Written by 9:33 Frankfurt Life

Aus der Bronx zu einem globalen Phänomen

50 Jahre Hip-Hop feiert die Schirn in Frankfurt mit der interdisziplinären Ausstellung „THE CULTURE“. „Empowerment“ und „Entertainment“ beschreiben einerseits die Spannweite der Themen; bildende und darstellende Kunst, Mode, Musik, Technolgie andererseits die Vielfalt der Techniken. Frankfurt ist die einzige europäische Station einer lauten, bunten und ungewöhnlichen Ausstellung, die von Museen in Baltimore und Saint Louis entwickelt wurde.

Für den Direktor der Schirn Kunsthalle, Sebastian Baden, ist Hip-Hop eine revolutionäre Jugendkultur, die jung geblieben ist und nicht altert, für Kuratorin Andréa Purnell vom Saint Louis Art Museum noch ein Baby, das jedoch immer stärker die zeitgenössische Kultur des 21. Jahrhunderts durchdringt.

Hip-Hop entstand in den 1970er-Jahren im New Yorker Stadtteil The Bronx als Subkultur unter Schwarzen und lateinamerikanischen Jugendlichen. Zu seinen Ausdrucksformen gehörten MC- ing oder Rappen, DJ-ing, Graffiti-Writing und Breakdance. In den letzten fünfzig Jahren haben diese künstlerischen Praktiken sich als neue Ausdrucksformen etabliert, indem sie vorherrschende Strukturen kritisieren, feiern oder ablehnen.

Der Ausdruck „The Culture“ stammt aus der schwarzen Diaspora-Kultur, die sich weitgehend gegen die Dominanz der weißen Mehrheitsgesellschaft definiert hat. Hip-Hop hat „The Culture“ tief geprägt. In der europäisch oder westlichen geprägten Kultur und ihrem Verständnis von Ästhetik, Werten und Traditionen zeigt sich erst eine allmähliche Öffnung für die Programmatik des Hip-Hop.

Pose, Marke, Schmuck, Tribut, Aufstieg, Sprache

Anhand von sechs Themen versuchen die Werke in der Ausstellung die Punkte sichtbar zu machen, an dem Kultur und „The Culture“ aufeinandertreffen: Pose, Marke, Schmuck, Tribut, Aufstieg, Sprache. 

„Pose“ zelebriert, wie Hip-Hop sich durch den Körper und seine Bewegungen ausdrückt. „Marke“ beleuchtet die aus dem Hip-Hop hervorgegangenen Ikonen und die Verheißungen des Erfolgs. „Schmuck“ fordert weiße Vorstellungen von Geschmack heraus und stellt ihnen alternative Schönheitsbilder entgegen, während „Tribut“ auf den visuellen Kanon im Hip-Hop und seine Entwicklung hindeutet. „Aufstieg“ erforscht Sterblichkeit, Spiritualität und Transzendenz. „Sprache“, ob in Worten, Musik oder Graffiti, erforscht die subversiven Strategien des Hip-Hop. Die Werke machen deutlich, wie unendlich einfallsreich und vielschichtig Hip-Hop ist.

So hat Hank Willis Thomas die Zähne eines Rappers mit dem Schriftzug „Black Power“ zum politischen Statement werden lassen. Alvaro Barrington hat auf kräftig farbigem Sackleinen den Text „They got money for wars, but can’t feed the poor” aufgenäht und bezieht sich dabei auf einen Song von Tupac Shakura zum andauernden Kampf schwarzer Menschen gegen Rassismus, Sexismus und Marginalisierung. Michael Vasquez zeigt drei Männer vor einem Lattenzaun, wie sie Gang-Handzeichen machen und prahlerisch ihren Kettenschmuck zur Schau stellen. Roberto Lugo hat einen großen „Straßenschrein“ mit dem gemalten Bild von The Notoriuous B.I.G. aus glasierter Keramik geschaffen.

Jean-Michel Basquiat widmet ein großformatiges Gemälde dem berühmten Saxophonisten Lester Young und versucht so, die Erzählungen über die afroamerikanische Kultur neu zu gestalten und sich gleichzeitig als Mitwirkender an ihrem großen Erbe zu positionieren.

Im Stil eines Graffiti stellt Gajin Fujita einen japanischen Samurai auf seinem Pferd beim Ritt in eine Schlacht dar, umrahmt von einer Vielzahl von Graffiti-Tags. Den Helm schmückt ein goldenes Geweih mit dem Logo eines Baseball-Clubs. „Wolkenbruch“ nennt sich eine Arbeit von Devan Shimoyama, bei der Stiefel, Strasssteine und Seidenblumen an einer Kette von der Decke hängen.

Für Louis Vuitton hat Virgil Abloh – ebenso wie andere Künstler für andere Modemarken – eine Kollektion „Look 15“ entworfen. Abloh interpretiert den Trainingsanzug als luftige Seidenkonstruktion mit glitzerndem Schmuck und verdeutlicht so, wie wichtig dieses Kleidungsstück mit seinen endlosen Variationsmöglichkeiten für den Hip-Hop ist.

Die Haarstylistin Dionee Alexander hat einige bunte Perücken mit Logos von Luxusmarken (wieder-)geschaffen, die sie ursprünglich für die Rapperin Lil‘ Kim Anfang der 2000er Jahre hergestellt hatte. Das Plakatmotiv der Schau von Monica Igekwu zeigt eine junge schwarze Frau in einer roten Fliegerjacke auf rotem Grund in zwei selbstbewussten Posen – „open“ und „closed“, entstanden im Jahr 2021.

 

Frankfurt als Zentrum des Hip-Hop in Deutschland

Zahlreiche Werke sind erst während der Vorbereitungsphase der Ausstellung entstanden, die vom Baltimore Museum of Art und dem Saint Louis Art Museum in Zusammenarbeit mit einem Netzwerk aus Community, Kunst und Wissenschaft organisiert wurde.

Direktor Sebastian Baden betonte bei der Eröffnung, die Schirn sei für die Ausstellung prädestiniert, weil in Frankfurt der Ursprung für die Verbreitung von Hip-Hop in Deutschland liege. Kuratorin Andréa Purnell sieht in der Ausstellung eine Chance für das Publikum in Deutschland, ein Leben und eine Kultur kennenzulernen, die sie selbst in ihrem Alltag niemals erfahren werden.

Die Ausstellung „THE CULTURE. Hip-Hop und zeitgenössische Kunst im 21. Jahrhundert“ wird in Frankfurt durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain mit zusätzlicher Unterstützung durch die Deutsche Börse Group sowie Lufthansa Cargo als Logistikpartner gefördert. Nach Stationen in Baltimore und Saint Louis wird sie noch in Cincinnati und Toronto gezeigt.

Ein umfangreiches Rahmenprogramm

Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt, Römerberg, ist bis zum 26. Mai 2024, dienstags bis sonntags von 10 Uhr bis 19 Uhr (mittwochs, donnerstags bis 22 Uhr) einschließlich der Feiertage geöffnet. Die Ausstel­lung in der Schirn wird im Kunstverein Familie Montez mit der Video­in­stal­la­tion „ISDN“ von Stan Douglas fort­ge­setzt sowie erwei­tert durch eine Ausstel­lung rund um Miles­to­nes des Hip-Hop im MOMEM Museum of Modern Electronic Museum, mit einer Film­reihe zur 50-jähri­gen Geschichte des Hip-Hop im Deutschen Filmmuseum und einer Aktion des Diamant Offen­bach: Museum of Urban Culture. Mehr Informationen finden Sie hier.

Text und Fotos: Dr. Wolfgang Gerhardt

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