Gewinnt Frankfurt internationales Top Talent im Finanzsektor?
Ja – und zwar deutlich stärker als noch vor zehn Jahren. Frankfurt hat sich von einem überwiegend national geprägten Bankenstandort zu einem der wichtigsten europäischen Zentren für internationales Finance-Talent entwickelt.
Die Gründe liegen vor allem in seiner institutionellen Stärke. Keine andere Stadt auf dem europäischen Festland vereint eine vergleichbare Dichte an Finanzinstitutionen: die Europäische Zentralbank, die Deutsche Bundesbank, EIOPA, die neue Anti-Geldwäschebehörde AMLA sowie den Europäischen Ausschuss für Systemrisiken (ESRB). Hinzu kommen die Deutsche Börse mit Eurex und Clearstream, über 150 Auslandsbanken aus rund 50 Ländern, führende Asset Manager, Versicherungen, Kanzleien und Beratungsunternehmen.
Diese Konzentration schafft einen außergewöhnlich tiefen Arbeitsmarkt für Spezialisten in den Bereichen Bankenaufsicht, Risikomanagement, Kapitalmärkte, Zahlungsverkehr, Sustainable Finance und Asset Management.
Auch internationale Rankings bestätigen diese Entwicklung. Im Global Financial Centres Index (GFCI 39) belegt Frankfurt Platz 15 weltweit und ist damit erneut der höchstplatzierte Finanzplatz innerhalb der Europäischen Union. Luxemburg folgt auf Platz 16, Paris auf Platz 19 und Amsterdam auf Platz 20.
Ebenso bemerkenswert ist die Lebensqualität. Im Mercer Quality of Living Ranking gehört Frankfurt seit Jahren zu den weltweit attraktivsten Städten für internationale Fachkräfte und ihre Familien und liegt deutlich vor Paris, Mailand und London.
Frankfurt gewinnt internationales Top Talent also vor allem aufgrund seiner fachlichen Qualität, seiner europäischen Institutionen, seiner internationalen Konnektivität und seiner hohen Lebensqualität.
Ist Frankfurt attraktiv genug, um dauerhaft im Wettbewerb mit Paris, Luxemburg, Mailand und Amsterdam zu bestehen?
Als Stadt eindeutig ja. Als Standort Deutschland nur eingeschränkt.
Die eigentliche Konkurrenz Frankfurts sind heute nicht mehr nationale Standorte, sondern europäische Finanzzentren, die den Wettbewerb um internationale Talente aktiv gestalten.
Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten steuerlichen Belastung qualifizierter Arbeitnehmer. Gleichzeitig existiert kein spezielles steuerliches Zuzugsmodell für internationale Fach- und Führungskräfte.
Die wichtigsten Wettbewerber verfolgen dagegen gezielt eine Talentstrategie.
Paris
Frankreich bietet mit dem Régime des Impatriés eines der attraktivsten europäischen Zuzugsmodelle. Unter bestimmten Voraussetzungen bleiben 30 Prozent der Vergütung einkommensteuerfrei. Zusätzlich bestehen steuerliche Vergünstigungen für bestimmte ausländische Kapitalerträge. Die Regelung gilt bis zu acht Jahre.
Mailand
Italien hat sein Impatriate-Regime reformiert, bietet aber weiterhin erhebliche Vorteile. Für qualifizierte Zuzügler sind grundsätzlich 50 Prozent des Arbeitseinkommens steuerfrei, bei Familien in bestimmten Konstellationen sogar mehr. Die Förderung gilt in der Regel fünf Jahre.
Amsterdam
Die Niederlande verfügen mit der bekannten 30%-Regelung seit vielen Jahren über eines der erfolgreichsten Instrumente Europas zur Gewinnung internationaler Fachkräfte. Zwar wurde die Regelung zuletzt begrenzt, sie bleibt aber ein wichtiges Argument bei internationalen Rekrutierungen.
Luxemburg
Luxemburg verfolgt einen besonders konsequenten Ansatz. Das seit 2025 geltende Impatriate-Regime sieht vor, dass 50 Prozent der Bruttovergütung von der Einkommensteuer befreit werden können. Zusätzlich können unter bestimmten Voraussetzungen Umzugskosten, Wohnkosten sowie Kosten internationaler Schulen steuerlich begünstigt werden.
Während diese Finanzplätze internationale Mobilität ausdrücklich fördern, behandelt Deutschland einen neu aus New York, Singapur oder London angeworbenen Spezialisten steuerlich weitgehend genauso wie einen bereits seit Jahrzehnten hier lebenden Arbeitnehmer.
Der Unterschied lässt sich anhand einer Modellrechnung verdeutlichen.
Illustrative Modellrechnung (2026)
Annahmen
- Bruttojahresgehalt: 250.000 €
- alleinstehend
- keine Kirchensteuer
- regulärer Arbeitnehmer
- vollständige Qualifikation für das jeweilige Impatriate-Regime
Standort | Geschätztes Netto p.a. | Vorteil gegenüber Frankfurt |
Frankfurt (reguläre Besteuerung) | ca. 142.000 € | – |
Paris (Impatriate-Regime) | ca. 158.000 € | +16.000 € |
Amsterdam (30%-Regelung) | ca. 171.000 € | +29.000 € |
Mailand (Impatriate-Regime) | ca. 186.000 € | +44.000 € |
Luxemburg (Impatriate-Regime) | ca. 194.000 € | +52.000 € |
Die Unterschiede sind erheblich.
Hinzu kommen weitere Faktoren. Deutschland berücksichtigt die tatsächlichen Kosten einer internationalen Übersiedlung nur eingeschränkt. Internationale Schulgebühren können steuerlich nur sehr begrenzt geltend gemacht werden. Andere Finanzplätze beziehen solche Kosten ausdrücklich in ihre Talentprogramme ein.
Was müsste geschehen, damit Frankfurt noch erfolgreicher internationales Top Talent gewinnt?
Frankfurt hat, sieht man vom Bahnhofsviertel ab, seine Hausaufgaben weitgehend gemacht. Jetzt sind vor allem Bund und Land gefragt.
Die Stadt verfügt bereits über nahezu alle Faktoren, die internationale Spitzenkräfte erwarten:
- einen weltweit anerkannten Finanzplatz,
- europäische Aufsichtsinstitutionen,
- exzellente Hochschulen mit der Goethe-Universität und der Frankfurt School of Finance & Management,
- internationale Schulen,
- einen der größten Luftverkehrsknoten Europas,
- hohe Sicherheit,
- kurze Wege und hohe Lebensqualität.
Der Engpass liegt heute nicht mehr auf kommunaler Ebene, sondern in den nationalen Rahmenbedingungen.
Deutschland sollte deshalb drei Themen in den Mittelpunkt stellen.
Erstens: Einführung eines international wettbewerbsfähigen Impatriate-Regimes nach dem Vorbild Frankreichs, Italiens, Luxemburgs oder der Niederlande. Es muss keine vollständige Steuerbefreiung sein. Bereits eine zeitlich befristete Begünstigung für tatsächlich mobile internationale Spezialisten würde die Wettbewerbsfähigkeit deutlich verbessern.
Zweitens: bessere steuerliche Berücksichtigung internationaler Familien. Internationale Schulgebühren, Kinderbetreuung oder andere unmittelbar durch den beruflich bedingten Umzug entstehende Mehrkosten sollten – innerhalb klar definierter Grenzen – steuerlich berücksichtigt oder vom Arbeitgeber steuerbegünstigt übernommen werden können.
Drittens: ein vollständig international ausgerichteter Verwaltungsprozess. Digitale Visa- und Aufenthaltsverfahren, englischsprachige Behörden, zentrale Ansprechpartner sowie schnelle Anerkennungsverfahren würden die Attraktivität des Standorts unmittelbar erhöhen.
Der Wettbewerb der Finanzplätze hat sich verändert.
Früher konkurrierten Städte über Börsen, Banken und Bürogebäude.
Heute konkurrieren sie über Talente.
Und Talente vergleichen nicht nur Gehälter. Sie vergleichen das verfügbare Nettoeinkommen, die Attraktivität für ihre Familien, die Qualität der Schulen, die Geschwindigkeit der Verwaltung und die Karriereperspektiven.