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Ökonomische Bildung: Muss Deutschland nachsitzen?

Selten war ein grundlegendes Verständnis ökonomischer Zusammenhänge so wichtig wie heute. Wirtschaftliche Kompetenzen bilden die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben in einer zunehmend komplexen Gesellschaft. Doch wo lernt man Wirtschaft? Und sollte die ökonomische Bildung bereits in der Schule ansetzen?

Steigende Inflation, volatile Aktienmärkte und eine negative Zinsentwicklung sind nur ein paar Aspekte, die die Wirtschaftsberichterstattung derzeit prägen. „Im aktuellen inflationären Umfeld ist es wichtiger als in den vergangenen Jahrzehnten ein grundlegendes Verständnis von Zinsen, Inflation aber auch Risiko zu haben“, sagt Burkhard Balz, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, auf der Mitgliederversammlung des Frankfurt Main Finance e.V.. Ökonomische Kompetenzen bilden die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben in einer zunehmend komplexen Gesellschaft und führen dazu, Entscheidungs-, Urteils- und Handlungskompetenzen aufzubauen.
Doch dieses Verständnis ist nicht selbstverständlich. Deutschland hat dringenden Bedarf an einer Stärkung der ökonomischen Bildung.

Burkhard Balz, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, bei der Frankfurt Main Finance Mitgliederversammlung

Wirtschaftsunterricht in der Schule

Bereits vor 20 Jahren erkannten die OECD-Staaten offiziell die Relevanz einer finanziellen Allgemeinbildung an. 2008 wurde dann das Netzwerk OECD/INFE (International Network on Financial Education) gegründet und die offizielle Empfehlung ausgesprochen, dass die Länder eine nationale Strategie für die wirtschaftliche Bildung verabschieden. Viele Länder haben das umgesetzt. Deutschland gehört nicht dazu.

Zwar ist Wirtschaft auf den Lehrplänen deutscher Schulen vertreten, allerdings nicht in hinreichendem Umfang. Die OeBiX-Studie des Instituts für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg zeigt, dass kein Bundesland das Ziel erreicht, Ökonomische Bildung als Nebenfach schulformübergreifend zu etablieren. Die Studie wurde im Auftrag der Flossbach von Storch Stiftung durchgeführt.

Seit fast zwei Jahrzehnten gelingt es Deutschland nicht, den schon 2003 geforderten Mindeststandard aus „Empfehlungen für ein Kerncurriculum Wirtschaft“ zu erfüllen. Dieser wurde durch die „Gemeinsame Arbeitsgruppe“ der WMK, KMK, der BDA, des BDI, DIHK, ZDH und DGB definiert. Erschwerend hinzu kommt, dass die einzelnen Bundesländer Wirtschaft nach eigenem Ermessen in die Lehrpläne integrieren können. Aus Daten der OeBiX-Studie geht hervor, dass Niedersachsen mit 73,91 % am nächsten vor der Etablierung eines vollwertigen Nebenfachs Wirtschaft steht. Am weitesten entfernt ist Rheinland-Pfalz mit 23,15 %. Ein weiteres Problem sind die Defizite in der Lehrkräfteausbildung, denn in den Schulen kann schließlich nur vermittelt werden, was im Studium erarbeitet wurde. Der wirtschaftliche Anteil ist hier nicht ausreichend.

Gesellschaftliche Auswirkungen

„Es besteht dringender Handlungsbedarf“, befindet auch das Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland, das mehr als 100 Mitglieder, meist Institutionen, hat. „Fehlende ökonomische Kenntnisse erschweren den Start in ein selbstbestimmtes Leben und jede eigene wirtschaftliche Entscheidung. In ihrer Gesamtheit werden sie zum Problem für unsere Demokratie und Gesellschaft und für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit Deutschlands.“

Ökonomische Kompetenzen beziehen sich zwar auch auf den privaten Bereich, wie etwa in Hinblick auf die Altersvorsorge oder Anlageentscheidungen, aber nicht ausschließlich. Politische und gesellschaftliche Auswirkungen kann mangelnde Finanzbildung haben, wenn etwa wirtschaftliche Entscheidungen des Landes oder der Zentralbanken nicht mehr nachvollzogen werden können.

„Kurz zusammengefasst: Unsere Arbeit braucht Vertrauen. Dieses Vertrauen wächst, wenn die Menschen unsere Geldpolitik verstehen und wissen, welche Verantwortung wir als Zentralbanken haben, wo aber auch die Grenzen unseres Mandats liegen“, so Burkhard Balz. „Zentralbankwissen zu vermitteln, leitet sich aus unserem Mandat für Preisstabilität ab. Denn um Preisstabilität zu gewährleisten, kommt es auch darauf an, dass die Bevölkerung die Stabilitätspolitik des Eurosystems unterstützt.“

Wie kann es weitergehen?

Dass die Unterschiede in den Lehrplänen zwischen den Bundesländern wie etwa Niedersachsen und Rheinland-Pfalz so groß sind, bietet auch Raum für Optimismus. Sie zeigen, dass es keinen vorgefertigten „richtigen“ Weg gibt, aber ebenfalls, dass Verbesserungen möglich sind. Das Bündnis ökonomische Bildung stellte am 29.11.2019 erstmalig vier Eckpunkte zur Stärkung der ökonomischen Bildung in Deutschland vor:

  1. Ökonomische Bildung muss für alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland in hinreichendem Umfang und verpflichtend im Schulunterricht verankert werden.
  2. Wirtschaftslehrkräfte müssen fachwissenschaftlich und wirtschaftsdidaktisch qualifiziert sein.
  3. Schülerinnen und Schüler sollen Bezüge zur Arbeitswelt erleben können.
  4. Deutschland braucht eine nationale Strategie für ökonomische Bildung.

Bund und Länder sowie alle Akteure der Bildungspolitik in Deutschland sind dazu aufgerufen, „einen gesicherten Zugang zu einem sach- und fachgerechten schulischen Unterrichtsangebot und entsprechender Weiterbildung über das gesamte Leben für alle sicherzustellen.“

Denn von der wirtschaftlichen Selbstbestimmtheit der Bürgerinnen und Bürger sind nicht nur private Finanzentscheidungen abhängig. Es geht auch um gesellschaftliche Teilhabe, größere Chancengerechtigkeit, Entrepreneur-Denken und nicht zuletzt um die „Sicherung von Deutschlands Zukunft als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort.“


 Quellen (aufgerufen am 11.11.2022)






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