Herr Lauterbach, Sie sind nun fast ein Jahr CEO und Vorsitzender der Geschäftsführung der WM Gruppe. Ein Zeichen, das die Gesellschafter mit Ihrer Bestellung setzen wollten, war ein Zeichen für den Aufbruch. Was ist in dieser Hinsicht bislang geschehen? Wohin sind Sie mit der WM Gruppe aufgebrochen? Und wohin wollen Sie sie auf Sicht von fünf Jahren führen?
Als ich zur WM gekommen bin, war mir schnell klar, dass wir eine außergewöhnlich starke Marktposition und super kompetente Menschen haben, die den Markt seit Jahrzehnten zuverlässig mit einem Ordnungssystem rund um Wertpapiere bedienen. Gleichzeitig habe ich ein Marktumfeld gesehen, dass sich durch Digitalisierung, Technologisierung und Regulierung so stark verändert, dass es einer großen Innovationskraft und Wendigkeit bedarf, um darin zu bestehen. Einige unserer Prozesse und Strukturen waren noch nicht optimal auf diese veränderte Welt ausgerichtet.
Unser Aufbruch besteht deshalb nicht darin, uns neu zu erfinden, sondern darin, wieder konsequent das zu tun, was uns groß gemacht hat – nur moderner, schneller und mit mehr Fokus.
Die WM hat seit 1947 eine zentrale Rolle im Kapitalmarkt: Wir machen Finanzinstrumente marktfähig, in dem wir einen Ordnungsrahmen bereitstellen. Wir sind als National Numbering Agency, als nationale Vergabestelle für ISINs und WKNs, die Golden Source für Referenzdaten. 2025 haben wir in der Summe erstmals über 11 Millionen Identifikatoren vergeben. Das tun wir übrigens auch für rund 80 andere Länder, die keine eigene Vergabestelle haben, von Island über Ruanda bis Neuseeland. Mit 6 von 10 weltweit neu vergebenen ISINs sind wir die weltweit größte ISIN-Vergabestelle.
Ein Finanzinstrument funktioniert nämlich nicht automatisch im Markt, nur weil es emittiert wird. Es muss eindeutig identifizierbar sein, standardisiert strukturiert und in Systemen verarbeitbar sein. Erst dann kann es gehandelt, reguliert, verbucht und versteuert werden. Genau das ermöglichen wir.
Diese Rolle wollen wir in den nächsten Jahren gezielt ausbauen – technologisch, in unseren Produkten und auch kulturell. Konkret heißt das: Wir modernisieren unsere Plattform konsequent in Richtung Cloud und KI für mehr Flexibilität, Automatisierung und neue Services. Wir bauen neue Services wie den Data Reporting Service auf und wir übertragen unsere Rolle in neue Felder, insbesondere digitale Assets, Tokenisierung und weitere Middle- und Backoffice-Services.
Unser Ziel in fünf Jahren ist klar: WM soll nicht nur das Rückgrat einer Ordnung des Kapitalmarktes sein – sondern wieder eine treibende Kraft seiner Weiterentwicklung. Technologisch führend, hoch automatisiert, schnell, kundennah und sympathisch.
Schon bevor Sie zur WM Gruppe gekommen sind, hatten Sie auf Ihren vorangegangenen beruflichen Stationen mit Marktdaten zu tun und kennen das technische Umfeld. Daher die Frage, welche Rolle kann die WM Gruppe in Sachen Marktdaten in einer Welt der Bloomberg- und Reuters-Terminals spielen? Was kann die WM Gruppe besser als die Konkurrenten?
Der Vergleich mit Bloomberg oder Reuters greift zu kurz, weil wir etwas völlig anderes tun. Diese Anbieter helfen dabei, Märkte und Instrumente zu beobachten und Entscheidungen auf Basis eines breiten Datenangebots treffen zu können. Wir wiederum sorgen dafür, dass Transaktionen überhaupt ausgeführt werden können, indem wir Finanzinstrumente marktfähig machen. Das ist also eine ganz andere Wertschöpfung im Wertpapierprozess.
Wir setzen zudem gemeinsam mit der Branche zentrale Standards, gerade bei regulatorisch relevanten Referenzdaten. Ein aktuelles Beispiel ist die Umsetzung des neuen Altersvorsorgedepots der Bundesregierung, wo wir gemeinsam mit unseren Kunden die beste Lösung für die Bereitstellung der dafür erforderlichen Daten erarbeiten. Gerade in einer Zeit, in der Märkte komplexer und stärker reguliert werden, gewinnt die Rolle als Navigationshilfe und Verkehrsleitsystem an Bedeutung. Und ich denke, ich kann bei aller Bescheidenheit sagen: Das macht bei vielen Millionen aktiven WKNs in Deutschland – aka Verkehrsteilnehmern – keiner so gut wie wir. Das ist ein Privileg, aber viel mehr noch eine Verantwortung. Und der wollen wir auch in Zukunft weiter gerecht werden.
Vor wenigen Wochen hat der WM Datenservice erstmals eine ISIN als regulatorisch erforderlichen Identifikator auf die Blockchain gebracht. Was bedeutet das grundsätzlich und was bedeutet es für die WM Gruppe?
Die weltweit erste Vergabe einer ISIN für einen Smart Contract auf der Blockchain für eine von der DZ Bank emittierte Krypto-Wertpapieranleihe war ein wichtiger Meilenstein für den WM Datenservice. Sie zeigt, dass wir unsere Rolle als Standardsetzer aktiv in neue technologische Umfelder übertragen können. Wir verbinden damit die etablierte, regulierte Finanzmarktinfrastruktur mit neuen digitalen Emissions- und Abwicklungsformen. Auch in der Welt der tokenisierten Instrumente braucht es nicht nur Identifikatoren, sondern auch begleitende Referenzdaten, damit alle Marktteilnehmenden die gleiche Sprache sprechen.
Die Vergabe einer ISIN für einen Smart Contract auf der Blockchain ist jedoch mehr als ein technischer Meilenstein. Sie zeigt etwas Grundsätzliches: Die Form von Finanzinstrumenten verändert sich – die Anforderungen an sie bleiben jedoch gleich. Auch ein tokenisiertes Wertpapier muss eindeutig identifizierbar sein, verstanden werden können und in bestehende Prozesse integrierbar sein. Ohne das bleibt es ein isoliertes technisches Objekt.
Mit der ISIN „on chain“ bringen wir genau diese Anschlussfähigkeit in die Welt der digitalen Assets. Wir übertragen damit unsere Rolle in ein neues Umfeld. Und das ist entscheidend, denn auch für digitale Wertpapiere gilt: Die Herausforderung der Zukunft ist nicht allein die Emission von Instrumenten – sondern auch ihre Marktfähigkeit. Und genau dafür stehen wir – als Brücke zwischen TradFi und DeFi.
Da Sie nicht nur Geschäftsführer des Datenservice, sondern darüber hinaus auch der Börsen-Zeitung sind, erlauben Sie eine vierte, unser Format „3 Fragen an…“ sprengende, weitere Frage.
Die Börsen-Zeitung hat sich am Frankfurter Finanzplatz einen guten Ruf aufgrund ihrer unaufgeregten, sachlichen und tiefgründigen Berichterstattung erarbeitet. Was planen Sie mit der Zeitung? Und wie kann es gelingen, dass die Börsen-Zeitung verstärkt Leserschaft auch über Frankfurt hinaus, beispielsweise im politischen Berlin, gewinnt?
Die Börsen-Zeitung steht für etwas, das heute wichtiger ist als je zuvor: für Einordnung. In einer Welt mit immer mehr Daten, immer mehr Meinungen, immer mehr „Noise“ und immer mehr Geschwindigkeit wächst der Bedarf an fundierter, unabhängiger Orientierung. Das ist unser Anspruch – und den entwickeln wir weiter.
Und gleichzeitig verändern sich Leserverhalten und Informationskonsum der unterschiedlichen Lesersegmente, womit sich auch die Darreichungsform ändern muss.
Deswegen bauen wir die Börsen-Zeitung als Tageszeitung konsequent zu einer Plattform für die Financial Community aus. Dazu gehört eine stärkere Verzahnung von Public und Private Markets, der Ausbau digitaler Formate und Verstärkung unseres Newsletter-Angebots, ein Ausbau zusätzlicher Services für die Community und eine Organisation, die schneller auf Themen reagieren kann und diese lesersegmentspezifisch ausliefern kann.
Gleichzeitig bleibt das Fundament unverändert: Qualität, Tiefe und Unabhängigkeit in der Berichterstattung. Ich freue mich sehr, dass der Markt das auch so wahrnimmt, wie der aktuelle BSW-Wirtschaftsjournalismus-Preis des Bundesverbands für strukturierte Wertpapiere als „Redaktion des Jahres“ widerspiegelt.
Was die Reichweite angeht, insbesondere Richtung Berlin. Die Börsen-Zeitung wird dort längst intensiv gelesen. In Ministerien, im Bundestag, bei Regulatoren. Wir sind zudem seit vielen Jahren im Vorstand der Bundespressekonferenz aktiv.
Und das ist auch kein Zufall. Wer Entscheidungen in der Politik und im Finanzmarkt trifft, braucht belastbare Informationen – keine Schlagzeilen. Genau dafür stehen wir. Auch weiterhin.




