Advanced Analytics und Artificial Intelligence werden an Bedeutung gewinnen

Christopher Schmitz, Partner und FinTech-Experte bei Ernst & Young (EY), erzählt im Frankfurt Main Finance-Interview, was das FinTech-Ökosystem Rhein-Main kennzeichnet und warum es in Zukunft noch engere Kooperationen zwischen FinTechs und traditionellen Unternehmen wie Banken, Versicherern und Asset Managern geben wird.

Die Investitionen in deutsche FinTechs gemessen an der durchschnittlichen Deal-Größe sind seit 2012 stetig gestiegen. Wird sich diese Entwicklung fortsetzen?

Nach unserer Einschätzung wird sich der Trend zur Vergrößerung der Deal-Größen weiter fortsetzen. Einige der FinTechs, die in den vergangenen Jahren in Deutschland gegründet wurden, haben Erfolge auf der Marktseite im B2C- oder im B2B-Segment erzielen können. Internationale Investoren haben deutsche FinTechs als lohnenswerte Investment-Objekte für sich entdeckt. Diese umfangreichen Finanzierungsrunden ermöglichen den FinTechs, ihr Geschäft weiter zu internationalisieren und ihren Growth-Pfad weiter erfolgreich zu bestreiten. Mit dem Erfolg steigen auch die Bewertungen der FinTechs, zuletzt bis auf Werte von ca. 2 Mrd. € für die erfolgreichsten Start-ups. Dies treibt weiterhin die durchschnittlichen Deal-Größen nach oben.

Der Fokus des FinTech-Ökosystems im Rhein-Main-Gebiet liegt auf „Enabling Processes & Technology“ sowie „InvesTech“. Darüber hinaus: Was genau macht für Sie das FinTech-Ökosystem im Rhein-Main-Gebiet aus?

Das FinTech-Ökosystem Rhein-Main ist im Vergleich zu anderen deutschen Fintech-Hubs durch eine starke Ausrichtung auf B2B-Geschäftsmodelle, eine sehr erwachsene Gründerpopulation sowie die Nähe zu und den aktiven Austausch mit den potenziellen Kunden geprägt. Ein signifikanter Anteil der Gründer im Ökosystem verfügt über langjährige Erfahrung aus Banken, Versicherungen oder Asset Managern und nutzt diese Erfahrung um seine Geschäftsmodelle an den konkreten Problemen seiner Kunden auszurichten. B2B-Geschäftsmodelle erfordern dabei im Seed- und Growthbereich im Vergleich zu B2C-Geschäftsmodellen deutlich weniger Kapital, da die Kundenakquisition nicht über die klassischen Onlinemedien mit entsprechend hohem Marketingaufwand erfolgt, sondern durch direkte Kundenbeziehungen zu den potenziellen Abnehmern ihrer Leistungen. Hierdurch gestaltet sich zwar der B2B-Verkaufszyklus deutlich länger und komplizierter, aber häufig schaffen die B2B-Dienstleister bei erfolgreicher Akquisition einen schnelleren Break Even. Gerade die Nähe zu Regulatoren, Kunden und die Offenheit des Ökosystems sowie die gute internationale Vernetzung am Standort ermöglichen eine schnelle Evolution der Dienstleistungsangebote.

Wie sieht Ihr Ausblick auf das Jahr 2019 aus? Auf welche FinTech-Trends sind Sie besonders gespannt bzw. auf welche Trends sollten wir uns einstellen?

Wir werden eine noch engere Kooperation zwischen FinTechs und den traditionellen Anbietern erleben. Banken, Versicherer und Asset Manager kommen aufgrund der stetig zunehmenden Innovationsgeschwindigkeit, ihrer Legacy Infrastruktur und ihrer vergleichsweise langsamen kulturellen Transformation gar nicht umhin, ihre digitalen Ökosysteme unter Mithilfe und Einbeziehung von FinTechs zu gestalten. Rein disruptive Ansätze finden sich nur vereinzelt bei erfolgreichen Start-ups, die Kooperation tritt in den Vordergrund. Open Banking und die API-/Plattformökonomie werden zu zentralen Feldern der zukünftigen Positionierung von etablierten wie auch von neu in den Markt eintretenden Spielern. Die beginnende Konvergenz der Wertschöpfung über Branchengrenzen hinweg in neu entstehenden Marktplätzen in Bereichen wie Mobility, Digital Health, Smart Cities oder Smart Home erfordert ein Umdenken in der Finanzdienstleistungsbranche über die Art, wie Kundenbeziehungen gewonnen und gehalten werden können. Die Themen Advanced Analytics und Artificial Intelligence werden in diesem Kontext noch mehr an Bedeutung gewinnen, und FinTechs werden einen großen Teil der kundenzentrierten Innovation als Partner und Dienstleister der Finanzdienstleistungsbranche vorantreiben.

Frankfurt ist der Finanzplatz der kurzen Wege

Welche Trends werden das FinTech-Jahr 2019 auszeichnen und vor welchen Herausforderungen steht das Frankfurter FinTech-Ökosystem? Im Interview gibt Björn Godenrath, Redakteur bei der Börsenzeitung und FinTech-Experte, einen Ausblick auf das Frankfurter FinTech-Jahr 2019.

Das Frankfurter Fintech-Ökosystem zeichnet sich durch seine Nähe zu den großen und ‚etablierten‘ Banken aus. Inwiefern profitieren aufstrebende FinTechs sowie die Banken von der räumlichen Nähe?

Frankfurt kann als Finanzplatz der kurzen Wege eine sehr gute Brutstätte für FinTechs sein, die die Nähe zum lokalen Bankensektor suchen. Deshalb siedeln sich am Main vor allem B2B-Fintechs an, die Banken als technologischer Dienstleister bei der vielfältigen Digitalisierung unterstützen. Aktuelle Daten von PwC zeigen zum Beispiel, dass diese Form der Zusammenarbeit bereits weit verbreitet ist. Dabei kann in Frankfurt das TechQuartier als Ankergrund fungieren.

Allerdings sind auch Berliner und Münchener FinTechs mobil genug, um Kontakt und Geschäftsanbahnung in Frankfurt zu vollziehen – zudem lässt sich ja beobachten, dass „Frankfurter Geld“ auch gerne in Berlin vor Ort ist, um dort Investments zu tätigen bzw. Fintech- Kooperationen einzugehen. Das finanzielle Engagement Frankfurt Banken (Corporate VC) im FinTech-Sektor ist leider als enttäuschend einzustufen, was die Frage aufwirft, ob die Institute bei der Digitalisierung nicht immer noch zu wenig beherzt vorgehen – und dabei Chancen liegen lassen. Zudem sind alle Akteure des Finanzplatzes dazu aufgefordert, den Rahmen dafür zu schaffen, dass große internationale VC-Fonds Frankfurt auf der Agenda haben – das TechQuartier ist dafür (derzeit) offenbar nicht das geeignete Drehkreuz.

Welche FinTech-Trends sehen Sie für das Jahr 2019? Welche Trends sind für Sie besonders spannend?

Ich fürchte, es ist absehbar, dass einige FinTechs die Segel streichen müssen, weil zum einen Geschäftsmodelle nicht aufgehen und zum anderen mitunter keine Anschlussfinanzierungen zur Verfügung stehen – was ganz normal ist. Außerdem könnten einige B2B-Kooperationen platzen, da sich Hoffnungen nicht erfüllen lassen – so wie bei Vaamo mit Santander Deutschland. Das mündet dann in eine gewisse Konsolidierung des Sektors, was auch zu grenzüberschreitenden Zusammenschlüssen führen kann, um vorhandene Kundenbasis und Technologie zu nutzen. Daraus können dann gestärkte FinTech-Player hervorgehen.

Positiv ist, dass zunehmend ausländisches Kapital in deutsche FinTechs fließt, was ambitionierten Geschäftsmodellen zu Gute kommt – die N26-Finanzierung zu einer Bewertung von mehr als zwei Milliarden Euro spricht da Bände. Davon werden wir 2019 hoffentlich noch mehr sehen. Außerdem erwarte ich, dass sich in diesem Jahr der Erfolg von Geschäftsmodellen abzeichnen wird, die auf der Bezahlverordnung PSD2 beziehungsweise dem Open Banking mittels APIs, also der Öffnung von Bankendaten für Drittanbieter, für den Datentransport fußen – dazu zählt für mich auch die Plattform-Strategie der Deutschen Bank. Zudem erwarte ich, dass es in Deutschland zur Jahresmitte einen gewissen gesetzlichen Rahmen für Kryptowährungen  geben wird, sodass Marktakteure nicht mehr schutzlos in die Nachregulierung laufen. Die Börse Stuttgart plant ja die Aufnahme des Krypto-Handels für Frühjahr/Sommer. Darüber hinaus bietet die Tokenisierung von Assets große Möglichkeiten, um Vermögenswerte (wie in Real Estate) liquide zu machen – was dann wiederum Futter ist für unsere Börsenplätze.

Mit Creditshelf ist erstmals ein reines FinTech-Unternehmen an den Kapitalmarkt gegangen. Könnte Creditshelf hier ein Vorbild für andere etablierte Finanztechnologie-Unternehmen sein?

Na klar – sofern sich hier Investoren finden, die zur angestrebten Bewertung Anteile zeichnen. Bislang ist das Motto im FinTech-Sektor ja, möglichst lange über private Funding-Runden Kapital aufzunehmen, um dann erst mit gesteigerter Bewertung und Unternehmensreife an den Markt zu gehen – was auch den grundsätzlichen Kapitalmarkterfordernissen entspricht. Das Beispiel Creditshelf zeigt aber, dass man eine solche Platzierung auch schon in sehr frühem Stadium durchziehen kann, was natürlich die Hoffnung nährt, dass dies Nachahmer animiert, ein Frankfurter Listing zu suchen – im Venture Network der Deutschen Börse befinden sich ja einige Kandidaten, die an die Kapitalmarktfähigkeit herangeführt werden. Als konkreten IPO-Kandidaten vielleicht auch schon für dieses Jahr sehe ich die Solaris Bank aus Berlin.

Von der Garage zum Finanzplatz Frankfurt

Accelerator Frankfurt wurde 2016 von Ram Shoham und Maria Pennanen gegründet, basierend auf ihren Erfahrungen mit Unternehmen, die Schwierigkeiten hatten, Partnerschaften mit Start-ups aufzubauen. Accelerator Frankfurt begleitet B2B-Software-Startups in den Bereichen Fintech, RegTech, Cybersecurity, Insurtech, Proptech und Blockchain während ihrer Entwicklung. Startups, die in das Accelerator Programm aufgenommen wurden, erhalten Mentorships von erfahrenen Unternehmern, Investoren und Consulting Services sowie einen Co-Working-Space, um ihren Ideen Raum für Entfaltung zu geben. „Wir wollten unser Programm als Schnittstelle für Unternehmen und Start-ups etablieren“, sagt Ram Shoham, Mitbegründer von Accelerator Frankfurt. Das Programm konzentriert sich aufgrund der Anziehungskraft des Finanzplatzes Frankfurt insbesondere auf FinTechs. Des Weiteren betreibt Accelerator Frankfurt  Blockchain Labs, die Unternehmen den Zugang zu Blockchain-Technologien ermöglichen und über dessen Potential aufklären.

Wir haben Ram Shoham in einem exklusiven Interview gefragt: Wie sieht der Weg von der Garage zum Finanzplatz Frankfurt aus?

Accelerator Frankfurt in 2 Sätzen: Was macht den Erfolg der Accelerator Frankfurt GmbH aus?

Für Start-ups sind wir das Tor zur deutschen Finanzbranche. Mit unserem dreimonatigen, umsatzorientierten acceleration program helfen wir fortgeschrittenen Start-ups, die bereits zahlende Kunden und Produkte haben, den deutschen Markt zu erschließen.

Was beeindruckt Sie am meisten, wenn Sie mit jungen Gründern sprechen?

Wir haben seit 2016 bereits dreißig Start-ups geholfen sowie Tausende von Gründern überprüft, bevor wir einige von Ihnen in das Programm aufgenommen haben. Die Gründer, mit denen wir zusammenarbeiten, haben alle eines gemeinsam: Leidenschaft. Wir wählen nur Gründer aus, die das, was sie tun, lieben. Die Unternehmensgründung ist sehr stressig und intensiv. Du musst lieben, was du tust, wenn du Großes erreichen willst.

Wie sieht der typische Weg von der Garage zum Finanzplatz Frankfurt aus? Gibt es einen einzelnen Pfad? Welche Hürden müssen Start-ups nehmen?

Es gibt keinen typischen Weg. Einige Start-ups sind disruptiv, andere komplementär. Wir konzentrieren uns vor allem auf Business-to-Business (B2B) Lösungen. Das bedeutet, dass für den Erfolg unserer Start-ups, Partnerschaften mit den Banken aufgebaut werden müssen. Dafür braucht man Ausdauer, denn die Verkaufszyklen können recht langwierig sein, dafür sind aber auch die Belohnungen ziemlich groß.

Frankfurt hat sich vor allem durch die Nähe zu etablierten Banken zu einem FinTech-Hub entwickelt. Wie würden Sie das aktuelle FinTech-Ökosystem in Frankfurt beschreiben?

Als wir den Accelerator Frankfurt gegründet haben, gab es in der Stadt kaum ein Start-up-Ökosystem. Wir waren der erste Accelerator in Frankfurt und sicherlich der erste, der internationale Start-ups in die Stadt lockte. Heute freuen wir uns sehr über die Auswirkungen unseres Netzwerkes auf die Stadt. Es gibt sicherlich mehr Bewegungen, mehr ergänzende Programme und hoffentlich in naher Zukunft auch mehr Risikokapitalfonds, die in die Frankfurter Start-ups investieren.

Welche zukünftigen Herausforderungen stehen dem Frankfurter FinTech-Ökosystem bevor? Und welche Chancen ergeben sich daraus?

Die größte Herausforderung für Frankfurt besteht darin, dass die Banken immer offener für neue Innovationen werden. FinTech gewinnt in der Finanzwelt an Bedeutung, insbesondere bei Blockchain-Lösungen. Dennoch bleibt ein enormes Potenzial für Banken, um diese innovativen Start-ups zu unterstützen.

Haben Sie ein Lieblings-Startup? 😉

Ich habe keine Lieblings-Start-ups. Ich habe Lieblingsunternehmer, und das sind die Menschen, die mich jeden Tag inspirieren. Die bisher größte Lektion in meiner Karriere ist, dass harte Arbeit einen dorthin bringt, wo das Glück einen finden kann. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, hilft dabei sicherlich.

Warum ist Frankfurt der ideale Standort für (FinTech) Start-ups?

Über 240 Banken. Guter Flughafen. Reichhaltige Umgebung. Gute Universitäten und Talente.

 

 

Über Ram Shoham

Ram Shoham ist für Fintechs was George Martin für die Beatles ist. Er ist der Gründer von Accelerator Frankfurt, mit 16 Jahren internationaler Unternehmenserfahrung in den Bereichen Finanzen und General Management. Ram ist auch Gründer des Blockchain Labs, der sich auf den Aufbau eines Ökosystems zur Förderung von Blockchain-Technologien und die Bildung in diesem Sektor konzentriert.

 

Photo: Jonas Ratermann

Das Alleinstellungsmerkmal der Startups ist wichtig

Welche Herausforderungen wird es für junge FinTechs in der Zukunft geben und wie kann der FinTechGermany Award dabei helfen, diese zu überwinden? Lucie Haß, Managing Director bei Helaba Digital und Jury-Mitglied des FinTechGermany Awards 2019, beantwortet diese und weitere Fragen im Interview mit Frankfurt Main Finance.

Lucie Haß, Managing Director bei Helaba Digital und Jury-Mitglied des FinTechGermany Award 2019; © Stefan Krutsch Photographie

Worauf achten Sie bei der Beurteilung der Bewerber für den FinTechGermany Award besonders?

Ich hinterfrage als erstes, ob die Idee des Start-ups ein tatsächliches Problem löst und ob es skalierbar ist. Darüber hinaus schaue ich, ob wir die Gründer kennen und ihnen zutrauen, die Idee umzusetzen und etwaig auftretende Hindernisse zu überwinden.

Was sind heute die größten Herausforderungen für FinTechs in Deutschland? Was muss getan werden, um diese jungen Unternehmen zu unterstützen? Wie helfen Plattformen wie der FinTechGermany Award dabei?

Im B2C-FinTech-Bereich gibt es mittlerweile sehr viele Lösungen am Markt. Schwierig ist dabei, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen und zu zeigen, was der eigene USP ist. Im B2B-Bereich ist das Angebot deutlich geringer. Aus meiner Sicht ist hier die größte Herausforderung Partner zu finden, die das Potenzial der Lösung erkennen und bereit sind, die Lösung im eigenen Unternehmen einzusetzen. Insbesondere, wenn die B2B.FinTechs nicht nur an der Oberfläche „kratzen“, sondern sich auf Kernprozesse von Banken fokussieren, ist der Widerstand noch deutlich spürbar. Dies zu überwinden, braucht einen langen Atem und Partner, die an einen glauben. Plattformen, wie der FinTechGermany Award unterstützen dabei, besondere FinTechs hervorzuheben, diese mit Unternehmen zusammenzuführen und damit die ersten Hürden einer Kooperation zu nehmen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des deutschen FinTech-Ökosystems für das kommende Jahr ein? Welche Perspektiven erkennen Sie bei einem Ausblick auf die kommenden fünf Jahre?

Ich erwarte, dass sich mehr im B2B-FinTech-Markt tut. Zudem sehen wir, dass immer mehr Investments von deutschen VCs und Unternehmen in Start-ups fließen. Dennoch sehen wir nach wie vor zu wenig Kooperationen zwischen FinTechs und Unternehmen und Banken. Meine Hoffnung ist, dass Unternehmen und Banken in den kommenden Jahren noch stärker das Potenzial von Start-Ups erkennen, sich von Vorbehalten trennen und wir hier noch mehr Zusammenarbeit sehen.

Was sollte in Frankfurt getan werden, um zu einem der führenden Fintech Hubs in Deutschland bzw. in Europa zu werden?

Da gibt es ganz unterschiedliche Ansatzmöglichkeiten. Das TechQuartier, dessen Sponsor wir sind, hat zusammen mit dem Land Hessen einen Maßnahmenplan entwickelt. Dieser umfasst das gesamte Spektrum an Maßnahmen, die es für den Aufbau eines Ökosystems braucht. Darüber hinaus sind auch die Banken stark gefordert. Je offener sie gegenüber Neuem sind, desto mehr Neues wird sich in ihrer Nähe ansiedeln. Sowohl Finanzexpertise als auch Kapital ist geballt in Frankfurt. Wir müssen es also gemeinsam schaffen, dass diese Stadt und die Kooperationen attraktiv sind für Gründer innerhalb und außerhalb von Deutschland. Und aus meiner Sicht geht das am besten, wenn wir Gutes tun und über Grenzen hinweg darüber sprechen.

Tarek Al-Wazir: „Die Finanzwirtschaft von morgen ist digital“

Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen, im Interview zum Thema FinTech in Frankfurt

Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen

Frankfurt Main Finance hat Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen, drei Fragen zum Thema Fintech gestellt. Unter anderem erfahren wir im Interview, welche FinTech-Highlights uns in Frankfurt 2019 erwarten.

FinTech – Warum ist das Thema für Sie persönlich wichtig? Warum für die Region?

Der Finanzplatz Frankfurt ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor für die Rhein-Main-Region. Deutschland als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt braucht ein entsprechendes Bankenzentrum. Und deshalb braucht Frankfurt innovative Finanztechnologie-Unternehmen – oder kurz: FinTechs. Denn die Finanzwirtschaft von morgen ist digital; FinTechs drängen in den Markt, konkurrieren mit traditionellen Dienstleistern oder schaffen völlig neue Geschäftsfelder. Damit Frankfurt in diesem Innovationswettbewerb konkurrenzfähig bleibt, müssen wir hochqualifizierten Fachkräften ein attraktives Arbeitsumfeld und zukunftsorientierte Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Und ich bin überzeugt, dass die Innovationskraft, die von FinTechs ausgeht, auch anderen Branchen zugutekommt.

Welche FinTech-Highlights erwarten uns 2019 aus Ihrer Sicht?

Eins unserer Ziele ist ja, dass Frankfurt als FinTech-Standort überregional sichtbar wird. Dazu werden einige Events beitragen, zum Beispiel die Global Insurtech Roadshow (GIR 2019) mit dem Partnerland Israel im März, die ExecFintech im April, die nach zwei Jahren in Berlin nach Frankfurt zurückkehrt, und die Growth Con im Mai. Der KI-Hub wird sich weiter etablieren und seine ersten finanzwirtschaftlichen Programme starten. Es wird Ansiedlungen und Finanzierungsrunden geben. Ich bin sicher, dass sich viele Anlässe bieten, um über die Erfolge von Frankfurt als Top-FinTech-Standort zu berichten.

Die Region Frankfurt Rhein-Main soll sich innerhalb von fünf Jahren zum führenden FinTech-Hub in Kontinentaleuropa sowie einer international anerkannten Tech-Region entwickeln. Was ist noch nötig, um DAS PERFEKTE Gründerklima zu etablieren und dies zu erreichen?

DAS perfekte Gründerklima für alle wird es nicht geben – weder hier noch im Silicon Valley. Dafür sind die Bedürfnisse einfach zu unterschiedlich. Wir müssen deshalb von unseren Stärken ausgehen, und die sind FinTechs, Cybersecurity und Künstliche Intelligenz. Den Weg weist unser Masterplan für die Start-up-Region Frankfurt-Rhein-Main. Wirtschaft, Wissenschaft und Politik wollen gemeinsam erreichen, dass aus guten Ideen marktreife und erfolgreiche Produkte werden. Zentrale Maßnahmen sind schon umgesetzt oder angestoßen. Die Plattform TechObserver ist online, das FinTech Acelerator Programm des TechQuartier läuft. Aber es liegt auch noch viel Arbeit vor uns. Wir arbeiten kräftig weiter, aber ich freue mich über jede Anstrengung weiterer Akteure.

„Wir sollten die Stärken des Standorts betonen“: Matthias Hübner, Partner bei Oliver Wyman in Frankfurt, im Interview zum FinTechGermany Award 2019

Matthias Hübner ist Partner bei Oliver Wyman und Jurymitglied des FinTechGermany Awards 2019, der führende investorenseitige FinTech-Award in Deutschland. Wir haben Matthias Hübner gefragt, worauf er bei der Beurteilung der FinTech-Bewerber besonders großen Wert legt.

Worauf achten Sie bei der Beurteilung der Bewerber für den FinTechGermany Award besonders?

Für mich sind zwei Punkte entscheidend: Erstens, der Bedarf für ein Produkt oder eine Dienstleistung muss klar sein, das heißt das Produkt sollte ein tatsächliches Problem für Kunden lösen. Zweitens muss es innovativ sein. Leider sehen wir in letzter Zeit viele „copy cat“-Modelle ohne echte Differenzierung, von denen die meisten meiner Meinung nach keine dauerhafte Überlebenschance haben.

Was sind heute die größten Herausforderungen für FinTechs in Deutschland? Was muss getan werden, um diese jungen Unternehmen zu unterstützen? Wie helfen Plattformen wie der FinTechGermany Award dabei?

Die größte Schwierigkeit bei Start-ups, nicht nur im FinTech-Bereich, ist sicherlich die Skalierung, also das Erreichen der kritischen und langfristig profitablen Größe. Hier kann der FinTech Germany Award eindeutig helfen: direkt durch den Kontakt zu Investoren für die Finanzierung des Wachstums, wie auch indirekt über einen Beitrag zur Steigerung der Markenbekanntheit der Preisträger.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des deutschen FinTech-Ökosystems für das kommende Jahr ein? Welche Perspektiven erkennen Sie bei einem Ausblick auf die kommenden fünf Jahre?

Deutschland ist bei FinTech ein Nachzügler, entwickelt sich aber dynamisch und holt gegenüber anderen Ländern auf. Diese Entwicklung sollte sich 2019 fortsetzen, zumal einige FinTechs der ersten Stunde mittlerweile auch über deutlich ausgereiftere Geschäftsmodelle verfügen und somit zunehmend aus der Nische herauswachsen.

Was sollte in Frankfurt getan werden, um zu einem der führenden Fintech-Hubs in Deutschland beziehungsweise in Europa zu werden?

Ich denke, dass die dezentrale Struktur in Deutschland für die Etablierung eines international führenden FinTech-Hubs nicht gerade hilfreich ist. Aber wir sollten wegkommen von der traditionellen Diskussion „Frankfurt vs. Berlin“, und stattdessen klar die Stärken des jeweiligen Standorts betonen. Für Frankfurt spricht aus meiner Sicht die Nähe zu führenden Partnern wie Banken, Börse oder auch die Infrastruktur an Beratungsleistungen. Gerade für FinTechs mit Fokus auf B2B ist das ein wichtiger Vorteil.

Fintech Interview with Compendor

“Es ist fast ein kleiner Kulturwandel erforderlich“

Elmo Olieslagers | Compendor GmbH

Elmo Olieslagers | Compendor GmbH

RegTech (kurz für Regulatory Technologies) zielt darauf ab, zeiteffiziente, konfigurierbare und zuverlässige regulatorische Lösungen für Unternehmen anzubieten. Waren vor wenigen Jahren beispielsweise noch komplexe Excel-Tabellen zur Bearbeitung von Compliance-Fragen nötig, bieten nun junge und aufstrebende RegTech-Unternehmen Software-Lösungen an, die regulatorische Anforderungen einsichtig und verständlich darstellen und die Umsetzung dieser unterstützen und dokumentieren. Vor allem nach in Kraft treten der MiFID II / MiFIR-Regelungen sind RegTech-Unternehmen daher in den Fokus der Aufmerksamkeit der Finanzwelt gerückt. Eines dieser Unternehmen ist das Frankfurt Main Finance-Mitglied Compendor: Elmo Olieslagers, Gründungsmitglied von Compendor, gibt uns im Interview einen exklusiven Einblick in die Arbeitsweilt eines jungen RegTech-Unternehmens!

Wie ist die Idee, die zur Gründung von Compendor führte, entstanden? Gab es bestimmte Auslöser, die dazu veranlasst haben, das Unternehmen ins Leben zu rufen?

MiFID II / MiFIR ist ein am 3. Januar 2018 in Kraft getretenes Gesetz, welches mit allen seinen Ergänzungen insgesamt fast 7.000, für Nicht-Juristen oftmals schwer verständliche, Seiten umfasst.

Mit der Umsetzung der Anforderungen von MiFID II / MiFIR, benötigte ein Kunde einen strukturierten, detaillierten und pragmatischen Gap Assessment-Ansatz. Anwaltskanzleien boten zu der Zeit lediglich auf Excel-Tabellen basierende Lösungen zur Gap-Analyse an. Da diese Lösungen sehr komplex und juristisch geschrieben waren, war für unseren Kunden nicht eindeutig klar, was die genauen Anforderungen sind und was praktisch zu tun ist.  Es wäre also notwendig gewesen, einen externen Rechtsberater zu engagieren. Dies war der Grund, warum der Kunde uns beauftragte, eine weniger komplexe Lösung zu erarbeiten. Unsere Lösung vereint die Expertise von Anwälten und das Wissen von Compliance-Spezialisten mit Bankfachwissen in einer Online-Applikation. Die Basis ist dabei eine strukturierte Entscheidungsbaumsoftware, mit der wir in einer innovativen Art und Weise regulatorische Anforderungen einsichtig und verständlich machen und die Umsetzung dieser unterstützen und dokumentieren.

Seitdem haben wir unsere Lösung auch auf andere Verordnungen erweitert und unterstützen unsere Kunden bei den wichtigsten Anforderungen bezüglich Anlegerschutz und bei der DSGVO für Banken, Kapitalanlagegesellschaften und Vermögensverwalter.

Wo ist Compendor im Spektrum der verschiedenartigen RegTech-Lösungen angesiedelt?

Um diese Frage genau zu antworten, betrachten wir die typischen Akteure und typischen Lösungen entlang eines generischen Regulatory Response Prozesses.

Der Regulatory Response Prozess besteht typischerweise aus drei Schritten:

  1. „Signalisierung“ neuer regulatorischer Anforderungen durch die Software, ggf. mit einem ersten Schnellscan auf mögliche Auswirkungen
  2. „Umsetzung“ mittels einer detaillierten Gap-Analyse, der Definition von Lösungsansätzen und derer Umsetzung
  3. „Monitoring“, also kontinuierliche und detaillierte Überwachung der Einhaltung bereits eingeführter regulatorischer Anforderungen

Verschiedene deutsche Bankenverbände und Anwaltskanzleien bieten bereits Lösungen zur „Signalisierung“- an.

Compendor bietet darüber hinaus Lösungen zur Umsetzung sowie zur Überwachung regulatorischer Anforderungen. Dazu ist es notwendig, die Anforderungen und deren Auswirkungen auf einer viel detaillierteren Ebene zu verstehen und zu beschreiben, und praktische Lösungsansätze mitzuliefern.

Warum sollten Vermögensverwalter und Banken Ihre Lösungen nutzen?

Wir sehen, dass viele Vermögensverwalter und kleinere Banken oft nicht über die Ressourcen oder das detaillierte Fachwissen verfügen, um mit allen neuen Anforderungen Schritt halten zu können. Und sogar, wenn für eine bestimmte Regulatorik doch Ressourcen bereitgestellt werden (d.h.: freigesetzt und ausgebildet), so ist dies beispielsweise oft nicht genug. Daraus ergeben sich Bedenken in Bezug auf Kontinuität und inhaltlichem Abdeckungsgrad der verschiedenen regulatorischen Anforderungen.

Unsere Lösungen bieten da Abhilfe. Durch den Einsatz unserer RegTech-Lösungen ist kontinuierliche Verfügbarkeit von aktuellem Wissen garantiert. So können verfügbare Ressourcen effizienter eingesetzt werden, um die Belastung durch neue und bestehende Regulatorik zu bewältigen.

Compendor in 3 Punkten: Was macht den Erfolg von Compendors Compliance Monitoring Solutions aus?

  1. Kontinuität und Beständigkeit von regulatorischem Fachwissen und Expertise: Sowohl die regulatorischen Anforderungen wie auch die Interpretationen während des Umsetzungsprozesses sind immer in einer zentralen Lagerstelle vorhanden, unabhängig von der Verfügbarkeit individueller Personen (Full Audit Trail).
  2. Aktualität: Die rechtliche Basis ist immer auf dem neuesten Stand der regulatorischen Anforderungen.
  3. Effizienz: Der Einsatz von innovativer Technologie ermöglicht den effizienten und effektiven Einsatz von oft knappen Ressourcen.

Was sind derzeit die größten Hürden für die RegTech in der Finanzindustrie?

Um die Vorteile, die RegTech bieten kann, vollständig zu nutzen, ist in vielen Finanzinstituten fast ein kleiner Kulturwandel erforderlich. Einige Punkte, die oft eine Hürde darstellen, sind:

  • Die fehlende Einsicht und Akzeptanz, dass die Einhaltung regulatorischer Anforderungen ein Hygienefaktor ist, und kein strategischer Wettbewerbsvorteil.
  • Der Wiederstand in manchen Rechts- und Compliance-Abteilungen gegen den Einsatz von Technologie, um die stetig zunehmende Menge und Komplexität der Regulatorik zu bewältigen.
  • Kosten- und zeitintensive Eigenentwicklung von Interpretationen und Lösungen anstatt Einsatz von Best Practice-Lösungen mit gebündeltem Fachwissen aus der Finanzindustrie.
  • Fragmentierte Einführung regulatorischer Anforderungen durch individuelle Tochtergesellschaften, Geschäftsbereiche und Abteilungen, anstatt einer einheitlichen Interpretation und Umsetzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Warum ist Frankfurt der ideale Standort für (FinTech-) Startups?

Frankfurt gewinnt in der europäischen Finanzlandschaft immer mehr an Bedeutung, immer mehr Banken und andere Finanzinstitute siedeln sich in Frankfurt an. Dies führt zu einem großen Bedarf an Finanz- und Aufsichtskompetenz und demnach auch zu Engpässen bei den verfügbaren Ressourcen. FinTech / RegTech kann Abhilfe schaffen mit alternativen Lösungen für effizientere Prozesse und für den effizienteren Einsatz der ohnehin knappen Ressourcen.

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Der Standort spielt für junge FinTechs eine sehr wichtige Rolle

Wir haben Dr. Jochen Biedermann, Senior Advisor bei Frankfurt Main Finance und FinTech-Experte, gefragt: „Was zeichnet die Region Frankfurt Rhein-Main als FinTech-Standort aus?“ Im Interview gibt Dr. Biedermann spannende Einblicke in die Gründerwelt im Rhein-Main-Gebiet.

Was beeindruckt Sie am meisten, wenn Sie mit jungen FinTech-Gründern sprechen?

Mich beeindruckt am meisten das Gespür der Gründer für neue Ideen und Chancen in der Finanzindustrie sowie der Mut, diese zu realisieren – trotz vieler Entbehrungen und Widerstände. Häufig erleben Gründer einen Wettkampf mit ungleichen Waffen, vergleichbar der Geschichte von David gegen Goliath: hier der Gründer, der seine Ersparnisse und Erfahrungen einbringt und oft jahrelang Tag und Nacht mit Gleichgesinnten ohne festes Gehalt an seinem Projekt arbeitet und auf der anderen Seite das Großunternehmen mit Millionen an Kunden und Umsätzen.

In den letzten Jahren ist dieses Bild allerdings facettenreicher geworden: Erfolgreiche Davids haben sich mit den Goliaths bestens arrangiert und etablierte Finanzdienstleister als Partner oder Kunden gewonnen. Weniger erfolgreiche FinTechs scheitern oftmals an der nächsten Finanzierungsrunde, denn die Geldgeber sind aus gutem Grund sehr wählerisch geworden – in Deutschland wie fast überall auf der Welt ist die die Goldgräberstimmung der ersten FinTech-Jahre vorbei und wir sehen, dass nach und nach die Realität Einzug hält.

Was sind die First Steps eines Gründers, der sich dazu entschließt, sein Unternehmen am Finanzplatz Frankfurt anzusiedeln? An welche Anlaufstellen kann sich ein Gründer in Frankfurt wenden?

Die Standortwahl spielt für aufstrebende FinTechs eine sehr wichtige Rolle. Zugang zu Talent ist vielleicht der wichtigste Faktor. Im Fokus stehen dabei Fragen wie: Wo finde ich Gleichgesinnte, z.B. einen Chief Technology Officer? oder Wo finde ich kostengünstige und erfahrene Entwickler? Hier ist das Rhein-Main-Gebiet mit seiner breiten Hochschullandschaft mit Studienangeboten in den Bereichen Finanzen, Informatik bis hin zu Management und Unternehmertum sehr gut aufgestellt. Dazu kommt ein reiches Reservoir an Managern und Mitarbeitern der klassischen Finanzbranche, die bereit sind die Seiten zu wechseln und etwas Neues aufzubauen.

In der Regel bleiben Gründer aber erst einmal dem Heimatort treu und starten aus ihrem vertrauten Umfeld heraus, insbesondere auch um die Kosten in der Anfangsphase niedrig zu halten. Später geht es dann um Zugang zu Fördermitteln und den Austausch mit Gleichgesinnten in attraktiven FinTech-Zentren. In Frankfurt haben Gründer allein innerhalb der Stadtgrenzen schon jetzt eine Auswahl an neun unterschiedlichen FinTech-Zentren. Neben dem 2016 gestarteten TechQuartier bieten z.B. auch WeWork, Mindspace, The Spot, VABN und natürlich die Angebote der Banken und der Deutschen Börse (hier finden Sie eine Übersicht) Unterstützung. Und nicht zuletzt ist die Nähe zu den potentiellen Kunden ein relevanter Aspekt. Aus diesem Grund siedeln sich viele B2B-FinTechs am Finanzplatz Frankfurt an oder sind zumindest mit einem Büro im Rhein-Main-Gebiet vertreten. Sie suchen den Kontakt zu den Banken und der Börse, um diese davon zu überzeugen, ihre FinTech-Lösungen mit in das Kundenangebot aufzunehmen.

Gelten diese Erfahrungen auch für internationale FinTechs?

Bei internationalen FinTechs aus, die in den deutschen Markt wollen (oft aus dem EU-Ausland kommend) oder einen ersten Standort in der EU suchen, sieht es oft anders aus. Hier spielt nicht nur die Willkommenskultur, sondern auch das regulatorische Umfeld eine große Rolle. Brauche ich Lizenzen und Genehmigungen für mein Unternehmen? Wenn ja, wie geht die zuständige Aufsichtsbehörde mit mir um? Fühle ich mich am Standort gut aufgehoben? Im Rahmen meiner Kontakte zu internationalen FinTechs gebe ich gerne Auskunft und vermittle Kontakte, insbesondere zu den verschiedenen Förderern am Standort wie z.B. die Wirtschaftsförderung und die Frankfurt Rhein Main GmbH, die eine erstklassige Arbeit leisten und gerne helfen.

Eine sehr wichtige Rolle spielen die verschiedenen Acceleratoren und Incubatoren im Rhein-Main-Gebiet. Exemplarisch möchte ich den Accelerator Frankfurt nennen, dessen israelisch/finnisches Gründerteam Maria Pennanen und Ram Shoham schon vielen FinTechs geholfen hat, erfolgreich zu starten und Investoren sowie Kunden zu gewinnen. Ich bin selber beim Accelerator Frankfurt wie auch beim Plug and Play Tech Center in Frankfurt als Mentor aktiv – eine ehrenamtliche Arbeit, die mir immer wieder Freude macht.

Sie sprachen eingangs von der Metapher David gegen Goliath: Vor welchen Herausforderungen stehen junge Gründer am Finanzplatz Frankfurt? Ergeben sich hieraus auch Vorteile?

In Frankfurt hängt die Latte, je nach Geschäftsmodell, oft ein bisschen höher als woanders.

Zum einen hat die BaFin als Finanzaufsicht den Ruf, bei Themen wie z.B. dem Verbraucherschutz keine Kompromisse einzugehen. Insofern hat man dort folgerichtig dem Ruf nach sogenannten regulatorischen Sandkästen (Spielwiesen, auf denen man neue Geschäftsmodelle erst einmal unter Aufsicht ausprobieren darf, bevor man unter die volle Regulierung fällt) frühzeitig eine Absage erteilt. Umgekehrt hilft gerade dies den Gründern oft später, wenn sie international expandieren möchten. Ich habe bereits von mehreren Gründern gehört, dass die Gespräche mit ausländischen Aufsichtsbehörden deutlich leichter gefallen sind, wenn man mit der Erlaubnis der BaFin quasi ein „Gütesiegel“ vorzuweisen hatte.

Zum anderen herrscht eine hohe Konkurrenz am Standort, zum Beispiel um Talente wie Absolventen der regionalen Universitäten. Gerade bei IT-Spezialisten konkurriert man nicht nur mit anderen FinTechs, sondern auch mit Banken, Finanzdienstleistern und den vielen anderen Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet. Das treibt die Gehälter nach oben – hier können junge Gründer leider nicht immer mithalten.

Auf der Seite der Lebenshaltungskosten ist Frankfurt dagegen recht attraktiv, nicht nur im Vergleich mit den großen internationalen Metropolen wie London, New York, Paris, Hongkong, Singapur oder gar dem Silicon Valley, sondern auch gegenüber anderen deutschen Standorten. Öffentlich geförderte Arbeitsplätze wie im TechQuartier sind dabei sicherlich hilfreich.

Gibt es den perfekten Standort für FinTechs?

Ich denke, so etwas wie den einen perfekten Standort für alle gibt es nicht. Dazu sind die Bedürfnisse der FinTechs zu unterschiedlich. Frankfurt punktet insbesondere mit der Nähe zu den Banken und Finanzdienstleistern als möglichen Kunden, der (fast) perfekten Lokation am zentralen Daten- und Verkehrsknotenpunkt in der Mitte Europas, dem regulatorischen Know-how, das die ansässigen nationalen und europäischen Aufsichtsbehörden bieten, dem Mittelstand quasi vor der Haustür und einer aktiven FinTech-Szene mit vielen Treffen und Veranstaltungen.

Wie würden Sie das aktuelle Frankfurter FinTech-Ökosystem beschreiben und wie wichtig ist die Nähe zu den ‚großen‘ und etablierten Banken?

Das Ökosystem ist gut etabliert. Mit rund 110 FinTech-Unternehmen ist das Rhein-Main-Gebiet gut aufgestellt. Viele davon sind erfolgreich unterwegs, auch wenn wir mit 360T (2015 für 725 Mill. € von der Deutschen Börse erworben) und Concardis (in 2017 für mehr als 600 Mill. € von den Finanzinvestoren Bain Capital und Advent übernommen) nur zwei große „Exits“ hatten. Darüber hinaus haben wir an der Deutschen Börse bereits erfolgreiche FinTech-IPOs gesehen, wie den von Creditshelf im Sommer dieses Jahres.

Im Vergleich mit anderen Standorten sehe ich im Rhein-Main-Gebiet eher B2B-orientierte FinTech-Unternehmen. Deren Kunden sind neben dem klassischen Mittelständler, der eine Finanzierung sucht oder der seine Finanzprozesse optimieren möchte, oft die Banken. Typische deutsche Großbanken kooperieren oft mit einem Dutzend FinTech-Unternehmen, die ihnen umfassende Lösungen anbieten – von Kontowechsel, Videoident, Finanzplattformen, Konsumentenkredite und -prüfungen, Zahlungsverkehr, Schnittstellen/APIs bis hin zur Erfüllung der in der Regel sehr aufwendigen regulatorischen Anforderungen durch die sogenannten „RegTechs“. Oft, aber nicht immer, sind diese Banken auch an den passenden FinTechs investiert. Ein Chief Digital Officer einer Großbank sagte mir einmal sinngemäß: Wenn wir über eine FinTech-Lösung unser Kundenangebot verbessern können, dann kooperieren wir und kaufen die Services ein. Und wenn die Lösung so gut ist, dass wir sie nicht bei unseren Wettbewerbern sehen wollen, dann kaufen wir halt das ganze Unternehmen.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich der FinTech-Standort Frankfurt entwickeln?

Wir sehen seit einiger Zeit neue Technologien, die voraussichtlich die Finanzbranche oder zumindest Teile der Finanzindustrie im kommenden Jahrzehnt verändern werden. Dazu gehört zum einen die Blockchain- oder Distributed-Ledger-Technologie. Und natürlich die Nutzung von künstlicher Intelligenz. Auch die Themen Digitale Identität und IT-Sicherheit („Cybersecurity“) sind schon sehr wichtig und werden in den kommenden Jahren noch bedeutender werden.

Während wir beim Thema IT-Sicherheit durch den Cybersecurity-Hub in Darmstadt  in der Region hervorragend aufgestellt sind, kann man das von den drei anderen genannten Themen so noch nicht sagen. Es gibt zwar sehr erfolgsversprechende Ansätze, wie die Aktivitäten um das Blockchain Center der Frankfurt School of Finance and Management oder den Verein Artificial Intelligence in Financial Services e.V., aber diese werden möglicherweise nicht ausreichen, wenn andere Länder Fördermittel in mehrfacher Milliardenhöhe für diese Bereiche bereitstellen.

Auch beim Thema Nachhaltigkeit in der Finanzindustrie sehe ich sehr positive Ansätze. Das Thema hat sich generell – dank der wichtigen Beiträge der Deutschen Börse und des Landes Hessen –  aus Frankfurt heraus zu einem deutschen Hub entwickelt.
Aber auch die FinTechs tragen dazu bei. Als Koordinator der SDG FinTech-Initiative (SDG = Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen) bekomme ich aus erster Hand mit, was FinTech-Gründer hier alles bewirken können und wie deren Innovationen beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent angenommen werden. Hier haben wir echte „Perlen“ in Frankfurt, die aber oft noch zu wenig bekannt sind. Und Nachhaltigkeit geht uns alle an.

 

 

Dr. Jochen Biedermann berät seit vielen Jahren die Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance e.V. beim Thema FinTech sowie beim Aufbau und der Entwicklung von Partnerschaften mit anderen führenden internationalen Finanzplätzen. Dr. Biedermann ist weiterhin Geschäftsführer des Weltverbandes der Finanzplätze World Alliance of International Financial Centers, fungiert als FinTech-Koordinator des EU Financial Centre Roundtables, ist Mitglied des FinTech Advisory Councils des Astana International Financial Centres (AIFC), CEO von Blockchain Asia Ltd. in Hongkong sowie Mentor beim Accelerator Frankfurt und dem Plug and Play Tech Center. Dr. Biedermann ist promovierter Mathematiker mit einem Abschluss der Universität Cottbus sowie einem Diplom in Mathematik/Informatik der Universität Göttingen.

Finanzplatz Frankfurt, Fincite, FinTech, Ralf Heim

„The Next Best Step“- Interview mit Ralf Heim, Co-CEO von Fincite

Wie sieht die Geldanlage der Zukunft aus? Ralf Heim, FinTech Pionier und Co-CEO bei Fincite, spricht im Interview über die Arbeit des Frankfurter B2B FinTechs und wirft einen Blick in die digitale Zukunft des Asset Managements. Weiterlesen

FinTechGermany Award ehrt führende FinTech-Unternehmen mit der Golden Garage 2018

Zum vierten Mal wurde am Donnerstagabend, dem 14. Juni 2018, bei dem FinTechGermany Award die „Golden Garage“ verliehen. Mit dem führenden investorenseitigen Gründerpreis zeichneten die Börsen-Zeitung, Business Angels FrankfurtRheinMain, Frankfurt Main Finance und TechFluence herausragende FinTech-, InsurTech- und PropTech-Unternehmen in sechs verschiedenen Kategorien aus.

In der Kategorie „Seed-/Early Stage“ konnte Awamo die Jury überzeugen, Optiopay in der Kategorie „Late Stage“. Als bestes FinTech in der „Growth Stage“ wurde N26 ausgezeichnet, Revolut als „Bestes ausländisches FinTech auf dem deutschen Markt“. Zudem ging der Sonderpreis für das beste „PropTech“ an Exporo. Element Insurance wurde in der Sonderkategorie „Insurtech“ gewürdigt. Die Longlist, die sich aus Bewerbungen und Nominierungen der Jury zusammensetzt, umfasste mehr als 150 Unternehmen.

„FinTechs sind für den Finanzstandort Frankfurt von enormer Bedeutung, damit die Region auch langfristig attraktiv und ökonomisch leistungsfähig bleibt“, sagt Dr. Lutz Raettig, Sprecher des Präsidiums von Frankfurt Main Finance.

„Wir freuen uns, den Startups durch den FinTechGermany Award eine Plattform bieten zu können und schrittweise die Finanzierungskette von Seed-Stage bis Pre-IPO am Standort im Gesamten zu fördern“, so Andreas Lukic, Vorsitzender der Business Angels Frankfurt RheinMain.

„Die Veranstaltung hat sich mittlerweile am Finanzplatz Frankfurts etabliert und hat sich zu einer wichtigen Plattform für den Austausch von Investoren mit der FinTech-Szene entwickelt“, sagt Dr. Jens Zinke, Geschäftsführer der Börsen-Zeitung. „Die deutsche FinTech-Industrie wächst weiter. Wir befinden uns noch in der Frühphase der Digitalisierung des Finanzbereichs“, sagt Michael Mellinghoff, Managing Director bei TechFluence sowie Senior Advisor und Mentor beim FinTech Forum, das bereits seit 2013 regelmäßig in Frankfurt stattfindet.

Das Augenmerk der Jury lag insbesondere auf Finanzierbarkeit, Skalierbarkeit und Exit-Fähigkeit der Unternehmen. Sie bewertete das Geschäftskonzept, Wettbewerbsvorteile, Positionierung, Finanzplan und das Management. Seed-/Early-Stage umfasst FinTechs, die bislang keine oder erste Umsätze vorweisen. Für die Kategorie „Late Stage“ konnten sich Unternehmen mit einem kumulierten Umsatz im mindestens sechsstelligen Bereich bewerben. Ein deutlich sieben – oder mehrstelliger Umsatz sowie internationale Expansion war Voraussetzung für eine Würdigung in der Kategorie „Growth Stage“. Die Sonderpreise zeichnen bedeutende Branchensektoren innerhalb FinTech aus, die zunehmend an Bedeutung gewinnen. Zudem wird der beste ausländische Marktteilnehmer gewürdigt.