Zehn-Punkte-Plan: Zusammenarbeit ist der Schlüssel zum Erfolg

So kann Frankfurt seine Rolle als führender Finanzplatz der Europäischen Union ausbauen. Zehn Punkte von Gerhard Wiesheu, Präsident von Frankfurt Main Finance


Frankfurt ringt mit Luxemburg und Paris um die Rolle des führenden Finanzplatzes der Europäischen Union. Die Chancen der Stadt am Main stehen gut. Es geht um viel: Wohlstand, Arbeitsplätze und die gute Versorgung von Menschen und Wirtschaft mit Finanzdienstleistungen. Zugleich wandeln sich die Anforderungen rapide. Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind Megatrends, denen sich die Finanzindustrie nicht nur stellen, sondern an deren Spitze sie sich setzen muss, um die Transformation mitzugestalten.

Dies ist auch eine Chance, in der Finanzkrise verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen. Die COVID-19-Krise hat gezeigt, wie und dass es geht. Ohne den Finanzsektor als leistungsfähigem Transmissionsriemen wären in Deutschland die staatlichen Hilfen nicht so schnell dort, wo sie gebraucht wurden, angekommen. Das Zusammenspiel von KfW, Förder- und Geschäftsbanken gilt weltweit als vorbildlich.

Frankfurt Main Finance wurde 2008 als Stimme des Finanzplatzes gegründet – deutlich später als konkurrierende Interessenvertretungen. Noch heute kämpft der Verein mit einer deutlich geringeren Mittelausstattung. Die Bundesliga zeigt jedes Wochenende, dass Geld Tore schießt, das gilt – im übertragenen Sinne – auch für die Standortwerbung.

Dennoch hat Frankfurt Main Finance eine Menge erreicht. Frankfurt hat von der erfolgreichen Aufbauarbeit meines Vorgängers Lutz Raettig enorm profitiert. Allein im Zuge von Neuansiedlungen, die der Brexit mit sich brachte und bringt, wurden in Frankfurt über eine Milliarde Euro investiert. Die Unterstützung der Arbeit des Vereins war noch nie breiter. Nahtlos schließt sich jetzt die nächste Phase an – zehn zentrale Aufgabenfelder liegen vor uns:

  1. Vertrauen immer wieder neu gewinnen

„Banking is people“. Rationale Argumente für die Rolle der Banken für den Wohlstand genügen nicht mehr. Es reicht nicht, allein den Verstand anzusprechen. Noch nie hat eine junge Generation so viel an Transparenz und Rechenschaft gefordert. Das ist ihr Recht und es ist unsere Pflicht, uns zu erklären. Es gilt sich dem gesellschaftlichen Diskurs in der ganzen Breite zu stellen, um so finanzwirtschaftlichen Argumenten wieder mehr Gehör zu verschaffen.

  1. Die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft aktiv fördern

Ein umweltschonendes und soziales Wirtschaften bei guter Governance, kurz ESG, ist das große gesellschaftliche Ziel unserer Zeit. Es geht dabei schon lange nicht mehr um das „Ob“, sondern um das „Wie“. Mit dem Green and Sustainable Finance Cluster Germany an der Frankfurt School of Finance and Management hat Frankfurt ein wichtiges Kompetenzzentrum – ein guter Anfang. Doch haben unsere unmittelbaren Konkurrenten die Nase vorn. Die Situation ähnelt den Anfängen des Vereins. Es gilt mit bescheidenen Mitteln, aber viel Engagement und Kreativität, aufzuholen.

  1. Die Digitalisierung vorantreiben

Im Aufbau des digitalen Ökosystems hat Frankfurt viele richtige Schritte unternommen. So wurde Frankfurt, neben Berlin, ein Fördercluster für FinTech. Mit Acceleratoren und Inkubatoren, der SDG-Fintech-Initiative für Nachhaltigkeit, dem Techquartier und dem FinTech Germany Award sind Grundlagen gelegt. Es gilt, systematischer deutsche FinTechs beim Sprung in die Internationalität zu unterstützen und der logische Platz für Markteintritte internationaler FinTechs zu werden. Es wird darum gehen, „Smart Money“ von seriellen Gründern und Venture Firmen dauerhaft nach Frankfurt zu holen. Ebenso wie im Bereich Künstliche Intelligenz werden die Initiativen nur gemeinsam eine Chance haben, in der Praxis Relevanz zu erlangen.

  1. Die Führungsrolle Frankfurts innerhalb der EU behaupten

Der Marathonlauf des Finanzplatzes an die Spitze der EU wird auch nach dem endgültigen Brexit zum Jahreswechsel weitergehen. Noch immer sind viele Entscheidungen offen oder wurden vertagt. Zudem wird die EU die Banken- und Kapitalmarktunion vorantreiben. So werden sich innerhalb Europas einige wenige führende Finanzzentren herausbilden. Frankfurt hat die Chance, „der“ Finanzplatz der EU zu werden. Dazu müssen die engen Kontakte nach Nordamerika, Asien und anderen wirtschaftlich dynamischen Regionen der Welt gepflegt und den Instituten gezeigt werden, dass sie am Main ebenso erfolgreich sein können wie an der Themse oder der Seine.

  1. Den Aufsichts- und Währungsbehörden den Rücken stärken

EZB, SSM, EIOPA, Bundesbank und BaFin sind in Frankfurt beheimatet. Auch wenn in dieser Liste die „EBA“ fehlt, weil sich Paris durchsetzen konnte und mit ESMA und OECD als weiteren Pfunden wuchern kann, ist Frankfurt das unbestrittene Zentrum für Währung, Aufsicht und Regulierung in Europa.  Mit dem Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE (Sustainable Architecture for Finance in Europe) hat die Goethe-Universität in den letzten Jahren zudem einen Think Tank erster Güte für Regulierungsfragen aufgebaut.

  1. Den Pool an Talenten durch Bildung und Forschung sichern

Die Finanzindustrie bedarf zum Wachstum eines Pools an qualifiziertem Nachwuchs. Umso erfreulicher: in den letzten beiden Jahrzehnten ist rund um den Finanzplatz eine Wissensregion zu Finanzthemen entstanden. So ist SAFE eingebettet in die Goethe-Universität und das House of Finance. Dort finden sich auch zahlreiche weitere führende Institute, wie das ILF (Institut for Law and Finance). Den Brückenschlag zur Praxis stellen das CFS (Center for Financial Studies) sowie FIRM (Frankfurter Institut für Risikomanagement und Regulierung) erfolgreich her.

  1. Die Vernetzung mit allen Stakeholdern intensivieren

Persönlicher Kontakt öffnet die Tür zum Erfolg. Nicht bloß für das einzelne Finanzgeschäft, sondern für den Finanzplatz insgesamt. Finanzwelt, Politik, Medien und Öffentlichkeit bedürfen individueller Ansprache. Corona hat dabei ein Umdenken ausgelöst: digitale Formate sind in wenigen Wochen zum akzeptierten Standard geworden. Vernetzung ist multidirektional – mit der von Frankfurt Main Finance initiierten WAIFC (World Alliance of Financial Centers) wie mit den Finanzplätzen in Deutschland und der EU.

  1. Verlässlicher Partner für die Politik sein

Die Politik setzt die Rahmenbedingungen für den Finanzplatz. Deshalb gilt es, mit Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Know-how Partner zu sein, um so auch manche Zurückhaltung zu überwinden. Denn: mit dem Bekenntnis zu Banken kann ein Politiker gegenwärtig keine Wahlen gewinnen. Seit dem Brexit-Referendum hat der Finanzplatz durch Bundes- und Landesregierung viel Unterstützung erfahren – eine gute Basis für die kommenden Monate und Jahre.

  1. Die Lebensqualität am Finanzplatz fördern

„Soft factors“ sind mehr als ein i-Tüpfelchen im Standortwettbewerb. Lebensgefühl, Offenheit, Internationalität, Kultur, Natur, Infrastruktur, Gesundheit, Sicherheit und Wohnen entscheiden, ob die Mitarbeitenden und ihre Familien sich in Frankfurt wohl fühlen. So schätzen Bankmanager aus Asien wegen ihrer Kinder die im internationalen Vergleich gute Luft in Frankfurt und die Nähe zur Naherholung im Rheingau, Taunus oder Spessart. Auch hier ist der Gestaltungswille der Politik gefordert, damit Frankfurt weiterhin auf Platz 7 der lebenswertesten Städte der Welt rangiert.

  1. Ethik als Säule allen Handelns verankern

Vertrauen ist leicht verspielt und schwer gewonnen. Diese Erfahrung haben auch all jene in der Finanzindustrie machen müssen, die nach der Finanzkrise in Sippenhaft genommen wurden. Gegen mangelnde Integrität helfen auch ausgefeilte Regeln der Bankenaufsicht nur begrenzt. Der beste Schutz ist ein ethisches Gerüst und dessen laufende Reflektion. Der Ethikkodex der DVFA (Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management) wurde unter Mitarbeit von Frankfurt Main Finance erstellt und kann nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden.

Um all diese Ziele zu erreichen, bedarf es eines langen Atems und des Zusammenhalts vieler. Frankfurt wäre ohne seinen Finanzplatz nicht die Bürgerstadt geworden, die seit vielen Jahrhunderten immer wieder gezeigt hat, was in ihr steckt. Große Finanzdynastien haben von Frankfurt aus ebenso ihren Aufstieg begonnen, wie sich globale Finanzhäuser hier zuhause fühlen. Als kleinstes globales Finanzzentrum, mit einer starken Börse, über 70.000 Beschäftigten im Finanzbereich und über 200 Finanzinstituten wird Frankfurt auch weiterhin mit Agilität und Kreativität punkten.

 

Auch erschienen in der Börsen-Zeitung: Zusammenarbeit ist der Schlüssel zum Erfolg, 29. Oktober 2020