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Vom Fintech-Ökosystem Chinas lernen

Fünf der zehn größten Börsengänge im vergangenen Jahr kamen aus China. In einem rasanten Wachstumstempo hat sich die Volksrepublik zu einem der weltweit führenden Standorte für sogenannte „Unicorns“ entwickelt – also Start-ups, die von ihren Investoren mit 1 Mrd. Dollar oder mehr bewertet werden. Laut Hurun, einem in Schanghai ansässigen Medienunternehmen, gibt es in China derzeit 227 solcher Einhörner, nur sechs weniger als in den USA.

Die meisten davon sind Unternehmen, die sich an private Verbraucher wenden. Aber durch die starke Berichterstattung um den aufgeschobenen Börsengang der Ant Group ist auch die Fintech-Szene Chinas stärker in den Blick Europas gerückt. Nach einer Untersuchung von Tellimer Research gibt es Hunderte von Start-ups, die China auch zu einem der am meisten entwickelten Ökosysteme für Fintechs machen.

Vorne dabei

Während Alipay, das Onlinebezahlsystem von Ant Financial und damit des Alibaba-Konzerns, auch aufmerksamen Lesern der Börsen-Zeitung bekannt sein dürfte, haben von dem Versicherungsunternehmen Zhongan oder von der Crowd­lending-Plattform Duanrong wohl die wenigsten gehört. Gleichwohl: Das sind Fintech- oder Insurtech-Unternehmen, die in nationalen und globalen Maßstäben vorne mitspielen. In Chinas Finanzdienstleistungsindustrie haben die Fintechs laut einer Studie des auf Emerging Markets spezialisierten Researchhauses einen Marktanteil von 37 %.

Ein Viertel von ihnen beschäftige sich mit Lösungen für den Zahlungsverkehr, ein Fünftel mit Blockchain-Anwendungen und 13 % mit „Software as a Service“. Letztere seien im Vergleich etwa zu den USA weniger stark entwickelt, was daran liegen mag, dass die Digitalisierung von Prozessen in chinesischen Unternehmen noch nicht soweit fortgeschritten ist.

Ein Bericht der Unternehmensberatung iiMedia Research verweist darauf, dass Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2019 zwar 16,4 % des globalen BIP ausmachte, aber die Aufwendungen für IT dort nur 5,5 % an den globalen IT-Ausgaben ausmachen. Unternehmen, insbesondere kleine und kleinste, setzen offensichtlich immer noch stark auf die menschliche Arbeitskraft, denn die Einkommen in China sind teilweise immer noch sehr niedrig. Nur wenige chinesische Unternehmen haben ihre Daten in die Cloud ausgelagert.

Bemerkenswert ist allerdings, dass 90 % der in dieser Studie untersuchten Fintechs bereits profitabel sind, und der Zugang zu Funding stellt für sie kein Problem dar. Vor allem an diesem Punkt stellt sich für uns als die Brückenbauer zwischen den Kapitalmärkten grundsätzlich die Frage, ob wir aus dem Blick nach China etwas lernen können für das Fintech-Ökosystem am Finanzplatz Deutschland? Woran kann es liegen, dass in China, unserem zweiten Heimatmarkt, Fintech-Unternehmen in Sachen Bewertung, Kundenzahl oder Bekanntheit in der globalen Champions League spielen, ihre Pendants aus Deutschland aber nur in weitaus geringerem Maße dort zu finden sind? Gibt es Rahmenbedingungen, die Fintechs in China begünstigen? Kann Deutschland bei der Arbeit an seinem Fintech-Ökosystem von China lernen? Und umgekehrt: Kann auch Deutschland einige Vorzüge vorweisen, die eine Inspiration für China sein können? Dazu schauen wir auf drei Dimensionen.

Erstens, den Markt: Chinesische Fintechs finden in ihrem Heimatland einen riesigen, sprachlich und kulturell recht homogenen Markt vor – im Unterschied zu einem erheblich kleineren und heterogeneren Markt in Europa. Durch Chinas „Great Firewall“, mit der die Staatsführung das chinesische Internet reguliert, werden sie zusätzlich noch abgeschirmt vor mächtiger Konkurrenz aus den USA. So kommen die Bezahldienstleistungs-App Alipay und ihr Konkurrent Wechat laut dem Marktforschungsunternehmen Analysys auf einen Anteil am Markt für mobile Zahlungsdienstleistungen in China von fast 94 %.

Entscheidend für ihren durchschlagenden Erfolg ist (anders als oft angenommen) nicht die Technologie an sich, sondern die überzeugende Lösung von Kundenproblemen und eben der Zugang zu einem möglichst großen Markt. Tech-Unternehmen wie Amazon wären sicher ohne ihre überlegene Technologie nicht da, wo sie jetzt sind. Aber noch wichtiger als der technologische Vorsprung war dafür die Bündelung vieler Kundenbedürfnisse auf einer einzigen Plattform.

Auf dem Sprung in die USA

Was die Skalenvorteile, die sich aus der Plattformökonomie ergeben, betrifft, haben chinesische Unternehmen offenkundig einen natürlichen Vorteil. Aber auch deutsche Fintechs haben gezeigt, dass es möglich ist, schon früh in ihrer Geschäftsentwicklung in globalen Maßstäben zu denken und ihr Geschäftsmodell in andere Länder zu expandieren. Innerhalb von fünf Jahren nach dem Start ihres Zinsportals „Weltsparen“ in Deutschland hat zum Beispiel die Raisin GmbH sieben weitere lokale Märkte in Europa erschlossen und ist jetzt auf dem Sprung in die USA.

Dennoch: Europa braucht eine weitere Homogenisierung des Finanzbinnenmarktes, damit es für Fintech-Anbieter leichter wird, Europa mehr oder weniger als einen einzelnen Markt auf einmal zu erschließen.

Zweitens, das Kapital: Sicher – wir haben schon in den ersten Wochen des Jahres 2021 eine Reihe von Finanzierungsrunden von Fintechs am Finanzplatz Deutschland gesehen. Mambu etwa, ein Berliner Start-up, das Softwaresysteme für Banken entwickelt, hat sich frische 110 Mill. Euro besorgt und seine Bewertung damit eigenen Angaben zufolge auf 1,7 Mrd. Euro hochgetrieben. Auch insgesamt ist im vergangenen Jahr das Finanzierungsvolumen der größten deutschen Fintechs weiter gestiegen, so dass es sich bei den erfolgreichsten 20 Unternehmen seit 2012 zusammen auf 3,1 Mrd. Euro summiert (Comdirect-Fintech-Studie). Das deutet zumindest auf eine im Kern gesunde, krisenresis­tente und wachstumsstarke Fintech-Szene hin.

Dennoch: Deutschland braucht mutigere Investoren – und eine Regulierung für institutionelle Investoren, die es ihnen erlaubt, mutig zu sein. Während Venture Capital in Frühphasen noch reichlich fließt, tun sich die großen Geldsammelstellen schwer, große Beträge in bereits etablierte Wachstumsfirmen zu stecken, die den nächsten großen Schritt machen wollen.

Das liegt vor allem an den hohen Bewertungen, die Wachstumsfirmen heute schon früh erreichen, auch wenn sie noch nicht profitabel sind. Europäische Anleger sind meist nicht bereit, diese hohen Preise für stark wachsende, aber noch defizitäre Firmen zu bezahlen. Während US-Investoren starke Wachstumsaussichten verlangen, erwarten europäische Anleger ein positives Ebitda (Betriebsergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen auf Sachanlagen und immaterielle Vermögensgegenstände) – nicht zuletzt, weil sie eingeschnürt sind in einer Regulierung, die wachstumsorientiertes Investieren nicht eben begünstigt.

In China hingegen sehen wir, dass viel Wachstumskapital für aufstrebende Unternehmen von privaten Investoren kommt, die in Start-up-Segmenten wie dem Star Market investieren. Die Mobilisierung von mehr privatem Kapital sowie ein spezieller Fokus auf mehr Tech Initial Public Offerings (IPOs) ist ein Beispiel, von dem wir in Europa noch mehr lernen müssen.

Aber auch im institutionellen Segment: Hier sollten in Europa regulatorische Hürden abgebaut werden. Insbesondere müssen die Kapital- und Bilanzierungsvorschriften für Versicherungen und Pensionskassen grundsätzlich aktienfreundlicher werden und es den Investoren erleichtern, vorübergehende Wertverluste „auszuhalten“.

Drittens, die Regulierung: In China sind viele Fintech-Innovatoren groß geworden, weil sie sich in einem anfangs wenig regulierten Markt bewegen konnten. Das war gut für das Innovationstempo. Doch nun unternimmt der chinesische Regulator in vielen Bereichen Schritte zur Stärkung des Verbraucherschutzes und der Marktintegrität, ohne dabei die Innovationskraft zu dämpfen. Erst vor wenigen Wochen erließ Chinas Marktregulierungsbehörde neue Antimonopolregeln, die auch Bezahldienstleister wie Ant unter eine strengere Regulierung stellen. Damit soll eine gezieltere Evolution der Finanzindustrie durch die Fintechs befördert werden. Gleichzeitig sollen auch die Kapitalanforderungen für Fintechs erhöht werden.

Kein Wettbewerbsnachteil

In der Tendenz werden wir also eine Angleichung der Regulierung in China an westliche Standards sehen. Für die chinesischen Groß-Fintechs, die global expandieren wollen, ist eine Adaption an westliche Regulierung ohnehin Pflicht. Insofern erleidet Europa keinen Wettbewerbsnachteil, wenn es an seinem Qualitätslevel in der Regulierung der Fintech-Industrie festhält. Der Verzicht auf die oft geforderten sogenannten Sandboxes für Fintechs mag zwar für viele Start-ups eine hohe Hürde bedeutet haben. Sie haben aber im Gegenzug von einem durch den rechtlichen Rahmen geschaffenen Vertrauensvorschuss bei Geschäftspartnern und Kunden profitiert. Und mit der PSD-2-Richtlinie (Payment Services Directive 2) hat Europa gezeigt, dass es innovationsfreundliche Regulierung beherrscht, sie aber auch gegen die Erfordernisse eines Level Playing Field abwägt.

Industriepolitik lohnt sich

Wir lernen aus dem Vergleich beider Systeme, wie Industriepolitik – ein in Deutschland lange verpöntes Wort – Früchte trägt und ausländische Investoren anzieht. Das hat China mit der kontinuierlichen Öffnung seiner Märkte für Marktteilnehmer aus dem Ausland gezeigt. Zwar ist die Situation des Landes kaum mit Deutschland vergleichbar, doch das Vorgehen illustriert, dass der Finanzplatz von einer weitsichtigen Strategie der politischen Entscheidungsträger nur profitieren kann – und damit auch die Fintechs.

Quelle: Börsen-Zeitung, 03. März 2021, Niel Tomm © Alle Rechte vorbehalten.

Bild: steven_yu/Pixabay

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