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Sustainable Finance

Nachhaltigkeit im Finanzsektor muss zum Mainstream werden

Der Finanzplatz Deutschland und Europa forcieren einen Wandel zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Wirtschaft.  Das Bundesfinanzministerium und das Bundesumweltministerium haben Anfang Juni in enger Kooperation mit dem Bundeswirtschaftsministerium und weiteren Ministerien den Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung ins Leben gerufen, um mit der Unterstützung von Akteuren aus der Finanz- und Realwirtschaft, der Wissenschaft sowie der Zivilgesellschaft seine Sustainable-Finance-Strategie zu entwickeln. Nachhaltigkeit biete Chancen, neue Wege der Wertschöpfung zu erschließen, Wirtschaft und Unternehmen modern und zukunftsgerichtet aufzustellen, die notwendige Transformation zu begleiten und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu stärken, so Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, und Dr. Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.

Nachfolgenden finden Sie den ausführlichen Beitrag, der Börsen-Zeitungsausgabe vom 16. August 2019 veröffentlicht wurde und Frankfurt Main Finance zur Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt wurde:

Nachhaltigkeit im Finanzsektor muss zum Mainstream werden

Deutschland und Europa bereiten sich auf einen umfassenden Strukturwandel hin zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Wirtschaft vor. Dieser Prozess ist dringend notwendig, denn es geht dabei auch um die Zukunft unserer Wirtschaft und den gesellschaftlichen Wohlstand. Umwelt- und Klimaschutz sowie Nachhaltigkeit sind kein Selbstzweck, sondern eine ökologische, ökonomische und soziale Notwendigkeit. In den nächsten Jahren werden in erheblichem Umfang nachhaltige Investitionen nötig sein – in physische Infrastruktur, Anlagen, Technologien, aber auch in die Neuorganisation von Prozessen und in neues Wissen. Investitionsbedarf besteht nicht nur in den Bereichen Klima, Energie oder Verkehr, sondern auch in Ressourceneffizienz, in Kreislaufwirtschaft, Wasserwirtschaft und Landwirtschaft – und das in globalem Maßstab.

Gewaltiger Investitionsbedarf

Die EU-Kommission geht davon aus, dass allein zur Erreichung der EU-Klimaziele bis 2030 eine Investitionslücke von mindestens 180 Mrd. Euro jährlich innerhalb der EU gefüllt werden muss. Der Internationale Währungsfonds (IWF) beziffert das jährlich notwendige weltweite Investitionsvolumen sogar auf 6 000 Mrd. Dollar allein für Infrastruktur. Wenn wir bis 2050 die CO2 -Emissionen fast vollständig reduzieren wollen, müssen wir diese Investitionen schon heute im Blick haben. Die öffentlichen Haushalte werden diesen Wandel allein nicht stemmen können. Alle Sektoren werden für diese Transformation gebraucht. Die Umsetzung der Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele wird die Investitionstätigkeit in nahezu allen Sektoren anregen. Unser Ziel ist es, dass sich der Wandel insgesamt positiv auf Wirtschaftswachstum und Beschäftigung auswirkt und sozialverträglich gestaltet wird.

Finanzsystem stark gefordert

Das Finanzsystem kann nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Gelingen dieses Strukturwandels leisten. Es liegt auch im Interesse der Finanzmarktakteure selbst, nachhaltige Investments zu berücksichtigen. Nachhaltigkeitsbezogene Risiken, insbesondere Klimarisiken, haben auch einen Einfluss auf Rendite und Sicherheit der Investitionen. Besonders der Wandel der Realwirtschaft birgt Risiken und Chancen für Finanzmarktakteure. Alle Akteure am Kapitalmarkt sollten diese verstehen und in ihrem Handeln berücksichtigen. Dies betrifft übrigens auch den Staat als Anleger am Kapitalmarkt.

Die Finanzindustrie kann somit die Chance ergreifen und zeigen, dass sie mit ihren Dienstleistungen die Realwirtschaft unterstützt und einen Beitrag leistet, indem sie auch Nachhaltigkeit in ihre Entscheidungsprozesse integriert. Daraus ergeben sich drei grundlegende Fragen, die die europäische und auch die nationale Agenda bestimmen: Wie erreichen wir, dass mehr in Nachhaltigkeit und Klimaschutz investiert wird, ohne zugleich Fehlanreize zu setzen? Wie bilden wir systemische und finanzielle Risiken sowie Chancen, die sich aus dem Klimawandel, der Ressourcennutzung, Umwelteinflüssen und sozialen Problemen ergeben, besser in Investitions- und Finanzierungsentscheidungen ab? Wie erhöhen wir Transparenz und das Langfristdenken bei finanz- und realwirtschaftlichen Entscheidungen? Kurzum: Wie wird die Integration von Nachhaltigkeitsfaktoren in Entscheidungen der Finanzmarktakteure stärker zum Mainstream? Hier realistische und praktikable Antworten zu finden, ist auch eine Aufgabe des neu eingerichteten Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung.

Viele Finanzmarktakteure haben bereits erkannt, dass Sustainable Finance ein wichtiges Thema ist. Die Bundesregierung will aktiv dazu beitragen, dass sich dies fortsetzt und noch mehr Akteure die Bedeutung von Sustainable Finance erkennen. Das Bundesfinanzministerium und das Bundesumweltministerium haben deshalb Anfang Juni in enger Kooperation mit dem Bundeswirtschaftsministerium und weiteren Ministerien den Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung ins Leben gerufen. Akteure aus der Finanz- und Realwirtschaft, aus Wissenschaft sowie der Zivilgesellschaft sollen die Bundesregierung besonders darin unterstützen, eine Sustainable-Finance-Strategie zu entwickeln. Dabei werden europäische und internationale Initiativen ebenso berücksichtigt wie die laufenden Arbeiten in der Bundesregierung zur Anlagestrategie des Bundes. Ein erster Entwurf der Strategie soll bereits beim 3. Sustainable-Finance-Gipfel am 16. Oktober öffentlich vorgestellt und diskutiert werden.

Alle Akteure eint das gemeinsame Verständnis, dass nachhaltige Investitionen unseren Wohlstand und unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern und bei Investitionen das klassische „Zieldreieck“ der Investitionsentscheidung – Risiko, Rendite und Liquidität – gültig bleibt, wenn Nachhaltigkeitsaspekte bei der Einschätzung der Risiken und Renditechancen berücksichtigt werden.

Transformation flankieren

Unsere gemeinsame Botschaft ist: Nachhaltigkeit bietet Chancen, neue Wege der Wertschöpfung zu erschließen, Wirtschaft und Unternehmen modern und zukunftsgerichtet aufzustellen, die notwendige Transformation zu begleiten und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu stärken.

Die deutsche Volkswirtschaft verfügt über erhebliche Potenziale, diesen Markt für sich weiter zu erschließen. Dies sollte uns motivieren, die Weichen weiter in Richtung Zukunft zu stellen und entsprechende Rahmenbedingungen z. B. durch eine gemeinsame europäische Taxonomie zu schaffen. Die Sustainable-Finance-Strategie für Deutschland wird hieran einen wichtigen Anteil haben. Wir sehen mit großer Erwartung und Zuversicht den Arbeiten im neuen Beirat entgegen.

Von Jochen Flasbarth und Dr. Jörg Kukies

Sustainable Finance bietet Chancen für den Finanzsektor und Wettbewerbsvorteile für Deutschland.

„Das bedeutet Strom für 16.000 Menschen“

In Mali haben nur 17 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Strom. Doch günstige Solarenergie und innovative Geschäftsmodelle legen momentan die Grundsteine für einen Anstieg dieser Prozentzahl. Africa GreenTec, ein deutsches Unternehmen mit Sitz in Hainburg (Hessen), baut und betreibt mobile, skalierbare Solarkraftwerke in Süd-Mali. Geplant sind 50 sogenannte Solartainer® mit denen der Zugang zu Energie für bis zu 250.000 Menschen durch CO2 freien Solarstrom verbessert wird. Die Erfahrungen aus den ersten installierten Anlagen in 14 Dörfern zeigen, dass sich das Leben der Menschen grundlegend verändert und neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.

Lars Hunsche, SDG INVESTMENTS GmbH

„Das Projekt Africa GreenTec ist ein hervorragendes Beispiel, wie ganz konkret Maßnahmen gegen den Klimawandel und zur Fluchtursachenbekämpfung an der Basis umgesetzt werden können. Eine in Deutschland emittierte Anleihe bietet professionellen Investoren zudem eine sehr gute Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten und dabei auch noch die Chance auf eine faire Rendite wahrzunehmen“, sagt Lars Hunsche von SDG INVESTMENTS®, die von Africa GreenTec mit der Platzierung einer Anleihe beauftragt wurden. Die hessische Kooperation zwischen SDG INVESTMENTS aus Frankfurt und dem Start-Up und Träger des Hessischen Staatspreises Energie Africa GreenTec ist ein hervorragendes Beispiel für die Innovationsfähigkeit des Sustainable Finance Standorts Frankfurt am Main.

Die im Dezember 2017 emittierte nicht nachrangige teilbesicherte Anleihe der Africa GreenTec Asset GmbH mit einem Zinskupon von 6,5 Prozent p.a., hat eine Laufzeit bis zum 1.Dezember 2027. Im Rahmen der Emission werden bis zu 10 Millionen Euro platziert. Da mit der Republik Mali bereits seit den 70er Jahren ein Investitionsschutzabkommen besteht, ist die Investition durch die Bundesrepublik Deutschland gegen politische Risiken abgesichert. Die Anleihe wird mit einer Stückelung von 1.000 Euro und einem Mindestordervolumen von 100.000 Euro an den Börsenplätzen Frankfurt und Düsseldorf gehandelt.

Kürzlich hat der KFM-Mittelstandsanleihenfonds, der auf die Analyse und die Auswahl von Investments in festverzinsliche Wertpapiere mittelständischer Unternehmen spezialisiert ist, eine Millionen Euro in die Anleihe der Africa GreenTec Asset GmbH investiert. Die Analysten von KFM kommen im renommierten KFM-Mittelstandsanleihen-Barometer zu folgendem Urteil:

„Die Africa GreenTec Asset GmbH bietet als nachhaltiges Investment, das durch die Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen u.a. zur Fluchtursachenbekämpfung und zum Klimaschutz beiträgt, und durch die ergänzende deutsche staatliche Förderung des im Zusammenhang mit der Aufstellung von Solartainern® erforderlichen Netzausbaus eine attraktive Renditechance. Aufgrund der Planzahlen bis 2026/2027 kann von einem stabilen langfristigen Geschäftsmodell ausgegangen werden. Die Anleihe wird in den kommenden Jahren sukzessive getilgt. In Verbindung mit der Rendite von 6,50 Prozent p.a. (auf Kursbasis von 100,00 Prozent am 2.Juli 2019) wird die 6,50Prozent-Africa GreenTec Asset GmbH-Anleihe als ‚durchschnittlich attraktiv (positiver Ausblick)‘ (3,5 von 5 möglichen Sternen) eingeschätzt.“ Die Komplette Analyse können Sie hier nachlesen.

Mit dem Investment des Deutschen Mittelstandsanleihenfonds wird die Erfolgsgeschichte von Africa GreenTec weitergeschrieben. Es können vier weitere Dörfer mit einem Solartainer® ausgestattet werden. Das bedeutet Strom für 16.000 Menschen.

 

Kontakt: info@sdg-investments.com 

 

Titelbild: © Africa Green Tech AG

Foto Lars Hunsche: © SDG INVESTMENTS GmbH

Titelbild Sustainable Finance Konferenz

Der EU Action Plan on Sustainable Finance: Notwendige Standardisierung oder Überregulierung?

Das Deutsche Aktieninstitut präsentierte Mitte Mai im Rahmen seiner Konferenzen mit hochkarätigen Referenten und Podiumsteilnehmern eine vielfältige Sicht auf den EU Sustainable Finance Action Plan und die damit verbundenen „Anforderungen und Chancen für Unternehmen und institutionelle Investoren“.

Die EU-Kommission will mit ihrem Aktionsplan Financing Sustainable Growth das nachhaltige Finanzwesen stärken und eine nachhaltige Unternehmensführung unterstützen. Zentrale Punkte der europäischen Gesetzgebungsinitiative sind dabei eine Nachhaltigkeits-Taxonomie, Standards für Grüne Anleihen und die Weiterentwicklung der Klimaberichterstattung von Unternehmen. Diese Aspekte standen auch im Mittelpunkt der Konferenz, die am 13. Mai unter Beteiligung hochrangiger Experten aus Industrie und Finanzwirtschaft, Wissenschaft und dem Bereich der NGOs sowie der Politik über Ziele, Wege, Chancen und Risiken diskutierten.

Auf dem Weg in eine Nachhaltige Finanzwelt

Bereits in der von Dr. Christine Bortenlänger, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts, moderierten Einstiegsdiskussion von Thomas Kusterer, Finanzvorstand der ENBW, und Michael Schütze, Managing Director bei Allianz Global Investors wurde deutlich, dass das Thema „Nachhaltigkeit“ sowohl in der Real- wie in der Finanzwirtschaft angekommen ist. So bestätigte Schütze, dass gerade institutionelle Investoren mehr und mehr für die Implementierung von ESG-Kriterien ein echtes Interesse zeigten. Und auch der Realwirtschaft sei bewusst, dass nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen die Beachtung von ESG-Kriterien beim unternehmerischen Handeln in den Fokus rücken müssen, so Kusterer. Von der neuen EU-Regulierung, allen voran der Taxonomie, erwarten sich beide Seiten vor allem mehr Transparenz und Klarheit. Risiken sieht man in der Gefahr einer Überregulierung.

Unterschiedliche Ambitionen bei EU und Bundespolitik

Mit viel Engagement und Leidenschaft für das Thema, berichtete im Anschluss Martin Spolc, Head of Unit Sustainable Finance der Europäischen Kommission, über den Stand des Action Plan, die Ziele sowie die nächsten Schritte. Er hob dabei drei zentrale Ziele hervor: 1. Die Lenkung von Kapitalströmen, 2. Nachhaltigkeit in den Mainstream des Risikomanagements zu befördern und 3. Die Förderung von Transparenz und Langfristigkeit in der Kapitalanlage. Bis Mitte Juni 2019 soll der finale Report der Technical Expert Group vorliegen und bis Ende des Jahres die Implementierung einer rechtlich verbindlichen Taxonomie starten. Alles Weitere liege dann in den Händen der neuen Kommission. Die Vertreterinnen der Bundespolitik äußersten sich dagegen in Bezug auf die geplante Taxonomie deutlich zurückhaltender. So betonte Dr. Eva Wimmer, Leiterin Finanzmarktregulierung im Bundesfinanzministerium unter der Fragestellung „Deutscher Aktionsplan zu Sustainable Finance?“, dass es v.a. auf Ausgewogenheit ankomme – simples Schwarz-Weiß denken sei nicht zielführend – und man sich Zeit lassen müsse, damit die Regelungen auch nachhaltig wirken könnten. Bettina Stark-Watzinger, MdB und Vorsitzende des Finanzausschusses des Deutschen Bundestags, betonte im folgenden Panel zur Frage nach der Klassifizierbarkeit nachhaltiger Wirtschaftstätigkeit, dass es sich um ein „sehr komplexes Thema“ handle und die Finanzmärkte hier nur dienende Funktion einnehmen könnten: „Die Umweltpolitik gehört ins Umweltministerium.“ Zudem favorisiere sie eine Konsolidierung der bereits vorhandenen Lösungen gegenüber einer neu auszuhandelnden Taxonomie auf europäischer Ebene.

Möglichkeiten der Klassifizierung, Offenlegung und Green Bonds

Einig war man sich auf dem Panel zur Taxonomie, dass von Karsten Löffler, Co-Head des Climate Finance Centre der Frankfurt School of Finance & Management geleitet und durch Stefan Haver, Head of Corporate Responsibility Evonik Industries, und Dr. Matthias Schmidt, Head of ESG beim Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland komplettiert wurde, dass es in erster Linie auf die Anwendbarkeit der Taxonomie ankomme. Hierzu müssten auch die vorhandenen Erfahrungen der Industrie miteinbezogen werden, hob Haver hervor. Ein möglicher Weg Nachhaltigkeit zu klassifizieren und messbar zu machen, wäre eine wie auch immer geartete CO2-Bepreisung, die dann über den Eingang in die GuV auch transparent gemacht würde, so der Vorschlag des Wirtschaftsprüfers.

Nach der Mittagspause diskutierten Nico Fettes, Head of Climetrics Ratings CDP Europe, Dr. Klaus Hufschlag, Senior Vice President Finance Business Intelligence & Analytics Deutsche Post DHL Group, und Dr. Thomas Schmotz, Technical Director des Deutschen Rechnungslegungs Standards Committee, über die Offenlegung klimabezogener Aspekte. Nico Fettes berichtete, dass Großanleger zunehmend bei ihrem Abstimmungsverhalten auf ESG-Aspekte achten und die Bedeutung dieser an den Kapitalmärkten wachse. Als Hemmnisse bei der Nutzung von ESG-Information gelten nach einer Umfrage des CFA-Institute mangelnde Quantifizierbarkeit, Vergleichbarkeit, Glaubwürdigkeit und Wesentlichkeit. Einigkeit herrschte darüber, dass die Empfehlungen der im Auftrag der G20-Finanzminister eingesetzten Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) hier eine gute Orientierung bei der Reglung der Offenlegung geben könne und diese in die EU-Vorschläge integriert werden sollten.

Auch auf dem Panel zu den Markterwartungen an die Green Bond-Regelungen, das von Jochen Krimphoff, Deputy Director Green Finance beim WWF moderiert wurde („Wohl das erste Panel zu Sustainable Finance, dass von einem NGO-Vertreter moderiert wird,“ wie Kriphoff hervorhob), herrschte weitgehende Einigkeit: Sowohl Julien Bras, Portfoliomanager bei Allianz Global Investors, als auch Thomas Liesch, Senior Manager Climate Integration Allianz SE und Ingo-Peter Voigt, Senior Vice President / Head of Finance bei EnBW, betonten die Notwendigkeit einer Standardisierung. „Transparenz über den Investitionszweck ist essentiell,“ so Voigt. Darüber hinaus erhöhe eine Standardisierung das Ambitionsniveau der Emittenten, wie Liesch hervorhob. Portfoliomanager Bras verspricht sich vom neuen Standard, dass dieser die Emissionstätigkeit von Unternehmen fördern werde, die bislang noch nicht aktiv seien. Allerdings bedürfe es auch pragmatischer Lösungen, um potentielle Emittenten nicht abzuschrecken.

Modewelle oder Must Do?

„Modewelle oder Must Do?“: v.l. Dr. Bert Flossbach (Flossbach von Storch), Dr. Steffen Hörter (Allianz Global Investors), Andreas Hilka (Pensionskasse Hoechst) und Moderator Dr. Lothar Rieth (EnBW).

Uneinigkeit herrschte dagegen auf dem abschließenden Panel unter Beteiligung von Dr. Bert Folssbach, Mitbegründer und Vorstand von Flossbach von Storch, Andreas Hilka, Mitglied des Vorstands der Pensionskasse der Mitarbeiter der Hoechst-Gruppe, sowie Dr. Steffen Hörter, Global Head of ESG-Strategy bei Allianz Global Investors darüber, ob Nachhaltigkeit nun ein Must-Do oder doch nur eine Modewelle sei. Die große Resonanz der Veranstaltung – der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt – als auch das Momentum, welches das Thema nicht zuletzt durch die Initiative der Europäischen Kommission in Politik, Real- und Finanzwirtschaft ausgelöst hat, zeigen ebenso wie die rasant gestiegene gesellschaftliche Einsicht in die Notwendigkeit zu handeln, dass sich die Finanzindustrie inzwischen intensiv mit dem Thema beschäftigt und letztlich auch ernsthaft auseinandersetzen muss.

Von: Dr. Andreas Jaensch

Verschwendung von Ressourcen: Nachhaltigkeitsberichterstattung und andere Governance Themen

Ein buntes Puzzle voll Details, in denen bisweilen der Teufel steckt, präsentierte das Deutsche Aktieninstitut Anfang April in Frankfurt am Main den etwa 120 Teilnehmern seiner Konferenz zu Corporate Governance und Gesellschaftsrecht. Die Themenvielfalt war vor allem dem Umstand geschuldet, dass Gesellschaftspolitik zunehmend auf das Gesellschaftsrecht übergreift und sich somit Unternehmen mit immer neuen Fragestellungen konfrontiert sehen. Die bisherige Nachhaltigkeitsberichterstattung fiel als Verschwendung von Ressourcen durch.

Im Grunde genommen drehte sich die Konferenz um die einfache Frage: Reicht es, dass Unternehmen Steuern zahlen und Arbeitsplätze schaffen oder stehen sie darüber hinaus auch in weiterer sozialer Verantwortung? Nachdem das Thema Nachhaltigkeit an sich gar nicht mehr zur Debatte steht, wirft jedoch seine Ausgestaltung auf allen Seiten immer noch viele Unsicherheiten auf. Zum Beispiel bei Investoren, die nicht einschätzen können, ob die Nachhaltigkeitsbemühungen von Unternehmen auf lange Sicht angelegt oder eher kurzfristiger Natur sind. Letztlich sollte die regelmäßige sorgfältige Prüfung des wirtschaftlichen Handelns auf Menschenrechts- und Umweltaspekte ein integraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie und guter Corporate Governance und damit selbstverständlich sein. Nur – wer bestimmt nach welchen Kriterien, was gut, richtig und nachhaltig ist?

EU-Taxonomie als Orientierung für Anleger

Um die steigende Nachfrage institutioneller und privater Anleger nach nachhaltigen Finanzprodukten zu unterstützen und ihnen Orientierung zu geben, hat die EU eine Taxonomie erarbeitet. Damit beabsichtigt sie, ein Klassifikationssystem zur Bewertung der ökologischen Nachhaltigkeit wirtschaftlichen Handelns zur Verfügung zu stellen. Zudem überträgt sie institutionellen Anlegern die Aufgabe, einen Nachweis über ihre ESG-Ziele zu erbringen sowie einen Nachweis darüber, inwieweit sich ihre Investitionen an diesen Zielen messen lassen. Letzten Endes kann die Politik auf diese Weise eine positive gesellschaftspolitische Wirkung dadurch erzeugen, indem sie nicht nachhaltig tätigen Unternehmen auf längere Sicht die Kapitalkosten verteuert.

Problematisch für institutionelle Anleger ist allerdings die Bipolarität ihres eigenen Geschäftsmodells, auch wenn sie der Nachhaltigkeit eine hohe Bedeutung beimessen: Die oberste Priorität kommt immer der finanziellen Ertragskraft zu – auch im Sinne ihrer nachhaltigkeitsorientierten Anleger. Zwar lässt sich die positive Auswirkung von Nachhaltigkeit auf die Rendite zu 48 Prozent nachweisen. Das heißt jedoch im Umkehrschluss, dass sich in über 50 Prozent der Fälle gar kein, ein gemischter oder sogar ein negativer Effekt ergibt. Schließlich ist auch die generelle Rolle der Geschäftsmodelle von Anlagezielen noch nicht abschließend geklärt: Wie zum Beispiel umgehen mit einem Tabakkonzern, der in Bezug auf Menschenrechte, Umwelt und Corporate Governance hervorragend aufgestellt ist, dessen Geschäftsmodell nichtsdestoweniger schwere gesundheitliche Schäden und den frühzeitigen Tod seiner Konsumenten in Kauf nimmt?

Bewegung Fridays for Future zeigt Vertrauensverlust an

Die Tatsache, dass die Gesellschaft mehr von den Unternehmen verlangt, als dass sie pünktlich ihre Steuern bezahlen, ist nicht erst seit den Schülerstreiks und der Bewegung „Fridays for Future“ unbestritten. Wie aber soll kaufmännisches SRI-Engagement glaubwürdig transportiert werden? Die bisher üblichen Nachhaltigkeitsberichte, die seit zwei Jahren für bestimmte große Unternehmen gar zur Pflichtberichterstattung gehören, fielen bei allen Panelisten – die immerhin zu den Kernzielgruppen Aufsichtsrat und Investoren gehören – als nutzlos und Verschwendung von Ressourcen durch. Insbesondere dicke Reports böten zu viel Raum, um die wirklich ausschlaggebenden Informationen darin zu verstecken.

Aufsichtsratsmitglieder, die dem Vorstand auch in puncto Nachhaltigkeit beratend zur Seite stehen, wünschen sich die Definition verlässlicher KPIs, die die Entwicklung eines Unternehmens innerhalb der Peergroup – aber auch über die eigene Industrie hinweg vergleichbar machen. Die Idee, die ESG-Zuständigkeit einem einzelnen Aufsichtsratsmitglied zuzuordnen, sei hingegen nicht zielführen. Zu groß ist das Risiko, damit eine Feigenblattstrategie zu befördern, bei der sich alle anderen Organmitglieder der Nachhaltigkeitsverantwortung enthoben fühlten. Eine glaubhafte Alternative dazu böte eine Vergütungspolitik, die die Organvergütungen stärker an die nachhaltige Strategie und Entwicklung des Unternehmens koppeln würde.

Bei Themen um die Hauptversammlung bleibt es spannend

Wie tückisch sich Details bei der Umsetzung lobenswerter Ideen erweisen können, stellte sich beim Bericht über den aktuellen Stand von ARUG II heraus. Der gute gesetzgeberische Wille, den Informationsfluss zwischen Gesellschaft und Aktionär zukünftig transparenzsteigernd und kostensenkend auf den elektronischen Weg zu verlagern, scheiterte an mangelnder Infrastruktur: Bis zu 80 Prozent der privaten Anleger verfügen nicht über die dazu nötigen online-Banking-Anwendungen. Am teuren Postversand von Hauptversammlungseinladungen wird deshalb wohl noch länger festgehalten werden.

Anlass zur Sorge bereitet auch großen institutionellen Anlegern die Kumulation von Einfluss bei den großen Stimmrechtsberatern. Hier hat sich das Machtverhältnis zwischen reinem Dienstleister und seinen Anwendern ins Gegenteil verkehrt. Wenn ein Vermögensverwalter den Abstimmungsempfehlungen der großen Stimmrechtsberater erklärtermaßen nicht folgt, so sei das keine Frage des Selbstverständnisses mehr. Sondern er habe seinen Kunden seine abweichende Meinung darzulegen. Andererseits kann dem Wirken der Stimmrechtsberater der ökonomische Nutzen nicht abgesprochen werden. Der Gesetzgeber hat sich mit ihrer Rolle und der Vermeidung von Interessenskonflikten beschäftigt, wenn sie ein Beratungsmandat zur Corporate Governance bei einem Unternehmen ausüben. ARUG II verpflichtet Stimmrechtsberater zur Erklärung über die Einhaltung von Vorgaben eines Verhaltenskodexes. Der Trend bei institutionellen Investoren geht mittlerweile dahin, dass sie selbst auf der Hauptversammlung Präsenz zeigen.

Corporate Governance als Chance zur Selbstregulierung

Eine Möglichkeit, das Wirken von Stimmrechtsberatern und aktivistischen Investoren in klare Leitplanken zu verweisen, läge in der Selbstregulierung der Unternehmensführungen durch den Corporate Governance Kodex – so die auf der Konferenz vertretene These. Die Existenz eines entsprechenden Kodex ist von der EU vorgeschrieben. Sofern kein freiwilliger Kodex angenommen wird, erfolgen gesetzliche Vorschriften und Definitionen über die Leitung und Überwachung deutscher börsennotierter Unternehmen. Die Konferenz betonte die in der Anwendung des freiwilligen Kodex liegenden Chancen zu Vertrauensaufbau und Reputationssteigerung. Aktive institutionelle Investoren wie auch die Verwalter passiver Indexfonds üben zunehmend Einfluss auf Aufsichtsratswahlen aus. Die Abwehr jedweder Steuerungsmechanismen, wie sie in einem Teil der etwa 120 Stellungnahmen zum überarbeiteten Corporate Governance Kodex zum Ausdruck kommt, spiele diesen in die Hände.

Wünschenswert wäre, und hier schloss das End-Panel an die Ausgangsdiskussion an, ein aktiver, beratender Aufsichtsrat, der zum einen rückwärtsgewandt kontrolliert, aber mit mindestens ebenso hoher Gewichtung vorwärtsgewandt überwacht. Die Rolle des aktiven Aufsichtsrats solle viel stärker hervorgehoben werden. Sie liegt in ihrem Kern – je nach Risikoprofil sowie personeller und materieller Ausstattung – in der Kontrolle, der Hinterfragung, Beratung und Unterstützung des Vorstands in der sachgerechten Unternehmensführung. Mit der Idee von einem Berufsaufsichtsrats mochten sich in Frankfurt am Main allerdings nur wenige Konferenzteilnehmer anfreunden.

Von: Dr. Charlotte Brigitte Looß

Green and Sustainable Finance Cluster_ Grüneburgpark Frankfurt

Green and Sustainable Finance Cluster Germany (GSFCG)

Stärkung einer nachhaltigen Zukunft am Finanzplatz Frankfurt

Ohne einen starken und verantwortungsvollen Finanzsektor ist eine nachhaltige Zukunft nicht möglich. Laut des Baseline Report des Green and Sustainable Finance Cluster Germany (GSFCG) erfordert alleine die Emissionseinsparungen, die Deutschland bis 2050 im Rahmen internationaler Verpflichtungen erreichen müsste, Investitionen in Höhe von 530 Milliarden Euro. Weiterlesen

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