Die Digitalisierung, Distributed-Ledger-Technologie (DLT) und die Tokenisierung von Vermögenswerten definieren die globale Finanzlandschaft neu. Anwendungsfälle wie sofortige grenzüberschreitende Transaktionen, 24/7-Märkte und programmierbare Finanzinstrumente eröffnen eine historische Chance auf ein moderneres, effizienteres und integriertes Finanzsystem.
Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, ist für Europa ein strategischer Wandel unerlässlich: Nach der erfolgreichen Etablierung erster regulatorischer Rahmenbedingungen muss der Fokus nun auf eine zeitnahe, marktgeführte Implementierung gelegt werden. Ziel muss es sein, DLT-Anwendungen unter der etablierten Finanzmarktregulierung zu ermöglichen, anstatt sie auf nicht-skalierbare Pilotregime zu beschränken.
Die Akteure des Finanzplatz Frankfurt verfolgen daher zwei Ziele:
- Erstens aufzuzeigen, welchen konkreten Beitrag der Standort zur digitalen Finanzinfrastruktur Europas leisten kann und bereits heute leistet.
- Zweitens zu benennen, welche unterstützenden Rahmenbedingungen es von der Politik braucht, damit Frankfurt diese Rolle für Europa voll einnehmen kann.
1. Förderung des ganzheitlichen digitalen Ökosystems – aus Frankfurt für Europa
Um seine globale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, sollte Europa neben der Spar- und Investitionsunion (SIU) die Förderung eines ganzheitlichen, digitalen Ökosystems als strategisches Ziel verfolgen. Dabei muss die gesamte Wertschöpfungskette von der Grundlagenforschung bis zur Finanzierung marktreifer Anwendungen abgedeckt werden. Ein europäischer Erfolg kann nur durch die Bündelung von Kräften gelingen.
Als zentraler Finanzplatz im Herzen Europas bündelt Frankfurt in einzigartiger Weise kritische Marktinfrastruktur und ein dynamisches Ökosystem entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dazu zählen die Europäische Zentralbank, die Deutsche Bundesbank, führende Geschäfts- und Förderbanken, die Deutsche Börse Gruppe, große Vermögensverwalter und Asset Manager, ein wachsendes FinTech- und Start-up-Ökosystem, Universitäten (ins. Frankfurt School) sowie die unmittelbare Nähe zu nationaler und europäischer Finanzaufsicht.
Die enge Verzahnung von Finanzmarktexpertise, Technologie und Regulierung, ergänzt durch einen konstruktiven Dialog mit der Aufsicht, schafft die Voraussetzungen dafür, dass der Standort eine Vorreiterrolle einnehmen kann. In Frankfurt können technologisch fortschrittliche, souveräne und rechtskonforme digitale Lösungen entwickelt, erprobt und zur Marktreife geführt werden.
Damit Frankfurt diese Rolle für Europa voll einnehmen kann, braucht es jedoch gezielte unterstützende Rahmenbedingungen.
Wichtig ist hierbei eine enge Flankierung durch Politik und Aufsicht, um den Standort und die Ansiedlung von FinTechs – beispielsweise durch schlankere Prozesse und beschleunigte Verfahren – gezielt zu begünstigen. Ein agiler regulatorischer Rahmen stärkt die Attraktivität des Finanzplatzes nachhaltig und sichert Frankfurts Position im internationalen Wettbewerb.
2. Rahmenbedingungen für ein zukunftsfähiges digitales Finanzwesen
Ein funktionsfähiges, modernes und effizientes digitales Finanzökosystem basiert auf zwei Säulen, die parallel entwickelt werden müssen: den auf DLT-abgebildeten bzw. tokenisierten Vermögenswerten (z.B. Schuldtitel, Eigenkapitalinstrumente ) und dem ebenso DLT-basierten Zahlungsmitteln (wCBDC, Stablecoins oder tokenisierte Einlagen) für dessen Abwicklung. In beiden Feldern leistet Frankfurt bereits konkrete Beiträge – und in beiden braucht es gezielte Unterstützung durch Politik und Regulatorik.
2.1 Tokenisierung digitaler Assets
Beitrag aus Frankfurt.
Der Finanzplatz Frankfurt treibt die Entwicklung eines Ökosystems für tokenisierte Vermögenswerte bereits heute voran. Dies zeigt sich sowohl beim Aufbau zentraler Marktinfrastrukturen als auch bei der Schaffung offener, interoperabler Standards.
Die Deutsche Börse Gruppe bietet mit D7 eine CSDR-konforme Infrastruktur für die digitale Emission von Wertpapieren. Das über D7 abgewickelte Emissionsvolumen beläuft sich bereits auf mehr als 90 Milliarden Euro.
Parallel und ergänzend dazu entstehen am Finanzplatz Initiativen, die auf die für einen liquiden Markt notwendige Interoperabilität zielen. Ein zentrales Beispiel ist die von der DekaBank mitgegründete Plattform SWIAT und die zugehörige Regulated Layer One Basis DLT Infrastruktur und Governance, die branchenweite Standards für tokenisierte Kapitalmarkttransaktionen in Europa etablieren.
Erste regulierte Emissionen digitaler Wertpapiere auf Basis des eWpG, aktive Pilotprojekte und die Bereitstellung skalierbarer Marktinfrastruktur zeigen, dass am Standort Frankfurt tokenisierte Wertpapiere bereits heute praktisch umgesetzt werden. Zur Förderung der digitalen Transformation gehört auch die vereinfachte Umwandlung von verbrieften Wertpapieren in Kryptowerte (Verzicht auf die unbedingte Zustimmung des Inhabers/Berechtigten in § 6 Abs. 4 eWpG).
Notwendige Rahmenbedingungen.
Damit ein liquider digitaler Kapitalmarkt entsteht, braucht es die konsequente Anwendung des Prinzips der Technologieneutralität: Bestehende, bewährte Kapitalmarktgesetze wie CSDR, EMIR, SFD und MiFID II sollten so ausgelegt und gezielt angepasst werden, wie im MISP-Paket derzeit auf EU-Ebene diskutiert. Sie sollten DLT als neue, weitere technologische Form der Infrastruktur anerkennen und deren Integration in bestehende Prozesse und Strukturen ermöglichen.
Konkret muss die Definition eines Wertpapiers unter MiFID II / Wertpapierprospekt-verordnung / CSDR technologieneutral und europaweit einheitlich ausgelegt und nationales Zivilrecht entsprechend zugeschnitten werden, sodass die Eintragung in einem DLT-System der urkundlichen Verbriefung bzw. dem Eintrag in einem Zentralverwahrer-System (CSD) rechtlich gleichgestellt ist.
Ergänzend unterstützt der Finanzplatz Frankfurt den Vorschlag von Clearstream und Euroclear für ein 28. Regime für digitale Schuldverschreibungen: ein optionales EU-Emissionsregime, das grenzüberschreitende Emissionen rechtssicher macht, indem die Eintragung in einem Register eines regulierten Record Administrators EU-weit als verbindliche Emissionshandlung gilt – unabhängig vom Sitz von Emittent, Gläubigerrecht oder CSD.
Entscheidend für den Erfolg eines solchen digitalen Kapitalmarktes ist jedoch, dass jede Finanzmarktinfrastruktur auf offenen Standards und technologischer Interoperabilität basiert, um einen diskriminierungsfreien Zugang für alle lizenzierten Institute zu gewährleisten.
2.2 Digitale Zahlungsmittel
Beitrag aus Frankfurt.
Die Akteure des Finanzplatzes Frankfurt treiben bereits heute die Entwicklung sicherer und effizienter On-Chain-Geldformen maßgeblich voran.
So emittiert das DWS-Joint-Venture Allunity Euro-Stablecoins unter BaFin-Lizenz. Im europäischen Bankenkonsortium Qivalis engagieren sich mit der DekaBank, Helaba und DZ BANK zentrale Frankfurter Institute für einen weiteren MiCAR-konformen Euro-Stablecoin. Mit der Commercial Bank Money Token (CBMT)-Initiative von DZ BANK und Commerzbank wurde zudem ein programmierbares Geschäftsbankengeld erfolgreich pilotiert.
Diese privatwirtschaftlichen Innovationen werden konstruktiv durch die Begleitung der Wholesale-CBDC-Experimente (Appia und Pontes) des Eurosystems ergänzt.
Das TechQuartier Frankfurt rundet dieses Ökosystem mit seinem Tech & Data Lab als Real-labor für die Erprobung weiterer DLT-Anwendungsfälle ab.
Notwendige Rahmenbedingungen.
Die durch MiCAR geschaffene Klarheit für Stablecoins bildet eine wichtige Grundlage für neue digitale Instrumente. Als folgerichtiger und ergänzender Schritt sollte nun auch die digitale Repräsentation des bewährten Geschäftsbankengeldes rechtssicher gestaltet werden, um die Stabilität und Innovationskraft des europäischen Finanzsystems ganzheitlich zu stärken.
Die hierzu von der Finanzindustrie erarbeiteten Vorschläge, wie das „Working Paper on Commercial Bank Money Token” der Deutschen Kreditwirtschaft, sollten in diesem Prozess berücksichtigt und mit internationalen Initiativen zu tokenisierten Einlagen und wCBDC (z.B. der Swift-Ledger-Initiative oder dem BIS/IIF-Projekt Agorá) verknüpft werden.
Ergänzend ist die zügige Verfügbarkeit einer Wholesale-Settlement-Lösung in Zentralbankgeld (wCBDC bzw. geeignete Alternativen) entscheidend, um die Abwicklung tokenisierter Wertpapiere vollständig „on chain“ zu ermöglichen.
3. Unser gemeinsamer Appell: das politische Zeitfenster nutzen
Die Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Finanzsektors erfordert ein Umfeld, das digitale Finanzinnovationen und Tokenisierung gezielt fördert. Um innovativen Unternehmen die nötige Sicherheit zu geben und das Vertrauen von Anlegern und Marktteilnehmern zu gewinnen, müssen die bewährten europäischen Regelwerke nun konsequent für DLT-Anwendungen geöffnet werden. Die anstehenden regulatorischen Initiativen auf EU-Ebene – von der Evaluation der MiCAR über das Market Integration and Supervision Package (MISP) bis hin zur Weiterentwicklung des aufsichtsrechtlichen Rahmens für den Zahlungsverkehr – bieten hierfür ein entscheidendes politisches Zeitfenster.
Dieses gilt es jetzt entschlossen zu nutzen. Die Akteure des Finanzplatz Frankfurt setzen sich daher für folgende zentrale Rahmenbedingungen ein:
- Rechtssicherheit für tokenisierte Einlagen: Die Schaffung eines verlässlichen europäischen Rechtsrahmens für tokenisierte Einlagen, der diese als Äquivalent zu traditionellem Buchgeld im Bankenrecht verankert und damit eine klare Abgrenzung zu den Regelungen der MiCAR sicherstellt.
- Offene und einheitliche technologische Standards/Interoperabilität: Die Verankerung von Interoperabilität und offenen Schnittstellen als Leitprinzip für alle digitalen Finanzmarktinfrastrukturen, um einen diskriminierungsfreien Zugang, fairen Wettbewerb und ein Höchstmaß an Innovation zu gewährleisten.
- DLT-Abwicklung über Zahlungssysteme der Zentralbanken: Die aufsichtsrechtliche Anerkennung und administrative Unterstützung praxiserprobter Brückentechnologien wie Trigger-Lösungen durch die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, um die rechtssichere Anbindung von DLT-Plattformen an etablierte Zahlungssysteme (wie TARGET2) zu ermöglichen und erfolgreiche Pilotprojekte zeitnah in den regulären Marktbetrieb zu überführen.
Der Finanzplatz Frankfurt steht bereit, die konkrete Ausgestaltung der Rahmenbedingungen mit seiner Expertise, seiner Marktinfrastruktur und im konstruktiven Dialog mit Politik und Aufsicht sowie den anderen europäischen Finanzmetropolen aktiv mitzugestalten – als Motor für ein wettbewerbsfähiges und souveränes digitales Finanzsystem in Europa.