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Vier Schritte zu einem stärkeren Finanzplatz

Leistungsfähige Banken und Kapitalmärkte sind essenziell für die wirtschaftliche Entwicklung – Jetzt wäre die Gelegenheit, wichtige Weichen zu stellen

Sechs Landtagswahlen, eine Bundestagswahl – und ein Thema, das die Wahlkämpfe 2021 garantiert dominieren wird: die Corona-Pandemie. Doch je mehr Menschen geimpft sind, desto mehr werden auch andere Fragen wieder aus dem Schatten des Virus treten. Eine davon sollte sein: Wie machen wir Deutschlands Finanzbranche und damit den Finanzplatz Frankfurt wettbewerbsfähiger? Deshalb ist jetzt ein guter Zeitpunkt, an einige Weichenstellungen zu erinnern, die dafür notwendig wären.

Den Schwung nutzen

Seit Jahresanfang ist die Europäische Union (EU) kleiner, viele sagen auch: ärmer geworden. Großbritannien gehört seitdem nicht mehr dem europäischen Binnenmarkt an. Die Befürchtungen, dass es gerade in der Finanzbranche zu großen Ver­werfungen kommen würde, haben sich bislang nicht bewahrheitet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich die Banken und andere Marktteilnehmer gut vorbereitet haben. Mit dem Brexit hat Frankfurt seine Stellung im Wettbewerb mit den wichtigsten Finanzplätzen in Europa deutlich ausgebaut – haben sich doch viele internationale Banken und Finanzunternehmen hier neu angesiedelt oder ihre bestehenden Niederlassungen ausgebaut. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns nun zurücklehnen können. Vielmehr gilt es jetzt, diesen Schwung zu nutzen – mit dem Ziel, weiter zu den internationalen Wettbewerbern aufzuschließen.

Und hier gibt es einiges zu tun. Die Bankenbranche in Deutschland und Europa ist deutlich zersplitterter und weniger profitabel als etwa in den Vereinigten Staaten. Gleichzeitig ist ihre volkswirtschaftliche Bedeutung aber viel größer. Denn während sich in den USA viele Firmen vor allem über den Kapitalmarkt finanzieren, laufen in Europa rund 80 % der Unternehmensfinanzierung über Bankkredite. Zugleich sind die Herausforderungen im neuen Jahrzehnt enorm – vom Handelskonflikt zwischen den USA und China über die Umwälzung ganzer Branchen durch die Digitalisierung bis hin zum Klimawandel. Das bringt für viele Unternehmen einen gewaltigen Investitionsbedarf mit sich. Umso dringender brauchen Deutschland und Europa also in den kommenden Jahren starke und wettbewerbsfähige Banken.

Natürlich sind zuallererst die Kreditinstitute selbst gefordert. In der Coronakrise erweist sich der Sektor zwar als robuster als noch vor zehn Jahren, was zweifellos ein großer Fortschritt ist. Doch wir sind vielfach schlicht noch nicht profitabel genug, um selbst weiteres Kapital und damit weitere Kapazität für unser Geschäft zu generieren. Wir Banken müssen weiter an unseren Kosten arbeiten und unsere Geschäftsmodelle stärker fokussieren. Und wir müssen in unsere Technologie investieren und innovativer werden – schließlich hat die Pandemie uns allen noch einmal eindrücklich gezeigt, wie wichtig digitalisierte Prozesse sind.

Wollen wir die Finanzbranche in Deutschland und Europa nachhaltig stärken, braucht es allerdings auch das richtige Umfeld. In den ver­gangenen Jahren haben wir zunehmenden politischen Rückhalt gespürt, den wir sehr begrüßen. So konnte die Finanzbranche zusammen mit der Politik auf Länder- und Bundesebene kon­tinuierlich an besseren Rahmenbedingungen arbeiten.

Darauf gilt es nun aufzubauen, um die europäische Bankenlandschaft, den Standort Deutschland und letztlich auch den Finanzplatz Frankfurt zu stärken. Vor allem bei vier Themen sind auf europäischer und nationaler Ebene wichtige Weichen zu stellen:

Erstens muss die Bankenunion vertieft und vollendet werden. Sie ermöglicht einen gemeinsamen Markt für Bankdienstleistungen und schützt die Bürgerinnen und Bürger durch eine gemeinsame europäische Bankenaufsicht und Einlagensicherung. Die Bankenunion erleichtert auch grenzüberschreitende Fusionen. Bei mehr als 5 000 Finanzinstituten ist die Zersplitterung des europäischen Bankensektors das wohl größte Strukturproblem der Branche. Es wäre also mehr als wünschenswert, die aktuelle Blockade zu durchbrechen. Die entsprechenden Bemühungen der Bundesregierung können wir nur begrüßen und nach Kräften unterstützen.

Was es zu tun gilt

Zweitens müssen wir die Kapitalmärkte in Europa weiterentwickeln. Denn wenn wir die Transformation zu einer digitaleren und nachhaltigeren Wirtschaft finanzieren wollen, brauchen mehr Unternehmen einen direkten Zugang zu Eigen- und Fremdkapitalgebern. Dafür brauchen wir eine europäische Kapitalmarktunion. Mag das Projekt auch wenig attraktiv für Wahlkampfreden sein, so ist es doch essenziell für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa. Wenn wir aber die Kapitalmärkte stärken wollen, sollten wir eine andere Idee, die in Wahlkämpfen regelmäßig wieder auftaucht, endgültig begraben: eine Finanztransaktionssteuer. Damit eine solche Steuer tatsächlich zu nennenswerten Einnahmen und nicht bloß zu Ausweichgeschäften führt, müsste sie an allen wichtigen Finanzplätzen der Welt eingeführt werden. Das erscheint kaum realistisch.

Drittens sollte sich die Bundesregierung dafür einsetzen, Frankfurt weiter als Standort europäischer Finanzmarkt-Institutionen zu stärken. Die Europäische Zentralbank (EZB), die gemeinsame Bankenaufsicht SSM (Single Supervisory Mechanism) und die Europäische Versicherungsaufsicht EIOPA (European Insurance and Occupational Pensions Authority) haben hier bereits ihren Sitz. Wenn Europa nun den Kampf gegen Finanzkriminalität forcieren will, wäre Frankfurt ein logischer Standort für die von der EU-Kommission geplante europäische Anti-Geldwäsche-Behörde.

Viertens sollten wir die Rahmenbedingungen für Innovationen im Finanzsektor verbessern. Deshalb gilt es zu prüfen, wie wir in Deutschland die Idee der „Regulatory Sandbox“ voranbringen können. Das derzeitige deutsche Aufsichtsrecht setzt innovativen Gründerinnen und Gründern, die Digitalisierung und Finanzdienstleistungen zusammenbringen, hohe Hürden. Die Folge: Entweder setzen sie ihre Vorhaben gar nicht um – oder aber in anderen Ländern. Denn in vielen anderen europäischen Staaten gibt es bereits solche „Sandkästen“, also ein Um­feld, in dem junge Finanz- und Fintech-Unternehmen zunächst mit wenig Regulierung starten und ihre Konzepte testen können. Hier sollten wir dringend nachziehen, wenn wir verhindern wollen, dass uns weitere Ideen und Talente verloren gehen.

Viele kleine Schritte vor Ort

Jenseits dieser europa- und bundespolitischen Fragen gilt es auch vor Ort die Voraussetzungen zu schaffen, damit sich der Finanzplatz Frankfurt erfolgreich entwickeln kann. Es gilt, junge Talente anzuziehen und zu fördern und ein attraktives Umfeld für gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bieten. Hier sind Finanzindustrie und politische Institutionen gleichermaßen gefordert.

Das beginnt bei den bereits angesprochenen Fintechs und Start-ups. Zwar ist Frankfurt auch in dieser Hinsicht mit dem Brexit attraktiver geworden. Doch schon im nationalen Vergleich liegt die Stadt inzwischen weit abgeschlagen hinter München und vor allem Berlin. Das ist für die Banken der Stadt keine gute Nachricht. Den einst durchaus lebendigen Fintech-Standort Frankfurt wieder zu stärken sollte eine der obersten Prioritäten sein.

Junge Talente gefragt

Banken und Fintechs wiederum benötigen gleichermaßen gut ausgebildeten Nachwuchs. Junge Talente sind wichtig für Frankfurt, denn sie machen die Stadt nicht zuletzt wieder attraktiver für neue Finanzinstitute. Hier haben wir gute Voraussetzungen, sowohl mit dem House of Fi­nance an der Goethe-Universität als auch der Frankfurt School of Finance & Management, die unter anderem jährlich rund 60 duale Studierende der Deutschen Bank ausbildet.

Um internationale Talente zu gewinnen, braucht die Stadt außerdem eine gute Infrastruktur, inklusive bezahlbarer Wohnungen und einer guten Versorgung mit Kitas und Schulen. Und gerade für diese Zielgruppe müssen wir uns auch fragen, wie wir flexible, oft mobile Formen des Arbeitens weiter erleichtern können.

Die deutsche Finanzbranche und Frankfurt als Finanzplatz zu stärken hängt also von zahlreichen Faktoren ab. Dabei geht es nicht nur, aber auch um bundes- und europapolitische Entscheidungen. Gerade das Superwahljahr 2021 bietet daher genügend Anlässe, darüber zu diskutieren und Weichen für eine starke Finanzindustrie zu stellen.

Quelle: Börsen-Zeitung, 03. März 2021, Karl von Rohr © Alle Rechte vorbehalten.

Bild: btaskinkaya/Pixabay

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