Written by 15:36 Finanzplatz, FinTech

Cloud-Initiative GAIA-X: Konzentrierte Datenmacht

Hessen arbeitet an einem großen Pool von Finanzinformationen. Unterstützt durch Künstliche Intelligenz könnte der zu einem wichtigen Instrument im Kampf gegen Geldwäsche, Steuerbetrug und Insidergeschäfte werden.

Für Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ist es nicht weniger als ein “Moonshot in der Digitaltechnik”. Mit der Cloud-Initiative Gaia-X will die Europäische Union Europas Abhängigkeit von Amazon, Microsoft und Google verringern. Und Hessen soll einen wesentlichen Beitrag zu dem kontinentalen Großprojekt leisten. Hier wird, angestoßen vom Wirtschaftsministerium in Wiesbaden, der Aufbau eines Finanzdatenclusters vorangetrieben. Durch die Bündelung vorhandener Daten, verbunden mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) könnten beispielsweise die Bekämpfung von Geldwäsche erleichtert oder Insidergeschäfte an der Börse schwerer gemacht werden. Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) erhofft sich “erhebliche Vorteile” sowohl für die Privatwirtschaft und die Forschung als auch für die Behörden, die mit der Finanzaufsicht betraut sind.

Erklärtes Ziel des von Altmaier mit der Landung auf dem Mond verglichenen Gaia-X-Programms ist ein Verbundsystem besehender Cloudanbieter. Unter dem Namen einer der ersten aus dem Chaos entstandenen griechischen Göttinnen soll nicht ein einziger großer Server aufgebaut, vielmehr sollen die Serverkapazitäten zahlreicher kleiner und großer Betreiber je nach Bedarf vernetzt werden. Derzeit haben viele europäische Unternehmen Sicherheitsbedenken, wenn sie amerikanische oder chinesische Server-Anbieter nutzten, aber wegen deren Marktmacht bleibt den Kunden oft keine andere Wahl.

Das soll sich mit Gaia-X ändern. Ob die Initiative die hochgesteckten Ziele erreichen kann und kein Gedankenspiel bleibt, muss sich aber erst noch zeigen. Noch geht es nicht zuletzt darum, möglichst schnell praktische Anwendungen für das geplante Angebot zu finden. Denn nur dann werden Unternehmen, die mangels Alternativen derzeit vor allem amerikanische Anbieter nutzen, in die europäische Cloud einsteigen. Durch die Erstellung einer bundesweiten Plattform für den Finanzsektor leistet Hessen daher eine wichtige Vorarbeit für das Prestigeprojekt der Europäischen Union. Mit Frankfurt und der Rhein-Main-Region als europäischem Finanzzentrum und Digitalknoten sei Hessen für eine zentrale Rolle beim Aufbau von Gaia-X geradezu prädestiniert, heißt es im Wirtschaftsministerium in Wiesbaden.

Das “Financial Big Data Cluster” soll die bisher nicht verknüpften Finanzdaten von Unternehmen, Behörden und der Wissenschaft in einem gemeinsamen Datenpool zusammenführen und für die Nutzung, zunächst durch öffentliche, später auch durch private Institutionen, standardisieren. Die Cloud soll zudem für Anwendungen Künstlicher Intelligenz optimiert werden.

Die Bundesförderung in Höhe von zehn Millionen Euro für die hessische Vorarbeit ist bereits bewilligt. Das 2016 in Frankfurt gegründete “Techquartier”, eine Anlauf- und Förderstelle für neue Unternehmen der Finanzwirtschaft, leitet das Förderprojekt. Zu den Konsortialpartnern gehören unter anderen Deloitte Consulting, die Deutsche Börse, die Frankfurt School of Finance and Management, das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, die Helaba Landesbank Hessen-Thüringen und die TU Darmstadt. Die Beteiligten investieren, zusätzlich zu den zehn Millionen Euro vom Bund, zusammen weitere sechs Millionen Euro.

Im hessischen Wirtschaftsministerium setzt man große Hoffnungen in das geplante Finanzdatencluster. Durch eine Bündelung vorhandener Daten, auf welche die Finanzaufsicht Zugriff hätte, könnten beispielsweise bei der Bekämpfung von Geldwäsche und Marktmissbrauch wesentliche Fortschritte erzielt werden.

Wenn die Datenpools von Europäischer Zentralbank, Bundesbank, Deutscher Börse und anderer vernetzt würden, wären bei Kontrollen, unterstützt durch Künstliche Intelligenz, deutlich höhere Trefferquoten als bisher zu erwarten; illegale Bestrebungen zur Steuervermeidung wären schneller erkennbar. Wissenschaftler und Experten wiederum könnten mit Hilfe zusätzlicher Informationen die komplexen Auswirkungen bestimmter Instrumente der Geldpolitik auf Wertpapiere und Unternehmen besser verstehen und prognostizieren.

Auch im Bereich Sustainable Finance, also bei Aktivitäten von Finanzdienstleistern, die sich auf die Verringerung von Umwelt- und Klimaschäden, die Förderung von sozialer Teilhabe und eine nachhaltige Unternehmensführung beziehen, sei ein einfacherer Zugriff auf Daten wünschenswert. Generell könne Betrieben auf diese Weise das Risikomanagement bei Investitionen erleichtert werden, heißt es im Wirtschaftsministerium. Nicht zuletzt beansprucht auch das Drucken von Produkten eine hohe Menge von Daten. Weil da schnell 100 bis 200 Quellen nötig sein können, wäre eine Bündelung von Informationen auch in dieser Hinsicht von Vorteil.

Sichergestellt sein muss in jedem Fall, dass bei der Zusammenführung von Finanzdaten im großen Stil keine Betriebsgeheimnisse und sensiblen Informationen öffentlich werden. Deshalb sind rechtlich abgesicherte und abgestufte Zugriffsmöglichkeiten für Finanzkontrollbehörden, wissenschaftliche und kommerzielle Nutzer unabdingbar. 2021 soll das entscheidende Jahr für die Entwicklung von Gaia-X werden. Unabhängig von Erfolg oder Misserfolg des europäischen Projekts ist indes davon auszugehen, dass die Bemühungen Hessens um einen gemeinsamen Datenpool des im Lande stark vertretenen Finanzsektors in jedem Fall weitergehen werden.

Quelle: F.A.S., 24. Januar 2021, Ralf Euler, © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Bild: Gerd Altmann/Pixabay

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