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1848: Aufbruch in die Moderne – auch der Banken

FMF-Geschäftsführer Hubertus Väth thematisiert im aktuellen Kommentar in der Rubrik “Ansichtssache” der Börsen-Zeitung das 175-jährige Jubiläum der Nationalversamlung in der Paulskirche – und in diesem Kontext auch den Aufbruch der Frankfurter Banken in die Moderne.

Vor 175 Jahren spielten in der deutschen Nationalversammlung Wirtschaft und Finanzen nur eine Nebenrolle. Die Abgeordneten debattierten über den Katalog der Grundrechte und künftige politische Strukturen. Bankiers waren in der Paulskirche kaum präsent. Sie mussten zu dieser Zeit um den Fortbestand ihrer Institute kämpfen. Der Finanzplatz Frankfurt konzentrierte sich damals auf das bestehende Geschäft. Die Moderne hielt dennoch auch in der Finanzbranche Einzug. Sie nahm den Umweg über Darmstadt.

Die Agrarkrise und die sich anschließende erste frühindustrielle Rezession führten zu hohen Ausfällen in der Bahn- und Industrie- sowie Immobilienfinanzierung. All das ergab eine explosive Mischung, die Staatshilfen erforderte und trotzdem im Kollaps mehrerer Banken mündete.

Nicht nur in der Politik ging es 1848/1849 turbulent zu, wie der Blick auf die Kursbewegungen an der Frankfurter Wertpapierbörse zeigt. So verlor beispielsweise eine 4,5%-Obligation der Bethmann-Bank in den ersten sechs Monaten des Jahres 1848 rund die Hälfte ihres Wertes und erholte sich bis zum Jahresende kaum. Staatsschuldscheine, etwa eine Emission Preußens mit einem Minus von 13% auf Jahressicht, hielten sich nur etwas besser.

Krise untergräbt Vertrauen

Nach Meinung der Historikerin Alexandra Bleyer sollten die Agrar- und die Gewerbekrise als Ursache der politischen Revolution von 1848 weder über- noch unterschätzt werden. Die Krise habe aber das Vertrauen in die Regierungen untergraben. Die obrigkeitsstaatlichen Konzepte aus der Zeit des Wiener Kongresses waren fragwürdig geworden und wurden vielfach nur mit Gewalt aufrechterhalten. Neue politische Akteure drängten auf politischen und gesellschaftlichen Wandel.

Frankfurt blieb „vormodern“

In der Zeit nach den Napoleonischen Kriegen hatte sich Frankfurt zu einer der reichsten Städte Deutschlands entwickelt. Die Jahrzehnte bis zur Revolution von 1848 waren europaweit die Blütezeit der Privatbankhäuser. Allein in Frankfurt gab es fast 120 Banken. Die Frankfurter Häuser hatten sich seit Ende des 18. Jahrhunderts erfolgreich auf das Geschäft mit Staatsanleihen konzentriert. Für den Historiker Otto Wormser war Frankfurt eine der „vier Weltbörsen dieser Jahrzehnte“, neben London, Paris und Wien.

Gleichwohl erlebte in den Jahren seit 1815 das Rheinland den stärksten Aufschwung in Deutschland, vor allem weil sich der Bankplatz Köln auf die Finanzierung von Industrie, Eisenbahn, Bergbau und Versicherern spezialisiert hatte.

Im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands war Frankfurt in den Worten des Wirtschaftshistorikers Carl-Ludwig Holtfrerich „vormodern“ geblieben. Die Mehrheit wollte „offenbar das in Deutschland damals einzigartige große Erbe des Finanzplatzes Frankfurt nur bewahren und nicht den Risiken aussetzen, die Pionierunternehmer mit Innovationen zwangsläufig eingehen müssen“.

Insbesondere die Zünfte konnten in Frankfurt jahrzehntelang eine innovationsfeindliche Haltung durchsetzen. Die Gewerbefreiheit wurde erst 1864 eingeführt. Offenbach, Höchst und Hanau entwickelten sich außerhalb der Stadtgrenzen zu aufstrebenden Industriestädten. Damit fehlte es den Bankhäusern innerhalb Frankfurts an Impulsen für eine verstärkte, lokale Industriefinanzierung. Nur vereinzelt investierten Frankfurter Bankiers in neue Technologien, etwa das Bankhaus Metzler in neue Eisenbahngesellschaften und das Bankhaus Gebrüder Bethmann im Industriegeschäft Württembergs, Badens und Preußens.

Zahlreiche Privatbanken zogen den Schluss, dass der Übergang von der Manufakturproduktion zur Großindustrie eine neue finanzielle Basis erfordere, die ihre eigenen Möglichkeiten überstieg. Für den Zugang zu einem größeren Kreis von Geldgebern und die bessere Allokation der Risiken bot sich die Gründung von Aktiengesellschaften an.

Nach der Gründung der „Société Générale du Crédit Mobilier“ im November 1852 in Paris, die als Vorläufer moderner Aktienbanken gelten kann, übernahmen Kölner Bankiers das Konzept auch in Deutschland. Die preußische Regierung und der Senat der Stadt Frankfurt verweigerten ihnen allerdings Konzessionen, so dass sie in das nahegelegene Darmstadt auswichen und 1853 mit Genehmigung der Großherzoglich Hessischen Regierung die „Bank für Handel und Industrie“ zur Annahme von Einlagen, Emission von Staatsanleihen und Förderung der Kreditvergabe an die Industrie gründeten.

Der Finanzplatz Frankfurt verlor in der Folge den Anschluss. So konnte Berlin zum führenden Finanzzentrum Deutschlands aufsteigen. 1870 wurde in Berlin die Deutsche Bank durch königlichen Erlass als Aktiengesellschaft zugelassen.

„Es dauerte viele Jahre, bis Frankfurt wieder an die Erfolge der Vorrevolution anknüpfen konnte.“

Quelle: Börsen-Zeitung vom 7. Juni 2023

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