Impulse geben Anlass zu Optimismus. Es bleibt viel zu tun, und man darf gespannt sein, welchen Schwerpunkt die 15. Jahreskonferenz des Frankfurt School Verlags setzen wird, wenn im Rahmen der Offenlegungs-Verordnung zusätzlich die Vorgaben aus der Taxonomie-Verordnung berücksichtigt werden müssen. Es steht zu hoffen, dass bis zur nächsten Konferenz mehr als die aktuell zwei Prozent der Wirtschaftsaktivitäten in der EU Taxonomie-konform sein werden. 

Photo: Mathias P. R. Reding/Unsplash

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